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Damaskus strebt Wiederaufbau der syrischen Armee an

Jahrestag des Assad-Sturzes: Übergangspräsident al-Sahara nimmt Parade der syrischen Armee ab
Jahrestag des Assad-Sturzes: Übergangspräsident al-Sahara nimmt Parade der syrischen Armee ab (© Imago Images / ABACAPRESS)

Die Schaffung einer neuen syrischen Armee, die auf eine institutionalisierte Befehlskette reagiert, wird eine enorme Herausforderung sein und laut Experten Jahre dauern.

Shimon Sherman

Laut einem Bericht des in Washington ansässigen Thinktanks Institute for the Study of War läuft derzeit eine groß angelegte Initiative zum Wiederaufbau und zur Modernisierung der syrischen Armee. Geleitet wird das Projekt von Präsident Ahmed al-Sharaa, das Teil seiner Bemühungen ist, seine wachsende Kontrolle über Syrien zu festigen und Damaskus wieder als Akteur in der Geopolitik des Nahen Ostens zu etablieren.

Kelly Campa, Analystin am Institute for the Study of War, erklärte, dass sich das Projekt in einer kritischen Phase befinde, dessen Umsetzung jedoch noch eine signifikante Zeitspanne in Anspruch nehmen wird. »Die syrische Regierung ist noch dabei, die Armee aufzubauen und befindet sich derzeit in einer sehr formativen Phase. Die Schaffung einer neuen Armee, die auf eine institutionalisierte Befehlskette reagiert, wird eine enorme Herausforderung sein und Jahre dauern.«

Die syrischen Streitkräfte wurden während des Sturzes des Assad-Regimes im Dezember 2024 unter dem kombinierten Druck von Rebellenarmeen, internen Desertionen und umfassenden israelischen Luftangriffen fast vollständig zerstört. Der Zusammenbruch des Militärs folgte auf vierzehn Jahre Bürgerkrieg, der die militärische Stärke von Damaskus erheblich geschwächt hatte.

Nach dem Sturz von Präsident Baschar al-Assad übernahm Ahmed al-Sharaa die Rolle des Übergangspräsidenten und bemüht sich um die Wiederherstellung der staatlichen Autorität unter einem zentralisierten System mit Sitz in Damaskus. Das aktuelle Modernisierungsprojekt wird laut dem Institute for the Study of War weitgehend von al-Sharaas Erfahrungen mit Fraktionskämpfen während des syrischen Bürgerkriegs vorangetrieben und beeinflusst.

Während des Bürgerkriegs war al-Sharaa unter dem Kampfnamen Abu Muhammad al-Julani der Anführer der sunnitisch-islamistischen Terrororganisation Hayat Tahrir al-Sham (HTS) und sah sich ständig mit internen Rivalitäten und einem allgemeinen Mangel an Zusammenhalt konfrontiert.

Damals habe er versucht, »die syrische Opposition zu vereinen, um Assad zu stürzen und die Kontrolle über Syrien zu erlangen, was ihn natürlich in Konflikt mit vielen anderen bewaffneten Gruppen brachte«, erklärte Brian Carter, Forschungsleiter beim in Washington ansässigen Thinktank American Enterprise Institute.

Al-Sharaa und seine Mitstreiter »erkannten schon früh im Bürgerkrieg die Notwendigkeit der Einheit, um das Assad-Regime zu besiegen, aber die unterschiedlichen Ziele der Opposition und die Vielfalt ihrer Unterstützer machten eine Einigung schwierig«. Nun, so fügte Carter hinzu, strebe der Übergangspräsident an, »die staatliche Kontrolle durch die neue Armee auf alle syrischen Fraktionen auszuweiten, ähnlich, wie er in den späteren Jahren des Bürgerkriegs die Kontrolle über [Nordwestsyrien] zentralisiert hat«.

