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»Der Schutz Israels hat höchste Priorität«

Arye Shalicar im Mena-Interview: »Der Schutz Israels hat höchste Priorität«
Arye Shalicar im Mena-Interview: »Der Schutz Israels hat höchste Priorität« (© privat)

Im Interview mit Elisa Mercier spricht der Schriftsteller und Politologe Arye Sharuz Shalicar über Israels Umgang mit den Traumata nach dem 7. Oktober 2023, Zukunftsszenarien für den Gazastreifen und ein mögliches militärisches Vorgehen gegen das Regime im Iran.

Shalicar war von 2009 bis 2017 Sprecher der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte und ist seit dem 7. Oktober 2023 als Reservist erneut in dieser Funktion tätig. Sein aktuelles Buch trägt den Titel Überlebenskampf: Kriegstagebuch aus Nahost.

Elisa Mercier (EM): Ran Gvili, die letzte Geisel in der Gewalt der Hamas, ist nach Israel zurückgekehrt. Wie geht es Ihnen und dem Land damit?

Arye Sharuz Shalicar (AS): Mit Ran Gvilis Rückkehr kann in Israel ein Heilungsprozess und ein vorsichtiges Schließen der Wunden beginnen. Ich vergleiche das ungern, aber wie nach dem Holocaust oder dem Jom-Kippur-Krieg 1973 stehen wir nun vor der Aufgabe, kollektive Traumata zu bewältigen. Auch ich persönlich muss einen Weg finden, den 7. Oktober 2023 hinter mir zu lassen und wieder an Versöhnung, Freundschaft und Frieden zu glauben. Vieles, das nach dem 7. Oktober verloren ging, muss nun wieder aufgebaut werden.

EM: Welche Themen beschäftigen Israel derzeit außerdem?

AS: Im Gazastreifen und etwa im Libanon hat sich die Lage etwas beruhigt, diese Konflikte sind in Israel aktuell in den Hintergrund gerückt. Das außenpolitisch wichtigste Thema im Land ist der Iran und die Gefahren, die von ihm für Israel und die Region ausgehen. Daneben stehen innenpolitische Fragen oben auf der Agenda, denn wir befinden uns mitten im Wahlkampf.

Ich bedauere, dass dabei Themen wie Bildung oder Wirtschaft kaum eine Rolle spielen. Unsere Wirtschaft läuft gut, trotz der Kriege der letzten Jahre und der immensen Kosten, die damit verbunden waren. Zugleich gibt es in Israel, wie in vielen westlichen Ländern, eine Krise der Lebenshaltungskosten, unter der die Bevölkerung stark leidet. Israel ist ein enorm teures Land. Tel Aviv etwa ist die drittteuerste Stadt der Welt. Über Soziales wird öffentlich aber kaum gesprochen.

Zukunft des Gazastreifens

EM: Sie sagten, die Situation im Gazastreifen habe sich beruhigt. Wie sieht es dort aktuell aus?

AS: Die Hamas ist politisch nach wie vor die dominierende Kraft, besonders dort, wo die israelische Armee nicht präsent ist. Dennoch muss man sich Gedanken über den »Tag danach« machen, und dies geschieht ja auch. Ich hoffe, dass internationale Investitionen, insbesondere von den USA, künftig in großem Umfang erfolgen. Gelder sollten aber anders eingesetzt werden als in der Vergangenheit, als die Mittel etwa an die UNRWA gingen und von dort teils an die Hamas, die damit Waffen kaufte, Tunnel baute und Israel mit Terror und Gewalt überzog. Das darf sich nicht wiederholen. Der Schutz Israels hat höchste Priorität.

EM: Wie könnte sich der Gazastreifen künftig entwickeln?

AS: Ich betrachte den Prozess vorsichtig optimistisch, weil die USA in den Ring getreten sind. Für Israel ist es ein Segen, dass es nicht allein für die Zukunft der Palästinenser verantwortlich ist. Gut ist auch, dass viele arabische Staaten beteiligt sind und versuchen, dem Gazastreifen in eine Richtung zu führen, die Ariel Scharon begonnen hatte.

Es lag in den Händen der Palästinenser, aus ihm eine blühende Landschaft zu machen. Stattdessen haben sie sich entschieden, einen islamofaschistischen Weg einzuschlagen. Mit Blick in die Zukunft glaube ich nicht, dass man den Judenhass und den Hass auf Israel aus einem großen Teil der Menschen hier herausbekommen kann. Ich glaube nicht an einen warmen Frieden. Ich denke an einen durch Sicherheitskräfte abgesicherten kalten Frieden: Sie auf ihrer Seite und wir auf unserer. Das Gebiet muss von internationalen Truppen gesichert werden. Allerdings lehnen viele Länder eine Beteiligung an solchen Truppen ab, eine der wenigen Ausnahmen ist Indonesien.

