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Corona: Warum sich die Menschen in Irakisch-Kurdistan kaum impfen lassen

Eher selten zu sehen: Schutzmasken in Sulaymaniyah
Eher selten zu sehen: Schutzmasken in Sulaymaniyah (Foto: Thomas von der Osten-Sacken)

Einmal mehr schlugen die Gesundheitsbehörde in Sulaymaniyah vergangene Woche Alarm: Seit einigen Monaten steigt die Zahl von Covid-19 Infektionen in der irakisch-kurdischen Region wieder rasant an.

In den ersten Krankenhäusern seien alle Intensivbetten belegt, erste Patientinnen und Patienten müssten auf Fluren behandelt werden. Schon wird über einem erneuten Lockdown gesprochen, sollte die Infektionskurve weiter steil nach oben gehen.

Hatten irakische Zentralregierung und die kurdische Autonomieverwaltung letztes Jahr noch scharfe Ausgangssperren verhängt, die wochenlang das Land lahmlegten, wurden ab Frühjahr 2021 fast alle entsprechenden Maßnahmen gelockert oder ganz aufgehoben, und seit Sommer findet auch in den Schulen wieder ganz normaler Unterricht statt,

Auf den Straßen der Stadt merkt man kaum, dass die Pandemie weiter wütet. So trägt fast niemand Schutzmasken oder achtet auf Abstandsregeln. In mehreren Supermärkten wurde ich sogar freundlich lächelnd darauf hingewiesen, dass ich die Maske ruhig abnehmen könne.

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Dabei ist bislang die Impfquote mit gerade einmal 13%, die beide Dosen erhalten haben, extrem niedrig und auch die Aufrufe, sich in einem der über 700 Zentren in Irakisch-Kurdistan impfen zu lassen, verhallen weitgehend ungehört.

Nicht nur in Sulaymaniyah, nicht nur in Kurdistan …

Nicht nur in Sulaymaniyah breitet die Infektion sich erneut aus, besonders betroffen sind auch die Bewohnerinnen und Bewohner der vielen Flüchtlings- und Binnenvertriebenenlager in der Region.

Alleine in einer Schule in einem Camp für Überlebende des vom Islamischen Staat verübten Völkermordes an den Jesiden hätten sich mehr als 70% der Schülerinnen und Schüler infiziert, eine der Lehrerinnen sei kürzlich an Covid verstorben, berichtet die jesidische Aktivistin Sarah Hasan aus Dohuk. Trotzdem weigerten sich noch immer die Mehrheit der Camp-Bewohner sich impfen zu lassen.

Ähnliches stellt auch Baxan Jamal, Mitarbeiterin einer lokalen Hilfsorganisation in Sulaymaniyah, die seit März letzten Jahres Aufklärungskampagnen gegen Corona organisiert, resigniert fest: Fast alle mit denen sie bislang gesprochen hat, äußerten Vorbehalte gegen die Impfung.

Sie zitiert eine Vielzahl von Argumenten, die sie in den letzten Monat gehört hat und die von verschwörungstheoretischem Unsinn bis zu der lapidaren Feststellung reichen, man fühle sich gesund und vertraue dem eigenen Immunsystem.

Kurdistan steht keineswegs alleine da, aus vielen anderen Ländern der Region hört man ähnliches. Mit teilweise abenteuerlichen Begründungen erklären Leute, warum sie gegen die Impfung seien. Sie mache unfruchtbar, lasse einen nach fünf Jahren sterben, enthalte Schweineblut, mache blind oder sei eine Maßnahme zur totalen Kontrolle.

Andere wiederum vertrauen lieber auf Ratschläge, die sie auf obskuren Ratgeberseiten in den sozialen Medien gelesen haben und schlucken irgendwelche Medikamente, die es überall rezeptfrei und recht billig zu haben gibt.

Woran liegt es?

