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Antisemitismus: »Man muss das ganze ideologische und psychopathologische Geflecht verstehen«

Zuletzt veröffentlichte der Autor Richard Schuberth das Buch Vom Antisemitismus, der keiner sein will. (Foto: Jana Madzigon)
Zuletzt veröffentlichte der Autor Richard Schuberth das Buch Vom Antisemitismus, der keiner sein will. (Foto: Jana Madzigon)

Im Gespräch mit Elisa Mercier beschreibt Richard Schuberth, zuletzt Autor des Buches Vom Antisemitismus, der keiner sein will, das Wahnhafte des gegen Israel gerichteten Antisemitismus der Gegenwart – und warum er sich gerade in progressiven Milieus als moralisch aufgeladene Kritik tarnt.

Elisa Mercier (EM): Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass sich Antisemitismus heute oft progressiv zeigt. Worin unterscheidet sich dies von rechten Varianten?

Richard Schuberth (RS): Einen Teil der Antwort gebe ich im Titel: Dieser Antisemitismus will kein Antisemitismus sein. Er hat in linken Milieus eine ganz spezifische Filiale aufgemacht.

Vorausschicken möchte ich, dass Antisemitismus zu oft so verwendet wird, als sei er ein eindeutiges, fertiges Konzept. Wenn wir ihn so essenzialisieren, gleichen wir selbst ein bisschen den Antizionisten, die den Zionismus als eine homogene Ideologie dämonisieren. Man kann Antisemitismus nicht auf Thesen verkürzen, sondern muss das ganze ideologische und psychopathologische Geflecht verstehen lernen.

Selbst in der »Israelkritik« vieler Linker manifestieren sich unterschiedliche Formen und Intensitäten. Ein wichtiger Faktor ist das »Jew Splitting«. Mit dem kritischen Fokus auf Israel glauben sich diese Kritiker frei von antijüdischen Ressentiments. Warum Israel eine – in Anbetracht so vieler internationaler Unterdrückungsszenarien – so überproportional wichtige Rolle einnimmt, bleibt unreflektiert, ebenso wie die Verwechslung des vernichtungsantisemitischen islamistischen Terrors von Hamas und Hisbollah mit einer antikolonialen Widerstandserzählung.

Er ist anschlussfähig, weil er sich eines sehr attraktiven Gerechtigkeitsnarrativs bedient und sich durch das Banner der humanen, der gerechten Sache immunisiert. So wie es beim alten rechten Antisemitismus gar nicht wirklich um reale Juden ging, ist auch das dämonisierte Israel eine Chimäre. Der alte rechte Antisemitismus sah in den Juden den probaten Sündenbock für alles, was in der kapitalistischen Moderne schief lief Die postmoderne dekoloniale Linke hingegen ächtet Israel als verspätetes Beispiel eines autoritären Nationalismus. Natürlich fungiert Israel auch bei der palästinasolidarischen Linken als Müllhalde unzähliger persönlicher und gesellschaftlicher Widersprüche.

Das Wahnhafte

EM: Die Antisemitismustheorie wertet Antisemitismus häufig als projektiven, teils wahnhaften Deutungsmodus. Worin besteht dieser »Wahncharakter«?

RS: Projektiv war bereits der antiimperialistische Antizionismus der Neuen Linken seit 1967. Die Free-Palestine-Bewegung ist eine als antikoloniale Solidarität getarnte Eschatologie. Und die Wahnsinnigsten unter ihnen tragen keine Alu-, sondern Doktorhüte. Es sind nicht irgendwelche psychisch labilen Spinner, sondern die intellektuellen Wortführer (zum Beispiel Butler, Mignolo, Malm), die sich – expressis verbis – von der Befreiung ihres palästinensischen Phantasmas, das heißt natürlich der Vernichtung ihrer ebenso wahnhaften Israel-Projektion, die Rettung der Welt versprechen. Unzählige unverarbeitete Konflikte werden in Israel projiziert. Deren Typologie findet sich ansatzweise in meinem Buch. Ein zentraler Punkt ist der westliche Selbsthass, den man durch Identifikation mit Gotteskriegern an Israel auslebt.

EM: Ihrer Ansicht nach imaginieren Antisemiten Juden nicht als unterlegen, sondern als übermächtig. Welche Folgen hat das für die Analyse politischer Debatten?

RS: Der ständig in seiner Souveränitätsillusion gekränkte Mensch sieht seine Geschicke von anonymen Mächten, vor allem dem abstrakten Kapital, bestimmt. Als Konkretion all dieser Heteronomie bietet sich der Jude an. Der aber zugleich schutzlos sozusagen das schwächste Glied der imaginären Elite darstellte. Um sich an Schwäche zu vergreifen, muss diese zunächst als unfassbare, übermächtige Bedrohung eingebildet werden.

