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Irlands Song-Contest-Teilnehmerin erhielt Drohungen von BDS-Aktivisten

Von Stefan Frank

Irlands Song-Contest-Teilnehmerin erhielt Drohungen von BDS-AktivistenDie irische Sängerin Sarah McTernan, 25, die ihr Land am 18. Mai beim Finale des Eurovision Song Contest in Tel Aviv vertrat, erhielt anschließend Drohungen von Mitgliedern der Anti-Israel-Boykottbewegung. Diese hörten erst auf, als sie damit an die Öffentlichkeit ging. Knapp zwei Wochen nach ihrer Rückkehr vom Gesangswettbewerb in Israel (wo sie mit ihrem Song „22“ den 18. Platz belegt hatte) gab McTernan, Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter, in ihrer Heimatstadt Scarriff im westirischen Bezirk Clare der Tageszeitung Irish Sun ein Interview, in dem sie erstmals über die gegen sie gerichtete Einschüchterungskampagne sprach:

„Oh mein Gott, ich bekam Drohungen, ich bekam Briefe. Schreckliche Sachen im Internet, wo jemand drohte, mir etwas anzutun. Hunderte und Aberhunderte schickten mir Messages und sagten die schrecklichsten Sachen. Ich bekam einige finstere Drohungen. Sie sagten mir: ‚Du musst vorsichtig sein’, ‚Pass auf, wohin Du gehst’, „Du weißt nie, wo ich sein werde’, Sieh Dich vor, wer in deiner Nähe ist’ – solche Dinge.“ Das sei erst der Anfang gewesen, so McTernan. „Es wurde schlimmer und intensiver. Es hat mich um den Verstand gebracht.“ „Alles, was sie tun mussten, war, die Briefe an ‚Eurovision representative, Scarriff, Co Clare’ zu adressieren, dann landeten diese im Haus meiner Oma. Ich öffnete sie und las die ersten Zeilen, die etwa lauteten: ‚Du bist eine Schande’, ‚Du bist ein albernes kleines Mädchen, das von nichts Ahnung hat.’ Und sie sagten mir, dass ich dumm sei. Den Rest habe ich nicht gelesen.“

Schon im Vorfeld des Gesangwettbewerbs war McTernan öffentlich von Boykottaktivisten unter Druck gesetzt worden. In einem offenen offenen Brief hatten 19 prominente irische Homosexuelle sie aufgefordert, auf die Teilnahme am Grandprix zu verzichten:

„Wir möchten dir zur Wahl als Vertreterin Irlands beim diesjährigen Eurovision Song Contest gratulieren. Jedoch haben wir das Gefühl, Dir schreiben zu müssen, um unsere tiefe Sorge über den politischen Nutzen mitzuteilen, den Israel dieses Jahr ziehen wird, und insbesondere auf das Thema des ‚Pinkwashings’ hinzuweisen. … Pinkwashing ist eine PR-Taktik, die Israel zynisch ausbeutet, um die Unterdrückung des palästinensischen Volkes weißzuwaschen. Wir danken Dir für Deine Zeit und hoffen, dass Du Dir unsere Botschaft zu Herzen nehmen und die Entscheidung, dich am israelischen Pinkwashing zu beteiligen, überdenken wirst.“

Auch der irische Verband der Songschreiber, Komponisten und Autoren hatte zum Boykott aufgerufen.

Irlands Song-Contest-Teilnehmerin erhielt Drohungen von BDS-Aktivisten
BDS-Colage gegen Sarah McTernan

Mit den Drohungen und Beschimpfungen im Internet sei sie nicht mehr fertig geworden, sagte McTernan der Irish Sun; vor dem zweiten Eurovision-Halbfinale habe sie das Internet tagelang gemieden. Sie wolle aber kein Mitleid erregen. „Ich habe meinen Kopf aufrecht gehalten und bin positiv geblieben, und das werde ich weiterhin tun.“ In diesem Interview, das am 1. Juni veröffentlicht wurde, sagte sie, sie erhalte weiterhin beleidigende Nachrichten:

„Sobald ich etwas auf Facebook veröffentliche, muss ich innerhalb von zehn Minuten zehn Kommentare löschen. Ich erhalte immer noch furchtbare Messages, doch eine meiner besten Freundinnen sitzt an meinen Facebook- und Twitter-Accounts und löscht sie, bevor ich sie sehe, das tut sie nun schon die ganze Zeit. Sie leitet auch einige der E-Mails um, die an mich gerichtet sind, so dass ich sie nicht sehen muss.“

