Neben der Hisbollah gibt es im Libanon noch eine zweite schiitische Gruppierung, die in enger Koordination mit Teherans Stellvertretermiliz agiert, aber auch eigene Interessen verfolgt.
Wenn im Ausland über den Libanon gesprochen wird, richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf die Hisbollah. Sie verfügt über die Raketen, die iranische Patronage, den Mythos des »Widerstands« und die Fähigkeit, das Land in einen Krieg hineinzuziehen. Doch hinter der Hisbollah steht eine weitere schiitische Kraft, ohne die sich die gegenwärtige Krise des Libanon nicht verstehen lässt: die Amal-Bewegung. Ihr als Name dienendes Akronym leitet sich von Afwaj al-Muqawama al-Lubnaniyya ab, den »Libanesischen Widerstandsabteilungen«. Zugleich bedeutet Amal auf Arabisch »Hoffnung«.
Von der Bewegung zur Miliz
Amal ist älter als die Hisbollah. Die Bewegung entstand in den 1970er-Jahren als Reaktion auf die Missstände, unter denen die lange marginalisierte schiitische Gemeinschaft des Libanon litt: Armut, Unterrepräsentation, staatliche Vernachlässigung, die Aktivitäten palästinensischer Terrorgruppen im Süden sowie israelische Vergeltungsschläge. Lange bevor die Hisbollah zur dominierenden Kraft im Libanon wurde, war Amal das politische Vehikel, durch das viele Schiiten erstmals in die nationale Politik eintraten.
Der Gründer der Bewegung war Imam Musa al-Sadr, jener charismatische, im Iran geborene Geistliche, der in den Libanon kam und das politische Bewusstsein der Schiiten grundlegend veränderte. Al-Sadr stellte die Schiiten nicht bloß als religiöse Konfession dar, sondern als benachteiligte soziale Klasse innerhalb eines Staates, der sie im Stich gelassen hatte. Seine 1974 gegründete Bewegung der Entrechteten wollte einer Gemeinschaft zu einem besseren Status verhelfen, die von der maronitisch-sunnitischen Ordnung des Libanon lange als Randgruppe behandelt worden war.
Die frühe Ideologie Amals war daher libanesisch, schiitisch, populistisch und reformorientiert. Doch der libanesische Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 verwandelte die politische Bewegung. Als der Staat zerfiel, wurde Amal auch zu einer Miliz.
Die Schiiten im Südlibanon zahlten einen hohen Preis für den Konflikt zwischen palästinensischen Terrorgruppen und Israel. Palästinensische Fraktionen, vor allem nach ihrer Vertreibung aus Jordanien im Jahr 1970, verwandelten Teile des Südlibanon in eine Basis für Angriffe auf Israel. Israel reagierte mit Angriffen und Bombardierungen. Der libanesische Staat war zu schwach, zu gespalten oder zu gleichgültig, um seine eigenen Bürger zu schützen. Gerade aus dieser Erfahrung heraus wandte sich Amal früh gegen die Dominanz bewaffneter palästinensischer Gruppen im Süden, ohne ihre Feindschaft gegenüber Israel aufzugeben.
Das erklärt eines der Paradoxa der schiitischen Geschichte im Libanon. Als Israel 1982 einmarschierte und die PLO aus dem Süden vertrieb, betrachteten manche Schiiten die israelische Armee zunächst als Befreierin, die ihre Dörfer von der palästinensischen Vorherrschaft erlöst hatte. Doch die anhaltende israelische Präsenz und Israels Bündnis mit christlichen Milizen veränderten die schiitische Haltung bald grundlegend.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Amal ihr spirituelles Zentrum bereits verloren. Musa al-Sadr war 1978 in Libyen verschwunden, ein Trauma, das die Identität der Bewegung bis heute prägt. Nach einer Phase innerer Unsicherheit wurde Nabih Berri – ein säkularer Jurist und vollendeter politischer Taktiker – 1980 zum Amal-Führer. Unter Berri entwickelte sich die Organisation von einer charismatischen sozialen Bewegung zu einer Maschine schiitischer Macht: bewaffnet, syriennah und zunehmend in das politische System des Libanon eingebettet.
Rivale Hisbollah
1982 entstand Amals größter Rivale: die Hisbollah. In den südlichen Vororten Beiruts und in der Bekaa-Ebene rund um Baalbek half der Iran beim Aufbau einer neuen schiitischen Organisation, die von der Islamischen Revolution von 1979 inspiriert war.
