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„Codename Caesar“: Bericht aus den Folterkellern Assads

Von Florian Markl

Codename Caesar„Vier Jahre dauert der Krieg schon. Und die Diplomaten sprechen von Aussöhnung und Übergängen. Soll das heißen, die Geheimdienstmitglieder bleiben da? Nach allem, was geschehen ist? Und Caesar und ich werden weiterhin vom Regime gesucht …?“ Im Sommer 2015 war beim syrischen Oppositionellen „Sami“ nur mehr Verbitterung übrig geblieben. Zwei Jahre zuvor war er maßgeblich daran beteiligt gewesen, über 50.000 Fotos von Folteropfern des syrischen Regimes, die der Militärfotograf „Caesar“ zwischen 2011 und 2013 geschossen hatte, außer Landes zu bringen und der internationalen Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die französische Journalistin Garance Le Caisne hat sich auf die Suche nach dem mittlerweile irgendwo in Nordeuropa verdeckt lebenden „Caesar“ gemacht und seine Geschichte zu Papier gebracht. „Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie“ ist ein dringend nötiger Einspruch in einer Zeit, in der viele im Westen von den Verbrechen des Assad-Regimes nichts mehr wissen wollen und den Diktator wieder als jemanden betrachten, der „Stabilität“ ins Land bringen könne.

 

Die Folterkeller Assads

Der erste Abschnitt des soeben erschienenen Buches vermittelt anhand der Geschichte des Hauptprotagonisten Caesar sowie der Schilderungen von Syrern, die die bestialischen Folterungen durch die Schergen des Assad-Regimes überlebt haben, einen Eindruck von der „syrischen Todesmaschinerie“.

Die ursprüngliche Aufgabe Caesars als Militärfotograf hatte darin bestanden, Ereignisse aller Art, von Unfällen bis zu Selbstmorden, zu dokumentieren, bei denen Soldaten ums Leben gekommen waren. Mit Beginn der Demonstrationen gegen das Assad-Regime änderte sich sein Aufgabengebiet allerdings dramatisch: Nunmehr ging es darum, Fotos von Menschen zu machen, die dem weitverzweigten Unterdrückungs- und Folterapparat der Diktatur zum Opfer gefallen waren. Folter hatte es in Syrien immer gegeben, aber was nun geschah, war von anderer Qualität:

„Vor der Revolution folterten die Mitglieder des Regimes, um an Informationen zu kommen. Heute foltern sie, um zu töten. Ich habe Kerzenspuren gesehen. Einmal war der Abdruck einer Heizplatte zu erkennen, wie man sie benutzt, um Tee zu erhitzen. Man hatte einem Gefangenen Gesicht und Haare damit verbrannt. Manche hatten tiefe Schnitte, herausgerissene Augen, eingeschlagene Zähne, Spuren von Schlägen mit Starterkabeln. Es gab Wunden, die voller Eiter waren, als hätten sie sich infiziert, weil man sie lange nicht versorgt hatte. Manchmal waren die Leichen mit Blut bedeckt, das noch kaum geronnen war. Sie waren offenbar gerade erst gestorben.“

Die körperlichen Misshandlungen und der Einsatz von Hunger als (tödlicher) Folterwaffe führten dazu, dass sich die Opfer binnen kurzer Zeit bis zur Unkenntlichkeit verwandelten:

„Einer meiner Freunde ist in Gefangenschaft gestorben. Wir hatten ihn fotografiert, ohne zu wissen, wer er war. Erst viel später, als ich heimlich Nachforschungen für seinen Vater angestellt habe, ist mir aufgegangen, dass sein Foto durch meine Hände gegangen war und ich ihn nicht erkannt hatte. Er war nur zwei Monate in Haft gewesen. Und dabei handelte es sich um jemanden, den ich vor seiner Verhaftung fast täglich gesehen hatte.“

Die grauenhaften Folterungen, mit deren tausendfach tödlichen Folgen Caesar konfrontiert wurde, schildert Le Caisne anhand der eindrücklichen Erzählungen von Opfern, die die monate- oder gar jahrelange Tortur überlebt haben. Und sie schildert, wie Vertreter des Regimes sich an den Familien der Verschleppten bereichern, die in ihrer Verzweiflung keine andere Wahl haben, als hohe Bestechungsgelder in der Hoffnung zu zahlen, Informationen über den Verbleib ihrer Angehörigen zu erhalten – die oftmals schon längst nicht mehr am Leben sind.

