Geraune über angebliche False-Flag-Aktionen geht oft Hand in Hand mit antisemitischen Verschwörungserzählungen.
Der Bürgermeister der englischen Stadt Bath, Bharat Pankhania, ist zurückgetreten, nachdem er in sozialen Netzwerken Beiträge verbreitet hatte, die nahelegten, ein Brandanschlag auf Rettungsfahrzeuge einer jüdischen Hilfsorganisation sei von Israel inszeniert worden. Er gehört der Liberaldemokratischen Partei an.
In der Nacht auf den 23. März waren in Golders Green, einem Wohngebiet im Norden Londons mit einer großen jüdischen Gemeinde, vier Rettungswagen des ehrenamtlich organisierten Rettungsdienstes Hatzola Northwest in Brand gesteckt worden, die vor einer Synagoge geparkt waren. Zwei britische Männer im Alter von 47 und 45 Jahren, die unter dem Verdacht der Brandstiftung mit Gefährdung von Menschenleben festgenommen worden waren, wurden gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.
In den von Pankhania über seinen privaten Account auf der Plattform X verbreiteten Beiträgen wurde der Brandanschlag als sogenannte »False-Flag«-Aktion Israels dargestellt. Zudem teilte er zwei weitere Posts, in denen behauptet wurde, es handle sich um Versicherungsbetrug.
Als »False Flag« bezeichnet man Aktionen, die bewusst so inszeniert werden, dass sie einem Gegner zugeschrieben werden können. Der Überfall auf den Sender Gleiwitz gilt als klassisches Beispiel für eine False-Flag-Aktion. Dabei handelte es sich um eine von den Nationalsozialisten inszenierte Attacke am 31. August 1939 auf einen deutschen Radiosender nahe der polnischen Grenze. Ziel war es, den Eindruck zu erwecken, Polen habe Deutschland angegriffen. Diese fingierte Aktion diente als propagandistischer Vorwand für den Beginn des Zweiten Weltkriegs am folgenden Tag. Typisch für eine False-Flag-Operation ist genau dieses Muster: Ein Angriff wird so dargestellt, als käme er vom Gegner, um eigene militärische oder politische Maßnahmen zu rechtfertigen.
Bürgermeister entschuldigt sich und tritt zurück
Zwar entschuldigte sich Pankhania in der vergangenen Woche zunächst für sein Verhalten, doch wie am Dienstag bekannt wurde, hat er sowohl sein repräsentatives Amt als Bürgermeister als auch sein gewähltes Mandat im Stadtrat von Bath und North East Somerset niedergelegt. Von letzterem war er zuvor bereits suspendiert worden.
In einer Erklärung teilte die liberaldemokratische Ratsfraktion von Bath und North East Somerset mit, dass Pankhanias Rücktritt angenommen worden sei. Darin heißt es:
»Ratsherr Bharat Pankhania hat seinen Rücktritt vom Amt des Bürgermeisters von Bath sowie aus der Liberaldemokratischen Fraktion im Rat von Bath und North East Somerset angeboten, aus der er zuvor bereits suspendiert worden war. Beide Rücktritte wurden angenommen. Ratsherr Pankhania hat sich erneut für seine Aktivitäten auf X entschuldigt und betont, dass er sein Leben lang mit allen Gemeinschaften zusammengearbeitet habe, zugleich aber den von ihm verursachten Schmerz anerkennt. Mit seinem Rücktritt übernimmt er klar persönliche Verantwortung für sein Handeln. Als Fraktion und als Partei lehnen wir Diskriminierung in jeder Form ab und bekräftigen unsere Haltung gegen Antisemitismus.«
In seinem eigenen Statement erklärte Pankhania, er habe die Beiträge »selbstverständlich gelöscht« und wolle sich »vorbehaltlos entschuldigen«.
Raunen über den 11. September
Immer wieder wird in antisemitischen Kreisen behauptet, Israel stehe hinter Ereignissen, die gerade Schlagzeilen machen, oft verbunden mit dem False-Flag-Motiv. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstanden neben den gesicherten Erkenntnissen auch zahlreiche Verschwörungserzählungen. Einige davon drehten sich um angebliche False-Flag-Operationen; sie versuchten, Israel oder jüdische Akteure als Drahtzieher der Terrorakte darzustellen.
Zu den bekanntesten Mythen gehört die Behauptung, 4.000 Juden seien am 11. September nicht zur Arbeit erschienen, weil sie vorab gewarnt worden seien. Kaum nötig, zu betonen, dass es dafür keine Belege gibt. Tatsächlich waren unter den bei den Anschlägen Getöteten auch Hunderte Juden.
