Im Gespräch mit Jasmin Arémi spricht der Iraner und Rapper Nima Najafi Hashemi, besser bekannt als MC Basstard, nicht nur über seine Musik, sondern auch über eine verzerrte Berichterstattung über den Iran, ideologische Lager im Westen und die europäische Politik gegenüber dem Mullah-Regime.
Die Gewalt in den frühen Texten, teils indiziert, teils verboten, wich mit den Jahren einer anderen Realität. Statt Schockeffekten rücken heute gesellschaftliche Brüche, psychische Belastungen und politische Gewalt in den Vordergrund.
Diese Wirklichkeit beginnt für Nima nicht auf der Bühne, sondern in seiner Familiengeschichte. »Meine Eltern waren beide sehr politisch. Sie waren beide Marxisten, Leninisten. Meine Mutter ist hingerichtet worden. Mein Vater saß lange im Ewin-Gefängnis.« Biografische Linien, die sich nicht abschütteln lassen, selbst dann nicht, wenn man sie lange nicht explizit politisch verarbeitet.
Exil ist kein Ort, sondern ein Zustand
Die Angst vor dem iranischen Regime endet nicht an den Grenzen Europas. Sie bleibt auch im Exil bestehen, als Erfahrung und latente Bedrohung. Der Rapper beschreibt eine Kindheit, in der politische Gewalt nicht abstrakt war, sondern konkret und gegenwärtig. Freunde der Familie, die ermordet wurden. Dissidenten, die verfolgt wurden. Von einem Staat, der seine Gegner auch im Ausland erreicht.
Diese Erfahrung prägt sein Verhältnis zu Politik bis heute. Sie erklärt auch seine Skepsis gegenüber vereinfachenden Narrativen, besonders im Westen. Wenn beispielsweise im Westen Teile der politischen Linken das iranische Regime als antiimperialistische Kraft verklären, reagiert er mit scharfer Ablehnung. Für ihn ist das keine theoretische Debatte, sondern eine Verzerrung von Realität.
»Teile der westlichen Linken pflegen ein irritierend romantisiertes Bild des Mullah-Regimes. Manchmal wirkt es, als würde das Regime im Westen als antiimperialistisches Bollwerk verstanden. Dabei ist es selbst neoliberal, klerikal-faschistisch und agiert längst imperial.«
Das Regime sei weder emanzipatorisch noch antiimperialistisch, sondern autoritär, repressiv und selbst expansiv. Der Verweis auf die Unterdrückung von Journalisten, die Zerschlagung von Opposition und die systematische Gewalt gegen die eigene Bevölkerung steht im Zentrum seiner Kritik. Dabei verweigert er sich zugleich der simplen Gegenüberstellung von »gut« und »böse«. Auch Israel und die USA bleiben für ihn kritisierbar. Aber: Kritik dürfe eben nicht zur Relativierung führen.
Medien zwischen Naivität und Verharmlosung
Besonders deutlich wird Nima, wenn es um die Darstellung iranischer Regimevertreter in westlichen Medien geht. Nachrufe, die Funktionäre als Intellektuelle oder »eloquente Redner« würdigen, empfindet er als Zumutung. »Am Ende sind diese Leute Massenmörder.« Es gehe nicht darum, Biografien zu verschweigen, sondern sie korrekt einzuordnen. Wer das nicht tue, produziere ein verzerrtes Bild und trage dazu bei, dass Gewalt relativiert wird.
Für Nima liegt eines der größten Versäumnisse westlicher Berichterstattung darin, die Perspektive der iranischen Bevölkerung zu vernachlässigen. Während offizielle Stimmen Raum bekommen, bleibt die Bevölkerung unsichtbar, die unter dem Regime leidet. »Berichterstattung sollte sich an den Menschen im Iran orientieren – an denen, die die Konsequenzen dieses Regimes tragen.« Es ist ein Appell, der sich weniger an Aktivisten richtet als an Journalisten. Dorthin zu schauen, wo es schwierig wird. Nicht den bequemsten Zugang zu wählen, sondern den relevantesten.
Auch die Außenpolitik gegenüber dem Iran hält er für problematisch.
»Manchmal wirkt es, als wolle man das Mullah-Regime künstlich am Leben halten, es gewissermaßen wiederbeleben – obwohl längst sichtbar ist, dass es an seinem Endpunkt angekommen ist. Es hat keine Legitimität mehr in der Zivilgesellschaft. Die Wirtschaft steckt in der Krise: Stagnation, hohe Inflation, Währungsverfall. Das Geld hat massiv an Wert verloren.«
Zwischen Ideologien
Politisch möchte sich der Rapper bewusst nicht eindeutig zuordnen. Zu groß ist sein Misstrauen gegenüber ideologischen Lagern, zu oft hat er erlebt, wie Realität zugunsten von Weltbildern ausgeblendet wird. Er beschreibt sich selbst als pragmatisch, ergebnisorientiert. Große theoretische Entwürfe, seien sie marxistisch oder anders, spielen für ihn keine Rolle. Entscheidend sei, was konkret geschieht, nicht, was ideologisch in den Raum gestellt wird. Diese Haltung bringt ihn in eine Position, die zwischen politischer Kritik und Distanz, zwischen Engagement und Skepsis liegt.
Ein Thema, das ihm besonders wichtig ist, ist die wachsende Präsenz islamistischer Netzwerke in Deutschland. Vor allem über soziale Medien erreichten Prediger ein Millionenpublikum, oft unbeachtet von Politik und Öffentlichkeit. Die eigentliche Gefahr sieht er jedoch in den digitalen Echokammern, die Widerspruch ausblenden und Radikalisierung verstärken. Wer nur noch Bestätigung erfährt, verliere die Fähigkeit zur Auseinandersetzung. »Es gibt auch eine andere Wahrheit. Es gibt ja nicht nur die eigene.« Er beschreibt einen Anspruch, der im digitalen Diskurs zunehmend verloren geht. Gemeint ist die Bereitschaft, Komplexität auszuhalten.
Am Ende des Gesprächs wird Nima persönlicher. Es geht um Identität, um Zugehörigkeit, um das Leben zwischen Kulturen. Seine Antwort ist keine politische, sondern eine existenzielle. Freiheit, so sagt er, beginne dort, wo man sich von Zwängen löse, von religiösen Dogmen, von gesellschaftlichen Erwartungen und von inneren Begrenzungen. Es ist kein einfacher Weg. Aber einer, den er für notwendig hält.





