Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content

Das Rezept, um das deutsche Publikum zu gewinnen

In der ZEIT durfte sich Fabian Wolff mit deutschem Mainstremadenken als Außenseiter stilisieren
In der ZEIT durfte sich Fabian Wolff mit deutschem Mainstremadenken als Außenseiter stilisieren (© Imago Images / Dean Pictures)

Wie man einen Essay schreibt, allgemeine Zustimmung bekommt, und doch so tut, als sei man Außenseiter. Sandra Kreislers Replik auf Wieder-mal-einen-jüdischen-Alibi-Kronzeugen in der ZEIT.

Jetzt weiß ich, wie es geht. Wie man ein applaudierendes Massenpublikum in Deutschland bekommt und den Leuten Sand in die Augen streut. Eine geniale Methode. Gezeigt hat mir das ein Artikel, was sage ich, eine Wortwurst in nachgerade epochaler Länge. (Also, für eine Zeitung: im Ausdruck immerhin 18 Seiten). Es geht um einen Text, der kürzlich in der renommierten ZEIT zu lesen war.

Am liebsten würde ich ja den Namen des Autors gar nicht nennen, jede Nennung ist eine zuviel – aber Sie müssen ja auch überprüfen können, ob Sie mir zustimmen, also: der Mann heißt Fabian Wolff. Er ist Jude und hat ein Gesicht wie eine Babypuppe. Nun kann man bis zum Alter von 30 nichts für sein Gesicht, erst danach graben sich denken, lachen, leiden, also das Leben, entlarvend in ein Gesicht ein. Beim Herrn Wolff ist es noch nicht so weit, er wurde erst kürzlich 30, also reden wir lieber über das, was er schreibt. Und wie er es schreibt.

Zunächst bringt er schlau schon im ersten Absatz ganz ehrerbietig den Namen jenes Autors unter, den er stilistisch ganz offensichtlich nachahmen will, nämlich Maxim Biller. Damit holt er sich die Sympathie des Publikums, und schafft es zugleich, Biller mit einem kleinen Seitenhieb wieder vom Podest zu stupsen. Genial gelöst.

Werbung

Diese Methode setzt er dann im restlichen Artikel weiter fort: Ich lobe, dann mache ich wieder klein, ich stimme zu und ziehe die Zustimmung wieder zurück. Es dauert ein wenig, bis man das System erkennt. Die ersten vier Seiten dienen quasi dem Anfüttern des Publikums: Ich bin ein armer Jude, der nur unter Juden Jude sein kann, ich finde meinen Platz nicht, ich habe stets den gepackten Koffer unter dem Bett… und so fort.

Die am besten funktionierenden Schlagwörter, die man in seinen geistigen Werkzeugkoffer hierfür packen sollte, sind: Verstanden werden, Trauerzyklus, innerer Rückzug, jüdisches Leben, Gedächtnistheater, sich in der außerjüdischen Welt zu positionieren – sie verstehen schon, man sagt, mit hübscher Prosa: Ich bin ein Außenseiter und sooo traurig.

Um die Mitleidmasche zu perfektionieren, evoziere der strategisch agierende Autor dann bitte noch schnell das klassisch deutsche Judenbild; und so spricht Wollf auch alsbald von seinen Besuchen in der Synagoge, von seinen Freunden, die, wie er sagt „fast schon frum“ sind, von Religion, Baruch haShem (allerdings erst mal falsch geschrieben, dann halbgut repariert) und Aramäisch. Nebenbei gesagt stilisiert er sich im Gegensatz dazu auf seinem Twitterprofil mit Armeejacke, Zigarette, leeren Flaschen und Currywurstresten vor der Bude sitzend, also nicht gerade undeutsch, wenn ich es mal so nennen darf.

Aber ich schweife ab. In dem Artikel jedenfalls geht seine Kvetcherei so dahin bis circa Seite vier. Man stimmt ihm, als Deutscher und als Jude, gerne zu; also, wenn man diese Sprache mag, ich persönlich gehe ja lieber „zum Schmied als zum Schmiedl“, wie man in Wien sagt, und finde daher Maxim Biller nicht nur gedanklich, sondern auch stilistisch deutlich zielsicherer.

