Die Beziehungen zwischen der Türkei und der Hamas haben sich in den vergangenen Jahren deutlich vertieft – von politischer Unterstützung hin zu operativen Schnittstellen. Für Israel entsteht daraus eine sicherheitspolitische Lage, die klassische Kategorien zunehmend herausfordert.
Tal Leder
Die einst enge sicherheitspolitische Kooperation zwischen Israel und der Türkei ist seit Jahren in der Krise. Was über Jahrzehnte hinweg als strategische Partnerschaft galt – getragen von gemeinsamen Interessen und militärischer Zusammenarbeit –, hat sich schrittweise in eine politische und ideologische Entfremdung verwandelt. Die Türkei unter der autoritären Führung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat ihren Ton gegenüber Israel in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschärft, von verbaler Konfrontation bis hin zu offenen Drohungen. Was einst als bilaterale Krise erschien, ist heute ein struktureller Antagonismus. Ankara positioniert sich demonstrativ an der Seite der palästinensischen Terrororganisation Hamas und geht dabei zunehmend über politische Symbolik hinaus.
Strategische Logik
Während die türkische Führung ihre Haltung als legitime Solidarität mit den Palästinensern darstellt, verdichten sich Hinweise, dass sich auf türkischem Boden ein Umfeld entwickelt hat, in dem Hamas-Strukturen Fuß fassen können. Es geht nicht mehr nur um politische Rückendeckung oder finanzielle Netzwerke, sondern um operative Dimensionen: Ausbildung, technologische Vorbereitung und logistische Infrastruktur. Diese Entwicklung folgt einer strategischen Logik: Sie ist der Versuch Ankaras, regionalen Einfluss nicht nur diplomatisch, sondern auch über nichtstaatliche Akteure zu projizieren – ein Ansatz, der politische Unterstützung und sicherheitsrelevante Dynamiken zunehmend ineinander verschiebt.
»Die Unterstützung für die Hamas ist in der Türkei nicht nur politisch gewollt, sie wird strukturell ermöglicht«, sagt der türkischstämmige Hay Eytan Cohen Yanarocak vom Jerusalemer Institut für Strategie und Sicherheit (JISS). »Es geht dabei nicht um einzelne Vorfälle, sondern um ein Umfeld, das Aktivitäten erleichtert und absichert.« Der Türkei-Experte verweist darauf, dass sich über Jahre hinweg Netzwerke etabliert hätten, die jenseits öffentlicher Aufmerksamkeit operieren. »Diese Strukturen sind nicht improvisiert, sondern das Ergebnis einer bewussten politischen Duldung.«
Aus Sicht Yanarocaks deutet vieles darauf hin, dass dieser Prozess nicht nur passiv wirkt, sondern politische Realität formt. Die Beziehungen zwischen Ankara und der Hamas haben sich in eine Richtung entwickelt, in der die Nähe zwischen den Akteuren konkrete Handlungsspielräume eröffnet. Dabei entstehen Strukturen, die der Hamas erlauben, Aktivitäten außerhalb klassischer Konfliktzonen zu entfalten. Das verändert auch die Art, wie sich solche Netzwerke international bewegen und verankern.
»Wir sprechen hier nicht mehr nur von politischer Unterstützung, sondern von einer Realität, in der operative Prozesse zumindest indirekt begünstigt werden«, erklärt Yanarocak. »Das bedeutet, dass sich Fähigkeiten entwickeln können, die später in anderen Arenen eingesetzt werden. Gerade diese indirekten Formen sind strategisch wirksam, weil sie schwer eindeutig zuzuordnen bleiben. Und genau darin liegt ihr politischer Wert: Sie bleiben handlungsfähig, ohne dass offen Verantwortung dafür übernommen werden müsste.«
Vor diesem Hintergrund rückt eine Dimension in den Fokus, die bislang nur punktuell beleuchtet wurde: die konkrete operative Nutzung dieses Umfelds. Sicherheitskreise gehen davon aus, dass hamasnahe Akteure in der Türkei nicht nur Kontakte pflegen, sondern gezielt Fähigkeiten und Ressourcen ausbauen. Dazu zählen nach übereinstimmenden Einschätzungen technische Schulungen, der Umgang mit unbemannten Systemen – darunter Drohnen – sowie die Vorbereitung auf asymmetrische Szenarien. Teil dieses Trainings seien auch der Umgang mit Schusswaffen und die Erarbeitung taktischer Grundlagen unter stabileren Bedingungen. Die Distanz zum eigentlichen Konfliktraum wirkt dabei nicht als Nachteil – eher im Gegenteil. Sie reduziert unmittelbaren Druck und eröffnet Möglichkeiten, Abläufe unter kontrollierteren Bedingungen zu erproben. Das ist kein völlig neues Muster, aber seine Ausprägung in dieser Form gilt als sicherheitsrelevant.