 

Auswertung der Fotografien

Der zweite Abschnitt des Buches beschreibt die Zeit unmittelbar nachdem Caesar und eine Reihe von Mitstreitern aus Syrien geflohen waren und sich nun an die Arbeit machten, die außer Landes geschafften Dokumente des Grauens auszuwerten. Wer verbarg sich hinter den mit Nummern versehenen Leichen? Konnten die Opfer identifiziert werden? Welche Foltermethoden ließen sich anhand der Verletzungsmuster belegen und welche Rückschlüsse ließen sich daraus ziehen? (Waren etwa von Bohrmaschinen verursachte Löcher in den Körpern Hinweise auf die Beteiligung schiitischer Gruppen aus dem Irak, wo derartige Misshandlungen nach dem Sturz Saddam Husseins weit verbreitet waren?) Konnte nachgewiesen werden, welcher Dienst, Militärgeheimdienst, Staatssicherheit, Militärpolizei usw., und welche Abteilung konkret verantwortlich war?

Die Untersuchung des Fotomaterials ergab fast 6800 dokumentierte Opfer. Alle grausamen Details wurden ausgewertet – 455 Gefangenen waren etwa die Augen herausgerissen worden. Notwendig war diese schreckliche Arbeit, um möglichst beleg- und belastbare Daten zu haben, die im nächsten Schritt Verwendung finden sollten: beim Versuch, die Verantwortlichen für das Foltern und Morden, Assad und andere Regimevertreter, vor ein internationales Gericht zu stellen.

 

Im Stich gelassen

Diesem Unterfangen ist der dritte Abschnitt des Buches gewidmet, der vor allem eines dokumentiert: die herbe Enttäuschung von Caesar und dessen Mitstreitern, die ein ums andere Mal miterleben mussten, dass auf dramatische Worte der Verurteilung des syrischen Regimes durch westliche Politiker und Diplomaten so gut wie keine Taten folgten. Vor dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten des US-Kongresses erklärte Caesar:

„Was in Syrien geschieht, ist ein grauenhaftes Massaker, angerichtet von einem großen Terroristen namens Baschar al-Assad. Er hat sein Land zerstört und sein Volk ohne jedes Mitleid umgebracht. Er hat Terroristen aus dem Gefängnis befreit, damit sie in Syrien und außerhalb Syriens Chaos verbreiten. … Wir wissen in Syrien, dass Sie diesen Zehntausenden von Opfern das Leben und die Seele nicht wiedergeben können. Aber ich sagen Ihnen, dass es mehr als 150.000 Gefangene gibt, die noch in den syrischen Gefängnissen inhaftiert sind und denen das gleiche Schicksal bevorsteht wie denen, die auf den Fotos zu sehen sind. Das syrische Volk setzt sein Vertrauen in Ihr Ehrgefühl und Ihre Gesinnung …, die Sie durch die mutige Haltung bewiesen haben, mit der Sie dem Mord in Jugoslawien und anderswo Einhalt geboten haben.“

Der erhoffte Effekt blieb aus. Dank russischer und chinesischer Vetos blieb Assad vor einer Anklage beim Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschheit verschont. Und auch im Westen ist niemand sonderlich erpicht darauf, die „Akte Caesar“ weiterzuverfolgen. Stephan Rapp, der amerikanische Sonderbotschafter für Kriegsverbrechen, mag zwar zu Protokoll geben, dass er „niemals so schlagende Beweise für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesehen“ habe, doch bleiben diese Worte ohne Konsequenzen. Die „Realpolitik“ der Stunde lautet, den Kampf gegen den Islamischen Staat in den Vordergrund zu stellen – trotz all seiner Verbrechen wird das Assad-Regime längst nicht mehr als das (Haupt-)Problem, sondern als Teil einer Lösung betrachtet.

Le Caisne hat mit „Codename Caesar“ ein Buch vorgelegt, an dem sich in sprachlicher und gelegentlich auch inhaltlicher Hinsicht sicher einiges kritisieren lässt, aber es kommt dennoch zur rechten Zeit: als drastische Erinnerung an die Verbrechen eines Regimes, in dem so manche bereits wieder einen ‚Garanten für Stabilität‘ und ‚Partner im Kampf gegen den Terror‘ zu erkennen vermögen.

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