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»Der Antisemitismus von heute ist laut, global – und zutiefst irrational«

Brhan Leibman im Mena-Talk: »Der Antisemitismus von heute ist laut, global – und zutiefst irrational«

Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi erzählt die in Jerusalem lebende Influencerin und Aktivistin Brhan Leibman, warum sie nach dem 7. Oktober begann, ihre eigene Geschichte öffentlich zu erzählen, und weshalb sie sich seither bewusst gegen verbreitete Narrative über Israel und jüdische Identität stellt.

Leibman wurde in Äthiopien geboren und kam als Kind nach Israel. Ihre Biografie ist von einer vielschichtigen Identität geprägt, die sie lange selbst hinterfragte: »Was bestimmt mich zuerst? Dass ich Israelin bin? Dass ich Jüdin bin? Oder dass ich schwarz bin?«

Die Suche nach Zugehörigkeit erhielt durch die Ereignisse des 7. Oktobers eine neue Dringlichkeit. Während sie um Freunde bangte und mit der unmittelbaren Bedrohungslage konfrontiert war, erlebte sie zugleich eine Welle von Hass in den sozialen Medien. Besonders eindrücklich beschreibt sie einen Moment, in dem persönliche Trauer und digitale Feindseligkeit aufeinandertrafen: »Ich öffne Instagram und sehe in einer Story, dass einer meiner Freunde gestorben ist – und gleichzeitig lese ich in den Kommentaren, dass ich, Brhan, eine äthiopisch-jüdische Frau, eine weiße Kolonisatorin sein soll.«

Gegennarrativ zur »weißen Kolonisator«-These

Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist ihr Widerspruch gegen die verbreitete Darstellung Israels als koloniales Projekt. Sie verweist auf die historische Kontinuität jüdischer Präsenz und die Rückkehr aus der Diaspora. Juden seien aus Europa, Afrika und Asien nach Israel gekommen, und nicht als Kolonisatoren, sondern als ein Volk, das in seine historische Heimat zurückkehrt. Gleichzeitig differenziert sie ihre Position. Die Rückkehr der Juden bedeute nicht, dass palästinensische Ansprüche negiert werden sollten. Vielmehr plädiert sie für ein Zusammenleben, ohne die historische Dimension jüdischer Selbstbestimmung relativieren zu lassen.

Am Beispiel der äthiopischen Juden, der Beta Israel, verdeutlicht sie die Vielfalt jüdischer Identität. Deren Traditionen hätten sich über Jahrhunderte eigenständig entwickelt, mit eigenen religiösen Praktiken und einem starken Bezug zu Jerusalem als spirituellem Zentrum. »Ich begann, über die Geschichte und das Erbe der äthiopischen Juden zu sprechen. Damit wollte ich Brücken bauen. Zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften und auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.«

Der Wendepunkt ihres öffentlichen Engagements kam, als Leibman erkannte, dass andere begonnen hatten, ihre Identität für sie zu definieren. Daraus entstand der Anspruch, selbst die Deutungshoheit über ihre Geschichte zu übernehmen: »Niemand wird meine Geschichte erzählen. Ich bin diejenige, die ihre eigene Geschichte erzählen wird.« Seither nutzt sie soziale Medien gezielt, um über die Geschichte äthiopischer Juden aufzuklären und stereotype Vorstellungen zu durchbrechen.

Darüber hinaus reist sie als Sprecherin durch verschiedene Länder, insbesondere an Universitäten in den USA, wo sie auf teils stark polarisierte Publikumsschichten trifft. Dabei setzt sie bewusst auf die Kraft der persönlichen Begegnung. Allein ihre Präsenz stelle gängige Annahmen infrage, wie etwa die Vorstellung, Juden seien überwiegend »weiß« oder europäisch geprägt.

Polarisierung und Grenzen des Dialogs

Die Erfahrungen auf amerikanischen Universitätscampus beschreibt Leibman als ambivalent. Während Gespräche mit älteren Menschen häufig möglich seien, beobachte sie bei jüngeren, stark von sozialen Medien geprägten Gruppen eine zunehmende Verhärtung der Fronten. Teile dieser Generation seien »voll mit Hass«, was einen echten Dialog oft unmöglich macht. »Manchmal ist es frustrierend, manchmal erschöpfend, weil manche Menschen einfach nicht zuhören wollen. Manche schreien einen nur an, sie sind voller Hass – besonders junge Leute. Mit älteren Menschen fiel es mir oft leichter zu sprechen. Sie hatten zwar ihre Informationen und ihre Sicht auf die Dinge, aber sie waren bereit, mit mir ins Gespräch zu kommen.«

Gleichzeitig berichtet sie von Begegnungen, die Hoffnung machen. So habe sie etwa mit afroamerikanischen Gesprächspartnern in den USA trotz unterschiedlicher Perspektiven Diskussionen führen können, die von gegenseitigem Interesse und Respekt geprägt gewesen seien.

Ein wiederkehrendes Thema ist für Leibmann die Rolle von Desinformation auf Plattformen wie Instagram oder TikTok. Große Accounts verbreiteten gezielt verzerrte oder falsche Inhalte, die millionenfach rezipiert würden. Nachträgliche Korrekturen erreichten dagegen oft nur einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit.

Sie beschreibt Antisemitismus als ein Phänomen, das durch soziale Medien global verstärkt und zunehmend entgrenzt werde. Anders als bei anderen Konflikten würden Juden weltweit kollektiv verantwortlich gemacht und angegriffen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Reaktionen auf ihre eigene Arbeit wider. Die Bandbreite reicht von pauschalen Zuschreibungen bis hin zu offenen Drohungen. Dennoch verzichtet sie häufig darauf, solche Kommentare zu löschen. Stattdessen lässt sie sie sichtbar, um deren menschenverachtenden Charakter offenzulegen.

Konkret plädiert sie für stärkere jüdische Bildung, mehr Wissen über die Vielfalt jüdischer Geschichte und ein selbstbewusstes Auftreten in der Öffentlichkeit. Entscheidend sei, die eigene Identität nicht aus Angst zu verbergen, sondern aktiv zu leben. Und trotz der teils massiven Anfeindungen setzt die Aktivistin auf einen konstruktiven Ansatz. Sie spricht offen darüber, wie sie mit der Belastung umgeht, etwa durch Rückzug in die Natur, spirituelle Praxis und bewusste Selbstreflexion. Ihre Arbeit versteht sie dabei auch als Teil eines umfassenderen Ziels. Sie versucht, Brücken zu bauen und Missverständnisse über Israel und jüdisches Leben zu beseitigen und insbesondere innerhalb der jüdischen Welt ein stärkeres Gefühl gemeinsamer Zugehörigkeit zu fördern.

Die englische Originalfassung des Interviews finden Sie hier. Für weitere Mena-Talks besuchen Sie unseren Mena-Watch-YouTube-Kanal.

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