Über zweihundert Prominente haben eine Petition zur Freilassung des in Israel zu fünfmal lebenslanger Haft verurteilten Terrorführers Marwan Barghouti unterzeichnet.
Unter den Unterzeichnern befinden sich, wie die Times of Israel berichtete, auch mehrere jüdische Persönlichkeiten, darunter die britischen Schauspieler Stephen Fry und Miriam Margolyes, der amerikanische Singer-Songwriter Paul Simon sowie die US-Schauspielerinnen Hannah Einbinder und Ilana Glazer. Weitere prominente Unterzeichner sind die Schauspieler Mark Ruffalo, Sir Ian McKellen, Benedict Cumberbatch, Tilda Swinton und Josh O’Connor; die Musiker Annie Lennox, Sting und Brian Eno sowie die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood.
Marwan Barghouti ist wegen Mordes inhaftiert, was in internationalen Medienberichten oft unerwähnt bleibt. Ein Musterbeispiel für die Irreführung der Leser ist die britische Tageszeitung The Guardian, in der Barghouti als »inhaftierter palästinensischer Anführer« präsentiert wird, der als »fähig« gelte, »die verschiedenen Fraktionen zu vereinen und die größte Hoffnung für das ins Stocken geratene Vorhaben der Schaffung eines palästinensischen Staates zu bringen«. Eine Art palästinensischer Oliver Cromwell?
The Guardian weiter: »Der 66-jährige Barghouti sitzt seit 23 Jahren im Gefängnis, nachdem sein Prozess laut Rechtsexperten fehlerhaft war. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war er gewählter Abgeordneter und gilt weiterhin als der populärste palästinensische Politiker. In Umfragen wird er regelmäßig als Wunschkandidat des Volks für die Führung des Landes genannt.« Ein Opfer eines Justizirrtums? War er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort? Von irgendeinem Verbrechen, das er begangen haben könnte, ist kein Wort zu lesen.
Ebenso irreführend ist ein Artikel der Washington Post, die Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört, in der Barghouti als angeblicher »Verfechter einer Zwei-Staaten-Lösung« beschrieben wird, »der auch den bewaffneten Widerstand gegen die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete unterstützt hat«. Seine Popularität in Umfragen unter Palästinensern wird gerühmt. Lediglich von einer »mutmaßlichen (!) Rolle bei Angriffen auf Zivilisten zwischen 2001 und 2002« ist die Rede.
In dem Zeitungsbericht werden die Opfer verschwiegen, offenbar sind sie den Journalisten nicht so viel wert wie ihre Mörder; dafür wird geschildert, dass Barghouti im Gefängnis »sich und andere bildet« und nach eigenen Angaben »sieben bis acht Bücher« pro Monat lese. Der Terrorist wird also als Intellektueller dargestellt und als jemand, der wegen seiner Gedanken im Gefängnis sitzt und nicht, weil er Menschen getötet hat. Die französische Zeitung Le Monde verstieg sich gar zu der Behauptung: »Der Frieden im Nahen Osten hängt von der Freilassung Marwan Barghoutis ab.«
Over 200 celebrities are calling for the release of convicted terrorist Marwan Barghouti, who is serving multiple life sentences for orchestrating attacks that killed innocent Israelis and a Greek monk during the Second Intifada.
The diverse range of celebrities who signed the… pic.twitter.com/BSKD66Ea5a
— Hen Mazzig (@HenMazzig) December 3, 2025
Terroristischer Anführer
Marwan Barghouti war Anführer einer Terrorgruppe, die während der zweiten Intifada gezielt israelische Zivilisten ermordete, darunter auch ein Baby. Laut den Osloer Abkommen hätte die Palästinensische Autonomiebehörde in dem Gebiet unter ihrer Kontrolle alle bewaffneten Gruppen mit Ausnahme der Polizei auflösen und entwaffnen müssen. Stattdessen ließ PLO-Chef Jassir Arafat zu Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 eine weitere Terrorgruppe, die Tanzim-Brigaden, gründen, die Barghouti unterstanden.
Barghouti gilt auch als Gründer und Kommandant der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, einer anderen Terrorgruppe unter dem Dach von Arafats Fatah, welche die Verantwortung für zahlreiche Massaker an israelischen Zivilisten öffentlich übernommen hatte. Auch die Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden nahmen jüdische Zivilisten ins Visier und ließen Handgranaten oder mit Nägeln und Splittern gefüllten Bomben in Restaurants, Cafés und Linienbussen detonieren.
