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Ins Stolpern geraten. Berliner Kulturfestival stoppt geplante Gaza-Performance

Berliner Kunstfestival wollte an Stolpersteinen eine Performance zum Gaza-Krieg veranstalten
Berliner Kunstfestival wollte an Stolpersteinen eine Performance zum Gaza-Krieg veranstalten (© Imago Images / Martin Müller)

Ein geplantes Gaza-Gedenken an Stolpersteinen beim Festival »48 Stunden Neukölln« sorgt für einen Eklat. Die Absage nach Protesten täuscht nicht darüber hinweg, wie tief die obsessive Israelfeindlichkeit im Kulturbetrieb verankert ist.

Am vergangenen Wochenende stand das zweitägige Berliner Kunstfestival »48 Stunden Neukölln« (48hNK) kurz vor einem moralischen Offenbarungseid. Ein vorgesehener Programmpunkt sah ein »Gaza-Gedenken« vor, das bewusst an Standorten von Stolpersteinen inszeniert werden sollte. Jene Messingtafeln, die im Berliner Straßenbild an die von den Nationalsozialisten deportierten und ermordeten Juden erinnern, hätten dabei als Kulisse für eine einseitige politische Inszenierung des Nahostkonflikts gedient. Die Erinnerung an die Shoah wäre damit gezielt zum Resonanzraum einer politischen Anklage gegen Israel avanciert. Erst nach massiver Kritik und öffentlichem Druck reagierten die Veranstalter und strichen den Programmpunkt im letzten Moment aus dem Kalender.

Der Vorfall ist kein isoliertes Versehen einer übereifrigen Künstlergruppe. Er ist das Symptom einer tiefsitzenden ideologischen Verirrung in weiten Teilen der subventionierten Kulturszene. Dass die Organisatoren überhaupt erst die Reißleine zogen, nachdem der Protest zu laut wurde, zeigt, wie weit sich die Koordinaten des Denkbaren und Sagbaren verschoben haben.

Die Logik der Täter-Opfer-Umkehr

Bei der geplanten Veranstaltung handelt es sich um die Aktion »Walking the Gaza Monologues«, einen audiogeführten Rundgang des Ashtar-Theaters aus Ramallah. Bei diesem sollten die »Gaza Monologues« der Institution entlang von Stolpersteinen in Neukölln inszeniert werden. Auf seiner Plattform präsentiert sich das auch in Gaza und Ostjerusalem aktive Kollektiv als dynamisches, palästinensisches Theater mit einer vorgeblich progressiven, globalen Perspektive, das Kreativität und gesellschaftlichen Wandel durch darstellende Kunst fördern will. Doch genau an dem Punkt der Stolpersteine demaskiert sich der vorgeblich hehre Anspruch.

Hinter der Idee, das Leid im Gazastreifen physisch und symbolisch mit dem Gedenken an die Shoah zu verknüpfen, steckt eine perfide Absicht. Es geht hierbei nicht um universelles Mitgefühl, sondern um gezielte Relativierung des Holocausts durch Gleichsetzung. Indem man die Kulisse jüdischer Opfer wählt, um den jüdischen Staat anzuklagen, bedient man sich einer klassischen antisemitischen Argumentationsfigur: der Täter-Opfer-Umkehr.

Das Narrativ, das diese Performance transportieren sollte, war unmissverständlich: Die Juden von einst sind die Opfer, die Juden von heute – personifiziert durch Israel – sind die Täter. Dass diese eklatante Form der Gleichsetzung im progressiven Kunstmilieu zumindest geflissentlich ignoriert, wenn nicht offen gutgeheißen wird, zeigt den moralischen Verfall der Szene. Hier sollten die Stolpersteine hier als politisches Werkzeug fungieren, um dem modernen Antizionismus eine moralische Weihe zu verleihen.

Die Ankündigung, die Texte der »Gaza Monologues« im Rahmen eines Rundgangs an Stolpersteinen in Neukölln vorzutragen, stieß umgehend auf Entsetzen. Besonders scharf reagierte Elio Adler, der Vorsitzende des deutsch-jüdischen Vereins WerteInitiative. In einem offenen Brief warf er den Veranstaltern vor, das Gedenken an die Opfer der Shoah für eine politische Botschaft zu Gaza zu instrumentalisieren. »Das ist keine Kunst, die Grenzen auslotet«, betonte Adler. »Das ist eine kalkulierte Grenzverletzung. Wer Texte über den Gaza-Krieg gezielt an Stolpersteinen aufführt, stellt die Shoah und den Krieg Israels gegen die Terrororganisation Hamas in eine Linie.«

Starke Worte, die wohlbegründet sind. Gemäß der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), an der sich die Bundesrepublik und das Land Berlin orientieren, stellen derartige Holocaustvergleiche ein klares Beispiel für israelbezogenen Antisemitismus dar.

Das Versagen der Institutionen

Der Vorfall in Neukölln reiht sich nahtlos ein in eine Serie von Skandalen, von der documenta fifteen bis zu den jüngsten Protesten an den Universitäten. Er speist sich aus den Theorien des dogmatischen Postkolonialismus, der die Shoah nicht mehr als singuläres Verbrechen begreift, sondern als bloße Fußnote westlicher Kolonialgeschichte. In dieser Weltsicht wird Israel als »koloniales Projekt« markiert, was wiederum jede Form des Terrors – wie das Massaker vom 7. Oktober – im Namen des »Widerstands« legitimieren soll.

Wenn das Gedenken an die ermordeten europäischen Juden für die Propaganda gegen den jüdischen Staat gekapert wird, ist das eine unerträgliche Entwicklung. Sie entzieht dem deutschen »Nie wieder« das Fundament. Die Stolpersteine sind Orte der stillen Reue und des individuellen Gedenkens an Menschen, denen alles genommen wurde. Sie dürfen nicht zur Bühne für Aktivisten werden, die die Vernichtung des Staates Israel herbeisehnen.

Dass die Absage erst auf massiven Druck von außen erfolgte, offenbart im besten Fall die Feigheit und moralische Kompasslosigkeit, im schlimmsten Fall die antisemitische Verfasstheit weiter Teile des Kulturbetriebs. Es fehlt an einer klaren, proaktiven Haltung gegen Judenhass, sobald er im progressiven oder postkolonialen Gewand daherkommt. Allzu oft wird die Kunstfreiheit als Schutzschild missbraucht, um der schmerzhaften Konfrontation mit dem eigenen, internalisierten Antisemitismus zu entgehen.

Die Aktion in Neukölln wurde im letzten Moment verhindert, doch die Ideologie, die ihn überhaupt erst hervorgebracht hat, bleibt – nicht nur – im Kulturbetrieb hochgradig virulent. Wer das Gedenken an die Shoah für die Dämonisierung Israels kapert, während er die Hamas schont oder gar zum »Widerstand« rationalisiert, betreibt keine Erinnerungskultur, sondern Täterarbeit.

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