Aber egal, man liest es und denkt: Ja, als deutscher Jude sitzt man schnell mal zwischen allen Stühlen. Und zack: da hat einen der Autor, wo er es möchte. Ab Seite vier beginnt er dann immer mehr, seine wahre Agenda anzusprechen. Und wenn man da nicht halbwegs historisch, politisch und im aktuellen Diskurs belesen ist, nicht geübt, erst mal zu gucken, ob das auch dichthält, was der bis dahin doch recht sympathisch wirkende junge Mensch schreibt, dann rutscht man aus.

So geschehen zum Beispiel auch Herrn Igor Levit, der möglicherweise gar nicht mitgekriegt hat, was Herr Wolff uns da sagen will – nämlich das: Man darf ruhig auch mal gegen Israels Existenz als Staat reden, man darf ein Freund der Israelboykottbewegung BDS sein, auch als Jude, ja, es ist sogar gut, wenn man es ist. Und – es ist so absurd, dass es fast schon lustig ist: Wolff behauptet gar, es sei ja auch im Judentum eigentlich die Mehrheit, die so dächte.

Ab Seite fünf geht es dann also so richtig zu Gange. Wolff behauptet zum Beispiel, es sei allgemein in Deutschland der kulturelle und politische Diskurs ganz klar pro-israelisch. Nun, ich weiß ja nicht, welche Medien dieser Herr konsumiert, aber Spiegel, Süddeutsche, ARD, ZDF, WDR, Arte und Co. können es nicht wirklich sein, denn die tun sich bekanntlich regelmäßig mit den dreistesten Verdrehungen hervor, wenn es um Israel und seinen Konflikt mit den Nachbarn geht.

Dann sagt er, die meisten Juden wären eigentlich gar nicht einverstanden mit der Politik Israels, nur seien sie halt zu – und das sagt er wörtlich – „zu ängstlich, eitel oder dumm“, um ihre Israelkritik auch öffentlich zu machen.

Ja, klar, als jüdischer Kronzeuge öffentlich gegen Israel zu sprechen wird gaaanz sicher verhindert… Und ebenso sicher werden die Juden weltweit, im Besonderen aber in Deutschland, in Geiselhaft genommen vom rechtsextremen, ja geradezu faschistischen Israel und natürlich von der gemeinen, bösartig philosemitischen Bande der Deutschen.

Liest man ja bekanntlich auch überall: Schlagzeilen wie „Palästina greift israelische Zivilisten an“ oder „Jüdische Schüler an Busstation mit Messer gemeuchelt“, solche einseitig formulierten Meldungen finden sich ständig in allen Zeitungen – fast schon gehirnwäscherisch, diese Meinungsmache. *Ironie off* müsste ich jetzt in den sozialen Netzwerken schreiben.

Es wäre ja auch erheiternd, diese Verdrehung der Tatsachen, wenn es nicht so traurig wäre. Denn den Gegenwind, den jede einzelne israelsolidarische Meldung bekommt, den kriegt Wolff überhaupt nicht mit. Woher denn auch: er macht ja keine.

Und in Israel selbst? Der Autor jedenfalls legt nahe, dass Israelis das Land durchwegs als Zionistendiktatur empfänden. Er teilt die Menschen ein in jene, die die Diaspora befürworten und jene, die „an ein geografisches jüdisches Kollektiv“ glaubten – klar, schaffen wir mal zwei klare Blöcke, das erklärt sicher alles.

Das alles ist so „logisch“ und „nachvollziehbar“ wie seine Behauptung, der Begriff der moral clarity sei nicht ins Deutsche zu übertragen. Was natürlich stimmt, denn weder moral noch clarity haben bekanntermaßen ja eine Entsprechung im Deutschen…

So geht es also dahin im Text. Es folgen ein paar Links zu bekannten Seiten: zu B’tselem – längst mehrfach und mit Beweisen der Lüge und der substanzlosen Beschuldigung überführt, oder zu einem  Filmregisseur, der – ebenso wie offensichtlich unser Autor – es nicht schaffte, sich auch nur die drei offiziellen Ziele der BDS Bewegung ordentlich durchzulesen, Ziele, die klarmachen dass angestrebt wird, ganz Israel abzuschaffen. Aber wer muss schon lesen, wenn man doch lieber dem Propagandamärchen glaubt, es gehe um einen ähnlichen Boykott wie weiland gegen Südafrika.

