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Britische Imame: Corona-Impfstoff ist „Halal“

In Großbritannien gibt es Geüchte, der Coron-Impfstoff könnte Schweinegelatine enthalten
In Großbritannien gibt es Geüchte, der Coron-Impfstoff könnte Schweinegelatine enthalten (© Imago Images / UPI Photo)

Muslimische Mediziner in Großbritannien warnen davor, dass unwahre Behauptungen, wonach der Covid-19-Impfstoff von BioNTech und Pfizer tierische Bestandteile enthalte, den Erfolg der Impfkampagne unter Muslimen gefährden könnte. Islamische Rechtsgelehrte in Singapur hingegen würden den Impfstoff auch dann für zulässig erklären, wenn er Substanzen vom Schwein enthielte.

„Leider werden im Internet Fehlinformationen über den Impfstoff verbreitet“, beklagt Dr. Salman Waqar von der British Islamic Medical Association (BIMA) gegenüber der Tageszeitung The Independent. Der Hintergrund sei, dass der bei der jährlichen Grippeschutzimpfung in Großbritannien noch bis zum letzten Jahr verwendete Impfstoff Gelatine vom Schwein enthielt. Diese wurde als Stabilisator benutzt, um die Wirksamkeit des Impfstoffs von der Produktion bis zur Anwendung zu erhalten.

Keine Gelatine vom Schwein

Das trifft aber auf den Covid-19-Impfstoff nicht zu. Der National Health Service (NHS) – das ist Großbritanniens staatliche Gesundheitsbehörde – in Cambridgeshire teilte vergangenen Dienstag über Twitter mit:

„Der Covid-19-Impfstoff von Pfizer/BioNTech ist für Sie geeignet, auch wenn Sie aus kulturellen oder religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen, denn er enthält keine tierischen Bestandteile.“

Dass der Impfstoff keine tierischen Ingredienzien oder Ei enthält, steht auch auf der Website des NHS. Auf einer Website der Regierung können Interessierte alle Bestandteile nachlesen. Das reiche nicht, glaubt Salman Waqar. Er ist der Meinung, dass dies viel stärker bekannt gemacht werden müsse, um etwaigen religiös begründeten Vorbehalten gegenüber dem Impfstoff unter Muslimen zu begegnen.

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Dafür, dass Grippeimpfstoffen in der Vergangenheit Gelatine zugesetzt worden sei, „zahlen wir jetzt den Preis“, sagt er, „weil die Leute sagen: ‚Oh, Impfstoffe enthalten Gelatine’, oder sie sind einfach nicht daran interessiert, uns zuzuhören.“ Falsche Informationen im Internet richteten sich nicht besonders an Muslime, sorgten aber insbesondere in muslimischen Gemeinden für Unruhe.

Sein Verband, die BIMA, empfiehlt allen Risikopersonen eine Impfung. Der gesamten Bevölkerung steht die Impfung wegen der Knappheit des Impfstoffes noch nicht offen. Waqar hält es für wichtig, dass Personen, denen Muslime in religiösen Dingen vertrauten – Imame und muslimische Mediziner – in den Gemeinden Aufklärungsarbeit über den Impfstoff leisteten.

Nadhim Zahawi, der von Ministerpräsident Boris Johnson für die Impfstoffverteilung ernannte Minister, sagte der Zeitung, seine Behörde werde „eng“ mit den ethnischen und religiösen Minderheiten zusammenarbeiten, um diejenigen zu unterstützen, die geimpft werden.

Fatwa: BioNtech-Impfstoff ist halal

Unterdessen haben islamische Rechtsgelehrte in verschiedenen Fatwas Stellung bezogen. Die britischen Deobandi-Gelehrten Mufti Yusuf Shabbir aus Blackburn, Mufti Muhammad Tahir aus Bury und die NHS-Beraterin Mawlana Kallingal Riyad erklärten in einer am 4. Dezember im Internet veröffentlichten Fatwa, dass der Impfstoff von BioNTech und Pfizer halal sei, weil er keine tierischen Bestandteile enthalte. Sie betonen allerdings ausdrücklich, dass ihr Urteil sich nur auf diesen speziellen Impfstoff in seiner derzeit bekannten Rezeptur beziehe, nicht auf etwaige zukünftige Impfstoffe.

Andere islamische Gelehrte sehen das viel großzügiger. Der Islamic Religious Council of Singapore (MUIS) urteilte in einer am 13. Dezember veröffentlichten Fatwa, dass der Corona-Impfstoff halal sei, weil die islamische Rechtsprechung „der Heiligkeit und Sicherheit menschlichen Lebens und dem Schutz des Lebens große Bedeutung“ beimesse.