Eine neue Armee

Die neue syrische Armee bezieht ihre Kernkraft aus mehreren bewaffneten Gruppen, die sich in der Endphase des Bürgerkriegs als dominante Akteure herauskristallisiert haben. Ein bedeutender Teil der Kämpfer stammt von Hayat Tahrir al-Sham. Einheiten, die mit Fateh al-Mubin verbunden sind, einer Dachorganisation, die mehrere der HTS nahestehende Formationen koordinierte, sind ebenfalls in die Streitkräfte integriert. Weitere Komponenten wurden aus der Syrischen Nationalarmee übernommen, einer von der Türkei unterstützten Koalition, die in Nordsyrien operierte.

Streitkräfte des Southern Operations Command, darunter auch drusische Fraktionen, wurden ebenfalls in die neue Armee eingegliedert. Mitte Oktober erhielt das Militär seinen größten Schub durch die Integration von drei Divisionen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Die SDF sind eine von Kurden geführte Koalition aus Milizen und Rebellengruppen, die von den USA unterstützt wurden.

Das Verteidigungsministerium hat die neue syrische Armee durch die Umbenennung von Milizen aus der Zeit des Bürgerkriegs organisiert. Durch diese Umbenennung wurden die ursprünglichen Identitäten dieser Gruppen durch formelle militärische Bezeichnungen ersetzt, während ihr Personal und ihre interne Struktur beibehalten wurden. Seit vergangenen März hat das Ministerium weitere neue Divisionen aufgestellt und andere zusammengelegt.

Insgesamt hat dieser Patchwork-Ansatz zu einem beispiellosen Wachstum der militärischen Personalstärke geführt. Im November umfasste die Armee mindestens dreiundzwanzig vollständig integrierte Divisionen mit rund 2.400 bis 3.600 Mann pro Einheit und entspricht damit der Größe einer kleinen konventionellen Brigade in einer westlichen Armee.

Dreiundzwanzig Divisionen?

Assaf Orion, Experte am Washington Institute for Near East Policy und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Nationale Sicherheitsstudien der Universität Tel Aviv, hält diese offiziellen Zahlen für stark übertrieben: »Dreiundzwanzig Divisionen wären fast doppelt so viele, wie Assad auf dem Höhepunkt seiner Macht hatte. Das sind eindeutig übertriebene Berichte und keine echten Divisionen. Es ist unmöglich, in so kurzer Zeit eine manövrierfähige Armee dieser Größe aufzubauen«, gibt Orion gegenüber Jewish News Syndicate zu bedenken.

Trotz dieser personellen Engpässe stellt das neue Militär bereits in dieser frühen Phase eine weitaus größere Bedrohung dar als jenes des Assad-Regimes, das selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht vor dem Bürgerkrieg nur dreizehn Divisionen unterhalten konnte, von denen die meisten als Kampftruppen als unzuverlässig galten.

Abgesehen vom Anstieg der Rekrutierungen deuten erste Berichte auf anhaltende Probleme hinsichtlich der Professionalität der neuen Armee hin. Geht es nach der Analystin Kelly Campa, steht al-Sharaa vor einem »langen, politisch schwierigen Professionalisierungsprozess, der für den Aufbau einer disziplinierten Armee erforderlich ist. Die ersten Einsätze und Kampferfahrungen der Armee haben eine Reihe von Problemen offenbart, die im Rahmen längerfristiger Professionalisierungsbemühungen angegangen werden müssen.«

Mehrere Einheiten verübten zusätzlich wegen alter konfessioneller Rivalitäten extreme Gewalttaten gegen syrische Minderheiten, darunter Drusen, Kurden und Alawiten. Diese Probleme traten am häufigsten in Divisionen auf, die aus Fraktionen mit begrenzter Erfahrung im Rahmen eines zentralisierten Kommandosystems gebildet wurden. Damaskus behauptete, diese hätten gegen ausdrückliche Befehle gehandelt; externe Beobachter bezweifeln dies jedoch.