Fabian Wolff weiß zwar, dass es überzeugte und auch nicht-israelische BDS Propagandisten gibt, die persönlich in Israel leben, auch dort studieren – erkennt die Absurdität dessen aber nicht, sondern verwendet es im Gegenteil als Beleg dafür, wie harmlos und zivilgesellschaftlich BDS doch sei.

Dass es das ganz und gar nicht ist, lässt sich allerdings leicht nachweisen, wenn man sich kurz ansieht, wer die größten, lautesten und auch auf den Webseiten von BDS hofierten Unterstützer sind: der Council of Palestinian National and Islamic Forces in Palestine zum Beispiel, das ist die Dachorganisation von so illustren Terrorgruppen wie Hamas, Islamischem Dschihad, oder PFLP, zusammen mit anderen sagen wir mal euphemistisch, „Freunden Israelischen Überlebens“, aber so weit will das unser Autor dann wohl doch nicht überprüfen.

Es gibt so einiges, das er einfach so als Behauptung in den Raum stellt. Mich hat dann zum Beispiel auch zum Lachen gebracht, dass er meinte, der Anti-BDS-Beschluss der deutschen Bundesregierung käme sehr wohl einem Denk- und Auftrittsverbot gleich, da, wörtlich: „die kulturelle Infrastruktur Deutschlands ohne öffentliches Geld nicht existieren könnte“.

Da wird schnell die Bildung offenbar, die solchen Äußerungen zugrunde liegt: Massenkompatible Oberschichtenstrukturen, die sieht er vielleicht – oder setzt sie einfach voraus. (Vermutlich ist es einfach seine „Blase“.)

Was aber wirklich die kulturelle Infrastruktur Deutschlands ausmacht, ist nun eben genau nicht die subventionierte Hochkultur. (Weswegen, gestatten Sie mir dieses kurze Abschweifen, die Kultur Deutschlands ja auch gerade in einer heftigen Krise ist, denn in Pandemiezeiten wird fast ausschließlich die Hochkultur gezuckert, und die tausenden kleinen Theater, Künstler, Verlage, Musik- und Theatergruppen, Initiativen und Ehrenamtliche, die wirklich das kulturelle zeitgenössische Leben mit unglaublicher Selbstausbeutung halbwegs auf Niveau halten sind gerade am Verhungern, aber das ist ein anderes Thema.)

Es gibt jedenfalls so vieles in seinem Text, das, kaum denkt man eine Sekunde darüber nach, jeglichen Gehalt verliert, dass man nicht mal richtig weiß, wo anfangen und wo aufhören. Ich habe deshalb auch zuerst gar nichts zu diesem furchtbaren Konvolut sagen wollen.

Jeder Satz ab circa Seite drei bis Seite achtzehn strotzt nur so vor Oberflächlichkeit und Perfidie. Etwa, dass sich die BDS-Gegner vor allem Frauen und People of Colour (PoC) als „Ziele“ aussuchten, dass „als muslimisch gelesene Menschen“ wie er schreibt, erst mal beweisen müssten, dass sie nicht antisemitisch seien, sonst könnten sie keine Karriere machen. (Das führen uns diverse Karrieren, zum Beispiel in der Chefetage des Zentralrats der Muslime oder in Österreich Farid Hafez vor.)

Dann verteidigt Wolff noch Roger Waters, Achille Mbembe und die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit, die ja sehr weltoffen danach rief, das man wieder „From the river to the sea, Palestine must be free“ singen will – unkritisiert und subventioniert, versteht sich. (Er hat sich vielleicht die Landkarte nicht angesehen und weiß nicht, was diese Worte bedeuten?)

