Lieber Terroristen als verschluckte Fischgräten?

Von Alex Feuerherdt

Ist der blutige Terror in Europa wirklich ein Monster für die Phantasie, aber eine Mikrobe für die Statistik, wie es uns nun verharmlosend erklärt wird? Diese scheinbare Entwarnung ist im Netz und den sozialen Medien populär, basiert aber auf einem fundamentalen Irrtum.

 

 

Drei Tage nach den Terroranschlägen in Brüssel erschien im Zürcher Tages-Anzeiger ein Beitrag von Constantin Seibt – „Reporter Recherche“ bei dieser Zeitung – der im Netz so viel Aufmerksamkeit, Lob und Bekanntheit erfuhr wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Raum zu den Attacken in der belgischen Hauptstadt. „Fürchte dich nicht“, lautete sein Titel, und die Unterzeile nahm das Ergebnis des Textes vorweg: „Betrachtet man die Statistiken, ist der islamistische Terrorismus in Europa erstaunlich erfolglos.“ Denn seit den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001, schrieb Seibt, hätten islamistische Attentäter in Westeuropa und den USA zwar etwa 450 Menschen ermordet, und gewiss sei jeder dieser Morde grausam. Doch es gebe Gefährlicheres: „Allein in Deutschland ersticken pro Jahr über 1.000 Leute an verschluckten Fremdkörpern.“ Ursprünglich hatte der Autor als Vergleichsgröße die angeblich 500 Menschen genannt, die in der Bundesrepublik jährlich durch Fischgräten zu Tode kämen. Das änderte er allerdings rasch, nachdem ihm der Publizist Rainer Meyer (bekannter unter seinem Pseudonym „Don Alphonso“) auf einem Blog der FAZ nachgewiesen hatte, dass diesbezüglich gar keine offizielle Statistik existiert.

Doch gleich, ob Fischgräten oder sonstige Fremdkörper – was bleibt, ist die Botschaft, dass es im Westen größere Bedrohungen für Leib und Leben gibt als islamistische Attentäter, die zwar, so Seibt, „ein Monster für die Fantasie“, aber bloß „eine Mikrobe für die Statistik“ seien. Diese Entwarnung wurde, wie Rainer Meyer dokumentiert hat, im Netz außergewöhnlich rege geteilt, retweetet und mit Facebook-Likes versehen. Von der Handelsblatt-Redakteurin über den wirtschaftspolitischen Sprecher der deutschen Grünen bis zum Büroleiter eines EU-Kommissars und unzähligen weiteren Lesern verbreiteten etliche die frohe Kunde: Es ist alles halb so wild! Dabei zeugten der Fischgrätenvergleich und die daraus resultierende Aussage von einer „mangelnden Bereitschaft, sich mit den praktischen Folgen von Terror auseinanderzusetzen“, kritisierte Meyer. Wer ernsthaft zu diesem Thema arbeite, der wisse, dass es mit dem Zählen der Toten nicht vorbei ist.

„Speziell Nagelbomben wie in Brüssel haben eine vielfach höhere Zahl von Verletzten zur Folge, und für viele ist das gute Leben danach für immer vorbei. Sie sind behindert, traumatisiert und entstellt, und von einem Redakteur Recherche würde man schon erwarten, dass er in diesem Kontext die schockierenden Berichte zur Splitterwirkung kennt, egal ob aus Israel, vom Oktoberfestattentat, aus London oder dem Irak.“

Abgesehen davon scheinen Seibt die gravierenden Unterschiede zwischen einem Unglück und einem (Massen-)Mord nicht hinreichend klar zu sein. Wer an einem verschluckten Fremdkörper stirbt, wird unbeabsichtigt zum Opfer eines Unfalls, während Tod und Verletzung bei einem Terroranschlag von anderen Menschen vorsätzlich herbeigeführt werden. Letzteres ist geeignet, das Grundvertrauen in die Menschen tief zu erschüttern, in die Sicherheit und Geborgenheit, in die Selbstverständlichkeit des Lebens und in die Behörden. Es geht also um erheblich mehr als die körperliche Unversehrtheit, wenn man sich seines Lebens (und des Lebens seiner Nächsten) nicht mehr sicher sein kann, weil es Kräfte in der Nähe gibt, die einem gezielt nach dem Leben trachten und vor nichts zurückschrecken – einzig und allein aufgrund ihres mörderischen Weltbildes. Wer das ausblendet und beispielsweise den Fischkonsum für gefährlicher hält, ist ein Zyniker, dem die Maßstäbe komplett durcheinandergeraten sind.

