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„Auschwitz am Strand“ – Die Documenta über den Einsatz von Zyklon B

Von Thomas von der Osten-Sacken

Auschwitz on the beach“ – so heißt eine Performance, die ab dem 24. August auf der Documenta in Kassel gezeigt wird. Der brasilianische Künstler Dim Sampaio verwendet dafür ein Gedicht des Philosophen Franco Berardi, einem Vordenker der globalisierungskritischen Linken. Beradi verabschiedete sich erst kürzlich medienwirksam aus dem linken „Democracy in Europe“-Netzwerk und schrieb in seiner Begründung:

„Die Vorstellung von einem demokratischen Europa ist ein Widerspruch in sich, denn Europa ist das Zentrum der Finanzdiktatur in der Welt. Die Vorstellung von einem demokratischen Europa ist ein Widerspruch in sich, denn von Europa gehen Krieg, Rassismus und Aggression aus. Wir haben darauf vertraut, dass Europa seine Geschichte der Gewalt überwinden könnte, doch nun müssen wir uns der Wahrheit stellen: Europa ist nichts als Nationalismus, Kolonialismus, Kapitalismus und Faschismus.

Die Europäer bauen in ihren eigenen Territorien Konzentrationslager und sie bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, in Libyen, Ägypten und Israel, damit diese entlang des Mittelmeers die Schmutzarbeit leisten, wo Salzwasser das Zyklon B ersetzt hat. Um die Migration zu stoppen, wird der Euro-Nazismus riesige Vernichtungslager bauen.“

Ginge es nun nur darum, dass ein weiterer linker Denker in Europa einmal mehr meint, der Welt zeigen zu müssen, dass er weder einen Begriff vom Nationalsozialismus, noch von Faschismus, Kolonialismus oder der Rolle von Finanzinstitutionen innerhalb des kapitalistischen Systems hat, man könnte solche Äußerungen getrost vergessen: Nur scheinbar radikal, zielen sie vielmehr auf Effekte und die Akklamation eines Publikums, das die antisemitischen Untertöne sehr genau zu hören versteht.  Um Flüchtlinge geht es dabei bestenfalls an zweiter Stelle, die scheinbare Empörung wirkt im Gegenteil wie berechnetes Kalkül. Bestenfalls noch kann Berardi sich am Ende als Opfer seines halluzinierten Euro-Nazisms gerieren. Sicher, die Bilder aus den Flüchtlingslagern in Libyen, von ertrinkenden Menschen im Mittelmeer, die täglichen Berichte über die Folgen der desaströsen europäischen Flüchtlingspolitik können – und nichts ist verständlicher – einen zu Überreaktionen verleiten, schaut man doch nur hilflos zu, wie das Sterben an den Grenzen weitergeht und das Elend zunimmt.

Nur geht es Berardi wirklich darum? Muss er Zyklon B und Israel unbedingt, ja ganz offenbar zwanghaft, ins Spiel bringen? Offenbar muss er. Erst wenn die Israelis zu „Gauleitern“ werden und Salzwasser als Zyklon B zum Einsatz bringen, scheint das Bild zu stimmen. Natürlich hat das tägliche Sterben im Mittelmeer mit Auschwitz nichts zu tun. Der Versuch allerdings, im Gegenzug erklären zu wollen, was die systematische industriell betriebene Vernichtung des europäischen Judentums ausmachte, nötigte einem solchen Erklärungsversuch auf, den völlig verrückten und im Kern nur die Shoa relativierenden Vergleich ernst zu nehmen.

Kurzum: Spätestens angesichts seiner Austrittserklärung, hätte klar sein müssen, dass auch Berardi nur einer dieser unzähligen alternden linken Denker ist, denen jeder Kompass abhanden gekommen ist.  Erinnert sei hier nur an den portugiesischen Schriftsteller José Saramango, der 2002 in Ramallah den „Geist von Auschwitz“ spüren wollte oder an den Kollegen Beradis, den selbsternannten marxistischen italienischen Philosophen Gianni Vattimo, der vor einigen Jahren fand, dass Israel sogar etwas schlimmer als die Nazis sei.

Nun aber breitet man nicht etwa den Mantel des Schweigens über Berardi oder weist seine Äußerungen ganz entschieden als groben Unfug zurück, mit dem nebenbei keinem einzigen Flüchtling geholfen wird, sondern verwandelt sie stattdessen in eine Kunstperfomance. Offenbar war es nun den Veranstaltern der Documenta aber doch etwas unangenehm, was Berardi so über Israel schrieb. Deshalb heißt es in ihrer Ankündigung jetzt „nur“ noch:

„Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.

Die Nichtregierungsorganisationen, die sich schuldig gemacht haben, Menschen aus dem Meer zu retten, werden in Schach gehalten, kleingeredet, kriminalisiert und unterdrückt. Die Externalisierung der europäischen Grenzen bedeutet Ausrottung.“

Nur, das macht diese Perfomance keineswegs besser. Dem kunstinteressierten Besucher der Documenta sollte allerdings, wenn er dann ganz betroffen an dem Spektakel teilnimmt, nicht vorenthalten werden, dass es eigentlich auch um den „Gauleiter“ Israel und seinen Einsatz von „Zyklon B“ geht, zwei Details, die die Kuratoren offenbar aus Rücksicht auf etwaige empörte Reaktionen aus dem Originaltext gestrichen haben.

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