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Die Grenzen des Boykotts: Eine neue Lunge vom „Apartheidstaat“

Von Alex Feuerherdt

Sogar palästinensische Politiker, die Israel als Todfeind betrachten und seinen Boykott fordern, lassen sich selbst oder ihre Angehörigen im jüdischen Staat ärztlich versorgen. Sie profitieren davon, dass sein medizinisches Personal ethische Grundsätze selbstverständlich über alles stellt. An ihrem Hass auf den angeblichen Apartheidstaat ändert sich gleichwohl nichts.

Saeb Erekat geht es nicht gut, und das ist noch sehr vorsichtig formuliert. Der Fatah-Politiker, einer europäischen Öffentlichkeit vor allem als Chefunterhändler in israelisch-palästinensischen Verhandlungen bekannt, leidet unter einer schweren Lungenfibrose. Er ist kurzatmig, selbst Wegstrecken von nur wenigen Metern bereiten ihm große Mühe, manchmal muss er eine Sauerstoffmaske zu Hilfe nehmen. Diagnostiziert wurde die Krankheit vor einem Jahr, seitdem hat sich Erekats Gesundheitszustand stetig verschlechtert. Weil Medikamente nicht mehr helfen, wurde dem 62-Jährigen dringend zu einer Lungentransplantation geraten. Nun steht er auf einer Warteliste und hofft auf einen Spender. Für den Fall, dass sich bald einer findet, sind die Ärzte optimistisch, dass Erekat wieder gesund wird.

Die israelischen Ärzte, wohlgemerkt, denn in deren Obhut befindet sich der palästinensische Parlamentarier. Das ist insofern erwähnenswert, als er Israel für die Inkarnation des Bösen hält. So behauptete er beispielsweise im Januar 2014, die Israelis hätten den PLO-Führer Jassir Arafat, der im November 2004 verstorben war, ermordet und planten das Gleiche mit Arafats Nachfolger Mahmud Abbas. Israelische Militäroperationen, etwa jene gegen die terroristische Hamas im Gazastreifen, sind für Erekat grundsätzlich „Massaker“, „Kriegsverbrechen“ oder gar ein „Genozid“. Und noch Ende Juni dieses Jahres nannte er Israel auf einer Veranstaltung der Vereinten Nationen einen „Apartheidstaat“. Zu diesem Zeitpunkt kümmerten sich israelische Ärzte bereits seit einem Jahr um ihn, um sein Leben zu retten.

 

Medizinische Hilfe im angeblichen Apartheidstaat

Auch Hamasführer Nayef Rajoub (re.) – Bruder des Fatah-Granden Jibril Rajoub (li.) – ließ sich in einem Krankenhaus in Tel Aviv an der Wirbelsäule operieren.

Saeb Erekat ist nicht der erste palästinensische Politiker, der sich selbst oder Angehörige im angeblichen Apartheidstaat medizinisch versorgen lässt. Im November 2013 etwa wurde bekannt, dass die ein Jahr alte Enkeltochter des Hamas-Führers Ismail Haniyeh wegen einer Infektion in einem Krankenhaus in Petah Tikvah behandelt wird. Später suchten auch Haniyehs Tochter und seine Schwiegermutter israelische Ärzte auf. Im Juni 2014 nahm die Ehefrau von Mahmud Abbas ebenfalls die Hilfe einer israelischen Klinik in Anspruch, wo sie an einem Bein operiert wurde. Im November desselben Jahres, nur wenige Monate nach dem Gazakrieg, begab sich die Schwester des Hamas-Funktionärs Moussa Abu Marzouk wegen eines Krebsleidens in ein israelisches Hospital.

Sie alle wissen nicht nur, wie fortschrittlich und modern die ärztliche Versorgung im jüdischen Staat ist, sondern auch, dass es für das medizinische Personal in Israel eine Selbstverständlichkeit darstellt, Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, Religion und Gesinnung zu behandeln. Das ist deshalb von Belang, weil palästinensische Politiker und Funktionäre allzu oft ein gänzlich anderes Bild von Israel zeichnen – wider besseres Wissen. Sie profitieren gerne von den Vorzügen des israelischen Gesundheitssystems und vom Ethos der israelischen Ärzte und Pfleger, ohne ihrerseits von der Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates Abstand zu nehmen oder sich zumindest deutlich zurückhaltender zu äußern.