Die Hisbollah bot eine radikalere Ideologie als Amal. Sie war islamistisch, revolutionär, antiamerikanisch, ausdrücklich dem bewaffneten Kampf gegen Israel verpflichtet und ideologisch mit der iranischen Doktrin des velayat-e faqih verbunden: der Herrschaft des islamischen Rechtsgelehrten. Diese von Ajatollah Ruhollah Khomeini entwickelte Doktrin besagt, dass in Abwesenheit des Verborgenen Imams die höchste politische und religiöse Autorität einem ranghohen schiitischen Rechtsgelehrten zukommt. In der Praxis ist das der Oberste Führer des Iran. Für die Hisbollah bedeutete dies, dass Loyalität gegenüber Teheran nicht nur strategischer, sondern auch ideologischer Natur war.
Die Hisbollah wurde rasch attraktiv für jüngere und radikalere Schiiten. Amal wirkte defensiv und zu lokal verwurzelt. Die Hisbollah versprach totalen Widerstand. Angriffe, die der Hisbollah zugeschrieben wurden – darunter der Selbstmordanschlag auf die Kaserne der US-Marines in Beirut im Jahr 1983 – verschafften ihr unter Radikalen Prestige und machten sie zum Gesicht einer neuen schiitischen Militanz.
Der Gegensatz war deutlich. Amal war eine libanesisch-schiitische Bewegung, die innerhalb des bestehenden Systems nach gemeinschaftlicher Macht strebte. Die Hisbollah hingegen war eine vom Iran geprägte revolutionäre islamistische Bewegung, die dem bewaffneten Widerstand gegen Israel verpflichtet war und das Machtgleichgewicht im Libanon wie in der gesamten Region verändern wollte.
Dieser Unterschied führte zu Blutvergießen. Zwischen 1985 und 1988 kämpfte Amal im sogenannten Krieg der Lager gegen palästinensische Fraktionen, um zu verhindern, dass die PLO ihre frühere Vorherrschaft im Libanon wiederherstellte. Ende der 1980er-Jahre kämpften Amal und Hisbollah dann im sogenannten Krieg der Brüder gegeneinander, einem brutalen inner-schiitischen Konflikt um die Führung der Gemeinschaft. Amal wurde vor allem von Syrien unterstützt, die Hisbollah vom Iran. Der Krieg endete erst durch syrisch-iranische Vermittlung.
Das »schiitische Duo«
Aus dieser Einigung entstand jene Arbeitsteilung, die den Libanon seither prägt. Die Hisbollah sollte den bewaffneten »Widerstand« gegen Israel dominieren. Amal sollte die schiitische Vertretung innerhalb des Staates beherrschen. Gemeinsam wurden sie zu dem, was in der libanesischen Politik oft als das »schiitische Duo« bezeichnet wird.
Diese Arbeitsteilung war jedoch nie absolut. Die Hisbollah blieb nicht bloß eine bewaffnete Bewegung. Sie zog 1992 ins Parlament ein, bekleidet seit 2005 Kabinettsposten und veröffentlichte 2009 ein neues Manifest, das einige ihrer früheren islamistischen Formulierungen pragmatisch abschwächte und stattdessen von »wahrer Demokratie« und nationaler Einheit sprach. Sie lernte, die libanesischen Institutionen zu nutzen, ohne ihre Waffen an sie abzugeben.
Amals Macht folgte einer anderen Logik. Die Bewegung verfügte über kein Äquivalent zu Hisbollahs Raketenarsenal oder ihrer regionalen Kommandostruktur. Ihre Stärke lag im Parlament, in Ministerien, in Netzwerken des öffentlichen Sektors, in Patronage und Nabih Berris Amt als Parlamentspräsident, das er seit 1992 innehat. Berri gilt Kritikern seit Langem auch als einer der korruptesten Machtmakler des Libanon, als Symbol jener Patronagepolitik, die den libanesischen Staat ausgehöhlt hat.
Das machte Berri für die Hisbollah unentbehrlich. Die Hisbollah brauchte Amal, weil sie eine Brücke zum Parlament, zur Regierung und zur ausländischen Diplomatie benötigte. Amal brauchte die Hisbollah, weil deren militärische Macht jene breitere schiitische politische Ordnung schützte, von der Amal profitierte.
Diese Konstellation vertiefte sich nach dem Doha-Abkommen von 2008. Die Machtdemonstration der Hisbollah in Beirut in jenem Jahr trug zu einer politischen Formel bei, in der die Hisbollah und ihre Verbündeten faktisch ein Vetorecht über zentrale Regierungsentscheidungen erhielten.
