Die Wiener Universität hat eine mehr als unrühmliche Geschichte beim Umgang mit Personen, die aus Gründen, die mit ihren unzweifelhaften fachlichen Qualifikationen nichts zu tun hatten, diskriminiert wurden.
Wie sie auf ihrer Website unter dem Titel »Die Bärenhöhle, eine geheime antisemitische Professorenclique der Zwischenkriegszeit« dokumentiert, versuchte seinerzeit eine »geheim operierende Clique« von knapp zwanzig »antisemitischen Universitätsprofessoren«, linksgerichtete und jüdische Professoren zu verdrängen bzw. Berufungen und Ehrungen für solche Personen zu verhindern.
Der mutmaßliche Initiator, der Paläontologe Othenio Abel, war voll des Stolzes auf die von ihm angeleierte Verschwörung, wie er in einem Brief an einen Kollegen im Jahr 1923 schrieb: »Dass ich unsere antisemitischen Gruppen an der Universität so fest zusammengeschweißt habe, so dass wir eine feste Phalanx bilden, rechne ich mir wirklich zum Verdienst an, und wenn ich viel Zeit und Kraft dabei verloren habe und verliere, so hält mich das Bewusstsein dabei fest, dass diese Arbeit vielleicht ebenso nötig ist, als Bücher zu machen«.
An den österreichischen Universitäten waren freilich weit mehr als nur diese eineinhalb Dutzend Akademiker tätig. Viele von ihnen waren sicherlich schwer enttäuscht über die Niederlage des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg. Aber ihren beruflichen Karrieren tat dies in den meisten Fällen keinen Abbruch. Das zeigte deutlich der Fall des antisemitischen Professors an der Hochschule für Welthandel Taras Borodajkewycz Mitte der 1960er-Jahre. Und sie waren auch weiter darum bemüht, unliebsame Personen von den heimischen Universitäten fernzuhalten, etwa indem sie die Rückkehr emigrierter Wissenschaftler nach Österreich – leider meist erfolgreich – zu verhindern versuchten.
Politische Vorwürfe
Mit dem universitären Grundsatz der »Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre« scheinen sich allerdings auch heute noch nicht alle Akademiker so recht angefreundet zu haben. Heute lautet das Stichwort »Cancel Culture« und es ist der links der politischen Mitte stehende akademische Mainstream, der mit Andersdenkenden seine Probleme hat. Und wieder geht es dabei um Gründe, die mit der fachlichen Qualifikation der betroffenen Personen nichts zu tun haben.
Am 13. Mai sollte dem bekannten Mathematiker Rudolf Taschner aus Anlass des 50. Jahrestages seiner Promotion das Goldene Doktordiplom der Universität Wien verliehen werden. Doch dazu kam es nicht: Am 29. April wurde dem fachlich unbestrittenen ehemaligen Wissenschaftler des Jahres mitgeteilt, dass der Senat der Universität Wien, der gegenwärtig von einem Germanisten geleitet wird, den Festakt verhindert hat.
In der Begründung dieses ungewöhnlichen Schrittes wurden zwar die »besonderen wissenschaftlichen Verdienste« Taschners anerkannt, doch hätten »Bedenken aufgrund seiner Äußerungen in Zusammenhang mit Evidenz, Autonomie und Freiheit der Wissenschaft (insbesondere zum Klimawandel, zu Vergaberichtlinien des FWF, zu Gender und Postcolonial Studies)« bestanden.
Wie vielerorts kritisiert wurde, handelte es sich bei den vorgebrachten Gründen nicht um wissenschaftliche, sondern politische Vorwürfe. Offenbar fand der Senat Kritik an alles andere als unumstrittenen, aber dem linken akademischen Zeitgeist entsprechenden Theorien unverzeihlich. Und das, obwohl bei manchen dieser Theorien fraglich ist, ob sie diese Bezeichnung überhaupt verdienen, wie Thomas Kramar in der Presse kommentierte. Denn der Postkolonialismus beispielsweise mag zwar ein »interessanter Ansatz für die Behandlung kultureller und politischer Fragen« sein, ist »aber bei weitem keine konzise Theorie. Ähnliches gilt für die Gender-Theorie«.
