Die Türkei wird immer antisemitischer

„Gemäß des kürzlich vom US-amerikanischen Außenministerium veröffentlichten ‚Turkey 2016 International Religious Freedom Report‘ unterdrückt neben China und Saudi-Arabien auch die Türkei ihre religiösen Minderheiten. Seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 sind die türkischen Juden mit zunehmendem Antisemitismus konfrontiert. Dies spiegelt das Einschwenken des machthungrigen und inzwischen zum Präsidenten avancierten Populisten Erdoğan auf einen faschistischen und nativistischen Kurs wider. Er sucht die Türken zu einen, indem er die Probleme des Landes Sündenböcken (Juden, Kurden, Alewiten und der Gülen-Bewegung) anlastet. (…)

Manche jüdischen Institutionen in Istanbul geben sich heute nach außen hin nicht als solche zu erkennen und werden durch Stacheldraht und bewaffnetes Wachpersonal gesichert. Wenn türkische Juden auf jüdische Symbole zurückgreifen, tun sie dies oft nur verdeckt, d.h., sie tragen den Davidsstern unter der Kleidung oder bringen die Mesusa innerhalb der Wohnung an. Dass sie treue gebürtige Türken sind, wird infrage gestellt, und sie sehen sich zunehmends antisemitischen Angriffen ausgesetzt. So wurden 1986 beispielsweise in der Neve Shalom-Synagoge – der größten in Istanbul – 22 Juden durch Palästinenser umgebracht. Ironischerweise heißt Neve Shalom ‚Oase des Friedens’. Zu den seitherigen Angriffen gehört ein von der Hisbollah ausgeführter Anschlag wiederum auf die Neve Shalom-Synagoge anlässlich des 500jährigen Jubiläums der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1992 (bei dem es keine Toten gab). Im Jahr 2003 explodierten zwei Autobomben, die eine vor der Neve Shalom-Synagoge, in der sich ungefähr 400 Menschen aufhielten, die andere hinter der Beit Israel-Synagoge, in der sich um die 300 Menschen befanden. Die Explosionen töteten mindestens 20 und verletzten rund 300 Menschen. Die türkische Polizei vereitelte 2013 einen geplanten Sprengstoffanschlag von al-Qaeda auf eine Synagoge im Istanbuler Stadtteil Balat. Einer von der Anti-Defamation League 2014 durchgeführten Umfrage zufolge sind bis zu 70 Prozent der türkischen Bevölkerung Juden gegenüber antisemitisch eingestellt.

Seit dem 15. Juli kommen die antisemitischen Angreifer nicht mehr (wie im Falle der Hisbollah) von außen. Es sind ganz gewöhnliche Türken, die sich ermutigt fühlen, sich nun auch lautstark daran zu beteiligen, ein für die ethnischen und religiösen Minderheiten vergiftetes und gefährliches Klima zu schaffen. Der Turkey 2016 International Religious Freedom Report berichtet von zahlreichen antisemitischen Ausfällen, darunter auch Gewaltandrohungen, in den sozialen Medien und sogar in regierungsnahen Medien. Am 22. Juli 2017 wurde die Neve Shalom-Synagoge erneut von Ultranationalisten angegriffen. Dass Erdoğan den Putschversuch dem islamischen Kleriker Fethullah Gülen und der von ihm inspirierten Gülen-Bewegung zugeschrieben hat, hat die Lage für die Juden ironischerweise nur verschlimmert. Manche Gülen-Gegner haben den muslimischen Kleriker als ‚Kryptojuden’ bezeichnet, dessen Mutter Jüdin sei (was nicht stimmt). Im Dezember 2016 schrieb ein Kolumnist der vielbeachteten und von der Regierung unterstützten Zeitung Sabah, Gülen ‚riecht schnell nach Geld und Macht. Weil er ein Jude ist.’ Dem ehemaligen Abgeordneten Aykan Erdimir zufolge habe die Situation der religiösen Minderheiten sich ‚im Laufe der vergangenen Jahres extrem verschlechtert. Die von der Regierung kontrollierten türkischen Medien dämonisieren Minderheiten systematisch und stellen sie als fünfte Kolonnen dar.’ Die allgegenwärtige Furcht ist spürbar.“ (Sophia Pandya: „In Erdogan’s Post-Coup Turkey, Anti-Semitism is on the Rise“)

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