Der Libanon nach Doha lässt sich als eine »nicht erklärte schiitische Republik« beschreiben: keine formale schiitische Übernahme des Staates, sondern ein System, in dem die Hisbollah und ihre Koalition die Entscheidungsfindung kontrollieren konnten, ohne die bestehende konfessionelle Ordnung abzuschaffen. Selbst nachdem die Hisbollah und ihre Verbündeten 2022 ihre parlamentarische Mehrheit verloren hatten, bewahrte das »schiitische Duo« erheblichen Einfluss. Dies zeigte sich im Februar 2025, als Premierminister Nawaf Salam eine Regierung mit 24 Mitgliedern bildete, in der Amal drei Ressorts kontrollierte: Finanzen, Umwelt und Verwaltungsentwicklung.
Verstärkte Militanz
Doch Amals Integration in den Staat machte die Bewegung nicht zu einer konsequenten Verteidigerin staatlicher Souveränität. Die Ermittlungen zur Explosion im Hafen von Beirut zeigten das Gegenteil. Nach der Explosion von 2020 wurde Richter Tarek Bitar für viele Libanesen zu einem Symbol richterlicher Unabhängigkeit.
Hisbollah und Amal führten jedoch eine Kampagne zu seiner Absetzung, nachdem er gegen hochrangige politische Persönlichkeiten vorgegangen war. Im Oktober 2021 demonstrierten Anhänger beider Bewegungen in Beirut gegen Bitar. Der Protest mündete in tödliche Gewalt. Der Amal-Abgeordnete Ali Hassan Khalil, den Bitar vorgeladen hatte, drohte mit »politischer Eskalation«, falls die Ermittlungen nicht »korrigiert« würden. Die Bitar-Affäre zeigte erneut Amals Verhältnis zum Staat: Die Bewegung arbeitet durch Institutionen, wenn diese ihren Interessen dienen, und schüchtert sie ein, wenn sie es nicht tun.
Etwa zur selben Zeit begann Amal auch, wieder eine stärker militante Haltung einzunehmen. Am Jahrestag des Verschwindens von Musa al-Sadr im Jahr 2021 erklärte Berri, seine Organisation solle sich für Palästina mobilisieren und dem Feind an der libanesischen Grenze zu Israel entgegentreten. 2022 verschärfte er die Rhetorik weiter und deutete an, dass Amals Dschihad an der Seite des Kampfes der Hisbollah zum Schutz der libanesischen Grenze stattfinden werde.
Das war nicht nur Rhetorik. Im September 2021 hielt Amal in der Gegend von Nabatieh im Südlibanon eine seltene Militärübung unter dem Namen »Der große Schrecken« ab. Seither tauchten in der Propaganda sozialer Medien der Amal nahestehende operative Strukturen auf, darunter auch das, was als »Al-Abbas Force« beschrieben wurde.
Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der Entscheidung der Hisbollah, eine Nordfront gegen Israel zu eröffnen, wurde Amals Rolle erneut sichtbar. Ihre Aktivisten und Netzwerke unterstützten die schiitische Heimatfront: bei Löscharbeiten, medizinischer Hilfe, lokaler Sicherheit, logistischer Unterstützung und Beistand für vertriebene Familien. In Tyrus richtete die Organisation ein Zentrum zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen ein. Amals Rolle war daher nicht mit jener der Hisbollah gleichzusetzen, aber sie war auch nicht rein zivil.
Gerade diese Unterscheidung verschaffte Berri eine diplomatische Rolle, die die Hisbollah nicht offen spielen konnte. Während die Hisbollah von den Vereinigten Staaten und mehreren anderen Ländern als Terrororganisation eingestuft wird, gilt dies für Amal nicht. Ausländische Regierungen, die nicht direkt mit der Hisbollah sprechen konnten, konnten Berri daher als praktischen schiitischen Kanal nutzen, insbesondere nach dem Waffenstillstandsabkommen mit Israel von 2024. Er übermittelte Botschaften, doch seine Rolle offenbarte zugleich die Grenzen von Amals Macht: Berri konnte nicht über die Waffen der Hisbollah verfügen.