Lücken in der Führung und Kontrolle haben die Streitkräfte auch während ihrer anfänglichen Umstrukturierung beeinträchtigt. Die umbenannten Einheiten behielten ihre internen Führungsnetzwerke und informellen Praktiken, die sich während des Bürgerkriegs entwickelt hatten, weitgehend bei, wodurch die Wirksamkeit der formellen Aufsicht durch das Verteidigungsministerium eingeschränkt wurde.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, werden in der gesamten Armee standardisierte militärische Verfahren eingeführt. »Das Verteidigungsministerium hat erste begrenzte Schritte in diese Richtung unternommen und neue Richtlinien zur Verbesserung der Disziplin erlassen, darunter die Verpflichtung für alle Angehörigen der Streitkräfte, die ausgegebenen Uniformen zu tragen, sowie die Verpflichtung für aus der bewaffneten Bürgerkriegsopposition stammenden Kommandeure, die eine Beförderung anstreben, die Militärakademie zu besuchen«, erklärte Carter.

Türkischer Einfluss

Als heimlicher Motor hinter dem plötzlichen Vorstoß zur Erweiterung und Modernisierung des syrischen Militärs steht die Türkei, die sich als wichtigster militärischer Partner positioniert und Ausbildung, beratende Unterstützung und strukturelle Hilfe anbietet. Im Juli erklärte der türkische Verteidigungsminister Yaşar Güler, die Türkei habe »mit der Bereitstellung von militärischer Ausbildung und Beratungsdiensten begonnen und gleichzeitig Maßnahmen zur Stärkung der Verteidigungskapazitäten Syriens ergriffen«.

Ankara und Damaskus haben diesen Patronage-Status im August mit der Unterzeichnung einer Absichtserklärung formalisiert, in der ein umfassender Rahmen für die militärische Zusammenarbeit festgelegt wurde. »Die Absichtserklärung zielt darauf ab, die militärische Ausbildung und Zusammenarbeit zu koordinieren und zu planen, Beratung, Informationen und Erfahrungsaustausch anzubieten sowie die Beschaffung von militärischer Ausrüstung, Waffensystemen, logistischem Material und damit verbundenen Dienstleistungen sicherzustellen«, erklärte das türkische Verteidigungsministerium damals.

Über die militärische Unterstützung hinaus unterhält Ankara eine bedeutende bewaffnete Präsenz in Syrien und übt erhebliche Kontrolle über mehrere Kampfgruppen aus, darunter auch solche, die sich bereits der neuen Armee angeschlossen haben wie beispielsweise die Syrische Nationalarmee. In Bezug auf seine mehr als 20.000 türkischen Soldaten, die nach jahrelangen grenzüberschreitenden Operationen in Nordsyrien stationiert sind, hat Ankara ebenso keine unmittelbare Absicht zum Rückzug signalisiert.

Stattdessen verbinden türkische Beamte jede künftige Neukalibrierung der militärischen Haltung Ankaras mit der Stabilisierung Syriens, der Beseitigung von Sicherheitsbedrohungen entlang der Grenze und der Schaffung von Bedingungen für die sichere Rückkehr vertriebener Syrer. Diese Bedingungen garantieren mehr oder weniger eine dauerhafte türkische Militärpräsenz sowie einen direkten türkischen Einfluss auf die Entwicklung der syrischen Armee in naher Zukunft.

Assaf Orion warnte davor, die Bedeutung der türkischen Zusammenarbeit mit Syrien überzubewerten. »Wir sollten nicht sofort alles, was die Türkei bereitstellt, mit Besorgnis betrachten. Es kommt sehr darauf an, welche Art von Material sie den Syrern zur Verfügung stellen. Wenn sie Luftabwehrsysteme liefern, muss man sich fragen, an wessen Luftwaffe sie dabei denken. Wenn sie schwerwiegende Offensivwaffen wie Raketen und Drohnen liefern, muss das Anlass zur Sorge geben.«

Auswirkungen auf Israel

Die Initiative zum Wiederaufbau der syrischen Armee läuft gerade zu einem Zeitpunkt an, an dem die Spannungen an der israelisch-syrischen Grenze eskalieren.

