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Ein Berliner »Karo-Marsch«: »Karoline, du bist nicht allein«

»Berlin trägt Karo«: »Marsch der Frauen« gegen Antisemitismus, islamistischen Terror und für Demokratie
»Berlin trägt Karo«: »Marsch der Frauen« gegen Antisemitismus, islamistischen Terror und für Demokratie (© Geneviève Hesse)

Unter dem Motto »Berlin trägt Karo« mobilisierte die FDP-Politikerin Karoline Preisler, Trägerin des Arik-Brauer-Publizistikpreises 2025, in Berlin rund zweihundert Menschen zu einem »Marsch der Frauen« gegen Antisemitismus, islamistischen Terror und für Demokratie.

Dieses Mal steht die FDP-Politikerin Karoline Preisler nicht wie in den vergangenen zwei Jahren isoliert am Rand der sogenannten Palästina-Demonstrationen, umgeben von Menschen, die sie verbal attackieren, bespucken und vor denen sie von der Polizei geschützt werden muss. Heute begleiten etwa zweihundert Menschen die durch ihr Schild »Rape is not resistance« bekannt gewordene Gegendemonstrantin. Preisler ist die zentrale Figur des »Marschs der Frauen« und genießt das Bad in der Menge: »Es ist so unglaublich toll, dass wir heute hier zusammen sind, ich bin sehr, sehr dankbar.«

Trotz des regnerischen Adventsonntags sind die Anwesenden dem Aufruf gefolgt: »Nie wieder schweigende Mehrheit. Kein Spielraum für Islamisten, Links- und Rechtsextremismus. Null Toleranz gegenüber jeder Form von Antisemitismus. Für die uneingeschränkte Verteidigung unserer Demokratie. Für das selbstverständliche Existenzrecht Israels.« Angesprochen waren »alle Frauen und freiheitsliebenden Menschen«. Eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer sind Frauen.

Heute läuft Preisler ohne Schild und Blumen, dafür mit einer großen, quer gehaltenen Israel-Fahne, die sie mit beiden Händen trägt. Die im Wind schwingende Fahne ist so groß, dass etwa zehn Menschen sie rund um Preisler festhalten, darunter Hadas Prosor, die Ehefrau des israelischen Botschafters, und der Rabbiner Yehuda Teichtal. In ruhiger Stimmung bewegt sich der Zug vom Bebelplatz zum Pariser Platz. Nur am Rand schreit eine Frau »Weiße Frauen killen Babys«; sie wird von einem Chor dreier Frauen mit »Am Yisrael Chai« übertönt.

Mitten auf der Allee Unter den Linden beginnt der Demonstrationszug, bekannte jüdische Friedenslieder auf Hebräisch und teilweise auf Deutsch zu singen, darunter »Hevenu Shalom Alechem«. Die Polizei ist in großer Zahl präsent, unterstützt von zahlreichen Ordnerinnen und Ordnern.

Zivilcourage gefordert

Viele Menschen tragen Schilder mit dem Motiv einer Spielkarte, auf der Preisler als Karo-Dame dargestellt ist – mit Sonnenblume in der Hand und orangem Trachtenkleid, geschmückt mit Berliner Symbolen wie Siegessäule, Bundestag und Fernsehturm. Darüber steht: »Berlin trägt Karo!«

Ganz vorne halten mehrere Frauen ein großes Banner der jüdischen Frauenorganisation Maccabi Women’s Forum mit der Aufschrift »Frauen. Freiheit. Demokratie. Gegen Hass, Antisemitismus und Extremismus«. Auf anderen Schildern steht »We will dance again Nova«, »Rape is not resistance«, »Believe Israeli women«, »FCK HMS«.

Es gibt Israel-Fahnen in Regenbogenfarben, Fahnen des alten Persiens und eine ukrainische Fahne. Ein Teilnehmer trägt ein Foto der ermordeten Geiseln aus der Familie Bibas mit dem Satz »They wanted to live«. Auf der Rückseite einer großen Gedenkfahne, gestützt durch Metallstangen, stehen die Namen aller am 7. Oktober 2023 ermordeten Menschen und die Flaggen ihrer Herkunftsländer, darunter ist zu lesen: »Eine Zahl für den größten Teil der Welt. Aber für uns waren sie geliebte Kinder, Töchter, Söhne, Mütter, Väter, Großeltern unserer Familien, die nur in Frieden leben wollten.«

Am Brandenburger Tor finden vor einem Transparent »Gegen jeden Antisemitismus – gemeinsam gegen linken, rechten und islamistischen Antisemitismus« mehrere Reden statt. Moderatorin Maria Ossowski freut sich, »Karo zu feiern«, und bekennt, sich manchmal geschämt zu haben, nicht so mutig gewesen zu sein wie Preisler, um gegen Judenhass einzustehen, der immer existiert habe, aber seit dem 7. Oktober 2023 offener sichtbar geworden sei.