Mit seiner Wehrhaftigkeit machte Israel diesem Bedürfnis einen Strich durch die Rechnung. Womit es noch mehr Wut auf sich zog. Deswegen diese Überidentifikation mit den Palästinensern, die ansonsten keine unterdrückte Gruppe dieser Welt erfährt. Umfragen zur geschätzten Größe des Staates Israel zeitigen erwartungsgemäß ein Vielfaches seiner realen Größe. Die Phantasmen von der zionistischen »Epstein Class« und all den jüdischen Lobbys sind ja nur die verrückten Extremformen eines Kontinuums, an dessen anderem Ende eine angeblich seriöse Israelberichterstattung steht, die seit Jahrzehnten Israel als Strippenzieher und imperialen Aggressor framet.

EM: Welche Rolle spielen die Fixierung auf den Nahostkonflikt und selektive Empathie im Selbstverständnis linker Milieus?

Der 7. Oktober war ein großer Einschnitt. Ein von der Hamas und dem Iran wohlkalkulierter. Diese gespenstische Gefühllosigkeit gegenüber den israelischen Opfern, das zu Beginn verzagt, dann immer offener bekundete Verständnis für die Täter und schließlich der an verschiedenen Fronten gleichzeitig losschießende Hass wegen der nun folgenden Vergeltungsmaßnahmen … So als müsste man jetzt alles tun, dass sich der ewige Sündenbock Israel ja nicht in die Opferrolle zurückschleicht.

Dieses in Jahrzehnten aufgebaute Zerrbild von Israel als schlimmstem Kolonialverbrecher, Völkermörder, Unterdrücker unserer Zeit würde durch den wohl sehr heftigen Vergeltungskrieg Israels und eine rechtsnationalistische Regierung endlich wahr werden und die falschen Projektionen auf Israel im Nachhinein rehabilitieren. Wenn alle das Gleiche glauben, wird es irgendwann zur konsensualen Wahrheit.

Zwei wichtige tiefenpsychologische Aspekte: Einerseits will eine progressive Mittelstandsjugend die Vorzüge einer liberalen Gesellschaft nicht aufgeben, andererseits nötigen sie ihre postkolonialen Theorien, sich dafür zu hassen. Dieser unbewältigte Widerspruch lässt sich stellvertretend für sich selbst an Israel ahnden, und natürlich lassen sich hinter der Einbildung eines gerechten antikolonialen Zorns an den Juden destruktive, sadistische Impulse abführen, die man sich aufgrund des humanistischen Selbstverständnisses nicht einzugestehen traut. Ohne es zu wollen und zu wissen, brechen sich hier ähnliche antisemitische Bedürfnisse Bahn, die schon den Antisemitismus vor 100 Jahren bestimmten.

Falsche Solidarität

EM: Ihnen zufolge untergräbt Antisemitismus reale palästinensische Interessen, weil er rationale Analyse verdrängt. Wie sähen Positionen aus, die Antisemitismus vermeiden und das Leid auch auf palästinensischer Seite ernst nehmen?

RS: Ebenso wie die Israelis fungieren die Palästinenser als projektives Zerrbild. Wie in vielen antiorientalistischen und postkolonialen Diskursen wirkt eine zugeschriebene Opferrolle dehumanisierend. Warum? Weil diese sie zu Objekten macht. Die Solidarischen laden an ihnen Konflikte ab, die nichts mit ihnen zu tun haben. Besonders krass merkt man das an der Solidarität, welche ihnen die Queerszene aufdrängt und die sie nicht haben wollen.

Die Anerkennung des realen Leids der Palästinenser kann nur über die Anerkennung israelischen Leids sowie des Existenzrechts Israels geschehen. Das setzt eine vorurteilsfreie Beschäftigung mit der verwirrenden historischen Genese des Konflikts voraus, die sich gegen jede einseitige Moralisierung sträubt.

Unglaubwürdig ist auch die Anerkennung dieses Leids, die seine Mitverursacher nicht auf Seiten der palästinensischen Eliten sucht, der arabischen Bruderstaaten, der islamistischen Ideologie. Die haben diese Menschen als antizionistisches Menschenmaterial missbraucht und fanden im permanent angefachten Hass auf Israel ihre Machtbasis. Jeder Versuch eines Ausgleichs, letztlich einer Zweistaatenlösung, wurde durch sie vereitelt. Fanatisierung und Hass als Fundament der eigenen fragilen Identität lassen die Vermutung zu, dass diese Gesellschaft nur durch Leid und Hass zusammengehalten wird.

EM: Kommen wir zu den Unterstützern Israels: Wie würden Sie die israelsolidarische Szene beschreiben und wo hat diese vielleicht inhaltlich blinde Flecken?

RS: Da gibt es alles. Ich zähle mich zum linken Flügel. Einem Milieu, das die notwendige Kritik an Netanjahus Machiavellismus und seinen faschistischen Regierungspartnern von antisemitischen Delegitimierungsversuchen und Israelhass freihalten will.

