Mena-Exklusiv

„Der IS und Putin verfolgen dieselbe Strategie in Syrien“

Abdalaziz Alhamza ist der Mitbegründer und Sprecher der syrischen Menschenrechtsorganisation „Raqqa is Being Slaughtered Silently“ (RBSS). Seit Truppen der jihadistischen Terrororganisation Islamischer Staat (IS) die syrische Stadt Raqqa einnehmen konnten und diese zur Hauptstadt ihres Kalifats erklärten, ist RBSS die einzige zuverlässige Quelle, die weiterhin aus Raqqa berichtet. Der Publizist und Blogger David Kirsch sprach mit Abdalaziz Alhamza über die Gründung von RBSS, die Akteure des syrischen Konflikts und seine ungebrochene Motivation über die Gräueltaten des Islamischen Staates aufzuklären.

Aziz

 

David Kirsch (DK): Wie kam es zur Gründung von „Raqqa is Being Slaughtered silently“?

Abdalaziz Alhamza (AZ): Viele meiner Freunde haben ihr gesamtes Leben in Raqqa verbracht. Als die Truppen des Islamischen Staates im Jänner 2014 in Raqqa einmarschierten, änderte sich alles für uns. Auch wenn wir nicht viel über den IS wussten, merkten wir schnell, dass sie Mitglieder einer extremistischen Terrorgruppe sein mussten.

Die Invasion änderte alles: Sie errichteten einen totalitäres politisches System, zwangen die lokale Bevölkerung ihre radikalen Weltanschauungen zu übernehmen, begannen Dissidenten hinzurichten und rissen die Kontrolle der Medien an sich. Zu dieser Zeit wusste kaum jemand etwas über Raqqa, daher entschieden wir uns, eine Informationskampagne zu entwickeln, auch um anderen Syrern von den Geschehnissen in Raqqa erzählen zu können. Sehr bald schon begannen Mitglieder des IS unsere Freunde und Kollegen, die am Aufbau dieser Kampagne beteiligt waren, zu bedrohen. Sie versuchen die unabhängige Medienberichterstattung aus Raqqa zu verhindern, vor allem, weil wir die Menschenrechtsverletzungen dieser Terroristen anprangern. Zuerst begannen wir uns auf Facebook und Twitter zu vernetzen, später veröffentlichten wir auch Berichte auf unserer Homepage. Daraufhin versuchte der IS uns den freien Zugang zum Internet zu nehmen, was uns dazu zwang, auf Internet-Cafés auszuweichen. So wurde es natürlich noch gefährlicher für uns, über die Verbrechen des IS zu berichten. Der maßgebliche Unterschied zwischen dem Islamischen Staat und anderen Terrororganisationen im Nahen Osten ist: Der IS begeht Verbrechen, die die Syrer zwar noch von früher kennen, aber sie sind nicht gewohnt, sie in der Öffentlichkeit zu sehen.

So entschlossen wir, der gesamten Welt zu zeigen, was tatsächlich in Raqqa passiert. Wie ich schon sagte, gab es vor dem Jahr 2014 kaum Kenntnisse über diese Stadt – seit wir mit unserer Kampagne begonnen haben, wird weltweit über Raqqa berichtet.

DK: Einige europäische Politiker sind der Ansicht, dass die Syrer dem Islamischen Staat freundlich gesinnt sind, ja dass sie die Übernahme herbeigesehnt haben. Wie war die Reaktion der lokalen Bevölkerung in Raqqa, als der Islamische Staat einmarschierte?

AZ: Die Bewohner von Raqqa standen wochenlang unter Schock. Viele waren es nicht gewohnt, von täglichem Terror umgeben zu sein und merkten deshalb schnell, dass es ihnen unmöglich war, öffentlich gegen die Brutalität zu protestieren. Diese Terroristen sind keine Menschen, sie sind Kriminelle. Sie töten oder enthaupten jeden, der sich ihnen widersetzt. Es ist unmöglich, mit irgendjemandem über sie zu sprechen oder irgendetwas gegen sie zu sagen. Wir merkten sehr bald, dass die Mehrheit der Einwohner den IS aufgrund seiner unerbittlichen und verabscheuungswürdigen Weltanschauung und Herrschaftsmethoden verachten. Daher begannen wir eine Kampagne zu starten, die den Widerstand gegen die Jihadisten unterstützen sollte. Zu Beginn waren wir ungefähr 16 Mitarbeiter, wobei fünf außerhalb Raqqas lebten und neun innerhalb Raqqa arbeiteten. Zuvor hatten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Gewaltherrschaft des Assad-Regimes gerichtet, als der IS einmarschierte, entschlossen wir uns, den Fokus zu ändern. Schon sehr bald versuchte der IS, uns daran zu hindern, jede Art von Nachrichten zu verbreiten, weil sie nicht wollen, dass nur ein Hauch an Ahnung, was in dieser Stadt passiert, nach außen gelangen könnte. Sie wollen, dass ihre Propaganda, die einzige Information ist, die die Menschen erreicht.

