Latest News

Aus der Vergangenheit lernen: Die Allianz zwischen Schwarzen und Juden

Bürgerrechtsallianz zwischen Schwarzen und Juden: Joshua Heschel und Martin Luther King in Alabama
Bürgerrechtsallianz zwischen Schwarzen und Juden: Joshua Heschel und Martin Luther King in Alabama (© Imago Images / Media Punch)

Der »Black History Month« bietet die ideale Gelegenheit, das Bündnis zwischen Afroamerikanern und der jüdischen Community zu feiern. Die beiden verbindet eine Geschichte des Widerstands gegen Hass und Hetze.

Apartheid, Kolonialismus und weiße Vorherrschaft. Diese Begriffe bilden heute oft das rhetorische Grundgerüst, wenn über den Staat Israel debattiert wird. Die Schlagworte fungieren als gefährliche Werkzeuge, um Ressentiments und Gewalt gegen Juden weltweit zu legitimieren. Dabei wird eine Geschichte völlig ausgeblendet, die im Kern zweier der am stärksten verfolgten Gruppen der Moderne liegt. Es ist die Geschichte einer tiefgehenden schicksalhaften Verbundenheit zwischen Afroamerikanern und Juden.

Der Februar ist eigentlich jener Monat, in dem die Leidenswege und die Leistungen der Schwarzen im historischen Rahmen hervorgehoben werden. Man bemerkt dies gegenwärtig an der Anhäufung von Beiträgen in den sozialen Medien über afrikanisch-stämmige Erfinder, Künstler, Politiker und Sportler sowie an vermehrten Diskussionsrunden über Rassismus und Diskriminierung, vor allem im akademischen und kulturellen Umfeld.

Es war der afroamerikanische Geschichtswissenschaftler Carter G. Woodson, der vor hundert Jahren in den USA den sogenannten Black History Month als ursprünglich einwöchige Feier ins Leben gerufen hatte. Damaliges als auch heutiges Ziel ist, die Angehörigen der eigenen Community sowohl zu informieren als auch zu inspirieren, während man gleichzeitig die breite Öffentlichkeit für die Perspektiven und das Potenzial der Schwarzen sensibilisiert. Doch es gibt einen weiteren Nutzen, der in Anbetracht der heutigen Zeit fast schon wie eine verkannte Tugend wirkt: Der Stolz auf eine Verbundenheit, die über die Grenzen der eigenen Identität hinausgeht. Er erinnert uns daran, dass wahre Solidarität nicht aus modischen Mantras entsteht, sondern aus der Entdeckung tiefer Gemeinsamkeiten.

Von Ägypten nach Alabama

Die Wurzeln dieser Allianz reichen weit über die moderne Politik hinaus. Während die jüdische Identität seit 1250 v. Chr. untrennbar mit der Erzählung der Knechtschaft in Ägypten und dem rettenden Exodus verbunden ist, begann für die Vorfahren der Afroamerikaner ab 650 n. Chr. durch arabische Sklavenhändler und später ab 1441 durch europäische Mächte eine Zeit der brutalen Versklavung.

Der biblische Exodus wurde zur universellen Sprache der Befreiung. Schon vor 160 Jahren vereinte dieser Geist die afroamerikanische Fluchthelferin Harriet »Moses« Tubman mit der jüdischen Feministin Ernestine Rose. Tubman, selbst der Sklaverei entflohen, wurde zur legendären Anführerin der Underground Railroad. Man nannte sie ehrfürchtig »Moses«, weil sie die biblische Erzählung vom Auszug aus Ägypten als konkrete Handlungsanweisung verstand: Sie führte »ihr Volk« aus der Knechtschaft des amerikanischen Südens in das »gelobte Land« des Nordens. Für sie war der Kampf gegen die Sklaverei die Fortsetzung einer göttlichen Befreiungsgeschichte, die Jahrtausende zuvor mit dem jüdischen Volk begonnen hatte.

Flankiert wurde dieser Freiheitsdrang durch Frauen wie Ernestine Rose. Als Tochter eines polnischen Rabbiners nach Amerika eingewandert, brachte sie die jüdische Tradition des Intellektualismus und der Gerechtigkeit in die junge Bürgerrechtsbewegung ein. Rose war eine der profiliertesten Abolitionistinnen ihrer Zeit. Während Tubman die Menschen physisch befreite, kämpfte Rose auf den Podien und in den Gerichtssälen für deren rechtliche Anerkennung.

Dieser Stolz auf die gemeinsame Sache blieb kein bloßes Ideal des 19. Jahrhunderts; er manifestierte sich im frühen 20. Jahrhundert in einer der erfolgreichsten Bildungsinitiativen der amerikanischen Geschichte. Als der deutschstämmige jüdische Philanthrop Julius Rosenwald, Miteigentümer von Sears, Roebuck & Co., auf den afroamerikanischen Denker Booker T. Washington traf, entstand über die geschäftliche Sympathie hinaus eine strategische Partnerschaft gegen die Unwissenheit und die systematische Benachteiligung im segregierten Süden.