»Die Verlagerung bestimmter Aktivitäten ins Ausland ist Teil einer bewussten Anpassung der Hamas an den steigenden Druck in ihren Kerngebieten«, sagt Michael Milshtein, Leiter des Forums für palästinensische Studien am Moshe-Dayan-Zentrum der Tel Aviver Universität. »Sie sucht gezielt nach Orten, an denen sie operative Fähigkeiten aufbauen und unter realitätsnahen Bedingungen erproben kann, ohne sofort exponiert zu sein. Dabei geht es nicht nur um Rückzug, sondern um die systematische Ausarbeitung von Einsatzprofilen und operativen Abläufen. In solchen Umgebungen lassen sich technische Anwendungen und Vorgehensweisen präzisieren, die später unter realen Bedingungen eingesetzt werden.«
Diese Dynamik verändert auch die Art, wie sich Bedrohungen entwickeln. Prozesse, die früher enger an konkrete Konfliktzonen gebunden waren, lösen sich zunehmend davon und werden flexibler. Dadurch entstehen Verbindungen zwischen verschiedenen Schauplätzen, die sich nicht mehr klar trennen lassen. Planung, Vorbereitung und mögliche Umsetzung greifen ineinander, auch wenn sie geografisch auseinanderliegen. Das macht die Lage unübersichtlicher und schwerer eindeutig zu fassen. »Entscheidend ist, dass hier Fähigkeiten entstehen, die nicht an einen Ort gebunden sind«, betont Milshtein. »Das erhöht die strategische Reichweite solcher Organisationen erheblich. Wenn Ausbildung, Planung und Umsetzung voneinander getrennt werden, entsteht eine andere operative Logik. Diese Trennung erschwert es, Zusammenhänge frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren.«
Damit verschiebt sich der Blick über die operative Ebene hinaus auf die strategische Bedeutung dieser Entwicklung. Denn was sich hier abzeichnet, ist kein isoliertes Phänomen, sondern Teil eines umfassenderen Musters, in dem nichtstaatliche Akteure gezielt in komplexe staatliche Umfelder eingebettet werden. Das verändert nicht nur die Art der Vorbereitung, sondern auch die Frage, wie Bedrohungen künftig wahrgenommen und bewertet werden. Klassische Kategorien – Front, Hinterland, Operationsraum – verlieren an Trennschärfe. Stattdessen entsteht ein Geflecht, in dem politische Signale, indirekte Unterstützung und operative Nutzung ineinandergreifen.
Neue Lage
Für Israel ergibt sich daraus eine Lage, die sich nicht mehr allein entlang geografischer Linien erfassen lässt. Die Herausforderung beginnt nicht erst dort, wo Aktionen stattfinden, sondern bereits in den Strukturen, die sie ermöglichen. Damit rückt die strategische Dimension in den Vordergrund: Wie geht man mit Entwicklungen um, die außerhalb des unmittelbaren Einflussbereichs entstehen, aber direkte sicherheitspolitische Konsequenzen haben?
