Latest News

Wann Berichterstattung über Israel problematisch wird

Jonas Hessenauer (li.) und Moritz Golombek sind Mitverfasser der Studien zur Berichterstattung über Israel und den Krieg im Nahen Osten. (© privat/Nomos/Jan Schneidereit)
Jonas Hessenauer (li.) und Moritz Golombek sind Mitverfasser der Studien zur Berichterstattung über Israel und den Krieg im Nahen Osten. (© privat/Nomos/Jan Schneidereit)

Im Gespräch mit Elisa Mercier beschreiben Jonas Hessenauer und Moritz Golombek, wissenschaftliche Mitarbeiter des Tikvah-Institutes, Ergebnisse einer Studie zur medialen Berichterstattung über Israel und den Krieg im Nahen Osten.

Elisa Mercier (EM): Ein Interview des Journalisten Thielko Grieß mit dem Politiker Armin Laschet sorgte für Aufsehen. Laschet widersprach Grieß, der Israel scharf kritisiert hatte, und warf ihm »Israelphobie« vor. Solch eine Parteinahme ist selten, oder?

Jonas Hessenauer (JH): In den deutschen Medien gibt es durchaus Stimmen, die sich klar gegen eine einseitige Berichterstattung zuungunsten Israels und gegen Antisemitismus positionieren. Das sollte man anerkennen. Tatsächlich schneiden deutsche Medien verglichen etwa mit britischen, spanischen oder französischen bei der Israelberichterstattung sogar vergleichsweise gut ab. Es gibt hierzulande in einigen Redaktionen inzwischen durchaus eine Sensibilisierung für das Thema Antisemitismus. Das Problem ist auch nicht, dass an der Politik oder dem Handeln Israels überhaupt Kritik geübt wird.

Diese Punkte sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den deutschen Medien tatsächlich zahlreiche Probleme gibt, was die Darstellung Israels betrifft. Problematisch wird die Berichterstattung etwa dann, wenn sie über legitime Kritik, wie sie auch an anderen Staaten geübt wird, hinausgeht – also, wenn verzerrt berichtet oder sogar Antisemitismus reproduziert wird. Dies passiert leider regelmäßig.

Moritz Golombek (MG): Dass Interviews über Israel teils kontrovers geführt werden, verdeutlicht, dass das Thema in der postnazistischen Gesellschaft Deutschlands besonders affektiv besetzt ist. Zugleich ist es nicht die Aufgabe von Journalist:innen, sich klar gegen Kritik an Israel zu stellen. Denn auch kritische Berichterstattung ist – wie bei anderen Staaten auch – Kernaufgabe des Journalismus.

Problematisch ist aber, wenn Israel grundsätzlich anders behandelt wird als andere demokratische Staaten oder zusammen mit terroristischen Akteur:innen äquivalent dargestellt wird. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn problematische Beiträge journalistisch besser aufgearbeitet würden. Das passiert auch vereinzelt. Darüber hinaus wird problematische Berichterstattung immer wieder thematisiert, wie zuletzt etwa vom Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ), der eine Programmbeschwerde über die Deutsche Welle eingereicht hat. Dennoch bleiben Kritikpunkte, die angegangen werden müssen.

Dämonisierung

EM: In Ihrer Studie zur medialen Berichterstattung von 2025 sprechen Sie von »dämonisierenden Zuschreibungen« und »wiederkehrenden Verzerrungen« im Israelbild vieler deutscher Medien. Worin bestehen diese konkret?

JH: Damit meinen wir zum Beispiel die Nutzung von NS-Analogien zur Beschreibung von israelischem Handeln, also eine implizite oder explizite Gleichsetzung des jüdischen Staates mit dem Nationalsozialismus, etwa durch die Nutzung von NS-Vokabular.

In den von uns analysierten Artikeln wurde Israel zum Beispiel unterstellt, es führe einen »totalen Krieg« oder »Vernichtungskrieg«, was Assoziationen zum Nationalsozialismus weckt. In diesen beiden Fällen handelte es sich um Zitate von Dritten, die von den Redaktionen nicht eingeordnet wurden. In einem weiteren Artikel wurde suggeriert, dass es sich beim Zionismus um eine „Blut und Boden“-Ideologie handele. Auch dabei handelt es sich um eine NS-Analogie.

