Algeriens Präsident will sich fünfte Amtszeit sichern

„[V]iele Algerier [reagieren] mit Zynismus, aber auch mit Beunruhigung auf die weitschweifige Proklamation aus dem Präsidentenpalast, mit der der 81-jährige Abdelaziz Bouteflika jetzt seine Kandidatur für eine fünfte Amtszeit ausrufen ließ. Er habe ein unstillbares Verlangen, seinem Volk zu dienen, hieß es in dem Text, den seine Entourage aufgesetzt hatte. ‚Russisches Roulette‘ titelte die Zeitung El Watan und nannte die Ankündigung ‚erschreckend‘. Sie werde die vorhandenen Probleme des Landes nur weiter vergrößern. Denn niemand weiß, ob der Greis an der Spitze überhaupt noch mitbekommt, was im eigenen Land vorgeht. Seit sechs Jahren sitzt Bouteflika im Rollstuhl, gezeichnet von einem Schlaganfall – ein Gelähmter, der meist mit offenem Mund und glasigen Augen vor sich hinstarrt. Seine letzte Rede an die Landsleute, von denen 70 Prozent jünger als 30 Jahre alt sind, hielt er 2012 in der Stadt Sétif im Osten. (…)

[D]er Generationswechsel lässt weiter auf sich warten. Denn das politische Leben Algeriens ist völlig erstarrt. Seit der Unabhängigkeit dominiert die Nationale Befreiungsfront FLN, hervorgegangen aus der einstigen Befreiungsbewegung gegen die Kolonialherrschaft. Die betagten Helden aber, deren Aushängeschild Bouteflika ist, weigern sich, ihr Land in jüngere Hände zu geben. (…)

Ein Viertel der 42-Millionen-Bevölkerung lebt in Armut. 30 Prozent wollen nur eins – weg aus ihrer Heimat, wo sie für sich keine Perspektive mehr sehen. Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel und Behördenwillkür prägen den Alltag. Verschärft hat die Misere auch der Verfall des Ölpreises. Zu 95 Prozent hängt das größte Land auf dem afrikanischen Kontinent vom Export seiner fossilen Rohstoffe ab. Zwischen 2014 und 2018 musste die Regierung den Staatshaushalt nahezu halbieren. (…) Korruption, Staatsmafia und autoritäre Bürokratie bilden einen undurchdringlichen Filz. Angesichts dieser tief eingefressenen Missstände ließ Bouteflika jetzt verkünden, er wolle ‚die Verfassung anreichern‘ und eine ‚Konferenz der Nationalen Einheit‘ einberufen, ohne genau zu sagen, was damit gemeint ist. Trotzdem muss ‚Boutef‘, wie ihn viele Landsleute nennen, am Wahltag keine ernsthafte Konkurrenz fürchten. Beim letzten Mal 2014 wurde er mit 81,5 Prozent gewählt, in zwei Monaten dürfte das Ergebnis ähnlich sein.“ (Martin Gehlen: „Der ewige Präsident“)

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