Die Behauptung tauchte erstmals am 17. September 2001 im Al-Manar-Fernsehen der Hisbollah auf. Der Kommentator behauptete, Israelis, die im World Trade Center arbeiteten, seien »bemerkenswerterweise nicht zur Arbeit erschienen«.
Die Zahl 4.000 stammt offenbar aus einem Artikel mit dem Titel »Hunderte Israelis nach Anschlag auf das World Trade Center vermisst«, der am 12. September in der Online-Ausgabe der Jerusalem Post erschien. Darin hieß es: »Das Außenministerium in Jerusalem hat bisher die Namen von 4.000 Israelis erhalten, die sich zum Zeitpunkt der Anschläge mutmaßlich im Bereich des World Trade Centers und des Pentagons aufhielten« – also in New York City und Washington, D.C.
Die vorläufige Schätzung, dass sich Anfang September 2001 etwa 4.000 Israelis in zwei der größten Ballungsräume der USA aufgehalten hatten, wurde dann zu der falschen Behauptung umgedeutet, dass 4.000 Israelis oder Juden am 11. September nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen waren. Weiter ausgeschmückt wird diese Falschmeldung, indem hinzugefügt wird, die im World Trade Center arbeitenden Juden seien vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad gewarnt worden, an diesem Tag nicht zur Arbeit zu gehen. Eine damit zusammenhängende Falschbehauptung ist, dass der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon zwei Tage vor den Anschlägen angeblich eine Reise nach New York abgesagt habe.
»Tanzende Israelis«
Eng damit verknüpft ist die Erzählung von den angeblich »tanzenden Israelis«. Mehrere israelische Staatsbürger wurden am Tag der Anschläge in New Jersey festgenommen, nachdem sie beim Filmen des Geschehens beobachtet worden waren. In Verschwörungserzählungen wurde daraus die Behauptung, sie hätten die Anschläge gefeiert oder im Voraus davon gewusst. Die Ermittlungen des FBI ergaben jedoch keine Hinweise auf eine Beteiligung oder ein Vorwissen, und die Personen wurden rehabilitiert. Neben den Israelis wurden nach den Anschlägen Tausende weitere Menschen vorübergehend verhaftet, doch nur die festgenommenen Juden beflügelten die Fantasie.
Ein weiteres Element ist die Geschichte um die Firma Urban Moving Systems. Einige der festgenommenen Männer arbeiteten für dieses Unternehmen. Dass die Firma kurz nach den Anschlägen geschlossen wurde und ihr Eigentümer nach Israel ausreiste, wurde später als vermeintlicher Beweis für eine Geheimdienstverbindung interpretiert.
Aktuelle Beispiele
Im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg behauptete der ehemalige Fernsehmoderator Tucker Carlson, in Katar — Carlsons Wahlheimat — seien Mossad-Agenten festgenommen worden, die im Begriff gewesen seien, Anschläge auf Infrastruktur zu verüben. In Wahrheit haben die katarischen Behörden nach eigenen Angaben Agenten der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) verhaftet.
Eine andere antisemitische Behauptung aus den letzten Monaten lautet, Charlie Kirk, der im September vergangenen Jahres ermordete Gründer der konservativen Organisation Turning Point US, sei vom Mossad getötet worden. Kirk war sehr proisraelisch. Die Influencerin Candace Owens, die seit Jahren antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, mutmaßte, Kirk habe sich von seiner pro-israelischen Haltung abwenden wollen und sei deshalb ermordet worden. Kirks Witwe Erika versuchte, ihr das in einem persönlichen Treffen auszureden, vergeblich. Owens behauptet auch, Erika Kirk werde seit Jahren von »ägyptischen Flugzeugen verfolgt«, die im Dienste Israels stünden.
Gerade wenn, wie im Fall der Rettungswagen, Terroranschläge auf jüdische Ziele verübt werden, spielen Antisemiten oft die False-Flag-Karte. In Internetforen war das etwa eine häufige Behauptung nach dem Schusswaffenanschlag vor dem Jüdischen Museum in Washington D.C. im vergangenen Jahr, bei dem zwei Angestellte der israelischen Botschaft getötet wurden. In diesem Fall hieß es etwa, Israel wolle dadurch »vom Hunger in Gaza ablenken«.
