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Berliner Festival: Antisemitischer Boykott durch arabische Bands

Von Alex Feuerherdt

Weil die diplomatische Vertretung des Staates Israel einen kleinen Reisekostenzuschuss zahlt, haben vier arabische Bands ihre Teilnahme an einem großen Musikfestival in Berlin abgesagt. Zu diesem Boykott aufgerufen hatte die antisemitische BDS-Bewegung. Während der Kultursenator deutliche Worte findet, herrscht bei den anderen eingeladenen Bands bislang Schweigen.

Fünfhundert Euro. Das ist der Betrag, mit dem die israelische Botschaft in Deutschland das Musikfestival Pop-Kultur unterstützt, das vom 23. bis 25. August in Berlin stattfindet. Verwendet werden soll das Geld als Reisekostenzuschuss für die Bands, die dort spielen. Die diplomatische Vertretung des jüdischen Staates ist damit einer von vielen Partnern des Festivals, das vor allem von der Berliner Senatsverwaltung, der Europäischen Union und der Bundesregierung finanziert wird und zudem namhafte Unternehmen als Sponsoren gewinnen konnte. Fünfhundert Euro sind im Budget einer solchen Großveranstaltung zwar nicht viel – doch die vier arabischen Bands, die in Berlin auftreten sollten, hätten ihre Teilnahme an Pop-Kultur vermutlich auch dann abgesagt, wenn die Botschaft bloß einen Cent gegeben hätte. Der Rapper Abu Hajar und der DJ Hello Psychaleppo aus Syrien, die Sängerin Emel Mathlouthi aus Tunesien sowie die Gruppe Islam Gipsy & EEK aus Ägypten werden dem Festival nun fernbleiben. Sie alle wollen dort nicht spielen, weil der Staat Israel die Veranstaltung fördert.

Dass er das tut, steht schon länger fest; seine Vertretung in der deutschen Hauptstadt wird bereits seit einer ganzen Weile auf der Website von Pop-Kultur als Partner aufgeführt. Doch erst nach einem Aufruf der BDS-Bewegung, wegen der israelischen Unterstützung nicht beim Festival aufzutreten, zogen die vier Acts ihre ursprüngliche Zusage zurück. Diese Bewegung, die einen totalen Boykott, einen Kapitalabzug und Sanktionen gegen Israel fordert, hat „immensen Druck auf alle arabischen Künstler*innen in unserem Line-up ausgeübt“, wie die Veranstalter in einer Erklärung schreiben. Zudem hätten auch Künstler aus Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie aus den USA berichtet, „dass sie E-Mails, Kommentare auf Facebook oder Twitter-Nachrichten von BDS-Aktivist*innen erhalten haben“. Bei Pop-Kultur geht man deshalb davon aus, dass sämtliche Bands zwecks einer Absage kontaktiert wurden oder noch werden.

Die arabischen Künstler äußerten sich auf ihrer jeweiligen Facebook-Seite zum Rückzug. Abu Hajar schrieb im Namen seiner Gruppe Mazzaj Rap Band-Syria: „Wir erklären stolz unseren Rückzug vom Festival, solange es die diskriminierende Politik des israelischen Staates unterstützt, indem es mit ihm kollaboriert und sein Logo zeigt. Wer an der Veranstaltung teilnimmt, akzeptiert in unseren Augen alles, was diese Botschaft repräsentiert.“ Islam Chipsy & EEK teilten mit: „Wir machen deutlich, dass wir durch unsere Musik Widerstand gegen Gewalt, Verfolgung und Diskriminierung jedweder Art ausüben.“ Emel Mathlouthi begründete ihre Absage mit den Worten: „Innerhalb und außerhalb Palästinas wird alles immer schlimmer, aber jeder von uns kann stets Solidarität und Empathie zeigen.“ Hello Psychaleppo gab an, zunächst nichts von der finanziellen Beteiligung der israelischen Botschaft gewusst zu haben und deshalb für entsprechende Hinweise dankbar gewesen zu sein.

