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Der Fall Farid Hafez (Teil 2)

Der Chefideologe der Muslimbruderschaft, Jusuf al-Qaradawi, zu Gast bei der islamistischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen. Laut dem langjährigen IGGÖ-Chef Anas Schakfeh, über den Farid Hafez eine Jubelbiographie verfasst hat, ist er ein "großer Gelehrter". (© imago images/ZUMA Wire)
Der Chefideologe der Muslimbruderschaft, Jusuf al-Qaradawi, zu Gast bei der islamistischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen. Laut dem langjährigen IGGÖ-Chef Anas Schakfeh, über den Farid Hafez eine Jubelbiographie verfasst hat, ist er ein "großer Gelehrter". (© imago images/ZUMA Wire)

Seine ganze Karriere über bewegt Farid Hafez sich in einem Umfeld, dem immer wieder zumindest ein Naheverhältnis zur Muslimbruderschaft nachgesagt wird.

Jugendlicher Aktivismus

Das beginnt bereits mit Hafez‘ Engagement in der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ), zu deren Mitgründern er in den 1990er Jahren gehörte.

Fest steht, dass eine Unterorganisation der Gruppe, die Jungen Musliminnen Österreichs, auf ihrer Webseite die MJÖ noch im Jahre 2015 als „Mitglied des Europäischen Dachverbands ,Forum of European Muslim Youth and Student Organizations‘ (FEMYSO)“ bezeichnete, einem Netzwerk aus Jugend- und Studentenorganisationen, das der Muslimbruderschaft zugerechnet wird.

Dessen erster Präsident, Ibrahim el-Zayat, wurde von der Neuen Zürcher Zeitung als „Kopf des politischen Islam in Deutschland“ betrachtet, Nina Scholz und Heiko Heinisch sehen ihn als einen jener Akteure, die im Netzwerk des politischen Islam immer wieder an zentralen Stellen zu finden sind. Als die spätere deutsche Familienministerin Kristina Schröder el-Zayat einmal als „Funktionär der Muslimbruderschaft“ charakterisierte, klagte dieser – und verlor.

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Wie Hafez selbst, bestreitet auch die MJÖ, je etwas mit der Muslimbruderschaft zu tun gehabt zu haben. Die behauptete FEMYSO-Mitgliedschaft habe es nie gegeben, in Wahrheit sei die MJÖ lediglich zwei Jahre lang, von 2003 bis 2005, „außerordentliches Mitglied“ gewesen und habe den Verband dann verlassen. (Diese „außerordentliche Mitgliedschaft“ wäre damit genau in den Zeitraum gefallen, in dem Hafez laut der Staatsanwaltschaft Graz Schriftführer des Vereins gewesen ist.)

Warum eine ihrer Unterorganisationen dann aber noch Jahre später auf ihrer Webseite von einer FEMYSO-Mitgliedschaft der MJÖ sprach, ist bis heute ein Rätsel geblieben. Klar ist im Gegensatz dazu, dass Hafez keine Berührungsängste gegenüber dem Jugend- und Studentennetzwerk der Muslimbruderschaft hat: Wie dem Lebenslauf auf seiner Homepage zu entnehmen ist, hat er im Mai 2015 einen FEMYSO-Workshop geleitet. Titel: „Vereint gegen Islamophobie“.

Für Lorenzo Vidino ist die MJÖ ein Paradebeispiel jener Organisationen im Westen, die nicht direkt der Muslimbruderschaft angehören, aber in deren Dunstkreis entstanden und von ihr beeinflusst sind. Auch wenn keine direkten organisatorischen Verbindungen der MJÖ zur Bruderschaft existieren, ließen sich auf der individuellen Ebene zahlreiche Verbindungen zwischen MJÖ-Mitgliedern und den europaweiten Netzwerken der Muslimbrüder finden, die von verwandtschaftlichen Beziehungen bis zu engen geschäftlichen und beruflichen Kontakten reichten.