Für Krawalle in Dublin im November 2023, rund sechs Wochen nach dem 7. Oktober, machten zahlreiche Nutzer in den sozialen Medien ebenfalls den israelischen Geheimdienst verantwortlich. Ein Jahr zuvor war der Mossad bezichtigt worden, hinter dem versuchten Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie zu stecken. In Wahrheit war er von einem Islamisten begangen worden, der dem berüchtigten Mordaufruf von Khomeini aus dem Jahr 1989 folgen wollte.
Verschwörungstheorie
Der Antisemitismus bringt deshalb ständig neue Verschwörungstheorien hervor, weil er seinem Wesen nach selbst eine Verschwörungstheorie ist: eine, die besagt, die Juden der Welt hätten sich verschworen, um Böses gegen die Menschheit zu unternehmen – rund um die Uhr würden sie sich diesem Ziel widmen. Im Glauben des mittelalterlichen Antijudaismus stand der Teufel an der Spitze dieser Verschwörung, im zeitgenössischen Antisemitismus ist es der Staat Israel. Der »Zionismus« wird dabei als weltumspannendes Netz von Regierungen, Banken und Konzernen dargestellt und als Triebkraft hinter politischen Ereignissen in jedem Winkel der Erde, zuletzt etwa auch in Venezuela.
Diese Vorstellungen lassen sich bis zum Hauptwerk des modernen Antisemitismus zurückverfolgen, den Protokollen der Weisen von Zion. Das mit Geld von Henry Ford in zahlreiche Sprachen übersetzte Werk gibt vor, das Protokoll der Sitzung einer Versammlung einflussreicher Juden aus aller Welt zu sein, das ihre finsteren Pläne für die Weltherrschaft zu Papier bringt.
Obwohl die Protokolle erfunden sind, enthalten sie eine auffällige Logik: Ereignisse, Krisen und politische Konflikte sollen demnach gezielt inszeniert oder gesteuert werden, während die Öffentlichkeit die wahren Urheber nicht erkennt. Bereits in den ersten Abschnitten wird beschrieben, dass verschiedene politische Lager – Monarchisten, Sozialisten, Revolutionäre – gleichzeitig von den Juden gelenkt werden sollen:
»Wir haben Personen aller Meinungen und aller Lehren in unserem Dienst: restaurative Monarchisten, Demagogen, Sozialisten, Kommunisten und utopische Träumer jeder Art.
Wir haben sie alle für unsere Aufgabe eingespannt: Jeder einzelne von ihnen untergräbt auf eigene Weise die letzten Reste der Autorität und strebt danach, jede bestehende Ordnung zu stürzen.
Durch diese Handlungen befinden sich alle Staaten in Qual; sie rufen nach Ruhe, sind bereit, alles für den Frieden zu opfern. Doch wir werden ihnen keinen Frieden gewähren, bis sie offen unsere internationale Überregierung anerkennen – und sich ihr unterwerfen.«
Die angeblichen Verschwörer würden so Unruhe erzeugen, die wie das Ergebnis unzusammenhängender Konflikte wirkt, in Wahrheit aber strategisch kontrolliert ist. In den mittleren Protokollen (3–7) findet sich die explizite Darstellung von Terror und Gewalt als Mittel zur Schwächung von Staaten: Angst und Chaos sollen erzeugt werden, damit die Bevölkerung eine starke Führung fordert – ohne zu wissen, wer tatsächlich die Strippen zieht.
Auch in den späteren Protokollen (9–15) wird diese Logik fortgeführt: Institutionen und politische Systeme sollen von innen manipuliert werden, Krisen sollen Staaten in Abhängigkeit bringen, und Entscheidungen sollen so erscheinen, als seien sie das Ergebnis legitimer Prozesse, obwohl sie angeblich gesteuert werden. »Wer und was ist in der Lage, eine unsichtbare Macht zu stürzen? Und genau das ist unsere Kraft.«
Die Juden (das »Wir«, aus dessen Sicht die Protokolle verfasst sind) verhülfen ihnen hörige Präsidenten zur Wahl, um über sie ihre Ziele durchzusetzen — wie das derzeit etwa über US-Präsident Donald Trump behauptet wird.
Die Protokolle zeigen ein wiederkehrendes Muster, das man als eine Variante von False Flag interpretieren könnte: Geplante Destabilisierung, verdeckte Urheberschaft, Nutzung von Chaos und Terror, um Macht zu erlangen, während die Opfer glauben, die Ereignisse seien zufällig oder natürlichen Ursprungs. Diese Passagen sind rein fiktiv, aber sie haben seit der Veröffentlichung enormen Einfluss auf antisemitische Verschwörungstheorien ausgeübt und wirken bis heute nach — gerade in den sozialen Medien, Tag für Tag.