Nach lobenden Worten von Rabbiner Teichtal über die Resilienz von Frauen warnt Laura, eine Vertreterin des Maccabi Women’s Forum, vor der Rückkehr eines brandgefährliches Denkens in Berlin. Es handle sich nicht um Meinungen, sondern um »geistige Brandstiftung«. Wenn Frauen wie Karoline Preisler Todesdrohungen erhalten, wenn wir wie heute nur noch mit Polizeischutz das Haus verlassen können, weil wir für Dialog eintreten, dann ist die Demokratie nicht angeschlagen, sie liegt auf dem Operationstisch.« Sie fordert »klare Kante von der Politik«, die vor der Verrohung kapituliert habe. Am Ende zähle der Mut jedes einzelnen Menschen. Zivilcourage bedeute hin- statt wegsehen. Das Maccabi Women’s Forum sei keine Randnotiz, sondern ein Weckruf. »Nein, Karoline, du bist nicht allein«, sagt Laura zum Schluss.

Als nächste Rednerin tritt die in Teheran geborene Publizistin Saba Farzan auf, deren Familie nach 1979 aus dem Iran fliehen musste. Sie erzählt, sie habe seit ihrem achten Lebensjahr eine Leidenschaft für Oper, Kunst und Kultur – eine Leidenschaft, die sie nur in der freien, westlichen Welt ausleben könne. Nach dem 7. Oktober 2023 sei für sie »in der Kunst- und Kulturszene in Berlin und in Deutschland etwas zerbrochen«. Neben dem Deutschen Theater hätten »viele Kunst- und Kulturstätten eine Bankrotterklärung abgegeben, wenn es um den Kampf gegen Antisemitismus ging«.

Die Kunst- und Kulturfreiheit decke zwar »ganz viel Schrott« ab, »wer das aber auf die Bühne bringen und zelebrieren möchte, möge sich private Sponsoren dafür suchen und das nicht mit den Steuergeldern der Berliner Bürger finanzieren«. Ihre Forderung lautet daher: »Kein einziger Cent Steuergelder für Antisemitismus und Israelhass auf Berliner Bühnen und auf den Bühnen Deutschlands.«

Sie freue sich besonders über die Fahnen des alten Persiens bei der Demonstration, denn sie stünden für die Zukunft des Irans. Die Islamische Republik Iran habe »absolut nichts mit einer Republik zu tun«. Deshalb fordere sie, die Islamische Revolutionsgarde in Deutschland und Europa als Terrororganisation einzustufen.

Das neue »Aber«

Karoline Preisler stehe »für den Wert der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, für den Wert der Menschenrechte für jedes Individuum – egal ob israelisch, deutsch oder palästinensisch«, betont die nächste Rednerin, Rebecca Schönenbach, die ebenfalls dem Maccabi Women’s Forum angehört. Früher habe man Vergewaltigungen mit Sätzen relativiert wie: »Aber sie hat einen Minirock getragen, aber sie war allein unterwegs, aber sie war betrunken.« Heute sei Israel das neue »Aber«.

Schönenbach stehe für das Recht von Frauen, unversehrt zu sein, sich frei zu bewegen, zu lieben und zu leben, wie sie wollen. In vielen politischen Reden werde die historische Schuld Deutschlands angesprochen, doch es fehle ihr die klare Benennung, dass mit Israel eine Demokratie angegriffen worden sei, die Gleichberechtigung hochhalte. Abschließend betont sie, dass sie lieber in der Kneipe, auf dem Weihnachtsmarkt oder zu Hause mit der Familie Advent gefeiert hätte, doch heute gehe es darum, sich gemeinsam gegen Terror zu wehren.

Als nächste Sprecherin betritt Fatma Keser von der jüdisch-kurdischen Frauenallianz Pek Koach die Bühne. Ihr nach dem 7. Oktober 2023 gegründeter Verein sei israelsolidarisch, so Moderatorin Maria Ossowski. Keser will deutlich machen, dass Jüdinnen und Juden im Kampf gegen islamistischen Terror nicht alleine stehen. Ihre Verbündeten seien Alevitinnen, Belutschinnen, Jesidinnen und Kurdinnen, die seit Jahrzehnten gegen dieselben islamistischen, autoritären Kräfte kämpfen. Hinzu kämen Drusinnen und weitere Minderheiten, die derzeit massakriert würden. Diese Gruppen wüssten: »Wenn Israel fällt, werden sie die Nächsten sein.«

Sie seien Teil der Demonstration nicht als Außenstehende, sondern als Menschen, die diesen Terror aus ihren eigenen Familiengeschichten kennen. Seit mehr als zwei Jahren sehe sie Menschen demonstrieren, die behaupteten, für den Gazastreifen zu sprechen. »Aber wer für den Gazastreifen spricht und die Hamas nicht klar verurteilt, spricht nicht für die Menschen im Gazastreifen, er spricht für ihre Unterdrücker.« Wer für Menschenrechte kämpfe, unterstütze keine islamistischen Organisationen.

