Netanjahu, der Mufti und die ausgeblendete Gegenwart

Von Florian Markl

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu sorgte mit einigen Aussagen über den berüchtigten Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, und dessen Beitrag zum Holocaust für Aufregung. Manches war glatt falsch, manches unhaltbar. In der Empörung über Netanjahu ging jedoch unter, womit dieser zweifellos recht hat: Al-Husseini war ein fanatischer antisemitistischer Hetzer, der die Vernichtung der Juden propagierte – und er wird bis heute von der palästinensischen Führung verehrt und gepriesen.
 

Der „Anstifter“ al-Husseini

Die umstrittenen Äußerungen Netanjahus fielen in einer Rede am vergangenen Dienstag, in der er auf die Verantwortung des Muftis für die anti-jüdischen Pogrome im britischen Mandatsgebiet Palästina 1920, 1921 und 1929 zu sprechen kam. Al-Husseini, so führte Netanjahu aus, sei später als Kriegsverbrecher angeklagt worden, weil er eine „zentrale Rolle“ auf dem Weg zum Holocaust gespielt habe. Als er im November 1941 in Berlin mit Hitler zusammengetroffen sei, habe dieser die Juden noch vertreiben wollen. Es sei der Mufti gewesen, der Hitler dazu aufgefordert habe, sie stattdessen zu „verbrennen“.

Al-Husseini im Gespräch mit Hitler, Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1987-004-09A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

Obwohl Netanjahu bei seinem Besuch in Berlin am vergangenen Mittwoch klarstellte, dass niemand die Verantwortung Hitlers für den Holocaust abstreiten solle, schienen seine Aussagen vom Vortag genau das zu tun. Indem Netanjahu behauptete, der Mufti habe Hitler „erst zum Holocaust angestiftet“, habe er den Palästinensern die Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Juden zugeschoben, so etwa Hans Rauscher. (Standard, 23. Okt. 2015)
 

Der Beschluss der „Endlösung“

Zu Recht wurden Netanjahus Behauptungen über den angeblichen Inhalt des Treffens von Hitler und dem Mufti am 28. November 1941 als unrichtig zurückgewiesen. In der Tat hatten die Wehrmacht und eigens dafür abgestellte deutsche Einheiten bis zu diesem Zeitpunkt in der besetzten Sowjetunion bereits Hunderttausende Juden systematisch massakriert. „Die ‚erste Welle‘ des Holocaust war angelaufen. Dazu brauchte Hitler keinen Mufti von Jerusalem“, bemerkte Rauscher. Das sei „wissenschaftlich x-fach belegt.“

Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Sache aber doch ein wenig komplizierter. Zwar vertreten viele Historiker, wie etwa der bekannte Christopher Browning, die These, dass Hitler den Befehl zur restlosen Vernichtung der europäischen Juden bereits im Laufe des Sommers 1941 – und damit vor seinem Treffen mit al-Husseini – erteilt habe. Doch gibt es auch renommierte Historiker, die zu anderen Schlüssen kommen.

So vertrat Christian Gerlach, heute Professor am Historischen Institut der Universität Bern, in einem 1997 erschienenen, vielbeachteten und wohlargumentierten Beitrag, dass die „politische Grundsatzentscheidung“ zur Ermordung aller europäischer Juden erst später gefallen sei. Zwar sei der Massenmord in Osteuropa bereits in vollem Gange gewesen, nicht aber im Deutschen Reich und dem Rest des Kontinents.

