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Der »All Eyes on Gaza«-Bericht: Anatomie antisemitischer Normalisierung (Teil 1)

Holocaust-Relativierung auf der von »All Eyes on Gaza«-Studie untersuchten Demonstration
Holocaust-Relativierung auf der von »All Eyes on Gaza«-Studie untersuchten Demonstration (Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. (JFDA)

Die Studie über die Ausrichtung der Gaza-Solidarität gesteht offen ein, dass es ihr weniger um eine Prüfung und Widerlegung der an der propalästinensischen Szene geäußerten Kritik geht als vielmehr um die Etablierung eines Gegennarrativs.

Kamil Majchrzak

Eine Studie will zeigen, wer bei der größten antiisraelischen und weitgehend antisemitischen Demonstration des Jahres 2025 in Berlin auf die Straße ging. Das Papier beansprucht Evidenz und wissenschaftliche Objektivität. Ein genauerer Blick auf die Datenlage der Studie, auf die Sprache und die öffentliche Kommunikation der Ergebnisse sowohl durch Autoren als auch beteiligte Forschungs-Institute wirft jedoch Fragen auf.

Während wissenschaftliche Neutralität reklamiert wird, scheinen sich die Autoren der Studie gleichzeitig als Aktivisten zu verstehen, die in politische Diskurse intervenieren wollen. Das Phänomen Antisemitismus und reale antisemitische Gewalt wird dabei als »spekulative Erzählung« verklärt.

Das Papier mit dem Titel All Eyes on Gaza/Zusammen für Gaza. Profil der Solidaritätsproteste am 27. September 2025 ist eine gemeinsame Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), des Zentrums für Konfliktforschung (Philipps-Universität Marburg) und des INTERACT Zentrums der Freien Universität Berlin unter dem Dach des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb). Diese kommen zu dem Schluss, dass die bislang größte antiisraelische und weitgehend antisemitische Demonstration vom 27. September in Berlin »deutlich bürgerlich-zivilgesellschaftlich geprägt« war.

Die Teilnehmer sollen »sich auf gewaltfreie, legale und kommunikative Ausdrucksformen« konzentriert haben. Laut der Studie soll »eine große Mehrheit der Befragten eine differenzierte Haltung zum Nahostkonflikt« einnehmen. An zweiter Stelle rangiert hinsichtlich der Zustimmungswerte aber auch die Aussage, »jüdisches Leben sollte in Deutschland aufgrund seiner Geschichte besonders geschützt sein« [Wenn nicht anders vermerkt, stammen alle Zitate im Text aus der Studie, Anm. d. V.].

Das Umfeld

Der 7. Oktober 2023 stellte eine Zäsur nicht nur für Juden weltweit dar; das bislang größte antisemitische Massaker nach der Shoah dient auch als Katalysator, um Judenfeindschaft in der Wissenschaft wieder hoffähig zu machen.

Die vorliegende Studie fügt sich in diese Entwicklung ein und ist zugleich Ausdruck eines intellektuellen Dammbruchs in der akademischen Welt, der sich seit dem 7. Oktober fortsetzt. Es ist längst an der Zeit, dieser Entwicklung entschlossen als Gesellschaft zu begegnen, handelt es sich nämlich keinesfalls nur um ein Problem wissenschaftlicher Ethik. In einer Atmosphäre der Verweigerung von Solidarität mit jüdischem Leben nach dem 7. Oktober 2023 ist es möglich geworden, dass »Brandmauer«-Demonstrationen gegen die Zusammenarbeit mit rechtsextremen Parteien sich auf den Holocaust berufen und zugleich kein Wort über die latente antisemitische Gewalt verlieren.

Zunehmend setzt sich in staatlich geförderten Institutionen, auch jenen, die sich der Antisemitismusbekämpfung verschrieben haben, ein fragwürdiger Ansatz durch: Antisemitismus nicht (mehr) als eigenständiges Phänomen zu betrachten, sondern ihn durch Symmetrisierung mit sogenanntem »antimuslimischen Rassismus« gleichzusetzen. Was als Sensibilität für pluralisierte Diskriminierungslagen erscheinen mag, markiert meistens einen diskursiven Fluchtpunkt und eine Relativierung. Dabei ist der Begriff »antimuslimischer Rassismus« semantisch redundant, weil er analytisch nichts über Rassismus aussagt, was nicht schon im Allgemeinen Begriff des Rassismus enthalten wäre. Die Doppelmarkierung »anti-…« und »rassistisch« bildet einen begriffslogischen Zirkel ohne zusätzliche Erklärungskraft. Seine Entstehung ist ohne das Bedürfnis nach einer Übertragung der Logik des Antisemitismus nicht zu erklären.

