In der Türkei ist fast ein Drittel der Bevölkerung von Armut bedroht, sodass jedes dritte Kind hungrig zur Schule gehen muss.
Wie das Stockholm Center for Freedom unter Berufung auf die Nachrichtenwebsite Bianet berichtete, geht jedes dritte Schulkind in der Türkei ohne ausreichende Ernährung zum Unterricht, was ein deutliches Zeichen für die sich verschärfende Kinderarmut darstellt, die laut Interessenverbänden ein kritisches Ausmaß erreicht hat.
Laut einem neuen Bericht der Ankara Medical Chamber, einer Berufsvereinigung von Ärzten, die sich mit Fragen der öffentlichen Gesundheit befasst, leben derzeit 43,6 Prozent der Kinder in der Türkei in Armut. In den letzten sieben Jahren sei die Kinderarmut um vierzig Prozent gestiegen, so die Kammer. Der Bericht ergab, dass rund 25 Millionen Menschen – und damit fast ein Drittel der Bevölkerung – von Armut bedroht sind. Darunter wachsen 171.000 Kinder in Familien auf, die nicht einmal ihre grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen können.
Die in Istanbul ansässige Interessenvertretung Sulukule Volunteers Association hat nun eine Kampagne mit dem Titel »Sichern wir das Recht auf Ernährung in den Schulen« gestartet, um damit die Regierung aufzufordern, allen Schülern kostenlose und gesunde Mahlzeiten zu garantieren. Die Lern- und Entwicklungsfähigkeit von Kindern hänge direkt davon ab, ob sie jeden Tag ausreichend zu essen bekommen. Die Kampagne fordert eine kostenlose, ausgewogene Mahlzeit pro Tag für alle Kinder, wobei die Speisepläne in den Schulen auf das Alter und die Lebensmittelsicherheitsstandards abgestimmt sein sollten. Die Mahlzeiten müssten aus dem Staatshaushalt finanziert und ohne Stigmatisierung oder Diskriminierung ausgegeben werden.
Bereits im Schuljahr 2020/21 hatten das Gesundheits- und das Bildungsministerium einen Plan zur Bereitstellung kostenloser Schulmahlzeiten angekündigt, um Hunger und Wachstumsstörungen unter den Kindern zu bekämpfen, die häufig durch chronische Unterernährung verursacht werden, aber das Programm wurde nie umgesetzt.
Arbeit statt Bildung
Kritiker argumentieren, dass die Wurzeln des Problems in der Wirtschaftspolitik der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von Präsident Recep Tayyip Erdogan liegen. Zwar sind die staatlichen Ausgaben für die Armutsbekämpfung in den letzten Jahren stark gestiegen, doch hat die galoppierende Inflation ihren Wert wieder ausgehöhlt. Viele Familien sind heute auf Sozialhilfe angewiesen, die jedoch nicht ausreicht, um die grundlegenden Lebensmittelkosten zu decken.
Interessengruppen kritisieren auch die Bildungspolitik der AKP, weil sie Ressourcen in Richtung Privatschulen und den Religionsunterricht umleitet und öffentliche Schulen, an denen die meisten armen Kinder eingeschrieben sind, unterfinanziert lässt. Die Zahl der Privatschulen hat sich seit dem Machtantritt der Partei im Jahr 2002 fast verzehnfacht, während die staatlichen Budgets für die öffentliche Bildung hinterherhinken.
Das Ergebnis, so sagen Kinderrechtsgruppen, sei eine Generation, die hungrig aufwächst und oft schon früh zur Arbeit gezwungen wird. UNICEF stuft die Türkei in Bezug auf Kinderarmut als eines der Schlusslichter unter den reichen Nationen ein, da Familien zunehmend auf den Beitrag ihrer Kinder zum Haushaltseinkommen angewiesen sind. In Istanbul sammeln bereits Elfjährige Wertstoffe, um ihre Familien zu ernähren, und versäumen dabei oft den Unterricht.
Befürworter der kostenlosen Mahlzeiten warnen, dass ohne sofortige Investitionen in Schulernährungsprogramme der Hunger weiterhin Schüler aus den Klassenzimmern in die Arbeitswelt treiben wird. »Das grundlegendste Recht von Kindern ist das Recht, zu wachsen, zu lernen und sich zu entfalten«, erklärte die Sulukule Volunteers Association in ihrer Stellungnahme. »Dieses Recht kann ohne Nahrung nicht gewährleistet werden.«






