Heiko Heinisch im Mena-Watch-Talk über die Muslimbruderschaft, hybriden Konflikt und den politischen Islam in Europa.
Im Mena-Watch-Gespräch mit Florian Markl zeichnet der Historiker Heiko Heinisch ein alarmierendes Bild des politischen Islam in Europa. Anlass des Interviews ist das neue Buch Politischer Islam – eine hybride Bedrohung. Der Civilization Jihad der Muslimbruderschaft, das Heinisch gemeinsam mit Nina Scholz und Gustav E. Gustenau veröffentlicht hat. Im Zentrum steht die These, dass die Muslimbruderschaft langfristig an einer schrittweisen Transformation westlicher Gesellschaften arbeite – nicht durch offenen Terror, sondern durch einen »hybriden Konflikt«.
»Civilization Jihad«: Ein langfristiges Transformationsprojekt
Der schon im Untertitel des Buches verwendete Begriff »Civilization Jihad« stammt laut Heinisch nicht von Kritikern der Muslimbruderschaft, sondern aus deren eigenen Strategiepapieren. Gemeint sei ein langfristiger Kampf, mit dem westliche Gesellschaften schrittweise islamisiert werden sollen. »Es geht tatsächlich um so was wie einen Kulturkampf gegen alle Gesellschaften, die nicht islamischen Rahmens sind.«
Besonders wichtig sei dabei, dass sich die Analyse nicht auf Verschwörungstheorien, sondern auf interne Dokumente der Muslimbruderschaft stütze, die bei Hausdurchsuchungen entdeckt wurden. Diese Papiere seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen und hätten deshalb besonderen Quellenwert.
Die Muslimbruderschaft als hybrider Akteur
Heinisch beschreibt die Muslimbruderschaft als schwer greifbares Netzwerk aus Kadern, Organisationen, ideologischen Milieus und internationalen Unterstützern. Neben klassischen Organisationen gebe es ein »bruderschaftliches Milieu«, das weit über formale Mitgliedschaften hinausreiche. Unterstützt werde dieses Umfeld unter anderem von Staaten wie Katar, Kuwait und der Türkei.
Der Begriff »hybride Bedrohung« stammt ursprünglich aus der Militärtheorie und bezeichnet Konflikte, bei denen die Grenzen zwischen zivilem und militärischem Handeln verschwimmen. Heinisch überträgt dieses Konzept auf islamistische Akteure: »Bei der Hybridität gibt sich der Gegner lange nicht zu erkennen als Gegner.« Im Unterschied zu dschihadistischen Terrorgruppen arbeite die Muslimbruderschaft nicht offen gewaltsam, sondern gehe subtil vor – über Vereine, Bildungsarbeit, Lobbying, Medien, religiöse Institutionen und politische Netzwerke.
Konfliktphasen
Im Buch beschreiben die Autoren fünf Phasen dieses »hybriden Konflikts«. Die ersten beiden seien laut Heinisch in Europa bereits weitgehend sichtbar.
In der ersten Phase sei es um die Ansiedlung und den Aufbau von Strukturen gegangen. Seit den 1950er-Jahren hätten Kader der Muslimbruderschaft in Europa erste Netzwerke aufgebaut – etwa Moscheen, Studentenorganisationen oder islamische Zentren. In Deutschland nennt Heinisch das Islamische Zentrum München als frühe Schaltstelle.
Auch in Österreich seien die ersten muslimischen Organisationen von Leuten aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft gegründet worden Das seien die Vorläuferorganisationen der heutigen Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), der offiziell anerkannten Vertretung der Muslime im Land.
In der zweiten Phase gehe es darum, gesellschaftliche und politische Institutionen zu beeinflussen – etwa durch Kooperationen mit NGOs, Kirchen oder Parteien. Ziel sei es, Freiräume für islamistische Strukturen zu schaffen. »Mitglieder werden aufgefordert, in politische Parteien einzutreten, in Gewerkschaften einzutreten und so weiter, um diese im Sinne des Islams zu beeinflussen«.
Insbesondere in linken Parteien finden sich aus der Sicht Heinischs zahlreiche Vertreter des politischen Islam, so etwa in der Green Party in Großbritannien. Mit La France insoumise existiere in Frankreich darüber hinaus eine Partei, die ganz offensiv auf die Kooperation von linken und islamistischen Kräften setze. Einige Bedeutung komme in diesem Zusammenhang dem Begriff »Islamophobie« zu, der laut Heinisch dazu diene, Kritik am politischen Islam aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen und Kritiker islamistischer Einflussnahme als »Rassisten« zu diffamieren.
Schulen als Konfliktfeld
Besonders ausführlich spricht Heinisch über Schulen. Dort zeigten sich die Folgen islamistischer Einflussnahme bereits deutlich. So etwa, wenn in Klassen mit 70 Prozent muslimischen Kindern Themen wie der Holocaust, Evolutionstheorie oder Sexualkunde nicht mehr konfliktfrei unterrichtet werden könnten. Er verweist auf Berichte von Lehrkräften aus Wien und auf Studien aus Deutschland, die diesen besorgniserregenden Trend belegen.