Rudolf Taschner hat den Postkolonialismus – der eine erschreckende Offenheit für Antisemitismus und Israelhass aufweist – wiederholt kritisch betrachtet, insbesondere als Ausdruck eines Denkens, das seiner Ansicht nach weniger wissenschaftlich als ideologisch geprägt ist. Er wirft der Tendenz, historische Schuldfragen durch gegenwärtige moralische Raster neu zu bewerten, vor, Komplexität zu vereinfachen und Verantwortung pauschal zuzuschreiben. Darin sieht er eine Form von identitätspolitischer Weltdeutung, die den rationalen, aufklärerischen Diskurs verdrängen könne.
Welcher Ungeist herrscht an einer Universität, in deren Augen Plädoyers für historische Differenzierung und die Betonung universeller statt kulturell-partikularer Werte jemanden sozusagen zu einer Persona non grata machen? Dass Taschner für die ÖVP im Nationalrat sitzt, deren Bereichssprecher für Wissenschaft und darüber hinaus auch noch Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft ist, wurde zwar nicht ausgesprochen, dürfte seiner Ehrung aber wohl auch nicht gerade förderlich gewesen sein.
Richtiges Zeichen
Dass es auch ganz anders geht, hat diese Woche eine Veranstaltung an der Akademie der Wissenschaften gezeigt. Dort wurde dem Soziologen Alexander Bogner der vom Netzwerk für Wissenschaftsfreiheit verliehene gleichnamige Preis übergeben.
Als eines Preises für Wissenschaftsfreiheit würdig hat sich Bogner nicht zuletzt dadurch erwiesen, dass er ein deutliches Zeichen gegen den auf Universitäten kursierenden Israelhass gesetzt hat. Im vergangenen Juni suspendierte der weltweite Dachverband Internationale Soziologische Vereinigung (ISA) die Mitgliedschaft der Israelischen Gesellschaft für Soziologie. Dies sei geschehen, weil letztere »keine klare Stellung dabei bezogen« habe, »die dramatische Lage im Gazastreifen zu verurteilen«.
Dass die israelische Schwesterorganisation in ihrer Reaktion »die tiefe Betroffenheit und den Schmerz über das erschreckende Ausmaß der Zerstörung, des Todes und menschlichen Leids, das die israelische Regierung der Bevölkerung in Gaza zufügt« zum Ausdruck brachte und auf ein Ende des Krieges sowie eine Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts hoffe, half ihr auch nicht mehr weiter.
Auf den skandalösen Ausschluss der israelischen Sektion reagiert Bogner als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS). In einer Stellungnahme vom 27. Juli 2025 erklärte sie, seine Organisation »lehnt diese Entscheidung der ISA ausdrücklich ab und beendet ihre kollektive ISA-Mitgliedschaft bis auf Weiteres«.
Zu den Aufgaben der internationalen Soziologenvereinigung, so war in der Stellungnahme weiter zu lesen, »zählt es nicht, politische Kommentare zu strittigen Themen im Namen der ISA abzugeben (wie mehrfach zum Gaza-Krieg), die nicht einmal mit den nationalen Mitgliedern akkordiert sind«. Und zu den Aufgaben der ISA gehöre es »ebenfalls nicht, nationale Mitglieder zu disziplinieren (oder gar auszuschließen), die die politische Meinung des jeweiligen ISA-Vorstands nicht teilen oder öffentlich vertreten.«
Mit ihrem Austritt und der ihn begleitenden Erklärung bewies die ÖGS unter Präsident Bogner die Courage, die es heute braucht, um die Wissenschaftsfreiheit zu bewahren und klar gegen die Politisierung der Wissenschaft, oft im Dienste israelfeindlicher Agitation, Stellung zu beziehen. Die Auszeichnung für Bogner mit einem Preis für Wissenschaftsfreiheit und dessen Verleihung an der Akademie der Wissenschaften waren das richtige Zeichen, am passenden Ort, zur treffenden Zeit.






