Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait, Oman und Bahrain bestehen bislang darauf, eine Politik der militärischen Passivität beizubehalten.
Shimon Sherman
Seit dem Ausbruch des aktuellen amerikanisch-israelischen Kriegs gegen den Iran hat sich eine auffällige strategische Realität herausgebildet: Während der militärischen Auseinandersetzungen haben die Länder des Golf-Kooperationsrats (GCC) – Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar, Kuwait, Oman und Bahrain – darauf bestanden, eine Politik der militärischen Passivität beizubehalten. Diese Politik, offensive Maßnahmen gegen den Iran zu vermeiden, wurde trotz zahlreicher täglicher Angriffe auf die GCC-Länder bis jetzt aufrechterhalten.
In einer methodischen Vergeltungskampagne, die nur wenige Stunden nach Beginn der Feindseligkeiten startete, hat der Iran seine arabischen Nachbarn ins Visier genommen. Über den gesamten Golf hinweg trafen koordinierte Wellen von Drohnen und ballistischen Raketen systematisch die kritische Energieinfrastruktur, was mehrere staatliche Unternehmen dazu veranlasste, die Produktion und die weltweiten Lieferungen einzustellen.
Über die schwerwiegenden wirtschaftlichen Störungen hinaus hat der Beschuss auch menschliche Opfer gefordert. Iranische Angriffe auf Wohngebäude, Hotels und Flughäfen haben in der gesamten Region bis zum Wochenende mindestens sechzehn Zivilisten getötet und weit über hundert verletzt.
Die Führung der Golfstaaten hat diese Verstöße scharf verurteilt. Nach den Angriffen auf die VAE erklärte etwa GCC-Generalsekretär Jasem Albudaiwi, dass »dieser aggressive Akt eine eklatante Verletzung der Souveränität eines GCC-Mitgliedstaates darstellt«.
Trotz der weitreichenden Verurteilungen haben sich die Golfstaaten angesichts direkter militärischer Provokationen und erheblicher Schäden an kritischer nationaler Infrastruktur einheitlich für eine Strategie der Zurückhaltung entschieden.
Die militärische Lage am Golf
Laut dem Forscher am Jerusalem Institute for Strategy and Security Ariel Admoni habe diese passive Politik die Angriffe der Islamischen Republik auf die GCC-Staaten aber nicht vermindert. »Sie wurden in den Krieg hineingezogen und sie haben keine Wahl, als sich herauszuhalten. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass ihr Zögern, anzugreifen, ihnen hilft, sich herauszuhalten«, so der Wissenschaftler gegenüber Jewish News Syndicate.
Der Vizepräsident des Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs, Aviram Bellaishe, wies zudem auf das krasse Paradoxon der Lage hin, in der sich die GCC-Staaten befänden: »In einer Ironie, die fast unglaublich ist, gerieten einige der Golfstaaten, die Donald Trump Wochen zuvor gebeten hatten, den Iran nicht anzugreifen, selbst unter Beschuss, als der Krieg ausbrach. Sie haben sich diesen Krieg nicht ausgesucht. Und jetzt kämpfen sie darum, ihn einzudämmen, nicht auszuweiten.«
Historische Präzedenzfälle sowie Erkenntnisse aus dem jetzigen Krieg zeigen, dass die Zurückhaltung, die Riad, Abu Dhabi und ihre Nachbarn an den Tag legen, eine bewusste strategische Entscheidung und nicht auf mangelnde militärische Fähigkeiten zurückzuführen ist. So verfügen die Golfstaaten über gut finanzierte Streitkräfte, die mit einigen der modernsten Offensivwaffen der Region ausgerüstet sind.
Saudi-Arabien unterhält den am höchsten finanzierten Militärapparat im Nahen Osten mit einem geschätzten Verteidigungsbudget von 80,3 Milliarden Dollar im Jahr 2024, was mehr als doppelt so viel wie das israelische Budget darstellt und weit über den Ausgaben des Irans liegt. Die Königliche Saudische Luftwaffe betreibt eine riesige Angriffsflotte, die aus rund vierhundert modernen Kampfflugzeugen besteht.
