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Der Kampf um Narrative im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern

Nach der NYT-Entschuldigung für ein falsch verwendetes Foto kam es zu einem Farbanschlag durch Palästina-Aktivisten
Nach der NYT-Entschuldigung für ein falsch verwendetes Foto kam es zu einem Farbanschlag durch Palästina-Aktivisten (© Imago Images / NurPhoto)

Die Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt ist massiv von Desinformation geprägt, die vor allem über emotional aufgeladene Bilder verbreitet wird. Diese Falschinformationen werden durch psychologische Mechanismen, algorithmische Verstärkung und ein ideologisch geprägtes Weltbild begünstigt.

Ein Bild geht um die Welt. Es zeigt einen abgemagerten Jungen in den Armen seiner Mutter, seine Augen groß, sein Körper skelettartig. »Israel lässt unsere Kinder verhungern«, heißt es dazu auf X und anderen sozialen Medien. Das Bild geht viral, wird hunderttausendfach geteilt, auch von Journalisten, Politikern und Influencern. Wen interessiert da noch, dass das Foto in Wahrheit den fünfjährigen Osama al-Rakab zeigt, der an einer schweren genetischen Erkrankung leidet, die nichts mit Hunger oder dem Krieg im Gazastreifen zu tun hat?

Obwohl das Foto schnell weltweit Aufmerksamkeit erregte, wurde seine tatsächliche Herkunft erst nach millionenfacher Verbreitung durch Faktenchecks offengelegt. Am Abend des 29. Juli veröffentlichte die New York Times schließlich eine »Editors’ Note« zu mehreren Artikeln, in denen hungernde Kinder aus dem Gazastreifen abgebildet wurden. Darin stellte die Redaktion klar, dass einige der gezeigten Kinder unter schweren Vorerkrankungen litten. Die Erkrankung des kleinen Osama wurde bereits früh von internationalen Agenturen thematisiert; seit Juni wird er in Italien medizinisch versorgt.

Das Editorial der New York Times betonte, dass die Fakten nach der Erstveröffentlichung sorgfältig recherchiert und die Berichte im Anschluss entsprechend ergänzt wurden, als Reaktion auf Kritik und weitere Recherchen anderer Medien.

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Gezielte Desinformation

Seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat sich die anti-israelische Desinformation in Menge, Qualität und Gewissenlosigkeit vervielfacht. Hinzugekommen sind jedoch künstlich generierte Bilder von ausgehungerten Babys, zerstörten Schulen, blutverschmierten Kindern, welche die sozialen Netzwerke fluten. Bei einem näheren Blick offenbaren sie die Handschrift einer künstlichen Intelligenz: deformierte Gliedmaßen, falsche Schattenwürfe, Finger und Zehen zu viel oder zu wenig, dokumentiert etwa vom israelischen Digitalministerium oder von Correctiv.Faktencheck.

Ein anderes Beispiel in der aktuellen Kriegsberichterstattung ist das Bild eines Mädchens aus Syrien, das bei einer Rettungsaktion immer wieder fälschlicherweise abgebildet wurde. Auf drei Bildern wurde dasselbe mit Staub bedeckte Mädchen abgebildet. Da es jedoch auf jedem von einer anderen Person getragen wird, zweifelten einige an der Echtheit der Aufnahmen. Beiträge in den sozialen Medien suggerierten, das Mädchen sei von der Terrororganisation Hamas als palästinensisches Opfer inszeniert worden. Eine Rückwärtssuche der Bilder offenbarte dann, dass die drei Aufnahmen seit Jahren online sind und keine Inszenierung im Gazastreifen dokumentieren, sondern von einer Rettungsaktion in Syrien aus dem August 2016 stammen.

Der Kampf um Narrative im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern
Quelle: Reddit; Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV.Faktencheck

Ein weiteres Beispiel war ein Beitrag zum Al-Ahli-Krankenhaus. Am 17. Oktober 2023 berichtete tagesschau.de zuerst von »500 Toten durch israelischen Luftangriff«, wobei die Zahlen vom Gesundheitsministerium im Gazastreifen übernommen wurden. Stunden später war klar, es handelte sich um eine fehlgeleitete Rakete des Islamischen Dschihads, und die Opferzahl lag deutlich darunter.

Auch spezifische Bilder und Videos wurden als Fälschungen entlarvt, darunter KI-generierte Bilder sowie Beweisvideos, deren Herkunft und Authentizität nicht übereinstimmten. So gab es etwa ein verbreitetes Bild eines blutverschmierten Kindes, das sich später als KI-generiert herausstellte. Zudem wurden Videos aus anderen Orten und Zeiten fälschlicherweise als aktuelle Aufnahmen aus dem Gazastreifen verbreitet: eine journalistische Bankrotterklärung. Nachträgliche Korrekturen fanden statt, fanden aber nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie die ursprüngliche Meldung, womit der angerichtete Schaden bestehen bleibt.

