Latest News

»Wir stehen fest an der Seite unserer Freunde im Kibbuz Nir Oz«

Petra Hemming im Mena-Watch-Interview: »Wir stehen fest an der Seite unserer Freunde im Kibbuz Nir Oz«
Petra Hemming im Mena-Watch-Interview: »Wir stehen fest an der Seite unserer Freunde im Kibbuz Nir Oz« (© privat)

Zwischen Städtepartnerschaft und politischem Gegenwind, Solidarität und konkreter Hilfe: Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht Petra Hemming, Vorsitzende des Vereins Ganey-Tikva, über ihren Einsatz gegen Antisemitismus, den Bruch mit der Stadt Bergisch Gladbach und die Solidaritätspartnerschaft mit dem vom Hamas-Terrorangriff am 7. Oktober 2023 schwer getroffenen Kibbuz Nir Oz sowie über dessen geplanten Wiederaufbau.

Elisa Mercier (EM): Sie haben 2015 einen Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft zwischen der israelischen Stadt Ganey Tikva und Bergisch Gladbach gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Verein?

Petra Hemming (PH): Die Gründung einer Städtepartnerschaft ist zunächst ein formeller Akt zwischen zwei Städten. Dann braucht man allerdings engagierte, meist ehrenamtlich tätige Menschen, die eine solche Partnerschaft mit Leben füllen. Mein Vater hat als Beigeordneter der Stadt Düsseldorf die Städtepartnerschaft zwischen Düsseldorf und Haifa mitinitiiert, sodass ich mit dem Thema groß geworden bin. Gerne habe ich das Amt der Vorsitzenden des Städtepartnerschaftsvereins zwischen Bergisch Gladbach und der israelischen Stadt Ganey Tikva bei dessen Gründung 2015 übernommen.

Gemeinsam mit der Bürgermeisterin der israelischen Partnerstadt haben wir als Verein viele Aktivitäten ins Leben gerufen, zum Beispiel einen Austausch von Kunstwerken ermöglicht, die von Künstlern der beiden Städte im öffentlichen Raum der jeweils anderen aufgestellt wurden.

Leider hat die Verbindung zwischen dem Verein und der Stadt Bergisch Gladbach 2018 eine ungute Wende genommen: Der damalige Bürgermeister hat uns das Mandat zur Ausübung der Städtepartnerschaft entzogen und uns quasi aus dem Rathaus geworfen mit der Begründung, dass wir uns »gegen Antisemitismus engagieren«, was keine Aufgabe eines Städtepartnerschaftsvereins sei. Den Verein gibt es allerdings heute immer noch und wir haben im vergangenen Dezember unser zehnjähriges Bestehen gefeiert: größer, wehrhafter, lauter denn je!

EM: Die von Ihnen geschilderten Auseinandersetzungen ziehen sich bis in die Gegenwart. Wie ist die Situation aktuell?

PH: Mittlerweile hat der ehemalige Bürgermeister einen neuen Städtepartnerschaftsverein gegründet, der immer wieder durch sehr fragwürdige Veranstaltungen auffällt, so zum Beispiel wurde ein Abend mit jüdischen Witzen ausgerechnet am 27. Januar 2026, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, angeboten.

Außerdem tritt man immer wieder gemeinsam mit dem Städtepartnerschaftsverein mit Beit Jala im Westjordanland auf. Genau auf diesen Verein hatten wir den ehemaligen Bürgermeister 2018 aufmerksam gemacht, in der Hoffnung, dass er erkennt, welche antiisraelischen Agitationen aus diesem Verein kommen. Leider hat er sich anders entschieden und ausgerechnet uns als klar pro-israelischen Verein diskreditiert. Der Ganey-Tikva-Verein steht auch weiterhin mit mir als Vorsitzende an der Seite Israels und der Jüdinnen und Juden in Deutschland. Wir stellen uns weiter gegen jede Form von Antisemitismus.

Hilfe vor Ort

EM: Sie haben 2024 eine Solidaritätspartnerschaft mit dem Kibbuz Nir Oz ins Leben gerufen. Wie ist diese Idee entstanden?

PH: Sofort nach dem 7. Oktober 2023 war klar, dass wir aktiv werden müssen. Mein Vorstandskollege Roman Salyutov und ich haben noch im Oktober 2023 Kontakt aufgenommen, und die Verbindung nach Nir Oz stand nach wenigen Tagen. Kurz nach der Gründung sind wir dann erstmals nach Nir Oz gereist, um Solidarität zu zeigen und uns ein Bild vor Ort zu machen, wie man am schnellsten und besten helfen kann.