Beten mit Hassan al-Banna

Doch nicht nur derartige Verbindungen rücken einige Aktivisten zumindest der älteren Generation der MJÖ in die Nähe des Dunstkreises der Muslimbruderschaft, sondern auch inhaltliche Bezüge. So verwendete die MJÖ einer Recherche der Neuen Zürcher Zeitung zufolge eine Gebetssammlung mit Texten von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft. Eine Ausgabe dieser Sammlung wurde mit dem MJÖ-Logo versehen und enthielt ein Vorwort des damaligen MJÖ-Chefs. Zu Recht fragte die NZZ: „Wenn die MJÖ keine Verbindungen zur Muslimbruderschaft hat und will, wieso veröffentlicht sie dann die Gebete des MB-Gründers?“

Die NZZ wies auch darauf hin, dass mehrere Aktivisten der MJÖ „sich darüber hinaus große Mühe [geben], zentrale Institutionen und Akteure aus dem Orbit der Bruderschaft medial in möglichst gutem Licht erscheinen zu lassen.“ Das lässt sich nicht zuletzt an Farid Hafez zeigen, doch dazu später mehr.

Zum erwähnten Orbit der Bruderschaft gehört zweifelsohne auch Tariq Ramadan, ein Enkel von Hassan al-Banna und Sohn von Said Ramadan, dem Schwiegersohn des Bruderschafts-Gründers, der eine zentrale Rolle bei der Etablierung der Muslimbruderschaft in Europa spielte. Tariq Ramadan galt – zumindest bis mehrere Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn erhoben wurden – als einer der wichtigsten islamischen Vordenker in Europa. Die MJÖ empfing ihn 2006 als Gastredner zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Gruppe in Wien und pries ihn bei dieser Gelegenheit als „federführenden Denker der europäisch-islamischen Identität“.

Darüber hinaus nahm die MJÖ an einer Konferenz zum Thema „Islamophobie“ in Sarajewo teil, die vom AKP-nahen Thinktank SETA organisiert wurde, über den im Zusammenhang mit Hafez‘ Islamophobie-Veröffentlichungen noch zu sprechen sein wird. Mit dabei waren auch mehrere Organisationen, die laut der Politikwissenschaftlerin Nina Scholz eindeutig dem Umfeld der Muslimbruderschaft zuzuordnen seien. „Was bei anderen Extremisten gilt“, kommentierte Scholz im Kurier, „gilt selbstverständlich auch bei Islamisten: Wer mit ihnen zusammenarbeitet, darf sich nicht wundern, mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden.“

Nach außen präsentiert sich die MJÖ, die seit 2003 die offizielle Jugendorganisation der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) ist, als äußerst umtriebige Gruppe, die sich an zahlreichen Projekten und Initiativen beteiligt und betont moderat auftritt. Der Staatsanwaltschaft Graz zufolge stehe im Hintergrund jedoch eine straff organisierte Kaderorganisation, die, so der Vorwurf der Ermittlungsbehörden, eine entscheidende Rolle dabei spiele, Jugendliche an das Umfeld der Muslimbruderschaft heranzuführen.

Die MJÖ ist in aller Regel schnell mit rechtlichen Mitteln bei der Hand, um Behauptungen über mögliche Verbindungen zur Muslimbruderschaft zu unterbinden. Sowohl das profil als auch die Kronen Zeitung veröffentlichten nach kritischen Berichten auf Druck der MJÖ „Richtigstellungen“, in denen Verbindungen der Organisation zu den Muslimbrüdern in Abrede gestellt wurden.

Rechtliche Schritte prüfe die MJÖ laut Medienberichten aktuell auch gegen die erste Veröffentlichung der neuen „Dokumentationsstelle Politischer Islam“, in der von Vernetzungen ehemaliger MJÖ-Mitglieder mit Muslimbrüdern die Rede ist. „Die Jugendorganisation“, so war jüngst im Standard zu lesen, „verweist auf mehrere in der Vergangenheit erfolgreich wegen dieser Unterstellungen geführte gerichtliche Auseinandersetzungen.“

Medienberichten zufolge habe sich die MJÖ auch gegen Lorenzo Vidinos Studie über die „Muslimbruderschaft in Österreich“, in der sie eine prominente Rolle spielt, „erfolgreich vor Gericht“ gewehrt. Doch laut unlängst veröffentlichten Gegendarstellungen in der Presse und der Kleinen Zeitung trifft das nicht zu: Weder die MJÖ noch irgendeine andere der von Vidino erwähnten Organisationen soll gerichtlich gegen die Studie vorgegangen sein. Nicht nur in diesem Fall sind der Androhung rechtlicher Schritte durch die MJÖ keine konkreten Maßnahmen gefolgt, ähnliches ist auch in einigen anderen Fällen bereits geschehen. Wie es scheint, wägt die MJÖ sorgfältig ab, wen sie vor Gericht zerrt, und will vermeiden, sich in Verfahren zu verstricken, die nach hinten loszugehen drohen, weil die bestrittenen Aussagen einfach zu gut belegbar sind.