Diese Schwäche wurde im März 2026 deutlich. Als der regionale Krieg zwischen dem Iran einerseits und Israel sowie den Vereinigten Staaten andererseits eskalierte, wurden über Berri Zusicherungen vermittelt, die Hisbollah werde nicht zugunsten Irans in den Konflikt eintreten. Auch Präsident Joseph Aoun und Ministerpräsident Nawaf Salam warnten davor, den Libanon in den regionalen Krieg hineinzuziehen. Die internationalen Warnungen waren ebenfalls eindeutig: Jede Intervention der Hisbollah würde dem Libanon enorme Zerstörung bringen.
Dennoch feuerte die Hisbollah am 2. März Raketen auf Israel ab. Israel reagierte mit Angriffen, und der Libanon wurde erneut in den Krieg hineingezogen. Für Berri war diese Episode politisch schädlich. Er hatte versucht, sich als Garant der Zurückhaltung zu präsentieren; die Hisbollah zeigte jedoch, dass die endgültige Entscheidung über Krieg und Frieden weiterhin bei ihr lag. Berri fühlte sich Berichten zufolge durch den Schritt der Hisbollah getäuscht.
Der Riss wurde auch im libanesischen Kabinett sichtbar. Die Regierung fasste einen Beschluss, der die militärischen und sicherheitspolitischen Aktivitäten der Hisbollah für illegal erklärte. Die Minister Amals blockierten den Schritt nicht und verließen auch nicht die Sitzung. Das war ein bedeutsames Signal. Es zeigte, dass Berri nicht bereit war, die Hisbollah vollständig vor den Folgen eines Krieges abzuschirmen.
Doppeltes Spiel
Zugleich geriet Berris Verhältnis zu Teheran erneut unter Beobachtung. Iran International berichtete, Berri erhalte mehr als 500.000 Dollar im Monat aus dem Iran, um Teherans Interessen zu unterstützen und die schiitische Einheit hinter der Hisbollah zu bewahren. Der Bericht verstärkte den Verdacht, dass Amal ein doppeltes Spiel treibt: Sie präsentiert sich als libanesische institutionelle Kraft, während sie zugleich den wichtigsten Verbündeten Irans im Land schützt.
Die Wut beschränkte sich nicht auf die Führungsebene. Kritik an der Hisbollah verbreitete sich Berichten zufolge auch unter schiitischen Vertriebenen aus dem Südlibanon, von denen viele bereits in früheren Kampfrunden gelitten und noch keine angemessene Entschädigung erhalten hatten. Einige schiitische Stammes- und Familienverbände in der Region Baalbek-Hermel, die normalerweise dem sozialen Umfeld der Hisbollah nahestehen, begrüßten die Regierungsentscheidung gegen die militärischen Aktivitäten der Hisbollah.
Auch lokale Spannungen traten an Orten wie Bissariyeh zutage. Dort spiegelten Zusammenstöße zwischen Anhängern von Amal und Hisbollah Berichten zufolge die Wut über Raketenabschussstellungen in der Nähe von Wohngebieten wider, obwohl lokale Funktionäre den Vorfall später als persönlichen Streit darstellten. Was auch immer der unmittelbare Auslöser war, die Symbolik war stark: Hinter der offiziellen Sprache schiitischer Einheit wuchs der Unmut über die Kriegsstrategie der Hisbollah.
Auch die Vereinigten Staaten haben den Druck auf Amals Sicherheitsnetzwerke erhöht. Im Mai 2026 verhängte Washington Sanktionen gegen zwei Amal-Sicherheitsfunktionäre – Ahmad Asaad Baalbaki und Ali Ahmad Safawi – und beschrieb Amal als politischen Verbündeten und Sicherheitspartner der Hisbollah. Washington warf Safawi vor, sich mit der Hisbollah abzustimmen und Amal-Milizkräfte bei gemeinsamen Operationen gegen Israel zu führen. Die Sanktionen stellten Amals bevorzugtes Selbstbild als pragmatische politische Partei infrage, die von der militärischen Maschinerie der Hisbollah getrennt sei.
Die Zukunft Amals ist ungewiss, weil die Bewegung weiterhin so stark von Berri selbst abhängt. Mit 88 Jahren ist er noch immer ihre zentrale Figur. Kein Nachfolger ist hervorgetreten, der über eine vergleichbare Autorität verfügt. Ohne ihn könnte Amal noch abhängiger von der Hisbollah werden, in konkurrierende Patronagenetzwerke zerfallen oder versuchen, sich als pragmatischere Vertreterin schiitischer Interessen zu präsentieren.
Jan Kapusnak ist Politikwissenschaftler und freier Autor in Tel Aviv. Er schreibt regelmäßig über den Nahen Osten, Israel und geopolitische Fragen.