Ein weiteres Beispiel für eine dämonisierende Zuschreibung ist die Behauptung, dass Israel seit seiner Gründung kontinuierlich ethnische Säuberungen an den Palästinenser:innen verübe oder gar einen Genozid begehe. Beide Behauptungen wurden bereits vor dem 7. Oktober 2023 erhoben und damit vor dem Gaza-Krieg.

Mit Verzerrungen meinen wir bestimmte problematische Muster in der Darstellung, die nicht eindeutig antisemitisch sind, insgesamt aber zu einer falschen, de-realisierenden Darstellung Israels beitragen können. Dazu gehören zum Beispiel irreführende Überschriften, in denen von israelischen Angriffen die Rede ist, während aus dem zugehörigen Artikel dann aber deutlich wird, dass das israelische Militär nur auf vorherigen Raketenbeschuss durch die Hamas oder Hisbollah reagierte. Hier findet also eine Vertauschung von Aktion und Reaktion, von Ursache und Wirkung statt.

Eine andere Verzerrung ist die wiederkehrende Darstellung Israels als alleiniger Aggressor im israelisch-palästinensischen Konflikt oder die Verharmlosung und Unsichtbarmachung des islamistischen Terrors der Hamas, wenn von »Widerstandskämpfern« oder »bewaffneten Anwohnern« die Rede ist.

EM: Für die Studie haben Sie schriftliche Beiträge – einschließlich regionaler und digitaler Medien – von Januar bis November 2023 ausgewertet. Warum diese zeitliche Eingrenzung? Und: Wie wurde über den 7. Oktober berichtet?

JH: Unser Forschungsprojekt startete Mitte 2023 und die Datenerhebung war eigentlich kurz vor dem 7. Oktober abgeschlossen. Aufgrund der Tragweite der Ereignisse haben wir uns entschieden, noch Artikel aus Oktober und November 2023 in das Korpus aufzunehmen. Aus Kapazitätsgründen war eine größere Ausweitung zu dem damaligen Zeitpunkt leider nicht möglich. Allerdings untersuchen wir aktuell in einer größer angelegten Folgestudie auch die Berichterstattung während des folgenden Gaza-Krieges.

Die abschließenden Ergebnisse liegen noch nicht vor. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass das Berichterstattungsaufkommen massiv gestiegen ist und auch in der Folge sehr hoch blieb. Was sich zudem abzeichnet, ist ein Entsetzen über die Taten der Hamas, gerade in den Wochen nach dem Massaker. Die Täterrolle der Hamas und auch ihre islamistische und antisemitische Ideologie wurden stärker thematisiert als zuvor. Ebenso wurde mehr über israelische Opfer berichtet, etwa über die Geiseln.

Das hat im Laufe des Krieges allerdings wieder abgenommen, was sicher auch mit den Ereignissen in Gaza und im Libanon zusammenhängt. Insgesamt zeigen sich jedoch Kontinuitäten, was die von uns beschriebenen Probleme betrifft.

Der Genozid-Vorwurf

EM: Sie beschreiben antiisraelische Kontinuitäten in der Presse – der Vorwurf des Genozids gegen Israel sei lange vor dem 7. Oktober 2023 in Medien und Diskursen präsent gewesen. Wie hat sich dieser Vorwurf entwickelt?

JH: Ähnliche Vorwürfe gegen Jüdinnen:Juden gab es in der Geschichte des Judenhasses immer wieder. Im Mittelalter wurde etwa behauptet, dass Jüdinnen:Juden für den Ausbruch der Pest verantwortlich seien und Christ:innen töten wollten. Auch in den »Protokollen der Weisen von Zion« oder in NS-Schriften finden sich vergleichbare Unterstellungen.

Seit der Gründung Israels im Jahr 1948 gab es dann immer wieder Genozidvorwürfe gegen den jüdischen Staat, beginnend mit dem ersten arabisch-israelischen Krieg. Insbesondere seit dem Sechstagekrieg wurde der Vorwurf dann verstärkt in Teilen der politischen Linken genutzt.

Ein prominentes Beispiel dafür ist ein Text aus dem Jahr 1969, der den Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin durch die »Tupamaros Westberlin« rechtfertigt. In dem Text wird behauptet, dass Jüdinnen:Juden »das palästinensische Volk ausradieren wollen«. Zudem wird Israel durch NS-Analogien dämonisiert.