Anas Schakfeh

Ihren Sitz hat die einst von Hafez mitgegründete MJÖ übrigens in einem Haus der Gemeinnützigen Stiftung Anas Schakfeh im 23. Wiener Gemeindebezirk – die im Rahmen der Operation „Luxor“ am 9. November letzten Jahres ebenfalls Besuch von der Polizei bekommen hat.

Anas Schakfeh, der Namensgeber der Stiftung, war von 1999 bis 2011 Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Geboren wurde er im syrischen Hama, das eine der Hochburgen des syrischen Zweigs der Muslimbruderschaft war, bis das Regime im Februar 1982 in einem Feldzug gegen islamistische Aufständische Teile der Stadt dem Erdboden gleichmachte und Schätzungen zufolge bis zu 30.000 Menschen massakrierte.

Schakfeh absolvierte in Hama ein Seminar für Imame und kam 1964, einem Jahr, in dem es u.a. in seiner Heimatstadt zu blutigen Konfrontationen zwischen der Muslimbruderschaft und Sicherheitskräften gekommen war, nach Wien. Die Bundeshauptstadt war, wie Vidino schreibt, ein Anziehungspunkt vor allem für syrische Muslimbrüder, während sich deren ägyptische Brüder bevorzugt in Graz niederließen.

In Österreich angekommen, gehörte Schakfeh zu den Mitgründern einiger der frühesten muslimischen Organisationen des Landes und wurde zu einer der prägenden Figuren des organisierten Islam in Österreich, nicht zuletzt durch seine langjährige Leitung der IGGÖ. Wer mehr über Schakfehs Karriere lesen will, dem steht eine Biografie des „österreichischen Gesichts des Islams“ zur Verfügung. Deren Autor, so war in einer Rezension in der Presse zu lesen, sei es „zwar gelungen, viele Facetten in Schakfehs Leben zu beleuchten“, doch scheine „die Begeisterung ein wenig mit ihm durchgegangen zu sein“. Der Name des Autors dieser völlig unkritischen und hagiographisch anmutenden Biografie: Farid Hafez.

Ob Schakfeh ein Muslimbruder ist oder war, ist seit langer Zeit Gegenstand reger Debatten. Er selbst bestreitet, wie praktisch alle, denen das nachgesagt wird, seine Zugehörigkeit. Sicher ist, dass einer seiner Cousins, Mohammed Riad al-Schakfeh, ihr allerdings bereits in jungen Jahren angehörte und von 2010 bis 2014 aus dem Exil sogar das Amt des Obersten Führers der Muslimbrüder in Syrien bekleidete.

Mutmaßungen über eine Mitgliedschaft von Anas Schakfeh halten sich allen Distanzierungen zum Trotz hartnäckig. In dem 2020 auf Deutsch erschienenen Buch „Qatar Papers. So beeinflusst der Golfstaat den Islam in Europa“ wird er als „Galionsfigur“ der syrischen Richtung der Muslimbruderschaft bezeichnet, für Lorenzo Vidino ist er der „Pionier der syrischen Muslimbruderschaft in Österreich“. Soweit bekannt, ist Schakfeh nie gegen diese Einschätzungen vor Gericht gezogen.

Der Vordenker der Muslimbruderschaft? Ein „großer Gelehrter“

Wie schon die MJÖ sich die Frage gefallen lassen muss, warum sie ein Gebetsbuch von Hassan al-Banna herausbrachte, wenn sie nichts mit der Muslimbruderschaft zu tun haben will, machte es Schakfehs Distanzierung von der Bruderschaft nicht gerade glaubwürdiger, als öffentlich bekannt wurde, dass im islamischen Religionsunterricht an österreichischen Schulen lange Zeit das Buch „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“ von Yusuf al-Qaradawi verwendet wurde.

Darin fordert der Chefideologe der Muslimbruderschaft u.a., dass muslimische Frauen ihren gesamten Körper mit Ausnahme des Gesichts und der Hände verdecken müssten, in der Öffentlichkeit stets den Blick zu senken hätten und grundsätzlich keinen Nichtmuslim heiraten dürften. Der Mann sei aufgrund seiner „natürlichen Fähigkeit (…) der Vorstand von Haushalt und Familie. Er hat Anspruch auf Gehorsam und Zusammenarbeit seitens der Frau, und sie darf sich nicht gegen seine Autorität auflehnen“. Tue sie das doch, müsse der Mann sich bemühen, „ihre liebenswürdige weibliche Natur zu erwecken, damit wieder Friede einkehrt“. Helfe das aber nicht, „darf er sie leicht mit den Händen schlagen“, wenn auch nicht mit einem Stock und nicht ins Gesicht oder auf empfindliche Stellen.