Seit 2015 hat Riad seine Offensivbereitschaft im Rahmen von Operationen im Jemen, wo es in großem Umfang präzisionsgelenkte Munition einsetzte, aktiv ausgebaut. Ferner verfügt die Royal Saudi Strategic Missile Force über ein Abschreckungsarsenal, das eine Vielzahl von ballistischen Mittelstreckenraketen umfasst.
Die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über ähnlich beeindruckende Angriffskapazitäten. Die Streitkräfte der VAE sind mit hochentwickelten Fernkampfwaffen ausgestattet, darunter die Langstrecken-Marschflugkörper vom Typ Black Shaheen, was Abu Dhabi ein erhebliches Tiefschlagpotenzial verleiht.
Auch Katar unterhält eine schlagkräftige, moderne Angriffsstreitmacht mit einer vielfältigen Mischung aus Kampfflugzeugen, die mit Tiefschlagwaffen ausgerüstet und imstande sind, Ziele weit hinter der gegnerischen Frontlinie zu treffen. Die regionale Feuerkraft wird abgerundet durch Bahrain, das seine Luftwaffe umfassend modernisiert hat und nun über eine Flotte von fast vierzig neuen und aufgerüsteten F-16 verfügt, die mit fortschrittlichen Schiffsabwehr- und Fernkampfwaffen ausgerüstet sind.
Über die offensive Luftmacht hinaus verfügen die Golfstaaten über integrierte mehrschichtige Flugabwehrsysteme, die ihre Einsatzprüfung in den ersten Wochen des aktuellen Kriegs erfolgreich bestanden haben. Zu diesen Systemen gehören einige der fortschrittlichsten ihrer Art weltweit, darunter die in den USA hergestellten THAAD-Batterien (Terminal High Altitude Area Defense) und Patriot-PAC-3-Systeme. Das Verteidigungsministerium der VAE berichtete, dass die Abfangquote bei anfliegenden Geschossen neunzig Prozent überstieg, obwohl das Land in unmittelbarer Nähe zu iranischen Abschussrampen liegt, was die für einen erfolgreichen Abfangvorgang erforderliche Reaktionszeit erheblich verkürzt.
Aviram Bellaishe betonte dementsprechend, die militärische Kapazität des Golf-Kooperationsrats deute darauf hin, dass seine Zurückhaltung strategischer Natur sei. »Dies ist keine Frage mangelnder Fähigkeiten. Die Golfstaaten haben einige der fortschrittlichsten Luftabwehrsysteme der Welt eingesetzt, und der jetzige Krieg war ihr echter Test. Sie haben ihn bestanden. Die Zurückhaltung ist also eine Entscheidung, kein Versagen.«
Geopolitische Interessen
Bellaishe merkte an, dass man, um die strategische Neutralität der Golfstaaten zu entschlüsseln, den Fokus von der externen militärischen Dynamik auf innenpolitische Interessen verlagern müsse. »Die richtige Frage lautet: Was schützen sie? Und was sie schützen, ist nicht ihre ›Ehre‹, sondern ihre Zukunft.« Die primäre Motivation, die das Handeln des GCC bestimmt, ist der Schutz der inländischen Investitionen in Höhe von Billionen Dollar, welche die Wirtschaft seiner Mitgliedsstaaten stützen.
Für Saudi-Arabien und die VAE ist das aktuelle Jahrzehnt geprägt von Kampagnen zur Diversifizierung ihrer Volkswirtschaften weg von der Abhängigkeit von Kohlenwasserstoffen hin zu langfristigen Initiativen wie Saudi-Arabiens »Vision 2030«. Darüber hinaus haben die Golfstaaten in den letzten Jahren massiv in den Ausbau des Tourismus und die Gewinnung von ausländischem Kapital investiert. Diese Initiativen wurden durch breit angelegte Marketingkampagnen unterstützt, um das historische Image der Golfstaaten als Region von Krieg, Armut und Menschenrechtsverletzungen in ein allgemeines Bild von Luxus und Erfolg zu verwandeln.
