Mena-Exklusiv

„Für die Eziden ist dieser Krieg noch lange nicht vorbei“

Ein Gespräch mit Suzn Fahmi vom Jinda Center in Dohuk

Suzn Fahmi ©Jinda

Suzn Fahmi arbeitet als Projetkoordinatorin für das Jina-Center in Dohuk. Jinda betreut seit über zwei Jahren ezidische Mädchen, die vom Islamischen Staat (IS) in die Sexsklaverei entführt wurden. Im Jahr 2014 entführte der IS etwa 3500 Mädchen und Frauen in sein selbsterklärtes Kalifat, um sie dort systematisch zu missbrauchen. Im Sommer 2014 flohen über 350.000 Eziden aus dem Sinjar Gebirge in den kurdischen Nordirak. Bis heute leben die meisten von ihnen in Flüchtlingslagern. Das Interview führte Thomas v. der Osten-Sacken in Dohuk in Irakisch-Kurdistan.

Thomas v. der Osten-Sacken (TOS): Mosul  im Irak und Raqqa in Syrien sind von der Herrschaft des Islamischen Staates befreit und in Europa heißt es, der IS sei nun geschlagen, womit dieser Krieg mehr oder weniger vorbei sei. Wie siehst Du das?

Suzn Fahmi (SF): Für die Ezidinnen und Eziden wird dieser Krieg niemals vorbei sein. Ganz im Gegenteil ist die Befreiung von Mosul für viele eine weitere Tragödie. Denn noch immer sind ja Tausende verschollen, die der IS im Jahr 2014 verschleppt hat, und Familien hatten gehofft, dass sie endlich etwas von ihren Angehörigen erfahren. Aber dem war nicht so. Sie wissen nicht, was mit ihren Schwestern, Töchtern, Brüdern und Vätern passiert ist, ob sie noch leben, umgebracht wurden oder während der Bombardierungen starben. Wir hatten alle gehofft, dass mit der Befreiung auch diejenigen zurückkommen, die noch vermisst sind. Nun sind Trauer und Enttäuschung groß, denn es besteht wenig Hoffnung, dass sie noch leben. Und erreichen immer wieder Berichte, dass viele Eziden umgebracht wurden, bevor Mosul gefallen ist. Eine Frau berichtete uns, dass IS-Milizionäre alle aus ihrer Gruppe, die nicht freiwillig zum Islam konvertieren wollten, lebendig begraben haben. Nur sie konnte irgendwie fliehen. Und dann tauchen jetzt auch überall Massengräber auf, alleine in der Sinjar Region sind bisher 47 entdeckt worden.

Wir müssen also davon ausgehen, dass viele der noch Verschollenen getötet wurden, andere hat der IS in die Orte verschleppt, die er jetzt noch an der syrisch-irakischen Grenze kontrolliert. Ihr Martyrium wird also weitergehen. Das sind aber nur die jungen Mädchen und die Kinder, die älteren dürften alle getötet worden sein. Und dann begehen natürlich unter diesen Bedingungen auch viele der Frauen Selbstmord, wenn sie können, weil sie es einfach nicht mehr aushalten.

Zugleich verlieren internationale Organisationen und westliche Regierungen das Interesse an der Tragödie der Eziden, es gibt viel weniger Hilfe und Unterstützung als vor zwei oder drei Jahren, als dieses Thema überall in den Medien präsent war. Dabei werden die Folgen dieser Katastrophe noch Jahrzehnte nachwirken und sie betreffen ja hunderttausende von Menschen, die noch immer in Flüchtlingslagern leben müssen und kaum eine Perspektive haben, ein neues Leben zu beginnen.

Malkurs im Jinda Center ©Jinda

TOS: Aber einige Ezidinnen sind doch trotzdem in den letzten Monaten zurückgekehrt und werden auch von Euch betreut?

SF: Ja, ungefähr zweihundert Mädchen und Frauen und ein paar Kinder haben es geschafft, nach Dohuk zu entkommen. Und denen geht es sogar noch viel schlechter als den Frauen, die zwischen 2014 und 2016 entkommen konnten. Damals waren sie ja „nur“ Opfer von systematischem Vergewaltigung, Missbrauch, sie wurden als Sklavinnen verkauft und mussten schreckliche Dinge erleben und mitansehen. Aber die, die jetzt kommen, haben nicht nur drei Jahre Gefangenschaft beim IS ertragen müssen, sondern auch noch monatelangen Krieg und alles, was damit zusammenhängt. Sie haben kaum etwas zu Essen oder zu Trinken bekommen, waren irgendwo eingesperrt und viele von ihnen sind nicht nur doppelt traumatisiert, sondern auch noch verletzt, leiden unter Infektionskrankheiten und sind unterernährt. Ihre Situation ist furchtbar und sie bräuchten alle ganz intensive medizinische und psychologische Betreuung.