Informationskrieg

Bilder triggern Emotionen, noch bevor der Verstand einsetzt. Weil sie Authentizität suggerieren, selbst wenn sie nicht wahr sind. Und weil sie auf einen weit verbreiteten Resonanzboden treffen, ein vorgeprägtes, ideologisch aufgeladenes Weltbild, in dem Israel nur der Täter sein kann und Palästinenser immer das Opfer. Die Sozialpsychologin Karen Douglas nennt das »Motivated Reasoning«, die Neigung, nur das zu glauben, was zur eigenen Überzeugung passt.

In den sozialen Medien wirkt dieser Mechanismus wie unter einem Brennglas. Algorithmen verstärken bestätigende Inhalte, Widerspruch wird weggefiltert, Gegenargumente gelten schnell als »Propaganda«. Rezipienten finden sich so rasch in einem Empörungsraum, in dem sich Fälschung und Vorurteil gegenseitig legitimieren.

Mehr noch als ein psychologisches Phänomen ist es aber auch ein strukturelles Problem der westlichen Medien. Immer wieder verbreiten etablierte Redaktionen ungeprüft Falschinformationen, die sich später als Fake entpuppen, im schlechtesten Fall sogar als gezielte Propaganda.

Das aktuell zentrale Narrativ ist dabei aber immer deutlich: Israel als Verursacher einer gezielten Hungersnot. Trotz anhaltender Angriffe sind durch Israel seit Oktober 2023 fast 100.000 Lastwagenladungen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gelangt. Diese Fakten werden medial oft ausgeblendet. Dass die Hamas und andere Milizen die Verteilung sabotieren, Konvois plündern, Lager zweckentfremden, wird ebenfalls nicht ausreichend kontextualisiert. Dass sogar UN-Organisationen Hilfsgüter zurückhalten und dies verschweigen, interessiert nicht oder wird schlicht übersehen, das würde das Bild vom »israelischen Hungerkrieg« stören.

Sogar bei offensichtlichen Falschmeldungen bleibt die Korrektur zu häufig aus oder erfolgt halbherzig – und dann auch zu spät. Denn die Bilder haben längst ihre Wirkung entfaltet, sind viral gegangen. Ein wirksames Mittel im Informationskrieg gegen den jüdischen Staat.

Diese Dynamik lässt sich in keinem anderen Konflikt mit vergleichbarer Wucht wie im israelisch-palästinensischen beobachten. Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine etwa, der ebenfalls massive Zerstörung und zivile Opfer mit sich bringt, werden Bilder und Narrative weit häufiger auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft und vorsichtiger eingeordnet. Israel hingegen wird in vielen westlichen Debatten nicht wie ein angegriffener Staat behandelt, sondern als einziger Konfliktakteur moralisch delegitimiert, unabhängig von Kontext, Ausmaß der Bedrohung oder der Faktenlage.

Mediale Verantwortung

Mediales Versagen kann man dabei nicht pauschal als kalkuliertes und intentionales Handeln abtun. Unter dem Druck schneller Berichterstattung und sozialer Dynamiken greifen Redaktionen vorschnell zu Bildern und Narrativen, die emotional wirken und Reichweite erzeugen. Bilder sind ein zentrales Mittel in der Nachrichtenvermittlung. Doch gerade bei der Berichterstattung über Israel zeigt sich immer wieder, dass Standards wie sorgfältige Quellenprüfung, Kontextualisierung oder Zurückhaltung bei Schuldzuweisungen oft außer Kraft gesetzt werden. So entsteht ein verzerrtes Bild, das Israel nicht als einen von mehreren Konfliktakteuren darstellt, sondern als moralisch isolierten Aggressor.

Davon abzugrenzen ist eine antizionistische Propaganda, die Bilder von – echtem oder gestelltem – Leid nutzt und teilt, um Emotionen zu schüren und die Grenze zwischen Wirklichkeit und Verschwörung aufzulösen. Diese Bilder des Leids sind zu einem medialen Brennpunkt geworden, in dem nicht nur politische Konflikte, sondern auch ideologische Kriege ausgetragen werden.

Das Phänomen ist nicht neu, doch seine Dynamik hat sich durch soziale Medien und algorithmische Verstärkung beschleunigt. In der medialen Darstellung des Gazastreifens dominieren stereotype Bilder von Leid, Zerstörung und Opferstatus. Solche Bilder prägen das öffentliche Bewusstsein und schaffen einen Resonanzboden für emotional aufgeladene Narrative. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass komplexe politische Realitäten und Machtverhältnisse stark vereinfacht oder verzerrt werden.

Der Anstieg antisemitischer Desinformation ist keine bloße Begleiterscheinung, sondern ein sich selbst verstärkender Mechanismus, der sich am Narrativ der »moralischen Entrüstung« nährt und dabei Fakten und Differenzierung weit hinter sich lässt. Medienschaffende tragen dabei eine besondere Verantwortung.

Der eingangs zitierte Fall von Osama al-Rakab, der von einer schweren genetischen Erkrankung betroffen ist und nicht Opfer einer gezielten Hungerblockade, zeigt exemplarisch, wie wichtig sorgfältige Recherche und Kontextualisierung sind, bevor Bilder viral gehen und Narrative einzementiert werden, die kaum noch zu korrigieren sind.

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