Ziel sei es, einerseits aus islamistischer Sicht unerwünschte Inhalte aus dem Unterricht zu entfernen und andererseits islamische Normen (Kopftuch, Fasten im Ramadan, Geschlechtertrennung usw.) im Alltag durchzusetzen und damit gesellschaftlich zu normalisieren.
Das Kopftuch als politisches Symbol
Deshalb sieht Heinisch im Kopftuch weit mehr als ein bloß religiöses Kleidungsstück: »Mit dem Kopftuch kann der öffentliche Raum besetzt werden, kann Anwesenheit markiert werden.«
Das Kopftuch werde gezielt genutzt, um islamische Präsenz sichtbar zu machen und gesellschaftliche Normalisierung islamistischer Normen zu fördern. Der islamistische Vordenker Jussuf al-Qaradawi sprach davon, dass die westlichen Gesellschaften an den Islam »gewöhnt« werden müssten.
Dabei gehe es nicht nur um Einfluss auf die Mehrheitsgesellschaft, sondern auch um die Kontrolle muslimischer Communities und die Durchsetzung islamistisch-religiöser Normen.
Besonders kritisch äußert sich Heinisch zu den offiziell auftretenden islamischen Verbänden. Die Führung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich etwa sei heute stark vom Umfeld der islamistischen Gruppierung Millî Görüş geprägt, einer Art türkischer Partnerorganisation der Muslimbruderschaft, deren Ideologie in wesentlichen Punkten jener der Muslimbruderschaft entspreche.
Die einflussreichsten Gruppen innerhalb der Glaubensgemeinschaft seien Millî Görüş zuzuordnen. Heinisch formuliert deutlich, was das bedeutet: »Wenn Politiker mit der Glaubensgemeinschaft verhandeln, verhandeln sie mit Vertretern des politischen Islam.«
Destabilisierung und die Frage der Gewalt
In der dritten Phase, der »Destabilisierung«, würden staatliche Institutionen zunehmend geschwächt. Heinisch nennt Beispiele aus Frankreich, Schweden und Großbritannien, wo staatliche Autorität in bestimmten Stadtteilen bereits massiv eingeschränkt sei. Besonders kritisch bewertet er sogenannte islamische Schiedsgerichte und die Strukturen einer informellen islamischen Paralleljustiz: »Im Prinzip hat man Macht über einen bestimmten Bereich des Rechts […] an Akteure des politischen Islam abgetreten.«
Auch wenn die Muslimbruderschaft selbst offiziell Gewalt ablehne, nutze sie laut Heinisch die Gewalt dschihadistischer Gruppen indirekt. Kritiker würden öffentlich markiert und diffamiert – mit potenziell lebensgefährlichen Folgen. Im Zusammenhang mit dem Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty sagt Heinisch: »Die Kampagne gegen ihn wurde von Muslimbruderkreisen aus initiiert.«
Gleichzeitig präsentiere sich die Muslimbruderschaft gegenüber Politik und Medien als »moderater« Ansprechpartner im Gegensatz zu dschihadistischen Terroristen. Dem sei entgegengekommen, dass westliche Politiker nach den Terroranschlägen von 9/11 sowie von Madrid und London oft muslimische Ansprechpartner gesucht hätten. Gelandet seien sie dabei häufig bei Organisationen aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft. Die hätten genau gewusst, was von ihnen erwartet wurde. Ein Muslimbruder formulierte es einmal so: »Wir haben verstanden, dass der Westen kurzsichtig ist und im Grunde drei verschiedene Dinge von uns verlangt, nämlich Geld, Wählerstimmen und Nicht-Bin-Laden-Sein.«
Langfristige Gefahr
Die Phasen vier und fünf des Modells der hybriden Kriegsführung (»Konfrontation« und »Machtergreifung«) stehen Heinisch zufolge noch aus, seien aber logischer Bestandteil der langfristigen Strategie der Muslimbruderschaft. Ob sie eintreffen, hänge nicht zuletzt davon ab, ob die westlichen Gesellschaften sich der Gefahren des Islamismus bewusst werden und konsequent dagegen vorgingen.
Im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder Großbritannien sieht Heinisch Österreich noch in einer besseren Ausgangslage. Positiv bewertet er etwa die Einrichtung der Dokumentationsstelle Politischer Islam, die islamistische Netzwerke analysiert und öffentlich sichtbar macht.
Gleichzeitig fehle jedoch auch hier eine langfristige Gegenstrategie: Während beispielsweise gute Berichte über die islamistische Millî Görüş veröffentlicht wurden, seien Akteure aus dem Umfeld dieser Gruppe nach wie vor die wichtigsten Ansprechpartner des Staates in allen den Islam betreffenden Fragen.
Zum Ende des Gesprächs warnt Heinisch vor einer langfristigen »Libanonisierung« europäischer Städte – also einer Entwicklung hin zu räumlich und kulturell getrennten Gemeinschaften mit wachsendem Konfliktpotenzial, was zu bürgerkriegsähnlichen Szenarien führen könnte. Vorboten davon seien in Großbritannien oder Frankreich zu beobachten.
Seine zentrale Botschaft lautet: Der politische Islam sei keine kurzfristige Sicherheitsfrage, sondern eine langfristige Herausforderung für liberale Demokratien und ihre gesellschaftliche Ordnung.