 

Klartext vom Kultursenator

Schon seit Jahren setzt die BDS-Bewegung Sänger und Bands massiv unter Druck, nicht in Israel aufzutreten respektive bereits zugesagte Konzerte abzusagen. Und nicht nur das: Sie drängt auch bei den Organisatoren von Veranstaltungen darauf, jüdische Künstler wieder auszuladen, sofern diese sich nicht eindeutig gegen den jüdischen Staat positionieren. So geschehen beispielsweise vor zwei Jahren in Valencia beim Reggae-Festival Rototom Sunsplash, wo der amerikanische Sänger Matisyahu als Einziger dazu aufgefordert wurde, sich gefälligst klar gegen Israel zu äußern, und sein Auftritt abgesagt wurde, als er sich weigerte, das zu tun. Erst nach empörten Protesten wurde er schließlich wieder ins Programm genommen. Nun genügte die kleine Finanzspritze der israelischen Vertretung in Deutschland – die zum Gelingen von Pop-Kultur beitragen soll –, um die BDS-Aktivisten auf den Plan zu rufen und arabische Künstler zum Boykott des Berliner Festivals zu bewegen.

Dabei haben „Partner und Geldgeber von Pop-Kultur keinerlei Einfluss auf die programmatische Ausgestaltung des Festivals“, wie die Veranstalter auf ihrer Website schreiben. Entsprechend war die Unterstützung der israelischen Botschaft auch nicht an Bedingungen geknüpft. Bei der Vertretung des jüdischen Staates fand man deutliche Worte zum Thema BDS: „Israel setzt sich gerne für die Kultur in Deutschland, für Kooperationen und für den Dialog generell ein – etwas, das die Befürworter dieses Boykotts nicht anstreben. Diese Menschen fordern, dass sich Künstler in Deutschland gegen Israel stellen.“ Das schade in erster Linie und insbesondere der Berliner Kulturszene. Man bedaure „Versuche, die Menschen mundtot machen sollen und dass dadurch kulturelle Beiträge der deutschen Gesellschaft vorenthalten werden“. Auch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer sprach Klartext. „Ich bin maßlos enttäuscht, wenn nun Boykottaufrufe, Unwahrheiten und – anders kann ich es nicht nennen – Hass die Vorbereitungen auf das Festival beeinträchtigen“, sagte er der Berliner Morgenpost. Zum Boykott des Festivals aufzurufen „und mit Fake-News über eine angebliche Kofinanzierung des Festivals durch den Staat Israel zu operieren“, sei „widerlich und entsetzt mich“.

 

Parteien gehen auf Distanz, Künstler nicht

Bereits im Juni hatten BDS-Aktivisten in Berlin versucht, einen Vortrag der Shoa-Überlebenden Deborah Weinstein und der israelischen Parlamentarierin Aliza Lavie an der Humboldt-Universität zum Abbruch zu bringen. Sie störten die Veranstaltung durch ständige Zwischenrufe wie „Das Blut des Gaza-Streifens klebt an Ihren Händen“ und „Kindermörder“ und sorgten im Hörsaal für Tumulte. Dass es sich bei der BDS-Bewegung um einen antisemitischen Zusammenschluss handelt, mit dem es keinerlei Kooperation geben darf, haben inzwischen auch einige Parteien respektive Parteigliederungen in Deutschland deutlich benannt, etwa die Berliner SPD und die Bundes-CDU. Die Münchner Stadtratsfraktionen von CSU und SPD haben den Antrag formuliert, keine städtischen Räume mehr für BDS-Kampagnen oder für Veranstaltungen, Ausstellungen und Demonstrationen zur Verfügung zu stellen, die die Ziele von BDS teilen.

Von den Künstlern, die wie die arabischen Bands von der BDS-Bewegung aufgefordert wurden, ihren Auftritt bei Pop-Kultur abzusagen, ist dagegen bislang keinerlei Äußerung bekannt geworden, weder zum Boykottaufruf noch zum Entschluss der vier Acts, ihm zu folgen. Statt klarer Worte zu diesem antisemitischen Treiben gibt es bei ihnen anscheinend nur Schweigen. Aber vielleicht überlegt sich ja doch noch eine der Gruppen, ähnlich zu reagieren wie Jesse Hughes, der Sänger der Eagles of Death Metal. Dieser erzählte vor zwei Jahren während eines Konzerts in Tel Aviv, er habe die Aufforderung des BDS-Aktivisten und früheren Frontmannes von Pink Floyd, Roger Waters, nicht im jüdischen Staat zu spielen, mit „genau zwei Wörtern“ beantwortet: „Fuck you!“

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