Im Chaos der Übergabe al-Hols von den kurdisch geführten SDF an syrische Regierungskräfte sollen tausende Insassen aus dem Lager für IS-Sympathisanten geflohen sein.
Seitdem das Lager Al-Hol, in dem Familien mit mutmaßlichen Verbindungen zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) interniert sind, im Januar von den kurdisch geführten Behörden an die syrische Regierung übergeben wurde, sind Tausende Menschen aus der Anlage geflohen.
Eine Regierungsquelle teilte der emiratischen Zeitung The National Anfang dieser Woche mit, dass Zivilschutzteams damit betraut seien, das weitläufige Lager im Nordosten Syriens, in dem etwa 24.000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, untergebracht waren, zu räumen und die verbleibenden Familien in das Lager Akhtarin im Norden von Aleppo zu bringen, das im Gegensatz zu Al-Hol nicht als Hochsicherheitslager konzipiert ist. In Al-Hol gab es auch einen Nebentrakt für hochgefährliche Ausländer, in dem etwa 6.000 Frauen und Kinder aus 42 Ländern untergebracht waren, die extra nach Syrien gereist waren, um sich dem IS anzuschließen.
Deutlicher Rückgang
Berichten zufolge ist das Lager nun fast leer, da viele Familien nach Idlib umgezogen sein sollen. Beiträge in den sozialen Medien deuten darauf hin, dass sie sich dabei auf Spendenkampagnen und Schmugglernetzwerke verlassen haben, während die Bewachung im Lager in den letzten Wochen nachgelassen hat.
Einige der ehemaligen Insassen von Al-Hol haben ihre Flucht sogar in den sozialen Medien dokumentiert, schrieb The National in seinem Bericht und zitierte unter anderem eine Frau mit dem Pseudonym »Tajir Muhajir«, die angab, vor zehn Jahren nach Syrien gekommen zu sein und »allen Beteiligten« für die »enorme Arbeit« dankte, die ihrer »Befreiung« aus dem Lager vorausgegangen sei.
Wie der UNHCR-Vertreter in Syrien, Gonzalo Vargas Llosa, erklärte, habe seine Organisation »in den letzten Wochen einen deutlichen Rückgang der Bewohnerzahl im Lager Al Hol beobachtet«. Zugleich hätten die syrischen Behörden ihm ihre Pläne zur Umsiedlung von Familien in das Lager Akhtarin mitgeteilt. »Das UNHCR wird weiterhin die Rückkehr und Wiedereingliederung der Syrer unterstützen, die Al-Hol verlassen haben, sowie derjenigen, die noch dort sind.«
Jihan Hanan, die bis letzten Monat Direktorin des Lagers war, erklärte, ihr sei mitgeteilt worden, dass alle Bewohner »geflohen oder weggegangen« seien. Sie habe keinen Zugang mehr zu dem Gelände, ebenso wenig wie die NGOs, die den Bewohnern Hilfe geleistet hatten, bevor die syrische Regierung das Lager übernahm. Obwohl keine offiziellen Daten vorliegen, befinden sich Berichten zufolge nur noch wenige hundert Familien im Lager.
»Letztendlich haben alle Politiker und Beamten, die mit dem Fall Al-Hol befasst sind, immer versucht, das Lager zu räumen, aber nicht so, wie es in den letzten Wochen geschehen ist«, schrieb der Syrien-Experte Charles Lister auf seiner Website.
Während der Blitzoffensive gegen das von den SDF kontrollierte Gebiet im Nordosten Syriens im vergangenen Monat flohen auch etwa zweihundert IS-Häftlinge aus einem anderen Gefängnis in der Region. Die meisten dieser Häftlinge wurden inzwischen wieder gefasst, aber der Vorfall hat die Besorgnis über eine IS-Neuformierung in Syrien und im Irak verstärkt. Das US-Militär hat die Verlegung von etwa 7.000 Häftlingen in irakische Gefängnisse angekündigt, was die Besorgnis Washingtons über die Fähigkeit Syriens, die Sicherheit zu gewährleisten, deutlich macht.