EM: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Hamas ihre Waffen abgibt?

AS: 1945 hat das nationalsozialistische Deutschland kapituliert; Gaza kapituliert derzeit nicht. Doch vielleicht ist genau das die Bedingung, unter der sich eine ähnliche positive Entwicklung vollziehen könnte, wie sie Deutschland nach dem Krieg genommen hat. Man müsste den Gazastreifen besetzen, ihn entmilitarisieren und gewissermaßen »entnazifizieren«. Freiwillig wird die Hamas ihre Waffen nicht abgeben. Eine derart massive Terrorbewegung verschwindet nicht, solange ihr Gebiet nicht besetzt wird.

Es liegt aber nicht nur an der Hamas, sondern auch an der Weltgemeinschaft und an der Frage, wie finanzielle Mittel künftig investiert werden. Vielleicht kann man die Menschen in Gaza durch die Aussicht auf Wohlstand und eine stabile Zukunftsperspektive von der islamistischen Ideologie der Hamas lösen.

EM: Welche Rolle könnte der von Donald Trump vorgeschlagene Friedensrat spielen?

AS: Ich hoffe, dass der internationale Friedensrat langfristig positive Entwicklungen sichern kann, sowohl unter der Ägide von Donald Trump als auch nach seiner Präsidentschaft, und dass er politisch wirksam wird. Man kann sich den Rat wie einen Friedensrichter vorstellen, der für Ordnung und Ruhe sorgt. Da eine solche Ruhe aber oft nur von begrenzter Dauer ist, muss der wirtschaftliche Erfolg des Gazastreifens dazu beitragen, ihn vom Radikalismus zu befreien. Die Menschen dort müssen Israel nicht lieben, aber sie müssen bereit sein, friedlich neben den Israelis zu leben.

Genug von Radikalität

EM: Kommen wir auf das Thema Iran. Wie sieht die aktuelle Lage dort aus?

AS: Ich bin persisch-jüdischer Herkunft und beobachte die Entwicklungen im Iran mit großer Sorge. Niemand hätte gedacht, dass das iranische Regime so viele der protestierenden Menschen tötet. Hätten die USA eingreifen sollen? Ein militärisches Eingreifen wäre nur ein kurzfristiges Pflaster gewesen, die Gewalt im Land hätte weiterbestanden. Daher ist eine koordinierte Strategie gemeinsam mit den Europäern nötig, um das Regime gezielt anzugreifen und zu zerschlagen.

Der Iran ist der Hauptverursacher regionaler Instabilität, er fördert Terrorismus und arbeitet weiter an seinem Atom- und Raketenprogramm. Iranische Raketen können mittlerweile Berlin erreichen. Und das Regime führt einen Krieg gegen die Bevölkerung. Die Proteste sind noch nicht komplett niedergeschlagen, viele Menschen befinden sich in einer Art »freeze situation«, einer »eingefrorenen« Situation. Wie es weitergeht, hängt auch von den Entscheidungen Donald Trumps ab.

EM: Welche Chancen sehen Sie in den Gesprächen zwischen den USA und dem Iran?

AS: Das islamische Regime sitzt die Proteste aus und spielt auch in den Verhandlungen mit Trump auf Zeit. Es ist möglich, dass es den Amerikanern einige wenige Zugeständnisse macht, aber mehr nicht. Die Sache muss ein für alle Mal angegangen werden. Ich befürworte eine militärische Konfrontation. Die Menschen im Iran sollten befreit und eine massive Gefahr für die gesamte Region und besonders für Israel beseitigt werden.

Natürlich gibt es Sorgen, dass Probleme auch nach dem Ende des Regimes weiterbestehen. Aber der Fall der Mullahs würde auch Chancen auf positive Entwicklungen mit sich bringen. Anders als im Gazastreifen wollen viele Iraner einen Wechsel, denn sie haben genug von der Radikalität und möchten wieder stolz auf den Iran sein. Es ist schwierig zu sagen, ob Reza Pahlavi die Möglichkeit bekommt, das Land zu führen. Auf jeden Fall ist klar, dass das Eliminieren von Ali Khamenei nicht reicht; das System muss abgeschafft werden und das Volk muss die Kontrolle übernehmen.

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