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1. Mai 1921: Ein arabischer Pogrom in Jaffa (Teil 2)

Massengrab für jüdische Opfer der Unruhen von Jaffa auf dem Trumpeldor-Friedhof Tel-Aviv
Massengrab für jüdische Opfer der Unruhen von Jaffa auf dem Trumpeldor-Friedhof Tel-Aviv (Quelle: צילום:ד"ר אבישי טייכר / CC BY 2.5)

Wie in Teil 1 geschildert brach am 1. Mai 1921 in Jaffa im britischen Mandatsgebiet Palästina ein arabischer Pogrom gegen Juden aus, der auch am 2. Mai andauerte.

Am 2. Mai wurde der bekannte jüdische Journalist, Schriftsteller und Übersetzer Chaim Brenner getötet, der zu diesem Zeitpunkt gerade die Briefe Trumpeldors edierte. Brenner lebte in einem wegen seiner Farbe „Rotes Haus“ genannten Gebäude in Jaffa und beschloss an jenem 2. Mai, mit fünf anderen Bewohnern nach Tel Aviv zu flüchten. „Wären sie zu Hause geblieben, hätten sie vielleicht überlebt“, schreibt Segev.

Am Friedhof neben dem Haus trafen sie auf eine muslimische Trauergesellschaft, die einen Jungen beerdigte, der am Vortag getötet worden war. „Gegen die Menge der Trauernden hatten die sechs Männer keine Chance“, so Segev. Brenner und ein weiterer der Juden wurden erschossen, die anderen mit Knüppeln und Äxten ermordet. Eine der Leichen wurde nie gefunden.

„Die man fand, waren verstümmelt“, schreibt Segev. „Brenner wurde auf dem Bauch liegend gefunden, nackt vom Bauch an.“

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Die Gewalt ging tagelang weiter und weitete sich auf nahe gelegene Orte aus: Rehovot, Kfar Saba, Petah Tikva, Hadera. Die Briten warfen Bomben von Flugzeugen, um Angriffe auf jüdische Landwirtschaftssiedlungen zu verhindern. Dennoch kam es zu Plünderungen. Gleichzeitig wurden während der Tage der Gewalt auch Araber von Juden ermordet.

Die politischen Folgen

Die politischen Folgen des Pogroms von Jaffa waren gravierend. Eine aus Sicht der Juden erfreuliche Reaktion des britischen Gouverneurs Herbert Samuel war, dass Tel Aviv am 11. Mai 1921 eine eigene Kommunalverwaltung bekam, mit einer gewissen Autonomie innerhalb der 45.000-Einwohner-Stadt Jaffa. Auf der negativen Seite viel schwerer wogen aber zwei andere Konsequenzen, die die Briten zogen.

Zum einen begann die Serie von „Weißbüchern“: Beginnend mit Jaffa setzte die britische Regierung nach jedem Pogrom (hier ist vor allem das Pogrom von Jerusalem, Hebron und Safed im Jahr 1929 und der „arabische Volksaufstand“ von 1936-1939 zu nennen) eine Untersuchungskommission ein, die Zeugen anhörte und dann in einem sogenannten Weißbuch ihre Erkenntnisse und Empfehlungen präsentierte.

Der Tenor war stets, dass die Araber beunruhigt über die jüdische Einwanderung seien und man diese darum beschränken müsse. Das tragische Ende dieser Geschichte war das am 9. November 1938 veröffentlichte MacDonald-Weißbuch, in dem am Tag der Reichspogromnacht und am Vorabend des Holocaust die Einwanderung von Juden nach Palästina auf nur noch 15.000 pro Jahr beschränkt wurde – eine Politik, die auch nach Kriegsbeginn gnadenlos umgesetzt wurde.

Ebenfalls in Zusammenhang mit dem Pogrom von Jaffa stand wohl Herbert Samuels fatale Entscheidung, im Dezember 1921 ausgerechnet Amin el-Husseini zum Großmufti von Jerusalem zu ernennen. Den hatte er zuvor erst begnadigen müssen, weil Husseini als Anstifter des Nabi-Musa-Pogroms von 1920 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war. So gedachte Samuel wohl die Araber zu beschwichtigen: indem er den Bock zum Gärtner machte.

Unheilvolle Dynamik

Schon im Haycraft-Bericht wurde den Juden die Schuld daran gegeben, die Araber provoziert zu haben. Nicht nur durch die kommunistische Demonstration seien die Araber gereizt worden, sondern auch dadurch, dass jüdische Männer und Frauen „Arm in Arm“ schlenderten und dabei sogar „singen“ würden. Und schließlich gebe es da einen Zionisten in London, der geschrieben habe, Palästina solle „so jüdisch werden, wie England englisch und Frankreich französisch ist“. So etwas, so Haycraft, werde auch von den Arabern gelesen, und man müsse sich nicht wundern, wenn es sie wütend mache.

Husseini wiederum wird den Haycraft-Bericht gelesen und seine Schlüsse gezogen haben: Solange alles friedlich bleibt, kann das zionistische Experiment als Erfolg gelten und die jüdische Einwanderung geht weiter. Wenn man diese stoppen will, muss man dafür sorgen, dass es stets Gewalt gibt.

Wenn „Wut“ der Araber, die in Pogromen mündet, aus Sicht der Briten ein Grund ist, die jüdische Einwanderung zu drosseln, dann braucht es mehr davon, wird Husseini gedacht haben. Und so gebrauchte er die ihm von Gouverneur Samuel übertragene Autorität, um zu weiteren Pogromen aufzuhetzen: 1929 in Jerusalem, Hebron und Safed (damals nutzte Husseini erstmals die auch heute noch zu hörende Lüge, die Juden würden Al-Aqsa bedrohen), ab 1936 dann in ganz Palästina.

Die Denkungsart, dass die palästinensischen Araber wütend seien, weil die palästinensischen Juden sie wütend machen – und somit die Anwesenheit von Juden die eigentliche Ursache des Konflikts sei –, ist auch hundert Jahre nach dem Pogrom von Jaffa auf der ganzen Welt verbreitet.

Literatur:

Sir Thomas Haycraft: Palestine. Disturbances in May, 1921, Reports of the Commission of Inquiry with correspondence relating thereto, London 1921. (PDF)

Tom Segev: One Palestine, Complete: Jews and Arabs Under the British Mandate, New York 2001.

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