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Der Anschlag in Sydney und Europas blinder Fleck

Polizeikräfte in Sydney gedenken der Opfer des antisemitischen Terrorangriffs am Bondi Beach
Polizeikräfte in Sydney gedenken der Opfer des antisemitischen Terrorangriffs am Bondi Beach (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Der antisemitische Mordanschlag in Sydney spiegelt ein gefährliches Muster ideologischer Radikalisierung wider, das sich auch in westlichen Gesellschaften ausgebreitet hat.

Mohammed Altlooli

Der Terroranschlag auf jüdische Zivilisten, die in Sydney am 14. Dezember an einer Hanukkah-Feier teilnahmen, sollte nicht als Einzelfall betrachtet werden. Vielmehr spiegelt er ein umfassenderes und zunehmend gefährliches Muster ideologischer Radikalisierung wider, das sich über den Nahen Osten hinaus auch in westlichen Gesellschaften ausgebreitet hat.

Wie bei den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 handelte es sich bei den Opfern in Sydney um Zivilisten. Die gezielte Auswahl unterstreicht eine gemeinsame ideologische Grundlage, nämlich die Normalisierung von Gewalt gegen Nichtkombattanten im Namen politischer oder religiöser Ziele. Auch wenn sich die operativen Kontexte unterscheiden, bleibt die zugrunde liegende Weltanschauung auffallend ähnlich.

Eine Hauptsorge ist die anhaltende Toleranz europäischer Institutionen gegenüber extremistischer Rhetorik, die sich offen gegen jüdische Gemeinschaften richtet. In den letzten zwei Jahren kam es in europäischen Städten zu groß angelegten Demonstrationen, die als Solidaritätsbekundungen mit dem Gazastreifen dargestellt wurden. Viele dieser Versammlungen gingen jedoch weit über legitime politische Meinungsäußerungen hinaus und grenzten an Aufwiegelung, Verherrlichung von Gewalt und Aushöhlung grundlegender Unterscheidungen zwischen Zivilisten und bewaffneten Gruppen.

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle Palästinenser die Quelle solcher Rhetorik sind. Im Gegenteil: Diejenigen, die sich für Frieden und Aussöhnung einsetzen, gehören zu den Hauptopfern der propalästinensischen Szene und deren Hamas-Affinität, da ihre Sache wiederholt von extremistischen Akteuren instrumentalisiert wurde, die Slogans statt Lösungen und Mobilisierung statt humanitärer Verantwortung anbieten.

Wirkt man solchen Äußerungen nicht entschlossen entgegen, schützt man demokratische Werte nicht, sondern untergräbt sie. Die Geschichte zeigt, dass anhaltende Aufwiegelung, bleibt sie ungehindert, oft zu realer Gewalt führt. Der Anschlag in Sydney sollte daher als Warnsignal dafür verstanden werden, was passieren kann, wenn die derzeitige Politik unverändert bleibt.

Nicht nur Theorie

Diese Analyse ist für mich nicht theoretisch. Ich schreibe als jemand, der direkt von der Strategie der Hamas im Gazastreifen betroffen ist, die ihre militärische Infrastruktur systematisch in zivile Umgebungen einbettet. Die Hamas-Politik, Israel von dort aus anzugreifen, löste nicht nur groß angelegte militärische Reaktionen Israels aus, sondern führte auch zu unermesslichem Leid für die palästinensische Zivilbevölkerung, was die Hamas bewusst in ihrer Strategie einplante.

Mein Onkel, Hussam Al-Tallouli, wurde gemeinsam mit seiner gesamten Familie getötet, nachdem die Hamas ein Wohngebäude als militärische Stellung genutzt und sich hinter den dort lebenden Zivilisten versteckt hatte. Dies war keine Ausnahme, sondern Teil eines umfassenderen, gut dokumentierten Musters, das Tausende von Palästinensern das Leben gekostet hat. Europa und andere westliche Regionen stehen vor der konkreten Sicherheitsherausforderung, die Meinungsfreiheit zu garantieren und zugleich der Verantwortung gerecht zu werden, Aufstachelung zu Gewalt zu verhindern.

Die Lehre aus Sydney beschränkt sich daher nicht nur auf Australien. Insbesondere Europa muss erkennen, dass das Tolerieren extremistischer Narrative heute die Gefahr birgt, genau jene Dynamik der Gewalt zu importieren, die eben dieses Europa angeblich bekämpft. Ohne feste rechtliche und politische Grenzen bleibt radikale Ideologie nicht nur Rhetorik, sondern wird in die Tat umgesetzt.

Die Entwicklung, die im Oktober 2023 begonnen hat, endet nicht im Nahen Osten. Die Frage ist nun, ob Europa bereit ist, diese Realität anzuerkennen, bevor es zum nächsten Schauplatz solcher Angriffe wird.

Mohammed Nafez Altlooli ist Autor und Friedensaktivist. Er war als Koordinator für zivile Angelegenheiten tätig und ist eine führende Persönlichkeit in der von Jugendlichen geführten Bewegung »Bedna Na’eesh« (»Wir wollen leben«) in Gaza. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Bekämpfung extremistischer Ideologien sowohl im Nahen Osten als auch im Westen.

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