Im MENA-Talk mit Jasmin Arémi spricht der Gewerkschafter und Autor des Buches Antisemitismus und die AfD, Stefan Dietl, über die ideologischen Linien, entlang derer sich der Antisemitismus der Alternative für Deutschland entfaltet, und warum er so oft übersehen wird.
Jasmin Arémi (JA): Was hat Sie dazu bewogen, sich so intensiv mit dem Antisemitismus in der AfD zu beschäftigen?
Stefan Dietl (SD): Es waren im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen hatte ich den Eindruck, dass Antisemitismus in der AfD in der öffentlichen Debatte lange Zeit kaum eine Rolle spielte. Es wurde viel über den Rassismus der Partei gesprochen, über ihre wirtschaftspolitische Ausrichtung, aber antisemitische Ressentiments wurden weitgehend ausgeblendet. Das war für mich ein wesentlicher Antrieb, Vorträge zu halten, Artikel zu schreiben und schließlich das Buch zu veröffentlichen, auch vor dem Hintergrund des wachsenden Antisemitismus und seiner Renaissance im politischen Raum.
JA: Welche zentralen Thesen vertreten Sie in Ihrem Buch?
SD: Die erste These ist, dass Antisemitismus in der AfD kein Randphänomen ist, sondern einen zentralen Stellenwert in der Partei einnimmt. Zweitens argumentiere ich, dass die Selbstdarstellung der AfD als Garantin jüdischen Lebens und als Freundin Israels im Kern eine politische Inszenierung ist. Drittens geht es mir um den gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus. Die AfD kann sich nur deshalb so erfolgreich als »pro-jüdisch« inszenieren, weil sowohl die politische Linke als auch die liberale Öffentlichkeit im Umgang mit Antisemitismus versagen, insbesondere beim Erkennen und Benennen antisemitischer Muster.
AfD-Spezifik
JA: Was unterscheidet den Antisemitismus der AfD von anderen Strömungen der extremen Rechten?
SD: Das Besondere an der AfD ist, dass sie als Sammelbecken fungiert. Es sind christliche Fundamentalisten, katholische Traditionalisten, völkische Nationalisten und Nationalkonservative, die hier zusammenkommen. Aus diesen unterschiedlichen Strömungen speist sich ein vielschichtiger Antisemitismus, der aber durch gemeinsame verschwörungsideologische Vorstellungen, etwa die Idee einer geheimen, jüdisch codierten Elite, zusammengehalten wird.
JA: Wie äußert sich dieser Antisemitismus konkret im politischen Alltag und in den Diskursen der Partei?
SD: Das passiert auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Zum einen durch die Verbreitung antisemitischer Stereotype und Bilder in sozialen Medien. Wie etwa im Fall Michael Friedmans, als AfD-Akteure ihn mit der Schlagzeile »Der ewige Friedmann« attackierten oder wiederholt Vertreter jüdischen Lebens wie Charlotte Knobloch und Annette Kahane mit entsprechenden Bildern und Untertönen angegriffen wurden. Besonders deutlich wird der Antisemitismus aber im verschwörungsideologischen Bereich. George Soros fungiert hier als Projektionsfläche für klassische antisemitische Vorstellungen vom wurzellosen, zersetzenden Globalisten, der angeblich Nationen und Gesellschaften unterwandert.
Hinzu kommen Relativierungen antisemitischer Taten. Etwa nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019, den AfD-Vertreter als Tat eines »irren Einzeltäters« abgetrennt von Ideologie darstellten oder indem sie die jüdischen Opfer sprachlich von »den Deutschen« separierten. Parallel dazu gibt es eine lange Liste einzelner Skandale auf kommunaler und Landesebene sowie den Umstand, dass Protagonisten früherer Antisemitismus-Skandale wie Martin Hohmann in der AfD eine neue politische Heimat gefunden haben.
JA: Die AfD spricht häufig von »Einzelfällen«. Wie stichhaltig ist das?
SD: Bei Buchvorstellungen habe ich öfter AfD-Vertreter erlebt, die genau das behaupten. Ich verweise dann darauf, dass mein Buch über dreihundert Fußnoten umfasst, das ist eine ziemlich große Anzahl angeblicher Einzelfälle. Entscheidend ist, dass Antisemitismus in der Programmatik der AfD angelegt ist.