Wolff schimpft auf Felix Klein, einen der wenigen Antisemitismusbeauftragten, der sich ernsthaft und laut und deutlich gegen den Schuldabwehrantisemitismus – die derzeit vielleicht gefährlichste Form von Antisemitismus und immer mit Israel in Verbindung – einsetzt.

Er findet, dass die Black Lives Matter Bewegung, die trotz offen antisemitischer und ausdrücklich anti-israelischer Gründungsverlautbarungen immer starke jüdische Solidarität bekam, an den Juden zerbrach. Er behauptet, es erfordere in Deutschland keinen Mut, Israel offen zu lieben – das kann allerdings jeder, der auch nur einmal offen für Israel eingetreten ist, so schnell widerlegen, dass Herrn Wolff schon vom Fahrtwind die Ohren abfliegen würden.

Und dann beginnt er davon zu faseln, dass Juden, wenn sie weiß sind, weiß sind und deshalb dringend antirassistisch sein müssten – als wäre das eine Frage.

Es ist so heftig, so in jedem Satz unsäglich verdreht und bösartig; das ganze Konvolut ist, man kann es nur so sagen, so vollkommen unreflektiert und seine Belege durchwegs unüberprüft und unüberdacht, dass man wirklich immer fassungsloser wird. Dazu hat er die ganze Debatte dann noch verkürzt auf einen reinen links-rechts-Kampf heruntergerechnet. Weswegen ich an dieser Stelle explizit anmerken möchte, dass ich mich selbst als ausgesprochen links stehend verstehe – und trotzdem auch pro Israel argumentieren kann, das ist sogar folgerichtig, wenn man sich für Gerechtigkeit einsetzt.

Wolff vereinfacht die Dinge nicht nur zu einer sehr simplen Schwarz-weiß-links-rechts-Form; er hat eigentlich alles an der Debatte inhaltlich so simplifiziert, er lässt so viele Fakten einfach aus oder verkehrt sie in ihr Gegenteil, dass einem schlicht der Atem wegbleibt.

Ist er mir auch. Von den 18 Seiten habe ich es geschafft, 14 genauer zu lesen. Den Rest habe ich müde überflogen. Da hatte Wolff dann auch die Ich-will-wie-Biller-schreiben Attitüde bereits verloren und der Text verkam zu einer Ansammlung von: Ich bin wichtig, ich bin ein Denker, ich kann Begriffe wie Intersektionalität unfallfrei schreiben und alle Linken, die auf Israel schimpfen, haben recht und sind antirassistisch, aber das ist ja nicht Mainstream, das darf man nicht sagen. Da habe ich dann aufgegeben.

Das Publikum aber leider nicht. Der Artikel wird rauf und runter im Internet geteilt, bejubelt, hofiert. Man kann davon ausgehen, dass nicht nur der Autor das Rezept jetzt weiterverwenden wird.

Wir werden also wohl noch mehr in dieser Methodik geschriebene Werke ertragen müssen: Erst um Mitleid heischend, weil man doch so anders sei, dann behauptend, man hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen und sei doch eigentlich eine Mehrheit, die aber missachtet wäre – und dazwischen einfach irgendwas brabbeln, das die meisten eh nicht überprüfen.

Nachgedanke:

Ich habe noch einem Freund von dem Artikel erzählt. Ich schrieb ihm per Whatsapp:

„Können wir unser Treffen verschieben? Ich muss was schreiben über einen Artikel in der Zeit von einem gewissen Herrn Wolff.“

Mein Freund, ein blitzgescheiter junger Mann reagierte sofort. Er schrieb:

„Wolff? Ist das nicht der, der immer egozentrisch argumentiert? So: ‚Deutsche Juden sind divers und haben unterschiedliche Meinungen. Sie sind und denken wie ich!‘“

Ja, dachte ich. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Und das zeigt, dass der Herr Wolff doch ganz offensichtlich sehr viel deutscher ist, als er es eigentlich sein möchte.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Werbung

Werbung

Werbung

Werbung

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren