Ein Massenmörder als Präsidentschaftskandidat

„Sanfte Stimme, scheues Lächeln, sparsame Gestik. Ebrahim Raisi wirkte nicht wie ein typischer Hardliner, als er, umgeben von jubelnden Frauen, die sein Bild in die Höhe reckten und iranische Flaggen schwenkten, Ende April seinen Wahlkampfauftakt in einer Halle in Teheran gab. Der graubärtige Geistliche, der bei der Präsidentenwahl am 19. Mai den Amtsinhaber Hassan Rohani schlagen will, ist kein Mann der lauten Töne. Doch hat sich Raisi in seiner früheren Karriere als Justizfunktionär durch grosse Härte ausgezeichnet. Auch politisch steht der 56-jährige Konservative ganz auf der Linie von Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei: keine Reformen, keine Öffnung, strikte Abgrenzung zum Westen. Noch Anfang letzten Jahres war Raisi selbst in Iran so gut wie unbekannt. Heute jedoch gilt er nicht nur als ernstzunehmender Kandidat für das Präsidentenamt. Sein Name wird auch genannt, wenn es um die Nachfolge des alternden Revolutionsführers geht. Dieser ebenso fulminante wie überraschende Aufstieg gibt tiefe Einblicke in Irans politisches System.

Raisi ist ein typischer Vertreter des iranischen Staatsklerus: Geboren 1960 als Sohn eines Geistlichen in Mashhad im Nordwesten Irans, erlebte Raisi die islamische Revolution 1979 als 18-jähriger Student in der Theologenstadt Qom – zu jung, um eine wichtige Rolle beim Sturz des prowestlichen Schahs zu spielen, alt genug aber, um die Chance des Umsturzes zu ergreifen. Da nach der Revolution die Scharia zur Grundlage der Rechtsprechung erklärt wurde, brauchte die Justiz dringend islamische Rechtsgelehrte. Zwar fehlte Raisi jede Erfahrung in der Justiz, doch stieg er rasch auf und brachte es bis Juli 1988 zum Vizestaatsanwalt in Teheran. Wie der Dissident Hossein-Ali Montazeri später enthüllte, war Raisi in dieser Funktion im Teheraner Evin-Gefängnis an der Hinrichtung unzähliger Regimegegner beteiligt, die der damalige Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeiny pauschal zu ‚Feinden des Islam‘ erklärt hatte. (…) Raisi ist religiös konservativ, antiwestlich und ein Gegner kultureller Öffnung oder politischer Reformen. Im Wahlkampf hat er sich mit Gefolgsleuten Ahmadinejads umgeben, der selbst nicht erneut antreten durfte. Auch seine populistische Rhetorik erinnert an den umstrittenen Hardliner, wenngleich Raisi wesentlich sanfter auftritt.“ (Ulrich von Schwerin: „Ein sanfter Hardliner mit Ambitionen“)

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