Drei Wochen nach dem Start unseres Projekts begannen Imame des Islamischen Staates beim Freitagsgebet in Raqqa, die Leute gegen uns aufzuhetzen, indem sie behaupteten, dass wir Ungläubige wären, dass wir gegen Allah kämpften und dass sie uns hinrichten würden. Kurze Zeit später, im Mai 2014, wurde einer unserer Freunde beim Passieren eines Checkpoints von Einheiten des IS gekidnappt. Zwei Wochen später wurde er in einer Schule vor den Augen hunderter Menschen öffentlich hingerichtet. Bis heute haben wir viele Kollegen und Freunde verloren, die alle dem Morden des IS zum Opfer gefallen sind. Man beobachtet jeden Schritt unserer Kampagne äußerst genau, daher müssen wir sehr auf uns aufpassen.

DK: Werfen wir einen Blick nach Europa: Nach den fürchterlichen Übergriffen in Köln, die sich zu Jahresende ereignet haben, meine viele Menschen, dass diese etwas mit der religiösen Weltanschauung der Syrer zu tun haben könnten.

AZ: Auffällig war, dass viele Menschen nach den Ereignissen in Köln sehr schnell behaupteten, dass es sich bei den Vergewaltigern um syrische Flüchtlinge gehandelt habe. Nachdem die Polizei sie verhaftet hatte, merkte man, dass es keine Syrer waren. Auch wenn es klar war, dass die Geschehnisse nichts mit dem Islamischen Staat zu tun haben, versuchten manche Zeitungen und Parteien, syrische Flüchtlinge für die sexuelle Gewalt verantwortlich zu machen. Betrachten wir die Fakten: Der IS möchte einen islamischen Staat errichten, sie wollen jeden dazu zwingen, sich den Geboten der Scharia zu unterwerfen. Es ist offensichtlich: Der Terror des IS ist nicht der Kampf der Syrer. Die Mehrheit der Bewohner Raqqas ist gegen diese Ideologie. In Raqqa lebt mehr als eine Million Zivilisten und diese sind im Kampf gegen den IS vereint. Sie können nicht öffentlich demonstrieren, weil sie lückenloser Überwachung ausgesetzt sind. Die einzige Möglichkeit, sich dem IS zu widersetzen, ist es, zivilen Ungehorsam zu leisten, sich ihm nicht anzuschließen.

DK: Nun ist der Islamische Staat allerdings nicht die einzige Terrororganisation, die in Syrien kämpft. Seit 2012 hat die Zahl an aufständischen Gruppen, die im syrischen Konflikt involviert sind, ja drastisch zugenommen.

AZ: Die meisten Kämpfer des IS stammen aus dem Irak und waren frühe Unterstützer der Al-Nusra-Front. Niemand kennt ihren genauen Hintergrund, daher lässt sich auch nicht genau sagen, woher sie ihre Unterstützung bekommen. Auch wenn Al-Nusra und der IS nicht zusammen arbeiten, teilen sie doch dieselbe Weltanschauung, dieselbe Ideologie. Wir Syrer machen keinen Unterschied zwischen Assad, Nusra oder dem IS. Sie alle sind Terroristen, die uns unterdrücken und unglaubliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen.

Seit Russland interveniert hat, treten die Gemeinsamkeiten immer offener zutage. Der IS und Russland verfolgen dieselbe Strategie, verbreiten dieselbe Propaganda: Beide agieren terroristisch, obwohl sie alle anderen Gruppierungen des Terrorismus bezichtigen. Die russischen Luftangriffe richten sich primär gegen oppositionelle Gruppen, die gegen Assad und den IS gleichermaßen kämpfen. Auch wenn sie behaupten, dass sie Al-Nusra oder den IS niederringen wollen, so fallen ihren Luftangriffen vor allem syrische Zivilisten zum Opfer, während IS- oder Al-Nusra-Kämpfer hunderte Kilometer weiter unbescholten bleiben. Russland möchte die Welt im Glauben lassen, dass nur noch extremistische Gruppen in Syrien aktiv sind. Um dieses Ziel zu erreichen, bombardieren sie vor allem die Freie Syrische Armee, damit das Assad-Regime letztlich den Krieg gewinnt und der Westen Assad im Kampf gegen den Terror unterstützen muss. Sogar in Gebieten, in denen sich IS-Kämpfer befinden, töten die Bomben hauptsächlich Zivilisten.

