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20 Jahre zweite „Intifada“: Mohammed Al-Dura, ein Mythos und seine tödlichen Folgen

Die Bilder von Mohammed al-Duras angeblichem Tod befeuerten die zweite „Intifada“
Die Bilder von Mohammed al-Duras angeblichem Tod befeuerten die zweite „Intifada“ (Quelle: Wikipedia / Fair use)

Kurz nach dem Beginn der zweiten „Intifada“ vor 20 Jahren wird ein zwölfjähriger palästinensischer Junge zu deren Ikone. Israelische Soldaten hätten ihn kaltblütig erschossen und seinen Vater schwer verletzt, glauben die Palästinenser. Diese Geschichte stimmt zwar hinten und vorne nicht, dennoch befeuert sie den Terror gegen den jüdischen Staat wesentlich.

Die Bilder werden zum vielleicht wichtigsten Symbol der zweiten „Intifada“ überhaupt, sie heizen die eliminatorische Gewalt an, sorgen weit über die palästinensischen Gebiete hinaus für Empörung und Entsetzen, scheinen ein Beleg für die Grausamkeit der israelischen Armee zu sein: Ein zwölf Jahre alter palästinensischer Junge stirbt im Gazastreifen in den Armen seines verzweifelten Vaters, getroffen von mehreren Kugeln aus Gewehren israelischer Soldaten, die von einem Militärstützpunkt aus auf palästinensische Demonstranten schießen.

Die Szene, gefilmt am 30. September 2000 von einem palästinensischen Kameramann und verbreitet vom französischen Fernsehsender France 2, geht um die Welt. Der Junge, Mohammed Al-Dura mit Namen, wird zum „Märtyrer“ gemacht, ja, zur Ikone der „Intifada“, die zwei Tage vorher begonnen hat.

Für einen unumstößlichen Beweis, dass Israel vorsätzlich und kaltblütig unschuldige Kinder ermordet, halten die Palästinenser und ihre internationalen Unterstützer die Bilder. Doch der Schein trügt. Zwar äußert die israelische Armee ihr Bedauern darüber, was vorgefallen ist, doch die entsprechende Erklärung zieht sie später zurück.

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Denn es kommen bald Zweifel daran auf, dass sich die Sache so zugetragen hat, wie France 2 sie darstellt und die Palästinenser glauben. Es ist vor allem Esther Schapira, Fernsehredakteurin beim Hessischen Rundfunk, Filmemacherin und Journalistin, die bei Recherchen auf eine Reihe von Widersprüchen und Ungereimtheiten stößt. Das thematisiert und analysiert sie erstmals im März 2002 in einem Film.

„Je mehr wir nachgefragt und mit den Betroffenen gesprochen haben, desto klarer wurde, dass die Bilder gar nicht so eindeutig sind, wie sie scheinen“, sagt sie der Wochenzeitung Jungle World. Es sei „weder zu erkennen, wie das Kind erschossen wird, noch wer geschossen hat“.

Viele Indizien deuteten aber darauf hin, dass gar nicht israelische, sondern vielmehr palästinensische Kugeln das Kind trafen: „Der Einschusswinkel lässt darauf schließen. Auch ballistische Erkenntnisse sowie die Aussage des Pathologen, der das Kind untersucht hat, stützen diese Vermutung.“ Hat France 2 also die Unwahrheit verbreitet? Handelt es sich gar um eine Fälschung oder Inszenierung? Und welche Rolle spielt der Kameramann Talal Abu Rahme?

Ist Mohammed Al-Dura überhaupt getötet worden?

Diesen Fragen geht Philippe Karsenty, ein französischer Lokalpolitiker, im Anschluss an Schapiras Film auf eigene Faust nach. Er ist davon überzeugt, dass der Israel-Korrespondent von France 2, Charles Enderlin, einen manipulierten Bericht fabriziert hat, und äußert diese Überzeugung öffentlich. Der Sender verklagt ihn deshalb und bekommt im Oktober 2006 zunächst Recht, doch das Urteil wird im Mai 2008 von einem Appellationsgericht aufgehoben.

Im Juni 2013 aber entscheidet das französische Kassationsgericht letztinstanzlich gegen Karsenty und verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 7.000 Euro. Damit ist staatsoffiziell festgestellt, dass France 2 keine Fälschung ausgestrahlt hat. Doch die Widersprüche und Ungereimtheiten sind in der Zwischenzeit sogar noch zahlreicher geworden. Esther Schapira und Georg M. Hafner thematisieren sie im März 2009 in einer weiteren ARD-Produktion.