Nachdem McTernan die Vorfälle publik gemacht hatte, hörten die Drohbotschaften auf, berichtete die Irish Sun am 5. Juni. Stattdessen, so zitierte das Blatt die Sängerin, erhalte sie nun viel Zuspruch: „Seit dem Erscheinen des Artikels haben sich Hunderte von Leuten mit lieben Worten an mich gewandt“, so McTernan. „Die überwältigende Unterstützung, die ich über das Wochenende bekommen habe, das hat mich sehr gerührt. Einige Leute schrieben, dass sie gar keine Fans des Eurovision seien, mich aber trotzdem kontaktieren wollten, um mich zu unterstützen.“ Sie sei sich nicht sicher gewesen, ob es richtig sei, über die Kampagne gegen sie zu reden. „Ich glaube, ich habe mir Sorgen gemacht, weil ich vorher nicht offen darüber gesprochen habe, doch seit der Veröffentlichung des Artikels hat eine große Änderung gegeben. Eine riesige Änderung.“

Irlands Song-Contest-Teilnehmerin erhielt Drohungen von BDS-Aktivisten
BDS-Demo gegen Song Contest

Die antiisraelische Boykottkampagne agiert seit Jahren nach dem gleichen Muster. Einige wenige bekannte Musiker oder Bands, die in Israel auftreten wollen, werden ins Visier genommen, um sie über die Presse und die sozialen Medien konzertiert unter Druck zu setzen. Es wird ein offener Brief geschrieben. Die Künstler werden aufgefordert, den Boykott – den angeblich die „palästinensische Zivilgesellschaft“ initiiert habe – zu „respektieren“, sich also der Erpressung zu beugen. Oft wird eine Verbindung zum Boykott Südafrikas während der Apartheidsperiode hergestellt. Treten die ins Visier genommenen Künstler im Vorfeld des geplanten Konzerts in Israel in Westeuropa auf (was oft der Fall ist, da Israel oft eine Station einer Europatournee ist), tauchen dort Demonstranten mit PLO-Fahnen und Anti-Israel-Transparenten auf.

Bei Musikern, die wie Paul McCartney, Depeche Mode oder Madonna seit Jahrzehnten berühmt sind, fruchten die Einschüchterungsversuche in der Regel nicht. Die Arten, mit denen sie mit den Angriffen umgehen, sind verschieden. Der kanadische Musiker Leonard Cohen bot 2009 an, außer im israelischen Ramat Gan auch in Ramallah in den Palästinensischen Autonomiegebieten zu spielen. Die Palästinensische Autonomiebehörde und die Boykottbewegung lehnten das ab. Viele Musiker äußern sich nicht in der Öffentlichkeit, thematisieren die Angriffe aber, wenn sie in Israel auf der Bühne stehen. Die Boykottkampagne sei der Grund, warum er in Israel spiele, sagte der australische Sänger Nick Cave 2017. Elton John grüßte 2010 seine Fans in Tel Aviv mit erhobener Faust und rief ihnen zu: „Shalom! Wir sind so glücklich, wieder hier zu sein! Nichts wird uns davon abhalten, hierher zu kommen, Baby!”

Thom Yorke, der Sänger der Band Radiohead, ist einer der wenigen Künstler, die wie Sarah McTernan in der Presse auf die Hass- und Boykottkampagnen reagieren. Dem Musik- und Lifestylemagazin Rolling Stone sagte Yorke: „Es ist zutiefst respektlos, anzunehmen, dass wir entweder falsch informiert sind oder dass wir so zurückgeblieben sind, dass wir diese Entscheidungen nicht selbst treffen können. Es ist extrem paternalistisch.“ Yorke verwies auf die Verbindung, die der Gitarrist der Band, Jonny Greenwood, zu der Region hat: „Die Person, die am meisten darüber weiß, ist Jonny. Er hat sowohl palästinensische als auch israelische Freunde, und seine Frau ist eine arabische Jüdin. All die Leute, die uns aus der Entfernung mit Zeug bewerfen, Flaggen schwingen und sagen: ‚Ihr wisst nichts darüber!’ – stell Dir vor, wie beleidigend das für Jonny ist.“ Es sei zudem „wirklich ärgerlich“, dass „Künstler, die wir respektieren, nach all den Jahren denken, wir seien nicht in der Lage, selbständig eine moralische Entscheidung zu treffen. Sie reden von oben herab und es ist irre, dass sie denken, sie hätten das Recht dazu.“

Thom Yorke verdient großen Respekt – doch umso mehr Anerkennung hat Sarah McTernan verdient, die nur halb so alt ist wie Yorke und offenbar völlig unvorbereitet von der Kampagne getroffen wurde. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Anti-Israel-Boykotteure in jüngster Zeit verstärkt Nachwuchsmusiker ins Visier nehmen. Einen ihrer wenigen Erfolge feierten sie letztes Jahr, als ihre Einschüchterungskampagne dazu führte, dass die damals 21-jährige neuseeländische Sängerin Lorde letztes Jahr ihr geplantes Konzert in Israel absagte. Eran Arielli, einer der Gründer des Konzertveranstalters Naranjah, der Lorde nach Israel holen wollte, sagte nach dem geplatzten Auftritt: „Die Wahrheit ist, dass ich naiv war, zu glauben, dass eine Künstlerin in ihrem Alter dem Druck standhalten könnte, den es mit sich bringt, nach Israel zu kommen, und ich übernehme die volle Verantwortung dafür.“