 

Weltweite Zunahme des Terrors

Wie absurd es ist, die Bedrohung durch den Terror mit dem Hinweis auf im Alltag lauernde Gefahren zu einer statistischen Quan­ti­té né­g­li­gea­b­le zu machen – und damit den Opfern Hohn zu sprechen –, wird zudem durch jenen besonders prägnanten Vergleich deutlich, den Rainer Meyer anstellte: „Niemand im Journalismus käme hoffentlich auf die Idee, der türkisch- und griechischstämmigen Gemeinschaft in Deutschland vorzurechnen, dass die Gefahren durch den NSU [Nationalsozialistischen Untergrund] statistisch gesehen viel kleiner als die des Rauchens oder des Fahrverhaltens im Straßenverkehr sind – selbst wenn das statistisch belegbar wäre.“ Die Unvergleichbarkeit von Massenmorden und Unfällen gehöre schließlich auch zu den Werten, von denen Seibt schreibt, „unsere gesamte Zivilisation wurde auf ihnen gebaut“. Einen solchen Vergleich erwarte man nach dem Bekanntwerden des NSU daher allenfalls auf einer Naziseite. „Irgendwie“, so Meyer weiter, „ist es aber völlig in Ordnung, wenn sich der Mord durch die gleiche Art Extremismus gegen die westliche Gesellschaft richtet“.

 

terrorgefahr
Terrorismusindex weltweit. Quelle: http://www.visionofhumanity.org/

 

Dieser Relativismus mag nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass es zutiefst verachtenswerte Kräfte gibt, die in so ziemlich jedem in Europa lebenden Muslim einen potenziellen Terroristen sehen und denen es nicht um die Kritik des politischen Islam als Ideologie geht, sondern um die Bekämpfung der real existierenden Muslime als Fremde. Doch das kann selbstverständlich kein Grund sein, die mörderische Gefährlichkeit des Islamismus zur statistischen Randnotiz herunterzuspielen. Zumal hier etwas Entscheidendes hinzukommt, das Constantin Seibt geflissentlich ausblendet: Zwar stimmt es, dass der Terror in Westeuropa seit 2001 insgesamt nicht gestiegen ist, wenn man die Zahl der Anschläge und der Opfer zugrundelegt. Global gesehen jedoch hat er deutlich zugenommen, in besonderem Maße in den vergangenen fünf Jahren, was vor allem islamistischen Organisationen wie Boko Haram, den Taliban, al-Qaida und dem Islamischem Staat (IS) zuzuschreiben ist. Im Jahr 2011 wurden weltweit 2.251 Terroranschläge mit 7.149 Toten verübt, 2014 waren es bereits 6.334 Attacken, bei denen 32.257 Menschen getötet wurden. Die meisten Terroropfer gab es im Zeitraum zwischen 2001 und 2014 im Irak (42.759), in Afghanistan (16.888) und in Pakistan (13.524). Das sind erschütternde Zahlen.

 

Verengter Fokus

Nun ist Constantin Seibt beileibe nicht der Einzige, der beim Thema Terror seinen Fokus auf Westeuropa verengt und so zu dem Schluss kommt, dass die Lage doch gar nicht so dramatisch sei. Das wiederum wirft eine Frage auf, die Stefan Frank in einem Beitrag für Audiatur Online gestellt hat: „Wollen Journalisten womöglich am liebsten gar nicht über Terrorismus reden und tun es nur widerwillig – dann, wenn es wegen der geografischen Nähe des Anschlagsziels unvermeidlich ist?“ Würde über alle Terroranschläge berichtet werden, so Frank, dann würde das „vielleicht zu Erkenntnissen führen, die dem Medienestablishment unangenehm wären: Niemand könnte mehr leugnen, dass Dschihadisten einen Weltkrieg führen – gegen alle, die aus ihrer Sicht den Tod verdient haben: Christen, Juden, Kurden, Hindus und solche Muslime, die den Terroristen als nicht schariatreu gelten oder von ihnen als Konkurrenten im Kampf um die Macht wahrgenommen werden.“ Auch die Mär vom Terrorismus als einer „Waffe der Schwachen“, die sich gegen „die Politik des Westens“ richte, wäre dann hinfällig.

Zweifellos gibt es auch andere Gründe als diese, warum Terrorangriffe außerhalb Europas und der USA in den westlichen Medien weniger Aufmerksamkeit erfahren. Stefan Frank hat einige davon zusammengetragen und dabei auf Wissenschaftler zurückgegriffen, die sich mit der Medienberichterstattung über den Terrorismus beschäftigen: Anschläge im Westen werden als bedrohlicher empfunden, es gibt eine größere Nähe zu den Opfern, die Erwartungshaltung der Medienkonsumenten ist ebenfalls ein Faktor, zudem ist es einfach und sicher, an den Ort des jeweiligen Anschlags zu reisen, und es gibt die für die Berichterstattung nötige Infrastruktur. Doch all dies kann und darf eine Wahrheit nicht in den Hintergrund drängen, auf die Frank eindringlich hinweist:

„Ob Dschihadisten Terroranschläge in Paris, Nairobi, Brüssel, Jerusalem oder Lahore verüben, sie sind immer von derselben Motivation getrieben. Im weltweiten Krieg gegen die ‚Ungläubigen‘ morden sie ohne Ansehen der Person, ihres Status und ihrer Nationalität. Sie machen keinen Unterschied zwischen ‚Ungläubigen‘ in Europa, Israel, Pakistan, Argentinien, den USA und Kenia. Die Medien sollten dies bei der Berichterstattung auch nicht tun.»

Und sie sollten es tunlichst unterlassen, den Terror durch abwegige Vergleiche mit Alltagsrisiken zu verniedlichen.

 

Artikel zuerst erscheinen auf Audiatur Online

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