Schmugglernetzwerk
Interviews mit Bewohnern und Beiträge in sozialen Medien offenbarten das Chaos, das die Massenflucht aus dem Al-Hol ermöglichte. Am 20. Januar zogen sich die SDF-Truppen aus dem Lager zurück, als syrische Truppen näher rückten, und hinterließen ein Sicherheitsvakuum. Inmitten der entstehenden Unruhen hätten die ausländischen Gefangenen von ihrem Trakt aus den Zaun durchbrochen und sich unter die übrigen Lagerinsassen gemischt.
»Viele sind geflohen und konnten entkommen. Einige befinden sich noch immer im syrisch-irakischen Lager, andere bleiben in unserem Lager, dem Lager der Ausländer«, heißt es in einer Nachricht vom 20. Januar, die auf dem Telegram-Kanal von Tajir Muhajir geteilt wurde.
Nach dem SDF-Abzug blieb die Lage angespannt. Syrische Sicherheitskräfte hatten das Lager umzingelt, waren aber noch nicht eingedrungen. Es gab Berichte über Ausbrüche, Plünderungen und Gewalt, während die Insassen gegenüber einem vor Ort befindlichen Presseteam von The National erklärten, davon auszugehen, bald freigelassen zu werden. Einen Tag später hieß es, die Geflohenen seien von syrischen Streitkräften »in das Lager für Ausländer zurückgebracht« worden.
Am 23. Januar erhielt das UNHCR gemeinsam mit syrischen Regierungsbeamten Zugang zum Lager und mithilfe der UNO wurde die Versorgung mit grundlegenden Dienstleistungen schrittweise wieder aufgenommen.
Die meisten der Fluchten scheinen in den darauffolgenden Tagen stattgefunden zu haben. So erklärte die Betreiberin des Tajir-Muhajir-Profils am 2. Februar, sie habe Al-Hol verlassen können. »Geduld schmeckt bitter, aber ihre Früchte sind süß, aus Idlib«, schrieb sie in einem von The National zitierten Posting, das auch ein Foto enthält, das im Zentrum der Stadt aufgenommen wurde, wobei unklar bleibt, wie sie das Lager verlassen konnte.
Die syrische Lokalzeitung Nahr Media berichtete, der Ausbruch aus Al-Hol habe auf einem koordinierten Schmuggelnetzwerk beruht, an dem lokale Fluchthelfer, Familien in den Heimatstädten der Internierten sowie Stammesmitglieder und Sicherheitspersonal beteiligt waren, die für Flexibilität an den Kontrollpunkten sorgten. Zuvor waren auf Instagram Spendenkampagnen organisiert worden, um die Familien beim Verlassen von Al-Hol zu unterstützen.
Ein sich selbst als Wohltätigkeitsorganisation bezeichnender Account gab an, 3.100 Dollar an Familien verteilt zu haben, die das Lager verlassen haben, und forderte weitere Unterstützung für Menschen, die noch »in Gefangenschaft« sind und für diejenigen, die kürzlich freigelassen wurden. Die Seite Pomosh Umme, was grob übersetzt »Hilfe für die Umma [muslimische Gemeinschaft]« bedeutet, postete Bilder von Dutzenden Begünstigten, die mit Schildern posieren, auf denen das Datum, der erhaltene Betrag und der Ort ihrer Flucht, der durchwegs mit Idlib angegeben ist, zu sehen sind.
Während die SDF seit Langem die Sicherheitsrisiken betont, die von Lagern mit IS-Familien ausgehen und diese oft als »tickende Zeitbombe« bezeichnet, um internationale Unterstützung zu mobilisieren, stellt Damaskus das Problem in erster Linie als humanitäres Problem dar. »Die Wahrheit irgendwo dazwischen«, schrieb der bereits zitierte Lister. »Es ist sehr wahrscheinlich, dass einige IS-treue Frauen nun versuchen werden, wieder Kontakt zu IS-Anhängern aufzunehmen. Es ist auch wahrscheinlich, dass viele versuchen werden, sich ein neues Leben in Syrien aufzubauen.«