Die Partei führt einen Kampf gegen die Moderne, gegen Emanzipation, sexuelle Selbstbestimmung, Feminismus und Liberalismus und macht dafür »finstere Mächte« verantwortlich. Gerade der verschwörungsideologische Antisemitismus bildet ein verbindendes Element zwischen Strömungen, die sich sonst misstrauisch gegenüberstehen. Von marktradikalen Wirtschaftsliberalen bis zu völkischen Nationalisten. Hinzu kommt der geschichtsrevisionistische Antisemitismus. Vom Ortsverband bis zur Bundesspitze ist die Relativierung der Shoah und der Versuch, die deutsche Geschichte von der Verantwortung für den millionenfachen Mord an den europäischen Juden zu »reinigen«, ein zentrales Anliegen.
JA: Die AfD verweist auf jüdische Mitglieder und Wähler. Wie bewerten Sie das?
SD: Natürlich gibt es Jüdinnen und Juden, die AfD wählen oder Mitglied sind, so wie es in vielen Parteien jüdische Mitglieder gibt. Angesichts der geringen jüdischen Bevölkerungszahl in Deutschland ist das aber vor allem eine Inszenierung. Die Gruppe »Juden in der AfD« war in ihrer Hochphase kaum größer als ein Dutzend Mitglieder und fiel vor allem damit auf, prominente Vertreter jüdischen Lebens anzugreifen, etwa Charlotte Knobloch nach ihrer AfD-Kritik im Bayerischen Landtag. Dem gegenüber stehen klare Stellungnahmen fast aller maßgeblichen jüdischen Organisationen gegen die AfD, vom Zentralrat der Juden über Sportbund, Studierendenunion, Frauenbund bis hin zu zahlreichen Gemeinden.
Zugleich ist die AfD eine heterogene Partei, in der sich sehr unterschiedliche Milieus vom neoliberalen Flügel um Alice Weidel bis zum nationalkonservativen Lager um Alexander Gauland wiederfinden. In diesem Spektrum spricht die Partei auch Themen an, die viele in der übrigen Öffentlichkeit vernachlässigen, etwa den islamischen Antisemitismus.
JA: Welche Rolle spielen politische Kommunikation und Social-Media-Strategien bei der Verschleierung oder Verstärkung des Antisemitismus?
SD: Die AfD setzt extrem stark auf soziale Medien und erreicht dort mehr Menschen als alle anderen Bundestagsparteien zusammen. Plattformen wie TikTok begünstigen verkürzte, emotionalisierte Darstellungen, die Verschwörungserzählungen und Feindbildern entgegenkommen. Spannend ist, wie sich die AfD zum Thema Antisemitismus inszeniert. Zum Internationalen Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar etwa veröffentlichte sie empathisch klingende Posts zum Gedenken, während in den Kommentarspalten der Follower offen antisemitische Ressentiments zutage traten.
Studien zeigen, dass antisemitische Einstellungen in der Wählerschaft der AfD überdurchschnittlich verbreitet sind. Die Partei bemüht sich zugleich, nicht als antisemitisch zu gelten, vermeidet deshalb allzu offene antisemitische Aussagen und nutzt stattdessen Chiffren, etwa Soros-Karikaturen, in denen deutsche Politiker als Marionetten eines angeblich allmächtigen jüdischen Finanziers dargestellt werden.
Israelfreundlich?
JA: Passt die Selbstinszenierung als »Freundin Israels« zu Ihren Befunden?
SD: Im Kern handelt es sich um eine strategische Inszenierung. Die AfD thematisiert Antisemitismus fast ausschließlich, wenn er sich mit Migration und Flucht verknüpfen lässt, Stichwort »importierter« oder »migrantischer Antisemitismus«. Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft blendet sie weitgehend aus. Auffällig ist zudem, dass die AfD den politischen Islam weit weniger häufig fundiert kritisiert, als es die öffentliche Wahrnehmung nahelegt. Insbesondere im völkisch-nationalistischen Flügel gibt es inhaltliche Schnittmengen mit islamischen Fundamentalisten, etwa in der Ablehnung von Liberalismus, Frauenrechten und Moderne.
JA: Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die Beziehungen der AfD zum iranischen Regime. Wie sieht diese Verbindung aus?
