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»Antisemitismus aus den unteren Klassen wurde als fehlgeleiteter Antikapitalismus verstanden«

Olaf Kistenmacher im Mena-Interview über den Antisemitismus in der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik
Olaf Kistenmacher im Mena-Interview über den Antisemitismus in der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik (Bild: ca ira Verlag)

Im Gespräch mit Elisa Mercier beleuchtet der Autor und Journalist Olaf Kistenmacher den Antisemitismus in der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik, das fast vergessene Pogrom im Berliner Scheunenviertel und die Traditionslinien bis in die Gegenwart.

Elisa Mercier (EM): Betrachtet man aktuelle politische Bewegungen, etwa die propalästinensische Szene, fällt auf, dass in ihr Vertreter von sich widersprechenden Denkrichtungen aktiv sind, etwa Postkolonialisten und Sozialisten. Wie passt das zusammen?

Olaf Kistenmacher (OK): Es gibt ideologische Klammern. Vermeintlich proarabische und antizionistische Positionen haben in der Linken eine lange Tradition. Bei der Kommunistischen Partei Deutschlands, mit der ich mich intensiv beschäftigt habe, führte diese Haltung schon 1929 dazu, die antisemitische Gewalt im britischen Mandatsgebiet Palästina als antiimperialistischen Aufstand zu verklären und den Antisemitismus zu leugnen. 133 Jüdinnen und Juden wurden damals ermordet, unter ihnen viele Kinder.

Der Antizionismus ist oft Teil eines schematischen Antiimperialismus. Für den kommt der Imperialismus ausschließlich von westlichen Staaten. Der Zionismus, Jüdinnen und Juden in Palästina und später Israel, erscheinen in einem solchen Weltbild als Agenten des Westens, also des Imperialismus, während die arabische Bevölkerung lediglich Opfer sein soll. Hinzu kommt: Linke Theorie dient immer auch als Mittel, um Politik zu betreiben. »Palästina ist gut, Israel ist böse« – mit solchen Simplifizierungen lassen sich viele Menschen mobilisieren. Dabei wird immer abgewogen, welche Inhalte zu welchem Zweck eingesetzt werden können, selbst wenn dies zu krassen Widersprüchen führt. Das nimmt man in Kauf.

Nationaler Kurs

EM: Solche Brüche gab es in der Linken bereits: Die KPD führte wiederholt Veranstaltungen mit der NSDAP oder anderen Rechtsextremen durch, unter Arbeitern war Antisemitismus verbreitet, es kam zu Gewalt gegen Juden.

OK: Obwohl die KPD den Judenhass stets verurteilte, hat sie bestimmte Formen des Antisemitismus gleichzeitig geschürt. Das lässt sich am Beispiel des lange Zeit vergessenen Pogroms im Berliner Scheunenviertel zeigen. Am 5. November 1923 kam es in diesem dicht besiedelten, armen Stadtteil, in dem viele osteuropäische Juden lebten, zu antisemitischen Ausschreitungen. Die Gewalt richtete sich vor allem gegen jüdische Geschäfte, Wohnungen und Personen.

Nachdem Sozialämter den wartenden Arbeitslosen mitgeteilt hatten, an diesem Tag keine Sozialgelder mehr auszahlen zu können, verbreitete sich das Gerücht, jüdische Händler hätten das Notgeld aufgekauft. Daraufhin marodierten Tausende durch das Viertel. Die Polizei griff erst spät ein. Das Pogrom ereignete sich in einer Zeit großer Instabilität mit einer Inflationskrise, massenhafter Arbeitslosigkeit, eine nationalistische Welle ging durch das Land. Kurz nach dem Pogrom versuchte die NSDAP unter Adolf Hitler einen Putsch.

EM: Zuvor hatte die KPD ihren politischen Kurs geändert, oder?

OK: Ja. Für das Jahr 1923 erwartete die Kommunistische Internationale eigentlich die Revolution in Deutschland. Um noch mehr Menschen für sich zu gewinnen, suchte die KPD im Sommer dieses Jahres im rechtsextremen, völkischen Milieu nach neuen Anhängern. Hermann Remmele, führendes Mitglied der Partei, trat auf einer Versammlung der NSDAP auf. Das hatte es zuvor in der Geschichte der Linken nicht gegeben. Karl Radek, quasi der Botschafter der Kommunistischen Internationale (Komintern), gab den Schlageter-Kurs vor, der Fokus der KPD müsse noch stärker auf patriotischen und nationalen Themen liegen.