Die Fürsprecher Barghoutis meinen, dieser sei der politische und nicht der operative Anführer gewesen. Aber es sind die politischen Führer, welche die Ziele vorgeben. Selbst aus dem Gefängnis heraus hat Barghouti noch zum »Widerstand in all seinen Formen« aufgerufen, ob gewaltsam oder nicht, auch wenn er zu »Gefängnis und Märtyrern« führe.
Zu den Taten der Tanzim gehört der Mord an dem zehn Monate alten Säugling Shalhevet Tehiya Pass: Es war der 26. März 2001; Yitzhak und Oriya Pass aus Hebron waren seit zwei Jahren verheiratet, zehn Monate zuvor war ihr erstes Kind, Shalhevet, geboren worden. An jenem 26. März war Yitzhak Pass mit seiner Tochter auf dem Weg zu ihren Großeltern, als der 26-jährige Tanzim-Scharfschütze Mahmud Muhammad Mahmud Amro aus Wadi Alhariah bei Hebron das Baby mit einem Kopfschuss tötete und den Vater an beiden Beinen verletzte. Der Täter hatte ein Gewehr mit Teleskopvisier benutzt.
Als Führer der Al-Aqsa-Brigaden und der Tanzim ist Barghouti politisch und moralisch für alle von diesen Organisationen verübten Morde verantwortlich. Verurteilt wurde er jedoch nur für einige wenige Taten, bei denen ihm eine direkte Beteiligung nachgewiesen werden konnte. Ein ziviles Gericht befand ihn für schuldig, die folgenden drei Anschläge befohlen oder die Anleitung dazu gegeben zu haben.
Der Mord an Georgios Tsibouktzakis
Am 14. Juni 2001 fuhr der 35-jährige, griechisch-orthodoxe Mönch Georgios Tsibouktzakis, dessen Ordensname Germanos lautete, vom Einkaufen in Jerusalem zurück zum Kloster St. Georg in Wadi Qelt, in dem er zwölf Jahre lang gelebt hatte. Er hatte dort den Zugangspfad instandgesetzt, Ikonen angefertigt und die wenigen Bäume des Klosters gepflegt. Besucher, die den steilen Weg nicht bewältigen konnten, holte er oft mit dem Traktor ab und bewirtete sie im Kloster. Auf dem Rückweg wurde sein Auto in der Nähe von Ma’ale Adumim aus einem Hinterhalt beschossen. Der Täter war Ismail Radaida, ein Mitglied der Fatah-Tanzim.
Nach den Ermittlungsakten hatte die Zelle die Operation geplant und sich innerhalb der Tanzim-Hierarchie Rückendeckung geholt. Das israelische Gericht stellte 2004 fest, dass Strukturen unter Marwan Barghoutis Verantwortung die Operation autorisiert und unterstützt hatten. Eine direkte persönliche Weisung Barghoutis an den Täter wurde nicht nachgewiesen, war aber Teil der Aussagen Beteiligter.
Der Mord an Yoela Chen
Am 15. Januar 2002 fuhren die 45-jährige Yoela Chen, Sekretärin am Wolfson-Krankenhaus in Holon, und ihre 70-jährige Tante Rachel Heini zu einer Hochzeitsfeier in Jerusalem. An einer Tankstelle in Giv’at Ze’ev näherten sich zwei bewaffnete Mitglieder der Tanzim ihrem Auto und eröffneten nach kurzer Beobachtung das Feuer. Yoela Chen wurde durch Schüsse in Kopf und Oberkörper getötet; ihre Tante überlebte schwer verletzt.
Das Gericht stellte fest, dass die verantwortliche Zelle unter der Führung und Genehmigung von Marwan Barghouti operierte und von diesem finanziert wurde. Barghouti wurde verurteilt, weil er nach Meinung des Gerichts als übergeordnetes Führungsmitglied der Tanzim die Operation autorisiert und unterstützt hatte.
Die Morde an Yosef Habi, Eli Dahan und Salim Barakat
Am 5. März 2002 führten Mitglieder der Tanzim in Tel Aviv einen Anschlag durch, bei dem der Terrorist Ibrahim Hassouna zunächst erfolglos Handgranaten auf Gäste eines Restaurants warf und anschließend mit einer Maschinenpistole das Feuer eröffnete. Dabei wurden Yosef Habi (52) und Eli Dahan (53) getötet. Der drusische Polizeibeamte Salim Barakat (33) wurde erstochen, als er versuchte, den Angreifer zu überwältigen.