Rosenwald war zutiefst davon überzeugt, dass das jüdische Schicksal untrennbar mit dem Fortschritt der schwarzen Gemeinschaft verbunden sei. Aus dieser Überzeugung heraus finanzierte er den Bau von über fünftausend Schulen, Werkstätten und Lehrerhäusern, die als Rosenwald-Schulen bekannt wurden. Zudem unterstützte er massiv die Historically Black Colleges and Universities (HBCUs), da er erkannt hatte, dass die im Süden mühsam erkämpfte Grundbildung eine Fortsetzung auf höchstem Niveau benötigte, um eine eigenständige afroamerikanische Führungsschicht zu etablieren.

Waffenbrüder und Weggefährten

Die historische Symmetrie erreichte ihren Höhepunkt auf den Schlachtfeldern Europas: Schwarze US-Soldaten befreiten jüdische KZ-Insassen in Buchenwald und Gunskirchen. In den Augen der Überlebenden waren die afroamerikanischen Befreier der lebende Beweis dafür, dass der Sieg über den Rassenwahn möglich war.

Diese Allianz der Tat setzte sich politisch unter dem Banner »Ein King und ein Prinz« fort. Gemeint war die tiefe Verbundenheit zwischen Martin Luther King jr. und zwei herausragenden jüdischen Denkern, die beide vor dem NS-Terror aus Europa geflohen waren: Joachim Prinz, ein Berliner Rabbiner, der von der Gestapo vertrieben worden war, wurde in den USA zur prophetischen Stimme gegen die Rassentrennung. Beim Marsch auf Washington 1963 sprach er unmittelbar vor King und mahnte die Welt: »Das dringendste Problem ist nicht die Bigotterie, sondern das Schweigen.« Prinz weigerte sich, in der neuen Heimat jene Passivität zu zeigen, die er in Deutschland schmerzlich miterlebt hatte.

Ihm zur Seite stand Abraham Joshua Heschel, der fast seine gesamte Familie in Polen durch die Shoah verloren hatte. Heschel verlieh der Bürgerrechtsbewegung eine spirituelle Wucht, die bis heute nachhallt. 1965 in Selma marschierte er in der ersten Reihe neben Martin Luther King. Nichts besiegelte dieses Bündnis jedoch endgültiger als das Jahr 1964: Der brutale Mord an dem schwarzen Aktivisten James Earl Chaney und an seinen jüdischen Kollegen Michael Schwerner und Andrew Goodman durch den Ku-Klux-Klan rüttelte die Nation wach. Ihr gemeinsames Grab in Mississippi wurde zum Altar der Bürgerrechtsbewegung und verband beide Communities umso mehr.

Dieses Bündnis sah sich durch die Militanz von Malcolm X herausgefordert und hielt dennoch zusammen, auch trotz der hässlichen Unruhen von Crown Heights nahezu drei Jahrzehnte später, als schwarze Randalierer nach einem Verkehrsunfall orthodoxe Juden im Brooklyner Stadtviertel attackierten. Die tiefe Verwurzelung zeigte sich erneut im Jahr 2020: Überwältigend war die Anteilnahme jüdischer Menschen am Schicksal von George Floyd, dessen Tod bei einem Polizeieinsatz die Black-Lives-Matter-Bewegung hervorrief.

Umso schmerzlicher wirkt die Verherrlichung der Hamas durch Black Lives Matter nach dem Überfall der Terrororganisation auf Israel am 7. Oktober 2023. Was als Moment der universellen Trauer über das größte Massaker an Juden seit der Shoah hätte dienen müssen, wurde stattdessen zu einer hasserfüllten Zäsur. Dieser aktuelle Bruch zwischen Teilen der Aktivistenszene und der jüdischen Gemeinschaft ist kein natürliches Ende der gemeinsamen Geschichte. Er ist ein bösartiges Zerrbild ihrer ursprünglichen Werte, das sich aus einer gefährlichen Geschichtsvergessenheit speist.

Wer Terror als Widerstand verklärt, verhöhnt das Erbe von Martin Luther King jr., der den Zionismus stets als Recht auf Selbstbestimmung verteidigte: »Sollten meine jüdischen Brüder und Schwestern angesichts von Antisemitismus, wo auch immer er auftritt, zu mir sagen: ›Wir benötigen deine Unterstützung nicht, wir besitzen selbst genügend Macht, um dieses Problem zu bewältigen‹, so würde ich dennoch gegen den Antisemitismus Stellung beziehen, denn er ist falsch, er ist ungerecht und er ist böse.«

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!