Die Entscheidung zur systematischen Ermordung aller Juden Europas sei Gerlach zufolge erst am 12. Dezember 1941 gefallen – einen Tag nach dem Kriegseintritt der USA. In seiner berüchtigten Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 hatte Hitler für den Fall eines Weltkrieges die Vernichtung der Juden angedroht. Doch genau an diesem Punkt hakte Gerlach ein: Aus Hitlers Sicht sei der Weltkrieg erst mit dem Kriegseintritt der USA, den er auf die Agitation jüdischer Kriegstreiber zurückführte, Realität geworden. „Und folgerichtig – im Rahmen seiner antisemitischen Weltsicht folgerichtig – verkündete Hitler nunmehr den Beschluss, alle europäischen Juden zu ermorden.“

Hitler „prophezeit“ vor dem Reichstag die Vernichtung der Juden, 30. Januar 1939. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-2005-0623-500 / CC-BY-SA 3.0

Bekanntlich gibt es keinen diesbezüglichen schriftlichen Beschluss Hitlers, aber laut Gerlach deute eine Reihe von Indizien darauf hin, dass er an diesem 12. Dezember gefallen sei. So etwa der Eintrag ins Tagebucheintrag  von Joseph Goebbels vom 13. Dezember: „Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, dass, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein.“

Auch Rauscher erwähnte die angesprochene „Prophezeiung“ Hitlers als Beleg dafür, dass der Holocaust längst geplant gewesen war, bevor Hitler und der Mufti zusammentrafen. Glaubt man Gerlach, so hat er dabei allerdings den entscheidenden Punkt verpasst: erst mit dem Kriegseintritt der USA sei der „Weltkrieg“ eingetreten. Wenn dem so war, so hätte das Treffen zwischen Hitler und al-Husseini aber nicht lange nach, sondern kurz vor dem Beschluss der restlosen Vernichtung der europäischen Juden stattgefunden.

Dass die historische Chronologie etwas komplizierter sein und anders aussehen könnte, als das in der Empörung über Netanjahu zum Ausdruck kommt, ändert nichts daran, dass seine Behauptungen unhaltbar waren: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass das Gespräch zwischen Hitler und dem Mufti so stattgefunden hat, wie er es darstellte.
 

Vehementer Propagandist des Massenmords

Tritt man jedoch einen Schritt zurück und betrachtet den größeren historischen Zusammenhang, so hatte Netanjahu teilweise durchaus nicht unrecht: Al-Husseini hatte sich in den dreißiger Jahren tatsächlich gegen die von den Nazis forcierte Auswanderungspolitik und für die Ermordung der Juden ausgesprochen. In einem durch und durch antisemitischen Aufruf an die islamische Welt aus dem Jahre 1937, der ein Jahr später in deutscher Fassung in einem Bändchen namens „Islam – Judentum – Bolschewismus“ veröffentlicht wurde, erklärte der Mufti, dass die Araber bestens über die „Mikroben“, d.h. die Juden, Bescheid wüssten. Deswegen könnten sie „besonders gut verstehen, wenn man in Deutschland ebenfalls energische Maßnahmen gegen die Juden ergriffen hat und sie wie räudige Hunde verjagt.“ Da die Juden sich aber nach Palästina gewandt hätten, seien die Araber zu Leidtragenden geworden. Denn hier „fand sich der jüdische Abschaum aus allen Ländern zusammen“.

Antisemitische Hetzrede des Mufti, 1938 in Berlin auf Deutsch veröffentlich

Al-Husseini legte daraufhin dar, dass die Juden von Anfang an Feinde des Propheten Mohammed und des Islam gewesen seien und schloss seine antisemitische Suada mit dem berüchtigten Hadith: „Der Tag des Gerichts wird kommen, wenn die Moslime (sic!) die Juden vernichtend geschlagen haben, wenn jeder Stein und jeder Baum, hinter dem sich ein Jude verborgen hat, zum Moslem spricht: ‚Hinter mir steht ein Jude, erschlage ihn.‘“