Vor dem Ausbruch der aktuellen Feindseligkeiten blieben diese wirtschaftlichen Initiativen zwar leicht hinter den gesetzten Zielen zurück, aber sie trieben die Entwicklung in die richtige Richtung voran. Im Jahr 2025 erwirtschafteten etwa die nicht auf Erdöl basierenden Aktivitäten Saudi-Arabiens 52 Prozent seines BIP; und das Land verzeichnete einen Rekord von 122 Millionen Touristen.
Die Verwandlung des Persischen Golfs in ein aktives Kriegsgebiet ist grundsätzlich unvereinbar mit der Aufrechterhaltung dieser Sektoren. Darüber hinaus könnte der Ausbruch des Kriegs dem sorgfältig gepflegten Image des Wohlstands in der Golfregion langfristigen Schaden zufügen und ausländische Investoren sowie Touristen abschrecken. Schließlich schaden die Einschränkung der Ölindustrie, die Sperrung der Straße von Hormus und die Zerstörung der Häfen, Flughäfen, LNG-Anlagen und Raffinerien der Golfstaaten auch der auf natürlichen Ressourcen wie Öl und Gas basierenden Ökonomie, welche die Bemühungen um wirtschaftliche Diversifizierung in der Region bisher gestützt hat.
Verschärft wird diese wirtschaftliche Anfälligkeit durch die Aussicht auf einen Zusammenbruch des iranischen Staates. Während die Golfstaaten Teherans Expansionismus als ernsthafte Bedrohung ansehen, merkte Bellaishe an, dass »sie noch mehr fürchten, was an seine Stelle treten könnte«. Ein vollständiger Zusammenbruch der iranischen Regierung würde ein massives Sicherheitsvakuum schaffen, das eine Bevölkerung von neunzig Millionen Menschen betrifft. Fragen darüber, wer die nukleare Infrastruktur oder die Überreste des Korps der Islamischen Revolutionsgarde kontrollieren würde, seien »Planungsalbträume, die jeden Morgen auf dem Schreibtisch jedes Verteidigungsministers der Golfstaaten liegen«.
Der Präzedenzfall der Kriege nach dem 11. September 2001 lastet schwer auf der regionalen Entscheidungsfindung. »Ein Iran mit neunzig Millionen Einwohnern, der ins Chaos stürzt, ist nicht der Irak von 2003. Es ist ein riesiger Öltanker, der in einer Meerenge auseinanderbricht, welche die Golfstaaten mit ihm teilen.« Folglich sei die erklärte Präferenz der Golfstaaten weniger ein gestürztes Regime als vielmehr ein »geschwächter, abgeschreckter und berechenbarer« Nachbar: Ein Regime, das unter ausreichendem Druck steht, um sein Verhalten zu ändern, aber intakt genug ist, um ein unkontrollierbares regionales Machtvakuum zu verhindern.
Ariel Admoni fügte hinzu, dass es wichtig sei, den Golf nicht als Monolith zu betrachten und wies darauf hin, dass es in Bezug auf den aktuellen Konflikt eine Vielfalt an Interessen gebe: »Wir müssen bedenken, dass dieses derzeitige Regime für die VAE oder Saudi-Arabien problematisch war, für Katar und Oman jedoch sehr vorteilhaft.« Katar und Oman hätten den Iran historisch gesehen »als geopolitischen Trumpf genutzt«, um ihr globales Profil als Vermittler auszubauen. »Wenn die Europäische Union oder die USA mit dem Iran sprechen wollten, wandten sie sich an Katar und Oman.«
Shimon Sherman ist Kolumnist und berichtet über globale Sicherheit, Angelegenheiten des Nahen Ostens und geopolitische Entwicklungen. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber. Teil 2 wird morgen hier erscheinen.)






