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Der Märtyrerkult des iranischen Regimes

Mahdi-Glaube: die apokalyptische Fraktion innerhalb des iranischen Regimes hat sich durchgesetzt
Mahdi-Glaube: die apokalyptische Fraktion innerhalb des iranischen Regimes hat sich durchgesetzt (Quelle: JNS)

Das iranische Regime wird von einer Riege Apokalyptiker geführt, für die Chaos und Tod eher Prüfungen ihres Glaubens sind als der Grund für eine geordnete Kapitulation.

David Wurmser

Als US-Präsident Donald Trump erklärte, zu erwarten, dass dieser Krieg mit der Islamischen Republik mit einer bedingungslosen Kapitulation enden werde, löste er damit eine Debatte darüber aus, was diese Aussage bedeuten und wie dieses Ziel erreicht werden könnte. Um diese Fragen zu beantworten, muss man die Natur des iranischen Regimes verstehen.

Einige meinen, das oberste Ziel des Regimes sei nach wie vor die Erhaltung der Islamischen Revolution und dass jeder Kompromiss in Betracht gezogen werden könnte, würde er dazu beitragen, die Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit dieser Revolution zu sichern. Tatsächlich gibt es den Präzedenzfall von 1988, als das Regime dieses Argument benutzte, um die Zustimmung zu einem unliebsamen Waffenstillstand im Iran-Irak-Krieg zu rechtfertigen. Einige akzeptierten diesen Waffenstillstand jedoch nie und erhoben aus einem bestimmten Grund Einwände dagegen: Sie sahen darin das selbstmörderische Ende des Regimes.

»Rationale« und »Mystiker«

Alle Strömungen der Islamischen Revolution im Iran haben ihre Wurzeln im Schiismus, der im Allgemeinen bis zur Rückkehr des Zwölften Imams an eine Zurückhaltung fernab der weltlichen Macht glaubt – eine Rückkehr, die sehr lange auf sich warten lässt, da der Imam bereits seit weit über einem Jahrtausend abwesend ist. Diese Vorstellung hat funktioniert, wie man daran sieht, dass der Schiismus als Minderheit in der gesamten Region überlebt hat. Wie andere Minderheiten auch, sicherten sich die Schiiten ihr Überleben durch Zurückhaltung, durch Unsichtbarkeit, wenn möglich, durch Unterwürfigkeit, wenn nötig, und durch die Anpassung an politische Trends, wenn es opportun war.

Aber die Schiiten im Irak wurden vor einem Jahrhundert zur Mehrheit und sahen eine Chance, an die Macht zu kommen. Ihre Landsleute im Iran lebten als Mehrheit ohnehin schon in enger Verbindung mit der Macht. Beide waren also gezwungen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sie ihren Glauben mit weltlicher Macht in Einklang bringen konnten.

So entstand ein neues Denken: Wenn der Zwölfte, der verborgene Imam nicht bald zurückkehrt, dann kann vielleicht ein »Großayatollah«, der sich besser als jeder andere seiner Zeit mit der Rechtswissenschaft auskennt und besondere Weisheit besitzt, an seiner Stelle handeln, wenn er nicht gleich direkt mit dem Imam selbst kommunizieren kann. Dies war eine islamische Version von Platons »Philosophenkönig« oder der Herrschaft der Rechtsgelehrten: der Valiyat e-Faqih, wie es auf Persisch heißt. Als Ayatollah Ruhollah Khomeini 1979 die Macht ergriff, etablierte er sich unter diesem System als absoluter Herrscher, um die totalitäre Herrschaft des schiitischen Islams zu installieren.

Diese »rationale Schule« des regierenden Schiismus war extrem, repressiv und strebte nach einer globalen Revolution und Islamisierung. Zugleich sieht sie sich in einem Krieg auf Leben und Tod mit den Vereinigten Staaten, dem »Großen Satan«.