Wie Hitler war auch al-Husseini ein ‚Erlösungsantisemit‘ (Saul Friedländer), für den der Schlüssel zur Rettung des eigenen Volkes bzw. der eigenen Religion in der Ermordung der Juden lag. Nachdem es ihn nach einem gescheiterten Pro-Nazi-Putsch im Irak nach Deutschland verschlagen hatte, stellte er sich ganz in den Dienst der Nazis. Zu den Kollaborationstätigkeiten gehörte die Aufstellung muslimischer SS-Verbände genauso wie die Versorgung des arabischen Raums mit nazi-islamistischer Propaganda und Aufrufen zum Judenmord. Am 7. Juli 1942 etwa rief der vom Mufti und seinen Mitarbeitern betriebene Propagandasender die Araber auf: „Du musst die Juden töten, bevor sie das Feuer auf Dich eröffnen. … Die Juden planen, Deine Frauen zu vergewaltigen, Deine Kinder zu töten und Dich zu zerstören … Töte die Juden, verbrenne deren Besitz, zerstöre ihre Geschäfte, vernichte diese niederträchtigen Unterstützer des britischen Imperialismus. Deine einzige Hoffnung auf Erlösung besteht in der Vernichtung der Juden bevor sie Dich vernichten.“ (Sehen Sie dazu die hervorragende Studie von Jeffrey Herf über „Nazi Propaganda for the Arab World“.)

Al-Husseini begrüßt Heinrich Himmler, Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Alber-164-18A / Alber, Kurt / CC-BY-SA 3.0

Im November 1943 erklärte al-Husseini in einer Rede am Jahrestag der Balfour-Deklaration: „Deutschland kämpft auch gegen den gemeinsamen Feind, der die Araber und Mohammedaner in ihren verschiedenen Ländern unterdrückte. Es hat die Juden genau erkannt und sich entschlossen, für die jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden, die ihr Unheil in der Welt beilegen wird.“ Zu diesem Zeitpunkt wusste der Mufti haargenau, worin die „endgültige Lösung“ für die „jüdische Gefahr“ bestand, war er doch von niemand geringerem als Heinrich Himmler darüber informiert worden. Wie al-Husseini in seiner Autobiographie bekannte, hatte ihn der „Reichsführer SS“ höchstpersönlich während eines Besuchs in Schytomyr im Juli 1943 davon in Kenntnis gesetzt, dass bislang rund drei Millionen Juden liquidiert worden seien.
 

Ein Nazi-Kollaborateur als „Vorbild“ der Palästinenser

Nachdem berechtigte Kritik an seinen Aussagen über al-Husseini lautgeworden waren, verdeutlichte Netanjahu seinen Standpunkt: „Meine Absicht war nicht, Hitler von seiner Verantwortung zu befreien, sondern zu zeigen, dass der Vater der palästinensischen Nation schon damals, ohne Staat [Israel] und ohne sogenannte ‚Besatzung‘, ohne [israelisches] Land und ohne Siedlungen, mit systematischer Hetze zur Vernichtung der Juden aufrief.“ (Der Standard, der dieses Zitat Netanjahus brachte, ließ bezeichnenderweise den Hinweis auf die damals nicht existierenden Siedlungen beiseite.)

So unhaltbar manche Behauptung Netanjahus auch gewesen ist, mit diesem Punkt hatte er schlicht und ergreifend Recht. Die Empörung über seine Aussagen diente hierzulande dazu, sich nicht mit der Linie auseinanderzusetzen, die von der Hass-Propaganda al-Husseinis zur Hetze der aktuellen palästinensischen Führung führt. „Warum hält die Führung der Palästinenser den ehemaligen Mufti wie eine Ikone hoch, glorifiziert ihn als Vater der Nation?“, fragte Netanjahu. Er verwies damit auf die Tatsache, dass selbst der angeblich moderate Mahmud Abbas den Mufti verehrt und lobpreist. So rühmte er al-Husseini in einer Videoansprache zum 48. Jahrestag der Gründung der Fatah als „großen Mann“, der den Palästinensern als Vorbild dienen solle.