Die Verwendung des Begriffs führt denn auch zu analytischer Unschärfe, denn bei Feindlichkeit gegenüber Muslimen handelt es sich primär um antireligiöse oder antimuslimische Diskriminierung, nicht um Rassismus im engeren Sinn. Dewr Islam bildet im Gegensatz zum Judentum ausschließlich eine religiöse Kategorie. Muslim sein ist kein Herkunftsmerkmal, sondern eine religiöse Selbst- oder Fremdzuschreibung. Der Mehrwert des Begriffes liegt weniger im Erkenntnisgewinn, sondern dient strategischen, symbolischen und identitätspolitischen Zwecken und der Unterbindung der notwendigen Auseinandersetzung mit Antisemitismus seit dem 7. Oktober – wie etwa jüngst die Argumentation von Asmaa El Idrissi, Dozentin in Bochum und prominente Aktivistin der SWANS Initiative gGmbH, zeigte, die den Begriff weiter ethnisieren möchte.

Diese Fragmentierung universeller antirassistischer Politik zielt auf die Immunisierung gegenüber Islamkritik durch Racialisierung. Die Bekämpfung von Judenfeindschaft braucht im Gegensatz dazu eigenständige Konzepte, denn Struktur, Geschichte und aktuelle israelbezogene wie sekundäre Formen des Antisemitismus überschreiten den Rahmen eines allgemeinen Rassismus-Begriffs markant.

Ursachen für diese Entwicklung sind die Verleugnung der Existenz des Phänomens Antisemitismus und die fortschreitende Ausgrenzung jüdischen Lebens aus der Gesellschaft, die Dämonisierung Israels und die Rationalisierung des Antisemitismus.

Die Kritik an realer antisemitischer Gewalt und Misogynie, aber auch an der Leugnung von islamistischen Terror-Verbrechen und von deren Apologie als postkolonialer Widerstand wird vielfach als antimigrantische oder rassistische Zuschreibung diffamiert. Dabei wird verleugnet, dass diese Gewalt sich maßgeblich auch gegen Migranten aus islamisch geprägten Gesellschaften richtet. Die Ignoranz gegenüber dem Antisemitismus als Phänomen konterkariert auch die Bemühungen der arabischen Community wie das beispielhafte Engagement von Hudhaifa al-Mashhadani, Leiter der Deutsch-Arabischen Schule Ibn Khaldun im Berliner Neukölln, und anderer. Vor diesem Hintergrund haben islamistische Strukturen längst in unserer Demokratie Fuß gefasst.

Antisemitismus bedroht und betrifft Juden in mehrfacher Hinsicht, nämlich als Juden, Staatsbürger, Migranten und damit auch uns selbst, unsere Gesellschaft als Ganzes und unsere Demokratie, denn es geht um Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung.Dabei sollte unterstrichen werden, dass Migranten, die sich als Bürger dieser Gesellschaft identifizieren, weiterhin »einträchtig und unbeirrt an der Seite der Juden stehen, aller Verachtung zum Trotz, die linke Rassisten, Kulturrelativistinnen und andere tagtäglich auf sie niederprasseln lassen«, wie der Historiker Saša Vukadinović treffend bei der Mahnwache gegen Antisemitismus am 7. Oktober 2025 in Berlin feststellte. Die Zäsur des 7. Oktober 2023 bedeutet im Umkehrschluss auch, dass der »Hass auf israelsolidarische migrantische Menschen der gesellschaftlich akzeptierte Rassismus dieser Tage ist«, konstatierte Vukadinović.

Zwischen Empirie und Entlastung

Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verzeichnete die deutsche Polizei bundesweit einen massiven Anstieg antisemitischer Straftaten. Laut dem Bundeskriminalamt (BKA) wurden im Jahr 2024 insgesamt 6.236 antisemitische Straftaten registriert. Auch auf Landesebene verschärfte sich die Situation deutlich. Laut dem Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Berlin wurden im vergangenen Jahr 2.521 antisemitische Vorfälle gemeldet, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor (1.270). Viele dieser Taten standen im Zusammenhang mit Kundgebungen und Demonstrationen im Kontext des Nahostkonflikts.

Diese Entwicklung unterstreicht, dass antisemitische Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland kein Randphänomen ist. Sie manifestiert sich im öffentlichen Raum insbesondere in Verbindung mit den politisierten Protesten, die unter dem Banner der antiisraelischen Gaza-Demonstrationen auftreten. RIAS Berlin dokumentierte im Jahr 2024 208 Versammlungen, auf denen antisemitische Parolen gerufen oder antisemitische Schilder gezeigt wurden oder es zu antisemitischen Äußerungen in Redebeiträgen kam.