Homosexualität sei eine „geschlechtliche Abartigkeit“ und ein „entartetes Verhalten“. Dieses „abscheuliche Tun“ mit dem Tod zu bestrafen, möge grausam erscheinen, aber diese Strafe wurde „empfohlen, um die Reinheit der islamischen Gesellschaft zu erhalten und sie von abartigen Elementen rein zu halten.“ Neben außerehelichem Geschlechtsverkehr und Mord sei auch die „Abkehr vom Islam“ mit dem Tod zu bestrafen.

Wie schon der Titel des Buches andeutet, ist die Welt für Qaradawi streng zweigeteilt: Auf der einen Seite gebe es Erlaubtes, auf der anderen Seite Verbotenes. Was erlaubt und was verboten sei, bestimme einzig und allein der Islam in Form seiner „vollständigen, umfassenden und immerwährenden scharia (Gesetz) für die gesamte Menschheit.“ Selbstverständlich dürfe sich kein weltlicher Gesetzgeber über Allahs Gesetze stellen. Die islamische scharia soll den Menschen „in allen Lebensbereichen“ und „der gesamten Menschheit überall auf der Erde“ nützen. Weil das so einfach sei, könne Qaradawi „keine Kompromisse in meiner Religion schließen und den Westen zum Götzen annehmen, nachdem ich Allah als Herrn, Islam als Religion und Muhammad als Propheten angenommen habe.“

Zehn Jahre lang wurde in Österreich muslimischen Schülern im Religionsunterricht somit ein Buch vorgesetzt, das eine grundsätzliche Schlechterstellung von Frauen propagiert, körperliche Gewalt gegen Frauen legitimiert, die Todesstrafe für Homosexuelle sowie für Menschen fordert, die nicht mehr dem islamischen Glauben anhängen wollen, und die einzige Souveränität Allah zuspricht. Eingesetzt wurde das Buch basierend auf Lehrplänen, die der damalige IGGÖ-Chef Schakfeh miterstellt hatte. Als öffentliche Kritik an diesem skandalösen Umstand laut wurde, wurde das Buch für den islamischen Religionsunterricht aus dem Verkehr gezogen, allerdings nicht, ohne dass Schakfeh Qaradawi als „großen Gelehrten“ in Schutz nahm. In seiner Schakfeh-Biographie erwähnt Farid Hafez die Affäre um Qaradawis Buch mit keinem Wort.

„Zweifellos unter dem Einfluss“ der Muslimbruderschaft

Schakfeh selbst steht nicht im Visier der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Graz, wohl aber die von ihm gegründete und nach ihm benannte Annas Schakfeh Privatstiftung. Im Haus der Stiftung ist nicht nur, wie bereits erwähnt, die MJÖ ansässig, sondern dort befindet sich auch eine interessante Institution: Der Private Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen in Wien war ursprünglich 1998 als Islamische Religionspädagogische Akademie (IRPA) gegründet worden. Für Lorenzo Vidino steht das Institut, das für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern zuständig ist, „aufgrund verschiedener Verbindungen zur Muslimbruderschaft zweifellos unter deren Einfluss.“ Einer der Lehrenden am IRPA: Farid Hafez.

  • Der Fall Farid Hafez (Teil 1): Wer oder was ist die Muslimbruderschaft in Europa? | Was wollen die Muslimbrüder? | Der Fall Farid Hafez.
  • Der Fall Farid Hafez (Teil 3): Bildung, Bildung und wieder Bildung | Islamischer Unterricht | Im Netz der Bruderschaft | „Islamisch-politische Denker“ – lauter Demokraten! | Antisemitismus? Fehlanzige | Apologie der Muslimbrüder)
  • Der Fall Farid Hafez (Teil 4): Das angebliche Feindbild Islam | Die Rothschilds und die Rockefellers | Der „islamophobe“ Martin Luther | Der European Islamophobia Report | Lachen über eine massakrierte Redaktion | Eine Stiftung ganz nach Erdoğans Geschmack | Geld von der EU | Eine Konferenz in Köln | Der Akt der Staatsanwaltschaft Graz

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