Fatma Keser zählt die Toten auf, die keine vergleichbare Mobilisierung auf europäischen Straßen ausgelöst haben: die von der Hamas exekutierten Zivilisten in der Küstenenklave, die Toten aus dem Jemen, aus Syrien, dem Sudan sowie die heute fast vergessenen Frauen aus Afghanistan. Sie fragt, warum Tote erst dann betroffen machten, wenn man unter Bezug auf sie »Kindermörder Israel« oder »From the river to the sea« schreien könne.

Die angebliche Solidarität mit Palästinenserinnen und Palästinensern deutet sie als »Ventil für Israel-Hass, Judenhass und die Entmenschlichung einer Minderheit«. Sie sehe darin zugleich eine Entsolidarisierung mit allen anderen Minderheiten der MENA-Region, die unter derselben islamistischen Ideologie leiden. Als »feministische, linke Person« erlebe sie diese Entmenschlichung häufig in ihrem eigenen politischen Umfeld.

Für Keser ist Karoline Preisler das Gesicht der Gegenproteste. Dass ihr Schild »Rape is not resistance« kritisiert werde, während die sexualisierte Gewalt vom 7. Oktober 2023 kaum thematisiert werde, sage viel über den Zustand mancher Teile der Linken aus. Ein Feminismus, der sexualisierte Gewalt relativiere, weil die Täter nicht ins eigene Weltbild passten, sei kein Feminismus.

Dialog gefordert

Die FDP-Politikerin Preisler selbst dankt in ihrer Rede »den Linken, den Mittigen und den Feministinnen. Antisemitismus ist falsch, immer und überall.« Sie versteht bis heute nicht, was an ihrem Schild »Rape is not resistance« falsch sein soll, denn Vergewaltigung sei immer falsch, egal, von wem und gegen wen. Wer die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen nicht respektiere, habe auch sonst ein Problem mit einer demokratischen Gesellschaft. Wenn sie sage, dass der Körper von Frauen kein Schlachtfeld sein solle, dann meine sie damit auch den Schutz von Kindern, Männern und queeren Personen. Sie verstehe nicht, wie queere Personen die Hamas als Befreiungsorganisation ansehen könnten.

Zu ihrer Vorstellung von Dialog gehöre auch, dass die am Rand der Demonstration schreiende Frau sprechen dürfe, die sie sogar als »meine Freundin« bezeichnet. Der Dialog müsse geführt werden, allerdings gehöre zur Diskussion »zumindest ein Tatsachenkern«. Sie sei froh, dass die Demonstration direkt neben einer anderen Versammlung stattfinde, die den Krieg ächte.

Krieg findet auch Preisler falsch, sagt sie. Deshalb richte sie sich besonders an die »Aggressoren vom 7. Oktober 2023«, die ein friedliches Land überfallen haben. Komme in Diskussionen dann der Halbsatz »aber Israel, aber Netanjahu«, stelle sie sich vor, wie die Person reagiert hätte, wäre ein Festival in Hannover wie das Nova-Festival angegriffen worden. »Wir lassen uns doch nicht sehenden Auges abschlachten. Wir lassen doch nicht unsere tanzenden Kinder entführen und töten. Ich bin verdammt froh, dass wir hier gemeinsam stehen und sagen: Eine liberale Demokratie gehört gegen Intolerante verteidigt.«

Zum Schluss ermutigt Preisler die Anwesenden, Antisemiten zu widersprechen, »soweit Sie sich stabil fühlen«. Nach einer Runde in der Menge, um Selfies zu machen und kurze Gespräche zu führen, jubelt sie sichtlich erfreut: »Wir haben uns umarmt. Es ist viel Liebe und viel Licht. Ich bin froh, dass wir verbunden sind.« Dann wünscht sie allen »wunderschöne Chanukka, wunderschöne Feiertage, wunderschönen Advent auch für Säkulare. Macht, was ihr wollt. Seid auch religionsfrei glücklich. Ich bin froh, dass es Sie und euch gibt. Shalom, bye-bye.«

Außerdem weist Preisler auf die nächste Lesung ihres Buches Streit und Straßenkampf am 9. Dezember in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße hin. Auf der Bühne wünscht sich der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Sigmount A. Königsberg »noch 2,8 Millionen Berliner wie Karo«. Die Demonstration endet in leichter Partystimmung – zu Sweet Caroline tanzen viele ausgelassen. »Es war der erste Karo-Marsch«, schmunzelt eine Teilnehmerin, »aber sicherlich nicht der letzte«.

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