Das System der Islamischen Revolution war dabei unverzichtbar, da es die Verkörperung der Herrschaft des Imams auf Erden bis zu seiner Rückkehr darstellt. Daher blieb die Erhaltung der Revolution von größter Bedeutung, selbst wenn dies mit hohen taktischen Kosten verbunden war. Und daraus resultierte auch die Entscheidung, die Revolution zu retten und 1988 einen Waffenstillstand mit dem Irak zu unterzeichnen.

Doch es gab auch andere innerhalb des Systems, die nicht an diese persische Version des griechisch-platonischen Systems absoluter Herrschaft glaubten, sondern vielmehr daran, dass der Sturz des als verflucht geltenden Schahs und der Aufstieg des Islams in der Regierung die bevorstehende Rückkehr des verborgenen Zwölften Imams ankündigten: dem Mahdi. Diese Apokalyptiker glauben, in der Endzeit zu leben, in welcher der Glaube der Muslime auf die Probe gestellt werde – am Vorabend der großen Feuersbrunst und der letzten eschatologischen Schlacht. Dann würden, entgegen allen weltlichen Widrigkeiten, die wahren Gläubigen von einem auferstandenen Mohammed angeführt werden und seine Armee von Märtyrern sich dem zurückkehrenden Imam anschließen, um die Kräfte der Ketzerei, des Glaubensabfalls und des Unglaubens zu besiegen.

Außerdem glauben sie, dass der Glaube keine passive Prüfung ist, sondern aktiv die Rückkehr des Mahdis voranzutreiben habe. Für sie war die Islamische Revolution lediglich ein Mittel, um die Welt zur ultimativen Glaubensprüfung und apokalyptischen Entscheidungsschlacht zu führen.

Während Khomeini größten Wert darauf legte, das System der Islamischen Republik um jeden Preis zu erhalten, bedrohte die Fokussierung dieser Gruppe auf die Auslösung der großen Feuersbrunst und der universellen Zerstörung das System und begrüßte die Vernichtung sogar. Daher unterdrückte Khomeini diese Gruppe. Die in den Untergrund gedrängten Mahdisten wurden in den ersten Jahren der Revolution subversiv und gewalttätig, was in einem Angriff auf keinen Geringeren als Ali Khamenei gipfelte.

Nachdem sie von Khomeini zerschlagen worden waren, zogen sich die Mahdisten weitgehend in die Reihen der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) zurück, die im Iran-Irak-Krieg kämpfte, und folgten eher der »mystischen« Schule des schiitischen Denkens in Mashhad als den »rationalen« Schulen von Qom. Sie warteten ab, schmiedeten Pläne für ihre Zukunft, pflegten ihre Verbitterung und stärkten ihre Entschlossenheit.

Zwischenzeitlich erholte sich Khamenei von dem Attentat, verfügte aber über keine echte Machtbasis, um seine Ambitionen zu verwirklichen. Also wandte er sich genau an jene Gruppe, die versucht hatte, ihn zu töten, und schloss einen Deal mit ihr, um ihr Beschützer in einem feindlichen System zu werden, im Austausch dafür, dass sie zu seiner Gefolgschaft wurde. In gewisser Weise war das nur natürlich, denn Khamenei stammte selbst aus der Region Mashhad. Die Islamische Revolution war trotz all ihrer hohen Ideale letztlich eine Ansammlung konkurrierender Gefolgschaften und Mafia-Konflikten um die politischen, institutionellen und sogar wirtschaftlichen Machtbereiche.

Märtyrerkult

Als Ali Khamenei nach dem Tod Khomeinis 1989 die Führung übernahm, hatten die Mahdisten schließlich ihren Ort und ihr Betätigungsfeld gefunden, was zum Teil auf die Stärke seiner Gefolgschaft und deren Popularität in der IRGC zurückzuführen war. Die Islamische Revolution selbst durchlief eine stille Revolution. Einmal an der Macht und mit Unterstützung aus den Reihen der IRGC, wurden diese Gläubigen – die durch ihre Zeit im Höllenfeuer des Iran-Irak-Kriegs an Tod und Zerstörung gewöhnt waren –, zur Macht, die den Thron stützte.