Diese Datenlage wird von den Autoren und an der »All Eyes on Gaza«-Studie beteiligten Instituten offenbar als »spekulative Erzählung« verstanden, die von »medialen Arenen, Verwaltungspraxis und Polizeistrategien«, die alle eng aufeinander bezogen sind, produziert wird. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb), unter dessen Dach die Studie entstand, will dieser »Erzählung« mit seinem Arbeitspapier »All Eyes on Gaza/Zusammen für Gaza« (2025) entgegentreten.

Geht es nach den genannten Experten, geben offenbar nicht die polizeilichen Kriminalitätsstatistiken oder die explodierenden Zahlen von Anfragen bei Beratungsstellen für Opfer antisemitischer Gewalt Hinweise über die Realität des Antisemitismus auf Demonstrationen; vielmehr seien es die »Narrative«, die darüber entscheiden, »ob Proteste als legitime Artikulation, als Störung oder als Sicherheitsproblem gelesen werden«. Die Autoren diagnostizieren, dass dieselben Ereignisse zeitgleich als »beeindruckendes Zeichen« oder als »Gefährdung« markiert werden könnten, was auf die »Offenheit der Deutung und damit auf die Notwendigkeit, sie empirisch zu unterfüttern«, verweise.

An dieser Stelle wollen die Autoren ansetzen und erheben den Anspruch, »eine empirisch fundierte Beschreibung von Zusammensetzung, Motiven und Wahrnehmungen der Demonstrierenden« auf den beiden Berliner antiisraelischen Kundgebungen vom 27. September 2025 vorzulegen, an denen nach Angaben der Polizei rund 60.000 Personen teilgenommen haben, während die Veranstalter von 100.000 sprachen.

Dabei handelte es sich um die bislang größte antiisraelische Mobilisierung in Berlin mit weitgehend antisemitischen und geschichtsrelativierenden Inhalten. Dass die Hauptkundgebung »All Eyes on Gaza« selbst nach Einschätzung der Polizei »überwiegend friedlich« blieb, ändert nichts daran, dass die dokumentierten Inhalte dieser Kundgebung und der Zubringer-Demonstration »Zusammen für Gaza« den Schutz jüdischen Lebens symbolisch relativierten und die Institutionen, die ihn bislang garantieren, wie die Berliner Polizei, aber auch den Staat Israel und die Staatsräson, delegitimierten.

Der Berliner Tagesspiegel belegte in seiner Berichterstattung zudem verbotene Parolen und dokumentierte unter anderem Sprechchöre wie »There is only one solution: Intifada Revolution«und listete mehrfach Plakate und Banner mit NS-Analogien und Holocaust-Relativierungenauf wie zum Beispiel »Netanjahu = Hitler«, »Gaza = Auschwitz«, »Großisrael = Großdeutschland«. Eine weitere Quelle ist die dokumentarische Arbeit des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. (JFDA), welches Intifada-Aufrufe, Holocaust-Relativierungen, Terror-Verherrlichung und Opfer-Täter-Umkehr dokumentierte.

Gleichsetzungen wie die genannten gelten in der Antisemitismusforschung, aber auch in der Rechtsprechung, als Formen der Holocaustrelativierung bzw. als antisemitische NS-Vergleiche. Von der Hauptbühne am Großen Stern aus gab es Solidaritätsadressen an einen Aufzug, der zeitgleich in Kreuzberg stattfand und wegen verfassungsfeindlicher Zeichen und verbotener Parolen aufgelöst wurde. Die Kundgebung wurde von Margarita Tsomou, Pegah Ferydoni und Melika Foroutan moderiert. Auf die Aussage einer der Moderatorinnen, »wir lassen uns nicht in gute und schlechte Demonstranten spalten« antwortete die Menge mit dem Ruf »Ganz Berlin hasst die Polizei«. Diese performative Solidarisierung ignorierte die konkreten Auflösungsgründe und nahm deren Urheber demonstrativ in Schutz: Ein politisches Signal, das jenseits legitimer Versammlungsfreiheit als Entproblematisierung realer antisemitischer und extremistischer Inhalte wirkt.

Neben humanitären Appellen bezüglich des »Leids in Gaza« waren mehrfach Maximalparolen zu hören. Der Vorwurf eines »Genozids« und »Apartheidstaats« und Forderungen nach einem vollständigen Ende militärischer Zusammenarbeit und »staatlicher Komplizenschaft« dominierten inhaltlich beide Protestveranstaltungen.