Und dann sind da die Kinder, die alleine gekommen sind, sie haben ihre Eltern und Angehörigen verloren oder wurden aus ihren Familien gerissen und von IS Kämpfern betreut. Einige waren damals Kleinkinder und haben inzwischen jeden Bezug zu ihrer Herkunft verloren, sprechen kein Kurdisch, sind muslimisch erzogen und wissen nicht einmal zu welcher Familie sie gehören. Sie sind jetzt in Waisenhäusern, hier oder in der Türkei, und niemand weiß, wie man ihnen wirklich helfen kann. Manche erkennen auch ihre Familien nicht wieder, lehnen sie sogar ab, weil sie systematischer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Und natürlich sind auch sie schwer vom Krieg und allem, was sie erlebt haben, traumatisiert.

Und dann sind da die Kinder, die in Gefangenschaft geboren wurden …

TOS: Könntest Du das etwas näher erläutern?

SF: Ja, natürlich sind viele der entführten Mädchen und Frauen während ihrer Gefangenschaft, die ja eine Sex-Sklaverei war, schwanger geworden und haben Babys bekommen. Manche davon sind nur ein paar Monate alt. Viele haben diese Babies einfach dort zurückgelassen oder irgendwo auf dem Weg, weil sie sie nicht wollten und außerdem wissen, dass ihre Familien Kinder, deren Väter IS-Milizionäre sind, niemals akzeptieren würden. Aber einige wollen ihre Kinder trotzdem behalten und sind mit ihnen hierher nach Dohuk gekommen. Es sind ja eben auch ihre Kinder. Aber die Familien akzeptieren das nicht. Also müssen sie ihre Kinder abgeben. Das ist ein Riesenproblem und bricht einem das Herz, aber bislang haben wir da noch keine Lösung gefunden, außer dass diese Kinder von kurdischen Familien quasi adoptiert werden.

©Jinda

TOS: Was denkst Du, müsste jetzt dringend für die Frauen getan werden?

SF: Sie brauchen intensive Betreuung, psychologische Betreuung, wir müssten uns eigentlich jeden Tag um sie kümmern, auch hier in unserem Center, versuchen, ihnen etwas Schönes zu bieten und zu zeigen. Sie wollen größtenteils noch gar nicht sprechen, sind wie erstarrt. Sie brauchen eine Idee vom Leben, von Würde und Freiheit. Das ist eine riesige Aufgabe. Wir haben ja schon Hunderte von Rückkehrerinnen in den letzten Jahren betreut und ich habe wirklich viel Elend sehen müssen, aber die Situation dieser Frauen ist besonders schlimm. Aber uns fehlen die Ressourcen, weil, wie ich schon sagte, dieses Thema in Europa und den USA nicht mehr aktuell ist. Dort haben die Menschen die Eziden schon fast vergessen und denken, dass es jetzt andere Probleme gibt. Aber das stimmt eben nicht, diese Frauen werden noch jahrelang unsere Hilfe brauchen, jede Art von Hilfe brauchen. Aber ich fürchte, je mehr der Eindruck entsteht, dass der Krieg mit dem IS nun vorbei sei, desto mehr werden sie in Vergessenheit geraten.

Erschwerend kommt jetzt noch die angespannte politische Lage nach dem Referendum hier in Kurdistan dazu. Als Strafmaßnahme hat der Irak ja die Flughäfen schließen lassen und es kam zum Einmarsch irakischer Truppen in Kirkuk. Das hat viele Hilfsorganisationen dazu veranlasst, abzuziehen oder ihre Programme herunter zu fahren. Die Leidtragenden davon sind einmal mehr auch diese Frauen und Mädchen.

Deshalb auch meine Bitte: Vergesst nicht, was mit diesen Mädchen geschehen ist, vergesst nicht, was der IS ihnen und anderen angetan hat.

 

(Wer die Arbeit des Jinda-Centers unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende auf das Konto von Wadi tun. Stichwort: „Jinda“. )

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