Der Islam ermuntere zu „Anstrengungen zum Schutz des menschlichen Lebens vor jeder Form der Gefahr und des Schadens, wie der Entwicklung von Impfstoffen“, sagen sie. Bei der Bewertung des Covid-19-Impfstoffes müsse man zudem eine „holistischere Perspektive“ einnehmen, „als nur die einzelnen Zutaten zu bewerten“.

Zu berücksichtigen sei der Zweck der Impfung und die lange Zeit, die es benötige, um einen Impfstoff herzustellen. Darum könnten nicht dieselben Regeln wie bei der Ernährung gelten. Zudem gebe es Situationen, wo auch unreine oder verbotene Substanzen erlaubt seien, „wie man an einigen prophetischen Traditionen klar sehen“ könne.

„Darüber hinaus“, so die Gutachter des MUIS weiter, „hätten die unreinen Substanzen oder verbotenen Zutaten, die in vorgelagerten Prozessen verwendet werden, mehrere Schichten chemischer Prozesse wie Filtration durchlaufen, die sie im Endprodukt nicht nachweisbar oder vernachlässigbar machen würden“.

Der Rat nennt den Gerinnungshemmer Heparin und den Rotavirus-Impfstoff als Beispiele: Bei beiden würden bei der Herstellung Enzyme vom Schwein verwendet, dennoch seien sie halal. „In der muslimischen Rechtsprechung ähneln diese Prozesse Istihala, bei der die ursprüngliche Substanz ihre Form und Natur ändert und nicht länger verboten ist“, so der MUIS. „In solchen Situationen wird das Endprodukt (Medikament oder Impfstoff) für den muslimischen Gebrauch als zulässig angesehen.“

Verteilungsprobleme

In Großbritannien, den USA und einigen anderen Staaten ist der von der Mainzer Firma BioNTech und dem amerikanischen Pharmakonzern Pfizer entwickelte Impfstoff bereits zugelassen, und die Impfungen haben begonnen. In der EU wird eine Zulassung kurz vor Weihnachten erwartet.

„Wahrscheinlich schon sehr bald“ wird auch der von der Universität Oxford und dem schwedisch-britischen Pharmakonzern AstraZeneca entwickelte Impfstoff in Großbritannien zugelassen werden, glaubt dessen Erfinderin, Sarah Gilbert. Weil er in größeren Stückzahlen hergestellt werden kann als der von BioNTech, bei Kühlschranktemperatur gelagert (der BioNTech-Impfstoff benötigt eine Temperatur von -70° C) und viel billiger sein wird (AstraZeneca hat gelobt, während der Dauer der Pandemie mit dem Impfstoff keine Gewinne zu machen), richten sich auf ihn besondere Hoffnungen.

Doch die arabische Welt werde länger auf den Impfstoff warten müssen als andere Länder, warnte einer der führenden Impfstoffforscher an der Universität Oxford, der aus Ägypten stammende Dr. Ahmed Salman, im August.

Der arabischen Welt fehlen Produktionsstätten

Der Grund sei, dass die Länder, die unter den Ersten seien, die den Impfstoff anwenden, Lizenzvereinbarungen mit AstraZeneca hätten, um den Impfstoff selbst herzustellen. „Kein einzelnes Pharmaunternehmen kann in kurzer Zeit sieben Milliarden Dosen eines Impfstoffs herstellen. Die Impfstoffversorgungskette umfasst nicht nur die Herstellung des Impfstoffinhalts, sondern auch spezielle Fläschchen, Lager- und Verpackungskomponenten usw.“

Es sei „unglaublich bedauerlich, dass es in der gesamten arabischen Welt an Einrichtungen zur Herstellung von Impfstoffen mangelt. Dies wird die Verfügbarkeit der Impfstoffe für die Region erheblich verzögern.“ Diese Länder müssten nun warten, bis sie von anderen Ländern beliefert würden, so Salman. „Wir müssen unbedingt in wissenschaftliche Forschung investieren, insbesondere in den Bereichen Impfstoffentwicklung, Infektionskrankheiten, Immunologie und Pandemien.“

Sein „Traum“ sei es, „dass ich und andere arabische Wissenschaftler, die auf diesem Gebiet arbeiten, eines Tages eine wichtige und einflussreiche Präsenz in der Region aufbauen werden. Dies erfordert jedoch gemeinsame Anstrengungen – finanzielle und sonstige – von allen Seiten der Gesellschaft, einschließlich Regierungen und Unternehmern.“

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