In der Nacht zum 28. November kam es in der Nähe des syrischen Grenzdorfs Beit Jinn zu Kämpfen, nachdem die 55. Brigade der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) eine Razzia durchgeführt hatte, um Mitglieder der Terrororganisation Al-Jamaa al-Islamiya festzunehmen. Sechs Soldaten wurden bei einem Hinterhalt verletzt, als sie die gefangengenommenen Terroristen aus dem Dorf abführen wollten.

Laut syrischen Staatsmedien wurden bei der darauffolgenden IDF-Reaktion dreizehn Menschen getötet und vierundzwanzig verletzt, darunter mehrere Terroristen. Laut einem Bericht des israelischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks Kan wurde der Hinterhalt gegen die IDF von Mitgliedern des Geheimdienstes der al-Sharaa-Regierung orchestriert. Abgesehen von diesem Vorfall deuten Berichte darauf hin, dass es in der Region rund um den Golan zu einem allgemeinen Zustrom von Terroristen gekommen ist.

Verteidigungsminister Israel Katz erklärte am 26. November vor dem Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung der Knesset, dass mehrere Terrororganisationen, darunter die jemenitischen Huthi, einen Angriff auf die Golanhöhen in Erwägung ziehen. Laut Katz bereitet sich das Militär auf Szenarien vor, in denen syrische Streitkräfte oder verschiedene Milizen innerhalb des Landes einen Bodenangriff auf israelische Gemeinden versuchen oder erneut syrische Drusen-Gemeinden bedrohen. Wie der TV-Sender letzte Woche berichtete, besteht die Möglichkeit, dass die israelische Luftwaffe aufgrund der jüngsten Eskalationen in Syrien zunehmend aktiv werden wird, da riskante Verhaftungsaktionen auf dem Boden wahrscheinlich zugunsten gezielter Luftangriffe eingestellt werden.

Trotz der jüngsten Eskalationen stelle die Initiative zum Wiederaufbau der syrischen Armee in naher Zukunft wahrscheinlich keine konventionelle Bedrohung für Israel darstellen, ist Assaf Orion überzeugt: »Der Aufbau einer konventionellen Armee, ganz zu schweigen von einer Luftwaffe oder anderen fortschrittlichen Teilstreitkräften, ist ein sehr langwieriges und kostspieliges Unterfangen. Selbst moderne, hochentwickelte Volkswirtschaften wären finanziell stark belastet, müssten sie eine bedeutende konventionelle Armee von Grund auf errichten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Syrien in den nächsten zehn oder sogar zwanzig Jahren eine konventionelle Bedrohung für Israel darstellt, ist nicht hoch.«

Der Analyst merkte weiters an, dass der Aufbau einer syrischen funktionsfähigen, konventionellen Streitmacht in einigen Szenarien sogar zu Israels Vorteil wäre, da moderne Streitkräfte besser für solche Herausforderungen gerüstet sind: »Israel ist gut aufgestellt, um mit konventionellen Bedrohungen umzugehen.« Die derzeitigen syrischen Streitkräfte könnten »als unkonventionelle Terrorarmee, die Raketen und Drohnen auf Israel abfeuert, viel mehr Probleme verursachen denn als traditionelle Armee mit Panzern und Divisionen«, bestätigt Orion.

Der jüngste Krieg habe deutlich gezeigt, dass Terrororganisationen keine konventionellen Fähigkeiten benötigen, um ernsthaften Schaden anzurichten. »Eine schnelle, leicht bewaffnete Truppe auf Pick-up-Trucks kann erhebliche Auswirkungen haben, sodass sie auch ohne die Masse einer großen organisierten Armee durchaus in der Lage ist, großen Schaden anzurichten. Das haben wir am 7. Oktober 2023 gesehen.«

Shimon Sherman ist Kolumnist und berichtet über globale Sicherheit, Angelegenheiten des Nahen Ostens und geopolitische Entwicklungen. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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