„Das Kind, der Tod und die Wahrheit“ heißt der gründlich recherchierte, äußerst sehenswerte Film.

Er rekonstruiert noch einmal die Ereignisse an der Netzarim-Kreuzung in Gaza am 30. September 2000, wo seit dem Morgen mehrere hundert palästinensische Demonstranten den israelischen Militärstützpunkt mit Steinen und Brandsätzen angriffen und die israelische Armee zunächst mit Tränengas und Gummigeschossen reagierte, bevor plötzlich Schüsse fielen. Sie kamen nicht nur vom israelischen Stützpunkt, sondern auch von einem gegenüberliegenden, 100 Meter entfernten palästinensischen Posten.

Während sich die Demonstranten zurückzogen, blieben Mohammed Al-Dura und sein Vater Jamal zurück. Sie suchten Schutz hinter einem Betonfass.

45 Minuten lang will der Kameramann Abu Rahme, der sich hinter einem Transportfahrzeug aufhielt, den Schusswechsel verfolgt haben. Doch lediglich eine Minute und 15 Sekunden seiner Aufnahmen sind den beiden Al-Duras gewidmet. France 2 veröffentlichte davon nur die ersten 55 Sekunden, und der Korrespondent Charles Enderlin beschloss seinen Beitrag mit den Worten: „Mohammed ist tot.“

In den verbleibenden 20 Sekunden, die der Sender erst auf eine gerichtliche Anordnung hin freigab, sieht man allerdings, wie das Kind einen Arm hebt, in die Kamera schaut und sich wieder hinlegt. „Man konnte also noch gar nicht sagen, das Mohammed tot sei“, erklärt Esther Schapira Anfang März 2009 in einem Interview der FAZ. „Wir wissen nicht, was mit dem Kind anschließend passiert ist.“

Beerdigt wurde ein anderer Junge

Schapira und Hafner lassen Beteiligte und Experten ausführlich zu Wort kommen, darunter Jamal Al-Dura, Talal Abu Rahme, Charles Enderlin, Philippe Karsenty, einen Historiker, einen Physiker, einen Ballistiker, zwei Chirurgen, die Informationschefin von France 2, einen Notarzt und einen Pathologen des Shifa-Krankenhauses in Gaza sowie einen Gerichtsgutachter für biometrische Gesichtsvergleiche.

Deren Aussagen und weitere Recherchen für den Film ergeben ein detailliertes Bild von den Geschehnissen, das im kompletten Gegensatz zu jener Version steht, wie sie von France 2 und den Palästinensern verbreitet wurde und wird.

Demnach kann aufgrund der – unzweifelhaft seriösen – ballistischen Analysen nunmehr als gesichert gelten, dass Mohammed und Jamal Al-Dura nicht von israelischen Kugeln getroffen wurden, sondern, wenn überhaupt, von palästinensischen. Blut ist auf den Bildern allerdings nicht zu erkennen und blieb auch nicht zurück, als der Krankenwagen die beiden abgeholt hatte.

Dass Mohammed getötet wurde, ist höchst zweifelhaft; die Bilder von der Autopsie im Shifa-Krankenhaus und von der Beerdigung, die um die Welt gingen, zeigen jedenfalls nicht ihn, sondern einen anderen Jungen – womöglich, aber nicht zweifelsfrei seinen Cousin, wie Schapira und Hafner herausgefunden haben.

Wie dieses Kind am selben Tag zu Tode kam, ist unklar. „Aber es ist unwahrscheinlich, dass es Israelis waren, denn selbst die palästinensische Seite erklärte, dass die Israelis erst mittags schossen“, sagt Esther Schapira. Und am Mittag lebte dieser Junge schon nicht mehr.

Wie kommen der Kameramann und damit auch France 2 dann darauf, dass Mohammed Al-Dura getötet wurde? Abu Rahme habe, so Schapira zur FAZ, ihr gegenüber gesagt, dass er nach dem Dreh einen palästinensischen Journalisten getroffen habe. Von ihm habe er erfahren, dass der vermeintlich Getötete Mohammed al-Dura sei, „und daraufhin seinen Bericht geändert. Er kombinierte einfach die verschiedenen Geschichten: Das tote Kind vom Vormittag, die Schussszene und später die Beerdigung.“

Eine Fälschung von France 2?