Dasselbe gilt für die Islamische Republik Iran: Gäbe es den Iran nicht, hätte Assad längst zurücktreten müssen. Da der Iran sehr gute ökonomischen Verbindungen zum Assad-Regime hat, war auch der Iran das erste Land, das bis zu 5.000 ausländische Kämpfer mobilisierte, um das Assad-Regime im Kampf gegen den syrischen Aufstand zu unterstützen. Aber auch das führte nicht den erhofften Sieg Assads herbei, daher bat man Russland darum zu intervenieren. Mittlerweile, nach monatelangen russischen Luftbombardements, wird langsam klar, dass auch das keine grundsätzliche Änderung mit sich bringen wird. Der Krieg in Syrien wird auch dadurch kein jähes Ende nehmen.

DK: Du meintest, dass das Ziel der russischen Luftangriffe als auch der Barrel-Bombs von Assad nicht der Islamische Staat wäre, sondern andere oppositionelle Gruppierungen. Es scheint manchmal, als hätten beide kein wirkliches Interesse daran, den Islamischen Staat zu besiegen. Warum?

AZ: Es ist vollkommen klar, dass zwischen dem Assad-Regime und dem Islamischen Staat unzählige Verbindungen bestehen. Wenn wir in das Jahr 2004 zurückblicken, als der Irak-Krieg begonnen hatte, half Assad Hunderten von Jihadisten von Syrien aus in den Irak zu gelangen – anschließend verhaftete er sie wieder. Ein Jahr nachdem die syrische Revolution begonnen hatte, ließ Assad diese islamischen Krieger wieder frei, um die Proteste zu unterwandern, weil er wusste, dass sein Regime auf wackeligen Beinen stand. Die Freigelassenen überschwemmten sehr schnell die syrischen Proteste und wurden später wichtige Anführer von islamistischen Konfliktgruppen.

90 Prozent der syrischen Luftangriffe – ebenso wie die Angriffe des IS – richten sich gegen Gruppierungen, die innerhalb der Freien Syrischen Armee operieren. Gleichzeitig gibt es mehrere Anzeichen dafür, dass der IS und Assad in mehreren anderen Bereichen miteinander kooperieren. „Raqqa is Being Slaughtered Silently“ berichtete bereits früh über die guten Wirtschaftsbeziehungen im Ölhandel und Waffenschmuggel. In Gebieten, in denen der IS herrscht, überlässt man dem Assad-Regime einen Teil der Stromregulierung, aber schließt andere oppositionelle Gruppen davon aus; auch in Städten wie Al-Hasaka, in denen sowohl der IS als auch Assad die Macht übernommen haben.

Es ist augenscheinlich, dass Assad ein sehr großes Interesse daran hatte, den IS seit Beginn des Krieges zu unterstützen. Man muss nur einen Blick auf die totalitären Strukturen innerhalb des IS werfen: Sie wissen wie man Dinge organisiert, sie hatten von Anfang an keinen Mangel an finanziellen Mitteln – vor allem Öl und Gas mangelte es ihnen nie –, sie sind keine Anfänger, sondern Profis. Sie haben Ingenieure, Doktoren und Militärstrategen. Auch wenn es natürlich interne Probleme innerhalb des IS gibt, so wird versucht, diese hinter der Propaganda und ihrem Blutrausch zu verbergen. Zugleich führt der IS nun Terrorangriffe in Europa durch, auch um von der eigenen Instabilität abzulenken. Und natürlich dürfen sie keine Schwäche zeigen, weil sie ja immer neue Kämpfer rekrutieren müssen.

DK: Vor einiger Zeit hast Du in Berlin an einer Demonstration gegen die russische Intervention in Syrien teilgenommen. Wie beurteilst Du die Rolle der westlichen Länder im syrischen Bürgerkrieg?

AZ: Deutschland, Europa und die USA müssen wieder zusammenfinden. Es würde zuallererst darum gehen, eine neue Strategie herauszuarbeiten, um Assad und den IS gleichzeitig zu besiegen. Wenn wir den IS alleine besiegen, wird sich nichts ändern. Wenn wir Assad alleine besiegen, wird sich ebenfalls nichts ändern.