Irlands Song-Contest-Teilnehmerin erhielt Drohungen von BDS-AktivistenDamit Künstler, die in Israel auftreten, den Schikanen und Drohungen nicht mehr allein gegenüberstehen, hat sich im kalifornischen Los Angeles die Organisation Creative Community for Peace (CCFP) gegründet, die Musiker und ihre Manager darauf vorbereitet, was sie erwartet, und sie während und nach dem Konzert betreut. Manche Konzertveranstalter würden die Künstler warnen, andere nicht, sagt Allison Krumholz, die Vorsitzende von CCFP. „Wir sind der Meinung, dass es besser ist, dies zu tun, weil viele Konzertabsagen nur auf den Schock zurückzuführen sind, plötzlich in den sozialen Medien unter massiven Druck zu kommen, und rein gar nichts mit den tatsächlich von [der antiisraelischen Boykottkampagne] BDS vorgebrachten Argumenten zu tun haben.“

Einschüchterung, Störung von Veranstaltungen, Gewalt und sogar Bestechungen gehören zu den Mitteln der Boykottkampagne. In Südafrika wurde eine Gruppe jugendlicher ANC-Mitglieder, die 2015 nach Israel reiste, von anderen ANC-Mitgliedern bedroht. „Sie schickten uns einschüchternde E-Mails und sagten, dass es Disziplinarmaßnahmen gegen uns geben würde. Sie haben versucht, uns Schuldgefühle zu machen“, sagte Nthabiseng Molefe, einer der jungen ANCler, die nach Israel reisten. Ihnen seien sogar 40.000 Rand (2.400 Euro) pro Person angeboten worden, wenn sie die Reise absagten.

Auch Musiker, die in Israel auftreten, und ihre Manager berichten seit Jahren von Drohungen. Der Manager von Eric Burdon sagte, dass er schon einmal erwogen habe, ein Konzert in Israel abzusagen. Er sprach von „wachsendem Druck, darunter zahlreiche bedrohliche E-Mails, täglich. Das Letzte, was ich beabsichtige, ist, Eric in Gefahr zu bringen.“ Am Ende fand das Konzert dennoch statt. Das Management des afrikanische Popstars Salif Keita berichtete über die Drohungen auf einem (inzwischen nicht mehr abrufbaren) Eintrag auf Facebook:

„Wir wurden mit Hunderten von Drohungen bombardiert, Erpressungsversuchen, Einschüchterung, Mobbing in den sozialen Medien und der Verleumdung, dass Herr Keita in Israel ‚nicht für Frieden, sondern für Apartheid’ auftrete. Diese Drohungen kamen von einer Gruppe namens BDS, die auch androhte, die Anti-Salif-Keita-Kampagne zu verstärken, die sie in den sozialen Medien schon begonnen hatte, und hart daran zu arbeiten, seine Reputation und seine Karriere zu zerstören, und alles zu zerstören, was Herr Keita in 40 Jahren erreicht hat, nicht nur im Beruf, sondern für die Menschenrechte und den Albinismus.“

Scooter Braun, der jüdische Manager von Justin Bieber (der schon zweimal in Israel aufgetreten ist), schilderte gegenüber der Jerusalem Post die Drohungen, die er erhalten hatte: „Es gab wegen seines [Biebers] Kommen nach Israel zahlreiche Morddrohungen von verschiedenen Gruppen. Doch die meisten der Morddrohungen lauteten: ‚Der Judenmanager wird sterben.’“

Irlands Song-Contest-Teilnehmerin erhielt Drohungen von BDS-Aktivisten
Antiisraelische Demonstration in Irland

In Irland, einer Hochburg der Anti-Israel-Boykottbewegung, sind Künstler, die in Israel auftreten, besonders bedroht. Ein irischer Tanzwettbewerb, der 2015 in Israel stattfinden sollte, wurde abgesagt, weil die Veranstalter nach einer Kampagne der Irish Palestinian Solidarity Group (IPSG) und zahlreichen Drohungen um die Sicherheit der Tänzerinnen und Tänzer fürchteten. 2012 hatte die irische Folkloreband Dervish aus denselben Gründen einen geplanten Auftritt in Israel abgesagt. Der irische Justizminister Alan Shatter äußerte sich damals empört über das „Cyberbullying“.

Sarah McTernan sagt, dank all der Leute, die ihr Gutes wünschen, fühle sie sich nun viel besser und denke sogar darüber nach, ihre Erfahrungen in einen Song einfließen zu lassen. „Ich habe zu einem Freund gesagt, wir sollten etwas über dieses Internetzeug schreiben. Solche Sachen sind fester Bestandteil dessen, was man in Kauf nimmt, wenn man im Rampenlicht steht. Das passiert einem und man muss damit umgehen.“

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