»Was wir hier sehen, ist eine schleichende Verschiebung der Bedrohung in Räume, die bisher nicht im Zentrum der sicherheitspolitischen Aufmerksamkeit standen», sagt Oded Ailam, ehemaliger Offizier des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad. »Diese Entwicklung zwingt dazu, gewohnte Denkmuster zu hinterfragen und neue Prioritäten zu setzen. Es entsteht eine Lage, in der Bedrohungen nicht mehr klar verortet werden können, sondern sich über mehrere Ebenen gleichzeitig entfalten. Das erhöht die strategische Unsicherheit und verlangt nach anderen Formen der Bewertung.«
Der ehemalige Sicherheitsmann beschreibt damit eine Verschiebung, die weit über einzelne Akteure hinausgeht. Im Zentrum steht nicht nur die Frage nach konkreten Aktivitäten, sondern nach ihrer Einbettung in ein politisches Umfeld, das Handlungsspielräume eröffnet, ohne sich offen festzulegen. Gerade im Zusammenspiel zwischen der Türkei und der Hamas entsteht so eine Dynamik, die klassische Abschreckungsmechanismen unterläuft. Für Israel bedeutet das, dass Reaktionen nicht mehr allein auf sichtbare Bedrohungen abzielen können, sondern frühzeitig ansetzen müssen, dort, wo sich die Strukturen herausbilden. Das wiederum erfordert eine engere Verzahnung von Aufklärung, politischer Analyse und strategischer Planung.
»Israel steht vor der Herausforderung, Entwicklungen zu adressieren, die sich bewusst unterhalb der Schwelle direkter Konfrontation bewegen«, warnt Ailam. »Das verlangt ein präzises Verständnis der Zusammenhänge und die Bereitschaft, frühzeitig zu handeln. Gleichzeitig müssen Antworten so gestaltet sein, dass sie die Ursachen treffen, nicht nur die Symptome. Nur so lässt sich verhindern, dass sich solche Strukturen weiter verfestigen und langfristig stabilisieren.«
Damit verdichtet sich das Bild einer Entwicklung, die sich nicht mehr nur als sicherheitspolitisches Detail beschreiben lässt, sondern als Teil einer größeren Verschiebung in der Region. Die Linien verlaufen nicht mehr entlang klarer Fronten, sondern durch politische Räume, institutionelle Strukturen und strategische Interessen. Genau darin liegt ihre Wirkung: Sie bleibt lange unscharf – und entfaltet gerade deshalb politische Relevanz. Was heute noch wie ein Nebenschauplatz wirkt, kann sich unter veränderten Bedingungen als zentraler Faktor herausstellen. Die Dynamik entwickelt sich dabei schrittweise, ohne klaren Wendepunkt.
»Wir sehen hier keine kurzfristige Entwicklung, sondern eine strategische Richtung, die sich über Jahre aufgebaut hat«, sagt Hay Eytan Cohen Yanarocak. »Die Türkei bewegt sich in einem Spannungsfeld, in dem politischer Einfluss bewusst genutzt wird, ohne sich eindeutig festzulegen. Das schafft Spielräume, die je nach Situation unterschiedlich eingesetzt werden können. Gerade diese Offenheit macht die Entwicklung schwer berechenbar.«
Für Israel bedeutet das eine Herausforderung, die sich nicht in einzelnen Reaktionen erschöpft. Es geht zunehmend um den Umgang mit einer politischen Realität, die sich nicht abrupt, sondern schrittweise verfestigt. Die Verbindung zwischen Ankara und der Hamas ist dabei kein isolierter Vorgang, sondern Ausdruck eines politischen Kurses, der im Ergebnis auch sicherheitspolitische Folgen hat. Daraus entsteht eine Form von Konfrontation, die weniger sichtbar, aber strukturell belastbar ist.
»Die Frage ist nicht, ob diese Entwicklung anhält, sondern wie weit sie tatsächlich trägt«, sagt Yanarocak. »Wenn sich diese Form der Zusammenarbeit weiter vertieft, verändert das die strategische Balance in der Region spürbar. Und genau deshalb wird sie zu einem Faktor, der in jeder sicherheitspolitischen Bewertung mitgedacht werden muss.«