Damit nicht genug: Die Handversteifung und die Verletzungen am Körper von Jamal Al-Dura, die er selbst vor laufender Kamera zeigt, sind nicht die Folgen von zwölf Schüssen, sondern rühren von einem Angriff auf ihn, den die Hamas mehrere Jahre zuvor mit Äxten und Messern durchgeführt hatte. So äußert sich jedenfalls der Chirurg, der ihn deshalb operierte.

Zudem steckt der Bericht des Krankenhauses in der jordanischen Hauptstadt Amman, wohin Jamal Al-Dura von Gaza aus verlegt wurde, voller Widersprüche, und es gibt Unstimmigkeiten, was das Datum der Einlieferung betrifft. Kurzum: Die ganze Sache riecht extrem streng, um es vorsichtig zu formulieren.

Daher stellt sich erneut die Frage Ist der Beitrag von France 2 eine Fälschung und die vermeintliche Erschießung von Mohammed al-Dura eine Inszenierung? Für Ersteres gebe es zumindest „eine hohe Plausibilität“, wie Esther Schapira befindet. „Wir sagen in unserem Film, dass es keinerlei Beweise gebe, Mohammed al-Dura sei in der berühmten Filmszene getötet und sein Vater ernsthaft verletzt worden. Mit Sicherheit können wir auch sagen, dass das Kind, das beerdigt wurde, nicht Mohammed al-Dura ist. Und es ist unsinnig davon zu sprechen, dass er von israelischen Soldaten erschossen wurde.“ Damit entpuppt sich die gesamte Geschichte rund um den angeblichen Tod des Zwölfjährigen als Mythos.

Der Beitrag von France 2 hat die „Intifada“ befeuert

Dieser Mythos hat Folgen über die „Intifada“ hinaus – tödliche Folgen: Mit den ikonografischen Bildern werden „weltweit Terrorakte gerechtfertigt“, erinnert sich Schapira. „Es gibt beispielsweise ein Rekrutierungsvideo von al-Qaida mit der Stimme Bin Ladens mit dieser Szene, und bei der Enthauptung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl durch Islamisten liefen diese Bilder im Hintergrund.“

Hinzu kämen weltweit Straßen, Plätze und sogar Briefmarken, die nach Mohammed al-Dura benannt seien. „Kinder lernen seine Geschichte in der Schule, Lieder und Videoclips würdigen ihn als Märtyrer.“ In arabischen Lehrfilmen seien zwei Dinge deutlich zu sehen, so Schapira: „ein israelischer Soldat, der Mohammed erschießt, das Blut des Toten und seines Vaters sowie der Krankenwagen, der beide abtransportiert“. Das alles komme in Abu Rahmes Aufnahmen jedoch gar nicht vor.

Und das macht ein grundsätzliches Problem deutlich: Nicht nur France 2 verlässt sich auf das Bildmaterial, das palästinensische Kameraleute aus den palästinensischen Gebieten liefern. Hinterfragt wird es nur selten, denn das damit verbundene Narrativ passt perfekt zur Sichtweise, die etliche Medien in Europa von Israelis und Palästinensern haben.

Wenn die Bilder also zu zeigen scheinen, dass israelische Soldaten gezielt ein palästinensisches Kind töten, hält man sie für glaubwürdig und authentisch. In diesem Fall hat die ungeprüfte Verbreitung des Materials samt entstellender Kürzung und entsprechendem Kommentar dazu beigetragen, dass terroristische antisemitische Aktivitäten rasch eskaliert sind. Das heißt: France 2 hat die zweite „Intifada“ befeuert.

Esther Schapira und Georg M. Hafner dagegen haben mit Redlichkeit, Recherche und Akkuratesse die Wahrhaftigkeit befördert und deutlich gemacht, wie Journalismus aussehen kann und sollte. Ihre Beiträge sind überzeugend und vermögen die dominierende Erzählung von den Israelis als Tätern und den Palästinensern als Opfer dennoch nicht nachhaltig infrage zu stellen. Denn wo antisemitische Ideologie am Werk ist, hat die Aufklärung kaum eine Chance. Noch heute ist Mohammed Al-Dura im arabischen Raum eine Ikone. Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf.

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