Zweitens sollte man seine Aufmerksamkeit im Allgemeinen mehr auf Syrien richten, vor allem auf die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die dort begangen werden. Auf der Demonstration im Januar appellierten wir an die deutsche Bundesregierung, Hilfs- und Essenspakete über Syrien abzuwerfen: Das wäre sehr viel hilfreicher, als Zivilisten mit Bomben einzudecken. Mehrere Vertreter der Regierung erklärten sich später zwar grundsätzlich zu Hilfsaktionen bereit, gaben aber auch zu Bedenken, dass es eine Zeit lang dauern würde, bis solch eine Aktion anlaufen könnte. Als Deutschland um den Beitritt zur internationalen Koalition gegen den IS gebeten wurde, dauerte es nicht einmal einen Tag. Das ist nichts als Heuchlerei.

Sie reden über Menschenrechte, aber tun gar nichts. Sie wollen die Flüchtlingsströme eindämmen, aber scheren sich nur um die Kontrolle ihrer Grenzen. Nicht nur für syrische Flüchtlinge ist es momentan sehr gefährlich in Deutschland. Im Moment warten Tausende von Flüchtlingen auf Hilfe von der Regierung, sie warten massenhaft, um überhaupt in Aufenthaltslager aufgenommen zu werden. Was die deutsche Regierung nicht zu verstehen scheint: All das spielt Assad in die Hände.

Nach den Ereignissen in Köln konnte sich Assad sehr glücklich schätzen, dass die Mehrheit der deutschen Zeitungen lediglich über die Massen an syrischen Flüchtlingen schrieb, nicht aber über die Gründe, wieso sie nach Deutschland gekommen waren. Assad hat ein wesentliches Interesse daran, aufzuzeigen, dass die syrischen Flüchtlinge das Hauptproblem der momentanen Flüchtlingskrise sind. Rechte Parteien wie die „Alternative für Deutschland“ oder „PEGIDA“ nahmen an vielen Demonstrationen gegen Zuwanderung teil und zeigten ihre Solidarität mit Assad und Putin. Ihre Ansichten gegenüber Flüchtlingen und der syrischen Revolution sind eins zu eins dieselben: beidem gegenüber sind sie negativ eingestellt.

DK: Was sind die nächsten Schritte Eurer Kampagne?

AZ: Als ich 2015 den International Press Freedom Award entgegennehmen durfte, hat mich das zutiefst glücklich gemacht. Auch wenn wir nie daran gedacht haben, einen Preis zu bekommen, hat es uns sehr viel Hoffnung gegeben, dass so viele Menschen an unserer Arbeit interessiert sind. Auch wenn es nur ein Preis ist, hat uns das viel bedeutet, und wir widmeten ihn all unseren Freunden und Verwandten, die immer noch in Raqqa unter dem täglichen Terror des Islamischen Staates leben. Wir haben entschlossen, unsere Arbeit fortzusetzen, bis Syrien frei von Assad und dem IS ist. Wir hoffen, dass wir eines Tages wieder nach Hause zurückkehren können, auch wenn wir wissen, dass es wohl noch bis zu zehn Jahre dauern könnte. Auch wenn der Krieg ein schnelles Ende finden würde, müssen wir uns daran erinnern, dass eine bloße militärische Lösung des Konflikts keine dauerhafte Lösung sein kann. Luftschläge alleine können den IS nicht besiegen, sie werden lediglich noch mehr Menschenleben fordern – die Russen wissen das. Die größte Schwierigkeit ist nicht bloß, den Krieg in Syrien zu beenden, sondern die menschenverachtenden Ideologien, die der IS und auch das Assad-Regime verbreitet haben, zu bekämpfen. Vor allem unsere Kinder werden durch den Terror des IS traumatisiert sein, der Wiederaufbau unseres Landes wird ein langer und mühevoller Weg sein.

„Raqqa is Being Slaughtered Silently“ ist nicht nur eine Medienorganisation. Momentan betreiben wir mehrere Kampagnen auch innerhalb Syriens. Wir veröffentlichen politische Zeitschriften in Raqqa und unterstützen unsere Freunde im Widerstand gegen die täglichen Verbrechen. Wir arbeiten alleine für die syrischen Zivilisten, nicht für irgendeine politische oder bewaffnete Organisation. Wir arbeiten, um den Syrern beim Überleben zu helfen und versorgen sie täglich mit Informationen über den Terror des Islamischen Staates. Der einzige Weg, um in Syrien Frieden zu erreichen, ist der des friedlichen Widerstandes gegen Assad und die Jihadisten gleichermaßen.

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