Ähnliche Vorwürfe wurden dann immer wieder während militärischer Auseinandersetzungen gegen Israel erhoben, in der DDR-Presse, aber auch von Rechtsextremen oder aus der »Mitte« der Gesellschaft. So unterstellte zum Beispiel im Jahr 2012 Günter Grass in seinem Text »Was gesagt werden muss« Israel Genozidabsichten gegen den Iran.

Abseits der klassischen Medien ist der Vorwurf auf Demonstrationen, im Internet und in Zuschriften an den Zentralrat der Juden oder die israelische Botschaft seit geraumer Zeit verbreitet. Das zeigt etwa die Forschung von Monika Schwarz-Friesel.

Dass der Genozidvorwurf so häufig in den Medien erhoben wird wie in den letzten Jahren, ist aber neu. Wir sehen da auf jeden Fall eine deutlich höhere Quantität, insbesondere seitdem verschiedene NGOs, Wissenschaftler:innen und Jurist:innen das Vorgehen Israels im Gazastreifen als »Genozid« bezeichnen, sowie angesichts des unter anderem von Südafrika angestrengten internationalen Klageverfahrens gegen Israel. Dabei ist es allerdings nicht so, dass die mediale Berichterstattung den Genozidvorwurf rein affirmativ aufnimmt. Vielmehr wird häufig darüber berichtet, dass der Vorwurf durch Dritte erhoben wird, ohne deren Position klar zu übernehmen, und oft ohne eine kritische Einordnung.

EM: Welche Rolle spielen Begriffe wie »Genozid« oder »Apartheid« in der medialen Darstellung generell?

MG: In den von uns analysierten Qualitäts- und Leitmedien spielen diese Begriffe bislang eine eher untergeordnete Rolle. In Medien, die stärker durch eine eindeutige politische Ausrichtung geprägt sind, mag dies anders sein. Es gibt in regelmäßigen Abständen quantitative Anstiege, wenn Berichte von NGOs Israel Genozid vorwerfen, ebenso bei Ereignissen im Zusammenhang mit Anklagen gegen Israel vor internationalen Gerichten.

Darüber hinaus finden sich Zuschreibungen, Israel sei ein Apartheidstaat oder begehe Genozid, immer wieder in Zitaten, Äußerungen von Interviewpartner:innen oder Gastbeiträgen. Oft werden diese Äußerungen nicht adäquat eingeordnet oder kritisch hinterfragt. Als Zuschreibung von Journalist:innen scheinen Apartheid- und Genozidvorwürfe hingegen nur sehr selten vorzukommen.

EM: Sie arbeiten derzeit an einer Folgestudie, die die Medienanalyse breiter anlegen soll. Können Sie genauer beschreiben, wie diese Studie konzipiert ist?

JH: Unser Anliegen ist, die Erkenntnisse der Pilotstudie zu nutzen, auf einen größeren Zeitraum (2023–2025) anzuwenden und auch die Häufigkeiten sowie Veränderungen der von uns kritisierten Phänomene zu untersuchen. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit seit dem 7. Oktober 2023.

Dafür untersuchen wir zehn Print- und Onlinemedien mit einem aufwändigen Forschungsdesign: Einerseits untersuchen wir die Entwicklung von Themen mithilfe quantitativer Methoden, andererseits werten wir eine umfangreiche Stichprobe detailliert quantitativ und qualitativ aus. Dabei geht es uns unter anderem um die Fragen, wie verschiedene Akteur:innen dargestellt werden, wem Verantwortung zugeschrieben wird und welche Rollen die Konfliktparteien einnehmen. Analog zur Pilotstudie analysieren wir auch, inwiefern Antisemitismus in der Berichterstattung vorkommt.

EM: Welche vorläufigen Erkenntnisse zeichnen sich bereits aus dieser Studie ab?

MG: Wir sehen teilweise ähnliche Muster wie in der Pilotstudie, beobachten aber vor allem, wie der Krieg die Berichterstattung verändert. Denn nicht nur nimmt nach dem 7. Oktober 2023 der Umfang der Artikel drastisch zu und militärische Handlungen dominieren die Berichterstattung nahezu. Gleichzeitig findet im deutschen Kontext eine umfassende Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zu Israel, mit Antisemitismus, aber auch mit pro-palästinensischem und antiisraelischem Aktivismus statt.

Der Konflikt wirkt wie ein Katalysator für gesellschaftliche Dynamiken. Wenn wir also analysieren, wie in Deutschland über Israel berichtet wird, finden wir gleichzeitig etwas über die deutsche Gesellschaft heraus.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!