 

Die ethischen Grundsätze gelten für alle

Ahmed Manasra, der zwei Israelis mit einem Messer attackierte

Auch weniger prominente Patienten müssen sich in Israel selbst dann nicht um eine Gleichbehandlung sorgen, wenn sie zuvor das Leben anderer Menschen ausgelöscht haben. In der Jerusalemer Hadassah-Klinik etwa werden arabische Attentäter genauso medizinisch versorgt wie deren jüdische Opfer. Das Personal des Krankenhauses besteht aus Juden und Muslimen und legt großen Wert darauf, bei der Behandlung keinerlei Unterschiede zu machen. „Natürlich ist der Konflikt hier präsent, aber wir lassen es nicht zu, dass er über unsere ethischen Grundsätze triumphiert“, sagt Barbara Sofer, eine Sprecherin des Hospitals. Wenn die Opfer oder deren Angehörige darüber klagten, dass die räumliche Nähe zu den Tätern – die manchmal nur wenige Zimmer entfernt liegen – zu groß sei, würden Letztere in einen anderen Raum umquartiert. Nach dem Abschluss der Behandlung übergebe man sie der Polizei. „Was im Land passiert, betrifft uns auch, aber es hat keinen Einfluss auf unsere Arbeit“, berichtet Ahmed Eid, ein arabisch-israelischer Arzt der Hadassah-Klinik.

Jährlich werden Zehntausende Palästinenser in israelischen Krankenhäusern versorgt, auch in Zeiten von Krieg und Terror. Die Ärzte und Pfleger sind darin geschult, beruhigend auf die Patienten aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen einzuwirken – oft in Kooperation mit israelischen Patienten – und ihnen die Ängste vor einer Behandlung in jenem Land zu nehmen, das sie als Feind betrachten. Zumindest manche davon kehren mit einem veränderten Bild von Israel nach Hause zurück. Doch solche Geschichten finden nur ganz selten den Weg in die europäische Berichterstattung über den jüdischen Staat: zu sehr widersprechen sie dem festgefügten Klischee vom unbarmherzigen, brutalen Israel. Aus dem gleichen Grund geht medial unter, dass auch Tausende von im Bürgerkrieg verwundeten syrischen Zivilisten im vermeintlich so feindlichen Nachbarland kuriert werden.

Saeb Erekat tritt wegen seiner Krankheit nur noch selten in der Öffentlichkeit auf, auch Interviews gibt er derzeit nur wenige. Doch wenn er sich zu Wort meldet, zieht er weiterhin mit markigen Worten gegen den jüdischen Staat zu Felde. So wie vor wenigen Tagen in einem Gespräch mit dem amerikanischen Webportal Jewish Insider. Darin kritisierte er die US-Regierung dafür, „kein Wort der Sympathie“ für jene Palästinenser geäußert zu haben, die im Zuge der jüngsten Ausschreitungen am Tempelberg „von den Besatzungstruppen einschließlich der Siedler attackiert und getötet wurden“. Eine bemerkenswerte Verdrehung der Wirklichkeit angesichts der Tatsache, dass es Palästinenser waren, die auf die Installation von Metalldetektoren infolge der Ermordung von zwei israelischen Polizisten am Tempelberg eine Eruption der Gewalt folgen ließen.

Die Ärzte des Landes, das Erekat so hasst – und dessen Boykott er fordert –, werden dennoch weiterhin alles für seine körperliche Gesundung tun. Dass das eine Auswirkung auf seine geistige Verfasstheit hat, ist gleichwohl nicht zu erwarten.

Ein Gedanke zu „Die Grenzen des Boykotts: Eine neue Lunge vom „Apartheidstaat“

  1. Ulf Renner

    Undank ist der Welten Lohn oder auch: Arabische Doppelmoral. Schön blöd die Israelis, wenn sie es brav hinnehmen und weiter folgenlos mitmachen. Auch medizinischer Ethos sollte Grenzen haben.

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