Der Nationalismus hatte allerdings völkische Züge und knüpfte an das antisemitische Denken an, Juden seien »Fremdkörper«, die sich nicht in ein »Volk« und in die Nationen einfügten. Der Schlageter-Kurs wurde auch von KPD-Mitgliedern aus jüdischen Familien mitgetragen, etwa von der späteren Parteivorsitzenden Ruth Fischer. In einer Rede sagte sie, wer gegen das »Judenkapital« aufrufe, sei bereits Klassenkämpfer.

EM: Wie reagierten die linken Arbeiterparteien auf das Pogrom?

OK: Die KPD und die SPD verurteilten es. Zugleich war innerhalb der linken Parteien die Vorstellung verbreitet, das Proletariat könne nicht antisemitisch sein. Der Antisemitismus aus den unteren Klassen wurde als fehlgeleiteter Antikapitalismus verstanden. Das war nicht nur grundsätzlich falsch, in Hinblick auf das Scheunenviertel war es auch absurd. Dort war bekanntermaßen kein Kapital zu Hause, sondern dort lebten die Ärmsten der Armen.

Zum Antisemitismus gehörte seit Jahrhunderten die Verknüpfung von Juden mit Geld, Profitgier, Kapital. Leider hat Karl Marx in seiner – gegen den Antisemitismus von Bruno Bauer gerichteten und die Emanzipation der Juden fordernden – Schrift Zur Judenfrage aus dem Jahr 1844 diese Stereotype zugleich auch reproduziert und dadurch gewissermaßen geadelt. Zwar widersprach Friedrich Engels 1890 Marx an diesem Punkt und betonte, jüdische Proletarier gehörten zu den am stärksten Unterdrückten. Aber für die Geschichte des organisierten Proletariats blieb Marx’ Position prägend.

Linke Kritik

EM: Welche Linken stellten sich dem Antisemitismus entgegen?

OK: Es waren durchaus prominente Einzelpersonen. So befasste sich etwa Rosa Luxemburg bereits 1910 mit dem Antisemitismus unter polnischen Sozialisten und analysierte ihn als Folge von deren Nationalismus. Leo Trotzki schrieb 1937 die erste umfassende Analyse des Antisemitismus unter Stalin und betonte darin seine auch taktische Nutzung, etwa, um innerparteiliche Gegner zu entmachten.

An Luxemburg knüpften Linke an, für die Marx’ Anspruch, »alle Verhältnisse umzuwerfen,in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, den Kampf gegen linken Antisemitismus einschloss. Dazu gehörten Franz Pfemfert, Gründungsmitglied der KPD, der die Partei aber 1920 schon wieder verlassen hatte, und der Anarchosyndikalist Rudolf Rocker. Nach Rocker widersprach der 1923 eingeschlagene Schlageter-Kurs der KPD dem »Geist des Sozialismus«. 1929 erschien überdies im Zentralorgan der um Heinrich Brandler und August Thalheimer gebildeten KPD-Opposition eine der ersten Kritiken des Antizionismus der KPD.

EM: Was genau versteht man unter dem Schlageter-Kurs der KPD?

OK: Albert Leo Schlageter war Mitglied rechtsextremer, antikommunistischer Freikorps. Er agitierte 1923 im von Belgien und Frankreich besetzten Ruhrgebiet, wurde von der französischen Militärverwaltung verhaftet und wegen Spionage hingerichtet. Rechtsextreme stilisierten ihn zum Märtyrer. Doch auch Teile der KPD sympathisierten mit ihm, obwohl in der KPD bekannt war, dass Schlageter 1920 an einem Überfall auf Arbeiter beteiligt gewesen war.

EM: Sie haben den Antizionismus der KPD genannt. Können Sie dies genauer erklären?

OK: Für Linke ist das Konzept des Imperialismus essenziell, es zieht sich durch das gesamte 20. Jahrhundert. Der Imperialismus wird oft aber nur im Westen verortet und nie etwa in China, der Sowjetunion oder heute in Russland. Der Zionismus, auch der Arbeiterzionismus, wurde wie gesagt bereits in den 1920er Jahren von der KPD mit dem Imperialismus verknüpft und abgelehnt. Anders als bei Pogromen in Russland oder Polen verurteilte die KPD die antisemitische Gewalt in Palästina nicht. Der arabische Nationalismus wurde im Parteiorgan Rote Fahne gefeiert.

Den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 sahen und sehen viele, die sich als links verstehen, als antikolonialen Befreiungskampf – trotz der Morde an Kindern, trotz der Vergewaltigungen und obwohl sich die Gewalt gegen Kibbuzim richtete, die sich für eine friedliche Koexistenz mit den Palästinensern eingesetzt haben. Dass die Hamas einen jüdischen Staat ablehnt, wird ignoriert und geleugnet. Die historischen Wurzeln des linken Antisemitismus reichen also weit zurück. Der Antizionismus bekam nicht erst nach 1948 antisemitische Züge.

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