Der »Versachlichungs«-Mythos

In der Einleitung der ipb-Studie wird zwar einschränkend erklärt, dass »die Befunde dieser Studie nicht als repräsentativ für die Palästina-Solidarität in Deutschland insgesamt betrachtet werden können«, was sie aber wolle, sei, »einen ersten Schritt zu einer dringend gebotenen Versachlichung der Debatte darzustellen«, womit allerdings implizit nahegelegt wird, das in der Studie Eruierte träfe doch auch auf den Rest der Palästina-Solidarität zu, sodass die an ihr geäußerte Kritik unsachlich sei.

Bei dieser Art von Versachlichung geht es den genannten Experten und Instituten jedoch gerade nicht um eine valide Überprüfung der von ihr »spekulativ« genannten Vorwürfe im Hinblick auf die real existierende antisemitische Gewalt. Vielmehr wird beklagt, dass »Solidarität mit Palästina in Deutschland seit Langem gesellschaftlich hochumstritten und stark mit Debatten um Erinnerungspolitik und die ›Staatsräson‹ verflochten [ist]«.

Die Forscher verzichten wohl deshalb auf eine kritische Untersuchung der Gründe, warum antiisraelische »Kundgebungen vielerorts eingeschränkt oder mit Misstrauen belegt« werden. Auch wird nicht die berechtigte Frage beantwortet, warum »Solidarität mit Palästina häufig unter den Verdacht von Extremismus und Antisemitismus« gerät. Stattdessen erklärt man, dass die »Palästina-Solidarität eine neue Dynamik angenommen« habe, da der Gaza-Krieg »von zahlreichen Wissenschaftler*innen und Menschenrechtsorganisationen als Genozid eingestuft wird (z. B. Albanese 2024; Amnesty International 2024; B’Tselem 2021; Human Rights Watch 2024; IAGS 2025; O’Brien 2025; Bartov 2024)«.

Statt die antisemitische Gewalt zu erklären oder die Kriminalstatistiken zu widerlegen, wird diese einfach als »neue Dynamik« umdefiniert und als offenbar berechtigte oder zumindest erwartbare Antwort auf einen »Genozid« gerechtfertigt. Es geht also vielmehr um die Produktion einer als Forschung maskierten Gegenerzählung als um eine Untersuchung des Charakters der beiden antiisraelischen Demonstrationen. »Zum ersten Mal«, so die Außenkommunikation, mir der die Studienmacher an die Öffentlichkeit traten, handle es sich dabei um empirisch »belastbare Evidenz zur Heterogenität und Binnenvielfalt der Teilnehmenden. und machen sichtbar, wie vielfältig und vielstimmig die Mobilisierung tatsächlich« sei [Schreibweise im Original, Anm. d. V.].

Die Experten wollen nicht einfach beschreiben, was ist, sondern aktiv als Korrektiv eines als feindlich oder voreingenommen verstandenen öffentlichen Diskurses intervenieren, denn »die Wahrnehmung von Protestbewegungen [ist] eng mit den verfügbaren Informationen über Protestierende und ihre Anliegen verschränkt«. Ordnungs- und sicherheitsorientierte Berichterstattung »dämpft üblicherweise öffentliche Sympathie, während Befunde zu Profilen der Teilnehmer*innen polarisierende Narrative korrigieren können«.

In Konstellationen wie diesen komme »fundierten empirischen Daten besondere Bedeutung zu«, bekennen die Experten in ihrer Studie selbst, »weil sie Ruhe in öffentliche Debatten bringen und Bewertungen von Protest entmoralisieren: Sie zeigen nüchtern auf, wer spricht, woraus Kritik genährt ist und wie breit Motive tatsächlich verteilt sind.« Spätestens hier wären die an der Studie beteiligten Institute wie das mit Bundesmitteln geförderte DeZIM und die universitären Einrichtungen verpflichtet, einzuschreiten und die Studie mit Verweis auf mangelhafte wissenschaftliche Integrität im Sinne der Leitlinien des DFG-Kodex zurückzuziehen.

Geschehen ist das Gegenteil. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Autoren und die beteiligten Institute in ihrer Außenkommunikation auftreten, kann nicht anders verstanden werden als ein öffentliches Bekenntnis zur organischen Verbundenheit mit ihrem Forschungsobjekt. Der geradezu aktivistische und kampagnenartige Wunsch, mit dem Forschungsgegenstand zu verschmelzen, deutet auf ein weitaus größeres, strukturelles Problem, das über rein ethische Fragen der Studie selbst oder Fehlentwicklungen in der Forschungslandschaft und ihrer Förderung hinausgehen.