Es gibt auch die linke Position, die israelischen Rechten zwar abzulehnen, aber in Netanjahu so etwas wie ein dialektisches Werkzeug der Geschichte zu sehen, das mit seinen Feinden die Sprache spricht, die es einzig versteht. Ich verstehe solche Standpunkte, teile sie aber nicht. Was mich in Teilen der israelsolidarischen Szene immer wieder befremdet, ist ein antiarabischer Rassismus und die völlige Empathieverweigerung gegenüber realem palästinensischem Leid.

Obwohl ich seit Jahrzehnten die Positionen der Israelsolidarischen kenne und großteils teile, hat mich diese religionsartige Fixiertheit oft befremdet. So wie bei den Linken aus Kapitalismus- irgendwann Zivilisationskritik wurde, haben Antideutsche viele Prämissen der Kritischen Theorie zu einer metaphysischen Endzeitfrage hochstilisiert und machen Antisemitismus und die Existenz Israels zum Prüfstein von Zivilisation schlechthin.

Nun gut, auch diese Position teile ich, bis auf ihre alles durchdringende Totalität. Sie beschäftigen sich nicht nur mehr mit nichts anderem, sondern sortieren den Wert aller Weltphänomene nach ihrer kausalen Nähe zum Israel- und Antisemitismus-Ding. In gewisser Hinsicht sind sie so apologetisch wie ihre Gegner, oft mit einem Exotismus, der alles Jüdische essenzialisiert.

Vielschichtigkeit erfassen

EM: Welche Strategien könnten geeignet sein, um dem extremen Israelhass und Antisemitismus in politischen Milieus entgegenzuwirken?

RS: Darauf kann ich nur eine paradoxe Antwort geben. Mit rigider Verständnisverweigerung und großherzigem Verständnis. Man sagt, Antisemiten seien aufklärungsresistent. Das hängt vom Schweregrad ab, ich vergleiche das immer mit Vampirbissen. Ich glaube, viele Trittbrettfahrer dieser Verirrungen sind rückholbar. Und selbst wenn Aufklärung gar nichts brächte, wir haben nichts anderes, um nicht selbst verrückt zu werden.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele dieser Figuren feige, autoritätshörige Seelen sind. Konzessionen in der Diskussion werden von ihnen als Schwäche aufgefasst und füttern ihr Stärkegefühl. Das korrespondiert mit antisemitischem Bewusstsein, ist aber, wie schon gesagt, auch bei vielen Israelsolidarischen häufig. Entschiedenheit und Härte in der Position bringen einem oft mehr Respekt ein, zumindest bestätigt es ihre Vorurteile. Man muss gute Menschenkenntnis entwickeln dafür, wann harte Bandagen nötig sind und wann didaktische Einfühlsamkeit der bessere Weg ist. Oft sind es gar nicht die Argumente, die überzeugen, sondern das Gefühl, ernst genommen zu werden und mit Würde aus seinen Irrtümern aussteigen zu dürfen.

Doch wer sagt, dass wir es besser wissen? Und dort setzt der eigentliche Hebel der Antisemitismusprävention an. Es bedarf der Eigenanalyse. Bevor wir andere als Antisemiten brandmarken, sollten wir erkennen, welche charakterlichen Dispositionen und ideologischen Anfälligkeiten uns mit diesen verbinden. Oft haben die nicht das Geringste mit Juden zu tun, aber mit Vorstellungen, die sehr gut in Antisemitismus transformierbar sind. Antiintellektualismus etwa und das Bedürfnis nach Eindeutigkeit. Und auch der Antisemitismusvorwurf kann als Projektion unbewältigter eigener Persönlichkeitsanteile funktionieren.

Es mag für einen alten Materialisten wie mich seltsam klingen, aber da Antisemitismus ohne Psychologie nicht verstehbar ist, muss Prävention sehr früh in der Persönlichkeitsbildung, das heißt, der Ich-Stärkung ansetzen. Um die Realität zu verändern, muss sie erkannt und in all ihrer Inkohärenz ausgehalten werden, anstatt sie mit ideologischen Wunschbildern zu übermalen. Ambivalenzkunde und Ambiguitätstoleranz sollten, wenn schon nicht Schulfächer, so jungen Menschen unbedingt zugemutet werden. Sie sollten dazu animiert werden, durchaus überheblichen Stolz zu empfinden, wenn sie etwas in seiner Vielschichtigkeit erfassen, und Scham, wenn sie zur jeweils simpelsten und konformistischsten Erklärung tendieren. Das ist zwar keine Waldorfpädagogik, aber notwendig zum Überleben von Zivilisation, und würde neben dem Antisemitismus auch den meisten anderen Verkürzungen und Verzerrungen den Nährboden entziehen.

(Zum Interviewpartner: Richard Schuberth lebt als nicht ganz freier Autor in Wien. Zu seinen jüngsten Buchpublikationen zählen neben dem eingangs erwähnten Antisemitismus-Buch der Roman Der Paketzusteller sowie die gedichte, beides erschienen im Drava Verlag.)

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