Mahmud Abbas hetzt gegen Juden. Quelle: Palestinian Media Watch

Bei solcher Verehrung ist es kein Wunder, dass Abbas auch inhaltlich an al-Husseini anschließt. Das betrifft aktuell vor allem die Lügen über angeblich finstere israelische Machenschaften bezüglich des Tempelbergs. Solche hatten schon dem Mufti stets als Aufhänger für antisemitische Hetze gedient, so etwa in einer Rede im November 1943: „Die Araber und Mohammedaner kennen alle die jüdischen Begierden auf die heiligen islamischen Stätten und ihr Bestreben, die Al-Aksa-Moschee in Besitz zu nehmen, um auf ihren Trümmern ihren Tempel zu errichten. Dies ist eine jüdische Begierde, welche zahlreiche offizielle Dokumente und Erklärungen, die die jüdischen Führer herausgegeben haben, beweisen.“

Die antisemitische Propaganda des Muftis unterscheidet sich nicht von der Hetze, die Abbas heute betreibt, wenn er Mitte September im PA-Fernsehen erklärte: „Die Al-Aksa-Moschee gehört uns, die Grabeskirche gehört uns. Sie haben kein Recht, sie mit ihren dreckigen Füßen zu beschmutzen. Wir werden ihnen das nicht erlauben, und wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um Jerusalem zu beschützen“, und das Märtyrertum pries: „Wir segnen jeden Tropfen Blut, der für Jerusalem vergossen wurde. Es ist sauberes und reines Blut, Blut, das für Allah vergossen wurde, so Allah es will. Jeder Märtyrer wird das Paradies erreichen, und jeder Verwundete wird von Allah belohnt werden“.
 

Keine Sache der Vergangenheit, sondern der ausgeblendeten Gegenwart

„Als wären die täglichen Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern nicht dramatisch genug, verliert sich der Konflikt nun auch in Tiefen der Geschichte und der Religion“, meinte die Presse in ihrem Bericht über Netanjahus umstrittene Mufti-Aussagen (22. Okt. 2015), ohne zu bemerken, dass es eben nicht um lange vergangene Zeiten geht, sondern um die Gegenwart, in der Abbas & Co. auf den hetzerischen Spuren ihres Vorgängers wandern.

Die wird freilich in österreichischen Medien vielfach komplett ignoriert oder als israelisches Hirngespinst dargestellt. Im Morgenjournal war etwa zu hören: „Israels Premier Benjamin Netanjahu wirft der Palästinenserführung Hetze und Aufwiegelung vor.“ Welche Belege er dafür bringt, wurde dem Ö1-Publikum freilich vorenthalten, wurde bislang doch mit keinem Wort über Abbas‘ Hetzrede über die dreckigen Füße der Juden und das kostbare Märtyrerblut berichtet.

Während diese Hasspropaganda ausgeblendet wird, richten sich alle Scheinwerfer auf Israels Premier. „Als Hetze von Israels Seite bezeichnen Historiker die jüngste Aussage von Benjamin Netanjahu“ über al-Husseini und Hitler. (Ö1-Morgenjournal, 22. Okt. 2015) Die von Israel vorgebrachten Vorwürfe gegen die PA-Führung bleiben unausgeführt und vage, weil man sich für die konkreten Belege nicht interessiert. Stattdessen wird Netanjahu sehr konkret Hetze bescheinigt. Das Ergebnis ist eine Form von De-Realisierung, in der die ständigen Verleumdungen des jüdischen Staates durch die palästinensische Führung zum Verschwinden gebracht werden, während Israel an den Pranger gestellt wird.

Jeffrey Herf zieht die Linie, die vom Mufti in die Gegenwart führt: „Anstatt Husseini für die Verbreitung von Lügen, absurden Verschwörungstheorien und radikalem Antisemitismus zu verurteilen, bleibt er im palästinensischen politischen Gedächtnis eine verehrte Figur. … Er hinterließ eine Tradition des Hasses, der Paranoia, des religiösen Fanatismus und des Jubels über Terror, solange er sich gegen Juden und Israelis richtet.“ Beide, die Palästinensische Autonomiebehörde und die Hamas, hielten diese verheerende Tradition aufrecht und verpesteten damit die Köpfe junger Palästinenser mit dem „Blödsinn, der zu den Terrorattacken der vergangenen Wochen geführt hat.“


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login