Der eigentliche Skandal besteht in dem »arbeitsteiligen Konnex zwischen Aktivismus und Akademie«, der sich am 7. Oktober 2023 katalysiert und institutionalisiert hat, wie der Historiker Vojin Saša Vukadinović kürzlich anlässlich des zweiten Jahrestags der antisemitischen Hamas-Massaker erkannte.

Vukadinović führt diese Entwicklung auf die Zeit nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 zurück, »als der Kulturrelativismus zum neuen Maßstab der Welterklärung in den Geistes- und Sozialwissenschaften aufrückte und eine Entwicklung einsetzte, die sich immer deutlicher als Vorstufe zu den gegenwärtigen Pro-Hamas-Demonstrationen abzeichnet«. Dies habe eine akademische Modernisierung des Antisemitismus vorangetrieben, »bei der nicht historische Wahrheit, sondern sogenannte ›Narrative‹ zum affirmativen Gegenstand universitärer Lehrveranstaltungen der letzten 25 Jahren geworden sind«. Damit verschiebt sich der Fokus von empirischer Forschung zu einem impliziten Verteidigungsnarrativ ideologischer Vorannahmen.

Dies stellt einen Wendepunkt dar, denn Wissenschaft soll aufklären nicht agitieren. Vor dem Hintergrund wachsender Polarisierung geraten Orte des zivilgesellschaftlichen Engagements ins Visier extremistischer Akteure. Da solches Engagement als demokratisch und moralisch legitimiert gilt und dadurch normativ aufgeladen ist, versuchen neonazistische, verschwörungsideologische, dschihadistische und links-autoritäre Milieus, diese Räume der Teilhabe zu instrumentalisieren, zu dominieren oder zu zerstören.

Es ist also kein Zufall, dass die Studie dem antisemitischen Charakter der Demonstration den Begriff »Engagement« entgegensetzt, in einem Versuch der Affirmation des Untersuchungsgegenstandes. So entsteht ein wohlwollender Rahmen, der allerdings ein verzerrtes Bild der antiisraelischen Demonstrierenden zeichnet. Die Autoren porträtieren die Befragten als politisch couragierte und zugleich vulnerable Akteure: geprägt von »Repression und Marginalisierungserfahrungen im Kontext des Gaza-Engagements«, deren »politisches Engagement in diesem Themenfeld nicht nur symbolisch riskant, sondern gefährlich sein kann«. Denn «insgesamt zeigen die Daten ein hohes Maß an zivilgesellschaftlichem Engagement, das sich größtenteils auf gewaltfreie und symbolische Aktionsformen konzentriert«.

Diese Affirmation wirkt wie ein moralischer Schutzschirm. Denn die Demonstration am 27. September bot, wie unabhängige Dokumentationen belegen, eine Bühne für antisemitische Radikalisierung und die Dämonisierung Israels, für Geschichtsklitterung und die Delegitimierung demokratischer Institutionen.

Der 7. Oktober manifestiert sich auch in der ipb-Studie als eine politische Weltanschauung, die den Antisemitismus lediglich als Ausdruck eines Kampfes, um Macht und Diskurshoheit zu dechiffrieren versucht und damit das real existierende Phänomen des Judenhasses verleugnet. Das ist ein Wendepunkt: Unter dem Anschein wissenschaftlicher Analyse tritt dort eine antizionistisch geprägte Perspektive auf, die Antisemitismus im Kern nur noch als Ausdruck eines Machtkonflikts zu deuten beansprucht.

Lesen Sie morgen Teil 2 der Analyse.

Der polnisch-deutsche Jurist Kamil Majchrzak gründete wenige Tage nach dem 7. Oktober 2023 und dem Brandanschlag auf die Kahal-Adass-Jisroel-Gemeinde in Berlin die Initiative »Mahnwachen gegen Antisemitismus«. Er setzte sich dabei gemeinsam mit anderen Engagierten für den Schutz jüdischen Lebens und die Freilassung der aus Israel von der Hamas und anderen islamistischen Terrorgruppen entführten Menschen ein. Majchrzak fordert die Übernahme von Verantwortung durch Migranten im Kampf gegen Antisemitismus ein. Für sein Engagement im Deutschen Bundestag für die Auszahlung von Ghetto-Renten an osteuropäische Juden und Roma wurde er 2015 mit der Mordechaj-Anielewicz-Medaille »Aufstand im Warschauer Ghetto« und 2019 mit dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee ausgezeichnet.

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