Anti-israelisches Trommelfeuer: Dokumentationen à la cArte

Von Film und Dokuarchiv

Verhindert der deutsch-französische TV-Sender Arte die Aufklärung über Antisemitismus? Nach Meinung einiger namhafter Experten schon. Doch nicht nur die ablehnende Haltung gegenüber einer Dokumentation zum Thema Antisemitismus in Europa, auch die Programmgestaltung des Senders sprechen eine klare Sprache.

In der aktuellen Auseinandersetzung um die verhinderte Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ haben zwar die Filmemacher Joachim Schroeder und Sophie Hafner einige Fürsprecher gewinnen können: Die Historiker Götz Aly und Michael Wolffsohn ebenso wie die FilmemacherInnen Esther Schapira, Ahmad Mansour und Georg M. Hafner lobten den Film nach Sichtung und äußerten ihr Unverständnis über das Verhalten von Arte nachdrücklich. Auch die Berliner Zeitung, die BILD, Jüdische Rundschau und FAZ berichteten bereits kritisch. Der Deutschlandfunk sendete jüngst ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur. Arte jedoch scheint das Problem einfach aussitzen zu wollen und versteckt sich hinter Regularien.

Aber nicht nur das: Seit der Negativbescheid des Senders Anfang Mai öffentlich geworden ist, hat Arte eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen gezeigt, die offenbar machen, welch Geistes Kind die Verantwortlichen sind. Allein seit den letzten fünf Wochen ergießt sich auf die Arte-Zuschauer ein unablässiges anti-israelisches Trommelfeuer: „Re: Breaking the Silence“, „Algier – Mekka der Revolutionäre“, „Ben Gurions Vermächtnis“, „Das andere Jerusalem“, „Grenzfahrer“, „18 Kühe zwischen zwei Fronten“, „Waltz with Bashir“, „Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Beth“, „Zensierte Stimmen“ sowie ganz exklusiv die Webdokumentation „Die Grüne Linie“. Ein wahrer Augenschmaus also für „Israelkritiker“ – wie auch für Gourmets der antisemitischen Gerüchteküche! Bei diesem offensichtlichen Mangel an Objektivität und Ausgewogenheit im Arte-Programm verwundert es daher schon sehr, wenn die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ mit der Begründung abgelehnt wird, sie sei nicht „ergebnisoffen“ oder „multiperspektivisch“ genug und gieße „Öl ins Feuer“.

Wie man vor der historischen Erfahrung allerdings das Thema Antisemitismus „ergebnisoffen“ diskutieren soll, müssten die Verantwortlichen bei Arte noch näher erläutern. Der deutsch-französische Kultursender, der es zu keinem Holocaust-Gedenktag versäumt, sein Programm jenen toten Juden zu widmen, die die Deutschen arbeitsteilig mit Unterstützung ihrer Kollaborateure millionenfach ausplünderten und ermordeten, verpasst kaum eine Gelegenheit, den lebenden Juden in Israel ihre angeblichen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorzuhalten. Allein auf die Idee, dass im Nahost-Konflikt neben Israel auch noch andere Akteure bedeutsam sein könnten, kommt der Sender nicht. Palästinenser werden fast ausschließlich als passive Opfer der Israelis gezeigt. Dass der antizionistische Antisemitismus seit Anbeginn der Kitt der palästinensischen Gesellschaft ist, Judenmörder als Märtyrer gefeiert und großzügig alimentiert werden, dass die Maximalforderungen der palästinensischen „Verhandlungspartner“ gleichermaßen auf die Zerstörung Israels ausgerichtet sind wie die Rhetorik des Holocaustleugners Mahmoud Abbas auf ein judenreines Palästina und dass dabei „das palästinensische Volk“ trotz all dessen auch noch von sogenannten „Menschenrechtsorganisationen“ und europäischen Staaten moralischen Rückhalt und mannigfaltige Unterstützung erfährt, ist Arte keinen „Themenabend“ wert. Hätte der Sender ein diesbezügliches Motto, so könnte man es zynisch zuspitzen: Die Vergangenheit gehört den Juden, die Zukunft den Palästinensern!

Die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ dagegen wollte den Fokus auch auf ebenjene aktuelle Erscheinungsform des Antisemitismus richten, der laut aktuellem Antisemitismusbericht der Bundesregierung allein in Deutschland satte 40% anhängen: dem Israel-bezogenen Antisemitismus. Die Zahlen verdeutlichen, dass der Antisemitismus nicht allein ein Problem sogenannter extremistischer Ränder sowie der muslimischen Community ist. Auch jenes Milieu des liberalen Bildungsbürgertums, welches Arte vornehmlich anzusprechen versucht, ist davon betroffen. Die Produktionsfirma der nun beanstandeten Doku hatte dies bereits im Jahr 2013 durch den Film „Antisemitismus heute – Wie judenfeindlich ist Deutschland?“ herausarbeiten lassen.

Die Programmkonferenz des „europäischen Kulturkanals“ und ihr Vorsitzender, Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder, täten daher gut daran, sich einmal eingehender mit der Arbeitsdefinition ‚Antisemitismus‘ der Europäischen Union auseinanderzusetzen. Israel-bezogener Antisemitismus beinhaltet demnach u.a. „Das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen“ oder die „Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.“ Das unverhältnismäßig häufige Aburteilen der israelischen Politik bei Arte führt beim Zuschauer nicht nur fast ganz zwangsläufig zum Befund: „Israel ist an allem schuld!“ – die Dauerpräsenz „Israel-kritischer“ Tele-Visionen bezeugen einen zwangsneurotischen Charakter, wie er schon für den klassischen Antisemitismus festzustellen war.

Vor dem hier geschilderten Hintergrund ist es somit auch blauäugig, anzunehmen, dass Arte mit der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“, wie Regisseur Joachim Schroeder in einem Radio Corax-Interview wohlwollend meint, kein inhaltliches Problem hätte. Die Frage des Films, ob der „Antisemitismus ein unzivilisiertes Herzstück europäischer Kultur“ sei, könnte man sich auch für den sogenannten Antizionismus der „Israelkritiker“ stellen. Allein beschränkt auf den Fall des Kultursenders Arte müsste man diese Frage jetzt wohl schon eindeutig mit Ja beantworten.

Update 08.06.2017: Nachdem sich nun auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster zu Wort gemeldet hat, reagierte Arte-Programmdirektor Alain le Diberder seinerseits mit einem offenen Brief. Darin behauptet er ernsthaft, dass sich „Arte wie kaum ein anderer Sender in Europa dem Kampf gegen Antisemitismus und [Bitte lachen Sie… Jetzt!] Antizionismus [!] verschrieben“ habe.

Artikel zuerst erschienen auf Film- & Dokuarchiv.

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