Laut Urteil des Distriktgerichts Tel Aviv wurde der Anschlag von Barghoutis Neffen Ahmed Barghouti, einem lokalen Tanzim-Kommandanten, vorbereitet. Das Gericht bestätigte, dass Marwan Barghouti die Operation gebilligt hatte und der Zelle im Rahmen seiner Führungsrolle innerhalb der Tanzim operative Unterstützung gewährte. Aussagen mehrerer inhaftierter Mitglieder anderer Zellen deuteten darauf hin, dass Ahmed Barghouti seinem Onkel regelmäßig über Anschläge berichtete; diese Aussagen waren Teil der Beweiskette. Ahmed Barghouti selbst sagte im April 2002 vor Gericht aus, sein Onkel habe von allen Morden der Tanzim vorab gewusst und sie genehmigt.
Keine Strafe für Mord an Juden?
Bilal Barghouti, ein Hamas-Terrorist, der wegen seiner Beteiligung an der Vorbereitung des Bombenanschlags in der Jerusalemer Pizzeria Sbarro – einer der berüchtigtsten Anschläge der zweiten Intifada mit fünfzehn getöteten Zivilisten, darunter sieben Kinder und eine schwangere Frau, und hundertdreißig Verletzten –, verurteilt wurde, sagte israelischen Ermittlern, Marwan Barghouti habe ihm nach dem Anschlag Unterschlupf gewährt und ihm beim Abschied eine Waffe ausgehändigt.
Selbst die israelische Tageszeitung Haaretz, die dafür bekannt ist, immer wieder Partei für Israels Feinde zu ergreifen,kam in einem Beitrag von 2012 zu dem Schluss: »Es steht außer Frage, dass er [Barghouti] Gewalt unterstützt und dazu ermuntert hat.« In einem anderen Haaretz-Artikel heißt es, Barghouti habe »in den ersten Tagen der zweiten Intifada« – also kurz nachdem Arafat das großzügige Friedensangebot des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak abgelehnt hatte, weil er ganz Jerusalem wollte – eine Rede gehalten mit den Worten: »Die Zeit, als nur wir Opfer zu beklagen hatten, ist vorbei. Wir müssen Rache nehmen. Wir müssen Israelis töten. Ja. Wir haben Kugeln. Wir haben Gewehre und sie werden auf die Besatzung gerichtet werden.«
Jamal Barakat, Bruder von Barghoutis Opfer Salim, äußerte sich 2017 empört darüber, dass die New York Times damals den Terroristen eine Gastkolumne schreiben ließ und ihm so »eine Plattform bietet, seine mörderischen Verbrechen weißzuwaschen«. Auch andere Familienangehörige von Opfern kritisierten mehrfach, dieser werde in internationalen Medien als gemäßigte Figur dargestellt.
Die Kampagne, Marwan Barghouti als unschuldig Inhaftierten zu stilisieren und sich für seine Freiheit einzusetzen, während den Unterzeichnern das Schicksal der von der Hamas in den Gazastreifen verschleppten Menschen die ganze Zeit über gleichgültig war, ist ein plumper Versuch, Ähnlichkeiten zwischen Israel und dem früheren Apartheidregime in Südafrika zu suggerieren, denn Barghouti wird – einzig, weil er im Gefängnis sitzt –, zum »palästinensischen Mandela« umgedeutet.
Die Unterschriftenaktion ist im Plan der Initiatoren wahrscheinlich nur ein Anfang; in ihrer Fantasie stehen am Ende vielleicht Großdemonstrationen oder Solidaritätskonzerte – für einen Mörder. Die Unterzeichner der Petition verhöhnen damit die Opfer.
Gleichzeitig ist die Kampagne zutiefst antisemitisch. Würde die Forderung nach der Freilassung Barghoutis erfüllt, würde das bedeuten, dass Morde an Juden nicht mehr durch den Rechtsstaat geahndet werden, sondern deren Täter mit Milde oder Straflosigkeit rechnen können, wie dies in Nazi-Deutschland ab dem Frühjahr 1933 der Fall war. Und eben darum geht es. Denn der Slogan »Freiheit für Barghouti« bedeutet nichts anderes, als dass das Leben von Juden nicht wert ist, geschützt zu werden.