SD: Ein prägnantes Beispiel ist Tino Chrupalla, der kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine forderte, mit dem Iran über Gaslieferungen zu verhandeln, und das ausgerechnet in einer Phase, in der das Regime die Proteste nach der Ermordung von Jina Mahsa Amini brutal niederschlug. Alexander Gauland erklärte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Islam gehöre zwar nicht zu Deutschland, aber sehr wohl zu anderen Ländern, in deren innere Angelegenheiten man sich nicht einzumischen habe – eine Formel, die der AfD erlaubt, sich gegenüber islamistischen Regimen wie dem in Teheran neutral bis wohlwollend zu positionieren.
Immer dann, wenn das iranische Regime innenpolitisch unter Druck gerät, stellt sich die AfD rhetorisch an dessen Seite, warnt vor »Flüchtlingswellen« und stilisiert den Iran als stabilisierende Kraft in der Region, obwohl das Regime offen mit der Vernichtung Israels droht. Konsequenterweise war die AfD nach der Eskalation im Nahen Osten auch eine der ersten Parteien, die ein Verbot von Waffenlieferungen an Israel forderte.
JA: Welche Rolle spielt der sekundäre Antisemitismus rund um den Holocaust-Gedenktag?
SD: In der AfD finden wir mehrere Ebenen des Umgangs mit der Shoah. Da finden sich klassische Relativierungen, wie etwa in der Rede von Alexander Gauland, der die NS-Zeit als »Vogelschiss« in tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte bezeichnete. Außerdem versucht die Partei, den Holocaust-Gedenktag kommunikativ umzudeuten. Man bezieht sich auf die Shoah, um verschärfte Abschiebungen und eine härtere Asylpolitik zu legitimieren, indem Antisemitismus fast ausschließlich als Problem »von außen« gefasst wird.
Im völkisch-nationalistischen Flügel wird die Erinnerung an die Shoah zudem explizit als »Schuldkult« diffamiert, der Deutschland angeblich daran hindere, seine »natürliche Führungsrolle« in der Welt wieder einzunehmen.
JA: Warum wird der Antisemitismus der Partei in Medien und Politik selten klar benannt?
SD: Ich glaube, ein Hauptgrund liegt darin, dass es in Deutschland nach wie vor Schwierigkeiten gibt, Antisemitismus überhaupt zu begreifen, zu erkennen und zu benennen. Wenn man Chiffren wie »Soros-Globalisten« oder »Soros-Eliten«, welche die AfD einsetzt, nicht als antisemitische Codes einordnen kann, dann erkennt man den Antisemitismus auch nicht.
In der deutschen Medienöffentlichkeit und Teilen des politischen Lagers wird Antisemitismus oft nur als bloße Ausgrenzung oder Diskriminierung von Juden verstanden. Es fehlt an der Vorstellung, dass Antisemitismus ein Weltdeutungs- und Welterklärungsmuster ist. Genau das sieht man in der AfD. Es dient dazu, alle negativen Erscheinungen der Gesellschaft und der Moderne zu erklären, indem man »die Juden« dahinter vermutet. Wer dieses Muster nicht erkennt und Antisemitismus auf eine Stufe mit Homosexuellen- und Queerfeindlichkeit oder Rassismus stellt, kann ihm nicht entgegentreten und es schon gar nicht klar benennen.
Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum Antisemitismus in der medialen und politischen Betrachtung der AfD so eine untergeordnete Rolle spielt. Man weiß schlicht nicht, was Antisemitismus wirklich ist. Das zeigt sich auch juristisch. In Gerichtsverfahren werden Anschläge auf Synagogen oder Farbattacken oft als »Israelkritik« oder Nahostkonflikt verharmlost. Teils heißt es sogar, nur wer sich positiv auf die Shoah bezieht, könne als Antisemit bezeichnet werden. Das ist ein viel zu enges Bild von Antisemitismus.
Die antisemitischen Ressentiments und Stereotype, welche die AfD bedient, sind in weiten Teilen der Gesellschaft durchaus gesellschaftsfähig. Diese Ideen finden sich nicht nur bei der AfD, sondern sind weit verbreitet und werden dort nur radikalisiert. Noch schlimmer finde ich allerdings, dass selbst unter jenen, die gegen die AfD auftreten, die Kundgebungen organisieren, Flugblätter schreiben und wichtige Arbeit leisten, der Antisemitismus der Partei kaum eine Rolle in der Betrachtung spielt.