Diese Riege ist nun 37 der insgesamt 47 Jahre der Islamischen Republik an der Macht. Ihre Mitglieder bestimmen die obersten Ränge und üben eine eiserne Kontrolle aus. In unterschiedlichen Schattierungen sind sie alle die am meisten seelenlosen und abgestumpften Veteranen des Iran-Irak-Kriegs und in unterschiedlichem Maße vom Mahdismus durchdrungen. Für diese Gruppe bleibt die Islamische Revolution ein Mittel, um einen eschatologischen Krieg auszulösen, um den wahren Glauben der Anhänger zu prüfen – je schlimmer die Realität, mit der sie konfrontiert sind, desto größer die Prüfung, so ihre Vorstellung –, und die letzte Schlacht herbeizuführen.

Khamenei ist nun tot, aber die überlebenden Mahdisten haben weiterhin die Macht inne. Und sie wählten seinen Sohn Mojtaba Khamenei nicht zum Nachfolger, weil er Alis Sohn war, und auch nicht, weil ihnen andere Ideen fehlten. Sie wählten ihn nicht trotz seiner extremen Natur und seiner klaren Verbundenheit mit apokalyptischen Ansichten, sondern gerade, weil er diese Ansichten vertritt. Für diese Clique ist der aktuelle Krieg die letzte eschatologische Apokalypse, auf die sie sich vorbereitet hat. Je umfassender der Krieg, desto größer die Chancen, desto sicherer der Sieg des Chaos und desto früher die Rückkehr des Zwölften Imams.

Wenn wir also von bedingungsloser Kapitulation sprechen, werden wir wahrscheinlich keine geordnete Kapitulation der Regierung wie die der Japaner im Jahr 1945 erleben. Niemand in der regierenden Gruppe im Iran sieht Kapitulation und Selbsterhaltung als einen Wert an; die meisten sehen ihr bevorstehendes Verderben als die größte Gelegenheit, ihren Glauben zu prüfen als das beste Geschenk, das ihnen gewährt werden könnte. Daher wird dieses Regime nicht kapitulieren; es muss zerschlagen werden. Und der einzige Weg, dies zu erreichen, besteht darin, es so stark zu schwächen, dass die Iraner selbst die Zügel der Regierung in die Hand nehmen und das Ruder mit Nachdruck ergreifen, um nicht mit diesen apokalyptischen Wahnsinnigen unterzugehen.

Dieser Krieg wird durch Bodentruppen gewonnen werden – iranische Bodentruppen. Die iranische Bevölkerung ist die fehlende Armee, die sich den Vereinigten Staaten und Israel anschließen muss, um diesen Kampf bis zum endgültigen Sieg zu führen. Letztendlich ist sie die mächtigste Waffe. Und sie scheint willens und fähig zu sein, sich dieser Herausforderung zu stellen, vorausgesetzt, der Fokus des Kriegs liegt auf ihrer Zukunft.

Die iranischen Ayatollahs sind die modernen Circumcellionen, eine extremistische christliche Sekte in Nordafrika im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr., die das Martyrium so sehr schätzte, dass ihre Mitglieder Armeen und Reisende angriffen und damit herausforderten, getötet zu werden, um ihr Verlangen zu stillen, ihre Seelen durch den Tod zu reinigen. Wie der große Byzanz-Gelehrte George Ostrogorsky feststellte, überlebte diese Sekte nur kurze Zeit. Das gleiche Schicksal sollte die islamische Mahdi-Revolution erwarten, deren Zeit abgelaufen ist.

Der amerikanische Außenpolitik-Experte David Wurmser ist Fellow am Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs und Senior Analyst für Nahost-Angelegenheiten am Center for Security Policy. Er war Nahost-Berater des ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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