Aber woran liegt der Unwille wirklich? Schließlich kennt im Nordirak fast jeder inzwischen jemanden, der qualvoll an Covid gestorben ist und das oft in einem der öffentlichen Krankenhäuser, die im Vergleich zu den teuren privaten, in kläglichem Zustand sind.

Jamal meint, zum Teil liege es an Uninformiertheit, der sie überall begegnet. Es gäbe kaum öffentliche Aufklärung, die Regierung nehme das Thema nicht ernst genug und finanziere zum Beispiel keine Fernsehspots, die Menschen auch in abgelegenen Gegenden erreichen würden.

Dann aber kommt sie auf ein grundlegendes Dilemma zu sprechen, das für den Irak ebenso gilt wie für die ganze Region. Es ist dies ein grundlegendes und tiefsitzendes Misstrauen gegen alles, was mit Staat und Regierung zu tun hat. Am besten fasst dies ein alter ägyptischer Witz zusammen: „Wenn die Regierung erklärt, es sei sicher Rindfleisch zu essen, kaufen am nächsten Tag alle Ägypter Hühnerfleisch.“

Nach Jahrzehnten, in denen Regierungen die Bevölkerung systematisch belogen haben, Statistiken solange als gefälscht gelten, bis das Gegenteil bewiesen wurde und Menschen den Staat hauptsächlich als korrupte, brutale und übergriffige Bande erlebt haben oder noch erleben, ist jedes Vertrauensverhältnis nachhaltig zerstört. Es gibt nichts, das auch nur entfernt an jenen von Aufklären des 18 Jahrhunderts propagierten Gesellschaftsvertrag zwischen freien Bürgern erinnert.

Kurzum, staatliche Institutionen fürchtet man, nimmt sie bestenfalls als notwendiges Übel hin, versucht möglichst wenig mit ihnen zu tun zu haben und misstraut, was immer sie sagen.

Paradoxe Situation

Es deshalb auch absurd, fährt Jamal fort: Einerseits fehle es an Aufklärung, andererseits glaubten die Leute ohnehin nicht, was Behörden ihnen erzählen. Aus dieser Catch-22-Situation gäbe es so gut wie keinen Ausweg.

Jamal fürchtet deshalb, dass es im Winter mit der Pandemie wieder extrem schlimm werden wird. Noch herrschen im Nordirak für die Jahreszeit ungewohnt hohe spätsommerliche Temperaturen. Seit Monaten hat es nicht mehr geregnet, die Region leidet dieses Jahr erneut unter extremer Dürre.

Sollte es aber bald kälter werden, würden die Zahlen wohl noch weiter steigen. Ob es dann zu einem neuen harten Lockdown kommen wird, bezweifelt sie dagegen.

Schon beim letzten Lockdown, Anfang dieses Jahres hätte sich kaum noch jemand an die Ausgangsbeschränkungen gehalten und die Polizei habe weder den Willen noch verfüge sie über die Mittel, sie durchzusetzen. Es dürfte also einfach so weitergehen, nur mit Krankenhäusern, die bald nicht mehr in der Lage sein werden, neue Patientinnen und Patienten aufzunehmen.

Solche Meldungen wiederum werden eher mit Schulterzucken als mit Sorge aufgenommen. Auch dafür hat Jamal eine Erklärung: „Die Leute sind es gewöhnt, dass nichts funktioniert, Menschen ständig sterben und man so viele Schicksalsschläge hinnehmen muss. Das ist so eine Grundhaltung nach all den Jahren voller Krieg und Not, einfach um nicht verrückt zu werden.“

Und so betrachteten die Menschen eben auch Corona als eine Art Schicksal. Auch wenn das letztlich absurd sei, da man sich ja nur impfen lassen müsse. Deshalb verzweifle sie auch so oft bei den Kampagnen ihrer Organisation, ganz einfach, weil man häufig mit einfachster Logik nicht weiterkomme und sich stattdessen in endlose und sinnlose Diskussionen verstricke.

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