Unsere Hilfe für den Kibbuz Nir Oz, der am 7. Oktober 2023 am schlimmsten von allen Kibbuzim im westlichen Negev getroffen wurde, besteht aus zwei Bereichen: Wir spenden regelmäßig Geld für die achtzehn Waisen des Kibbuz und finanzieren Projekte zum Wiederaufbau der Gemeinde, die natürlich von den Überlebenden des Massakers selbst bestimmt werden. Der zweite Bereich ist tatsächliche Wiederaufbauhilfe im eigentlichen Sinne vor Ort. Mittlerweile haben wir über siebzig Volontäre in acht Gruppen nach Nir Oz gebracht, die dort die Arbeiten verrichten, die sonst niemand machen kann, weil die Menschen entweder am 7. Oktober ermordet wurden oder Flüchtlinge im eigenen Land sind. Alle drei Reisen für 2026 sind bereits ausgebucht.

EM: Wie finanzieren Sie die Hilfsprojekte?

PH: Aktuell haben wir eine Spendenkampagne initiiert, die das Gästehaus von Nir Oz wieder aufbauen soll. Ein Gästehaus ist ein Ort der Begegnung zwischen Volontären aus aller Welt und den Bewohnern des Kibbuz. Wir erfahren immer wieder, dass die Überlebenden zutiefst dankbar sind, uns als Volontäre im Kibbuz zu sehen, denn das gibt ihnen ein wenig Sicherheit, dass die Struktur ihres Heimatortes wieder hergestellt werden kann, auch wenn es noch lange Zeit dauern wird, bis ein »normales« Leben in Nir Oz wieder möglich sein wird.

Die Terroristen haben Menschen ermordet, verschleppt und die gesamte Infrastruktur zerstört. Die Spendenkampagne läuft noch bis Anfang April und wir hoffen, dass im Sommer das neue Gästehaus errichtet werden kann. Dafür werden drei Häuser, die bei dem Hamas-Angriff beschädigt wurden, abgerissen.

EM: Welche Herausforderungen sehen Sie derzeit bei der konkreten Umsetzung Ihrer Vorhaben und Ihrer Wiederaufbaupläne, sowohl organisatorisch als auch in Bezug auf die Situation vor Ort?

PH: Die Herausforderung, der wir uns als Verein und Volontäre stellen, ist ganz klar die, dass wir uns nichts mehr wünschen, als den Überlebenden aus Nir Oz und natürlich allen Menschen in Israel die Gewissheit geben zu können, dass sie nicht allein sind. Wir setzen damit dem global explodierenden Antisemitismus und Israelhass konkret etwas entgegen und begnügen uns nicht mit »Sonntagsreden« zu den Gedenktagen nach dem Motto »Nie wieder«. Wäre »Nie wieder« ehrlich gemeint, gäbe es keine Demonstrationen auf Deutschlands Straßen, die zur Vernichtung Israels aufrufen. Es gäbe auch keine Diskriminierung und keine Übergriffe auf Jüdinnen und Juden in Deutschland.

Eine weitere Herausforderung ist, dass wir, die wir uns öffentlich, in den sozialen Medien und am Arbeitsplatz als klar israelsolidarisch zeigen, Anfeindungen und zum Teil auch Drohungen ausgesetzt sehen. Immer wieder wird deutlich, dass es nicht nur Unwissenheit über historische Fakten sind, die Menschen reflexartig zu Äußerungen wie »Ich habe ja nichts gegen Juden, aber Israel …« bringen, sondern es oftmals blanker Hass auf alles ist, was mit Israel, Jüdinnen und Juden in Verbindung gebracht wird.

In Bezug auf Nir Oz ist die Herausforderung ganz klar, dass das Massaker am 7. Oktober die Menschen in Israel und besonders in den Kibbuzim rund um den Gazastreifen über Generationen beschäftigen und von ihnen niemals vergessen werden wird. Wir stehen fest an der Seite unserer Freunde im Kibbuz Nir Oz und werden auch zukünftig alles tun, was hilft.

Noch viel zu tun

EM: Wie können sich interessierte Bürgerinnen und Bürger einbringen?

PH: Die erwähnte Spendenkampagne für das Gästehaus läuft noch bis zum 5. April 2026 und jede noch so kleine Summe hilft dabei, diesen Ort wiederherzustellen. Es gibt noch so viel zu tun in Nir Oz und vieles kann der Kibbuz auch in Zukunft nicht aus eigener Kraft stemmen und finanzieren. Ich bin sicher, dass es weitere Spendenkampagnen in der Zukunft geben wird. Die finanzielle Unterstützung für Projekte des Wiederaufbaus macht die Solidarität der Menschen in Deutschland für Israel auf eigene Weise sichtbar.

Und natürlich werden wir noch viele Jahre Volontärreisen nach Nir Oz organisieren. Interessierte können sich gerne melden. Vor dem Hamas-Überfall war der Kibbuz ein kleines Paradies und die Überlebenden, die schon zurückgekehrt sind oder in der Zukunft zurückkehren werden, sagen, dass sie das Paradies wieder aufbauen wollen. Und dabei möchten wir helfen.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!