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Antisemitismus in Großbritannien: Das Klima hat sich verändert

Antisemitismus als neue Normaliät: Offene Solidaritätserklärungen für die Hamas stehen auf Londons Straßen auf der Tagesordnung. (© imago images/SOPA Images)
Antisemitismus als neue Normaliät: Offene Solidaritätserklärungen für die Hamas stehen auf Londons Straßen auf der Tagesordnung. (© imago images/SOPA Images)

In Großbritannien ist Antisemitismus nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 normalisiert worden. Immer mehr Juden wandern nach Israel aus.

Die Bilder aus London wirken inzwischen fast wie ein bedrückender Normalzustand: riesige Demonstrationen gegen Israel, aggressive Parolen, Polizeischutz vor Synagogen und jüdischen Schulen. Gleichzeitig steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle im Vereinigten Königreich massiv an. Dass britische Juden heute offen sagen, sie fühlten sich im eigenen Land nicht mehr sicher, wäre noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen.

Auch die Migration britischer Juden nach Israel scheint anzusteigen. In Tel Aviv treffe ich auf viele britische Juden, die meinen, nach Israel ausgewandert zu sein, da sich das Klima in London verändert hat und sie sich dort, wo sie aufgewachsen sind, nicht mehr sicher fühlen.

Doch diese Entwicklung begann nicht erst nach dem 7. Oktober. Der aktuelle Antisemitismus in Großbritannien hat eine längere politische Vorgeschichte.

Die Jahre unter Corbyn haben Spuren hinterlassen

Bereits während der Zeit Jeremy Corbyns an der Spitze der Labour Party wurde sichtbar, wie tief antisemitische Vorurteile in Teilen der britischen Linken verankert sind. Immer wieder gab es Skandale um antisemitische Aussagen innerhalb der Partei, um fragwürdige Kontakte Corbyns und um den Vorwurf, dass unter dem Deckmantel der Israelkritik alter Judenhass salonfähig geworden sei.

Breite Teile der jüdischen Gemeinde empfanden damals erstmals, dass sich eine der großen Parteien des Landes von ihnen entfremdet hatte. Der Schaden, den diese Jahre angerichtet haben, wirkt bis heute nach.

Nach dem 7. Oktober, mit dem Hamas-Massaker und dem Gaza-Krieg, hat sich die Stimmung im Land weiter aufgeheizt. In London finden seit Monaten beinahe jedes Wochenende große antiisraelische Demonstrationen statt. Offiziell richtet sich der Protest gegen die israelische Regierung. Auf den Straßen sind jedoch immer wieder Parolen zu hören, die weit darüber hinausgehen.

Kritiker werfen Politik und Polizei vor, problematische Entwicklungen lange unterschätzt zu haben. Viele Demonstrationen konnten über Monate hinweg nahezu ungestört stattfinden, obwohl es wiederholt Vorwürfe antisemitischer Hetze gab.

Die Medien spielen eine weitere Rolle der antisemitischen Legitimierung, beispielsweise steht die BBC seit Jahren unter Kritik. Gerade seit dem 7. Oktober werfen ihr viele vor, Israel einseitig darzustellen und antisemitische Tendenzen innerhalb der Protestbewegung zu relativieren oder zu verharmlosen.

Aus Worten wird Gewalt

Dass sich dieses Klima inzwischen auch in konkreter Gewalt niederschlägt, überrascht deshalb kaum noch. Ende April wurden in London zwei jüdische Männer bei einem Messerangriff schwer verletzt; die Tat wird als Terrorakt eingestuft. Kurz zuvor war ein Mann verurteilt worden, der einen Anschlag auf die israelische Botschaft in London geplant hatte.

Sogar Sicherheitsbehörden schlagen inzwischen ungewöhnlich deutliche Töne an. Londons Polizeichef sprach von der »größten Bedrohung«, der die britischen Juden jemals ausgesetzt gewesen seien, und bezeichnete die Entwicklung als eine »Epidemie des Antisemitismus«.

Das Problem reicht längst bis in die Politik

Antisemitische Rhetorik scheint sich inzwischen in den politischen Mainstream hineingeschoben zu haben. Zuletzt sorgte die Green Party für Schlagzeilen: Eine Kandidatin verbreitete über einen Anne-Frank-Parodie-Account Kommentare über das Töten von »Zionisten«. Israels stellvertretende Außenministerin bezeichnete den Vorsitzenden der britischen Grünen daraufhin als Extremisten, der durch seine Sprache Gewalt gegen Juden legitimiere.

Es wird oft darauf verwiesen, dass nicht jedes Argument gegen Israel als antisemitisch gedeutet werden kann, doch in Großbritannien scheinen diese Grenzen immer mehr zu verschwimmen. Darin könnte der Ursprung des Problems liegen.

Die jüdische Gemeinde fühlt sich alleingelassen

Vertreter der jüdischen Gemeinschaft werfen der Regierung vor, nicht entschlossen genug gegen antisemitische Gewalt vorzugehen.

Großbritannien galt lange als eines der stabilsten und liberalsten Länder Europas. Gerade deshalb wirkt die Entwicklung so alarmierend. Denn der aktuelle Antisemitismus kommt längst nicht mehr nur von extremistischen Randgruppen. Er entsteht zunehmend in einem gesellschaftlichen Klima, in dem antisemitische Aussagen relativiert, verharmlost oder als Teil legitimen Aktivismus dargestellt werden, weshalb viele britische Juden eine Auswanderung nach Israel trotz des andauernden Kriegszustandes vorziehen.

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