Wie bei vielen Kunstveranstaltungen in der jüngsten Vergangenheit bestimmt auch in Venedig die Debatte um Israels Teilnahme große Teile der Ausstellung am Lido.
Die Biennale in Venedig galt lange Zeit als Ort für experimentelle Kunst, Ästhetik und kulturellen Austausch. In den letzten Jahren kann man jedoch eine politische Spannung spüren. Der Krieg in Gaza hat die internationale Kunstszene stark verändert und die Debatte um Israels Teilnahme bestimmt große Teile der Ausstellung.
Bereits während der ersten Pressetage kam es zu Protesten gegen den israelischen Pavillon. Mehrere teilnehmende Länder beteiligten sich an symbolischen Schließungen ihrer Ausstellungsräume oder Solidaritätsaktionen mit Gaza. Der britische Guardian berichtete, dass die Pavillons von Belgien, den Niederlanden, Österreich, Japan und Südkorea zeitweise geschlossen blieben, während andere Künstler palästinensische Symbole in ihre Arbeiten integrierten. Auch außerhalb des Ausstellungsgeländes kam es zu Demonstrationen. Tausende Menschen marschierten laut Berichten durch Venedig, um gegen Israels Teilnahme zu protestieren.
Viele der beteiligten Künstler stellen diese gegen Israel gerichteten Aktionen als Ausdruck einer politischen und moralischen Haltung dar. In internationalen Kultur- und Kunstszenen hat sich seit Beginn des Gaza-Krieges eine starke Palästina-Solidaritätsbewegung entwickelt. Zahlreiche Künstler argumentieren, kulturelle Institutionen könnten sich angesichts der Bilder aus Gaza nicht neutral verhalten. Die Initiative »Art Not Genocide Alliance« veröffentlichte bereits im März einen offenen Brief, in dem unter der Behauptung eines Völkermords der Ausschluss Israels von der Biennale gefordert wurde. Unterzeichnet wurde der Brief von fast zweihundert Künstlern und Kuratoren.
Andere Stimmen warnen davor, Künstler aufgrund ihrer Herkunft kollektiv verantwortlich zu machen. Der israelische Künstler Belu-Simion Fainaru erklärte gegenüber Le Monde, Kunst dürfe nicht nach Nationalität beurteilt werden und Künstler seien nicht mit Regierungen gleichzusetzen. Schließlich sind es vor allem Kunstschaffende und Intellektuelle, die in Israel gegen den Gaza-Krieg und die Regierung auf die Straße gehen.
Wachsende Ausgrenzung
In Tel Aviv kenne ich einige israelische Künstler persönlich und in Gesprächen mit ihnen bin ich immer wieder überrascht, mit welcher Realität sie zu kämpfen haben. Ich höre inzwischen immer häufiger, wie sehr sich das internationale Klima verändert hat. Befreundete Filmschaffende erzählen davon, dass sie von Festivals, Förderungen oder Kooperationen ausgeschlossen wurden. Offiziell spricht kaum jemand von Boykotten. Doch viele berichten von einer spürbaren Distanz.
Früher seien Einladungen und Kooperationen selbstverständlich gewesen. Heute habe man oft das Gefühl, sich zuerst politisch rechtfertigen zu müssen, bevor überhaupt über die eigene Arbeit gesprochen wird.
Obwohl sich die Film- und Kunstszene oft als besonders weltoffen versteht, ist die Realität für viele Israelis eine andere Einerseits wird Vielfalt und Inklusion betont, andererseits erleben manche Künstler, dass ihre Herkunft plötzlich zum Problem wird. Einige treten inzwischen bewusst vorsichtiger auf, vermeiden politische Aussagen oder verschweigen im Ausland, wenn möglich, ihre israelische Identität. Es ist erschreckend, wie viele Künstler nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern stattdessen als Vertreter eines Konflikts.
Die Biennale in Venedig zeigt damit nicht nur die Politisierung der internationalen Kunstwelt, sie macht auch sichtbar, wie tief der Gaza-Krieg inzwischen kulturelle und zwischenmenschliche Beziehungen beeinflusst. Während viele Teilnehmer die antiisraelischen Proteste als Ausdruck moralischer Überzeugung darstellen, wächst bei israelischen Künstlern das Gefühl, international zunehmend isoliert zu werden. Genau diese Spannung prägt derzeit nicht nur die Atmosphäre in Venedig, sondern reicht weit über die Biennale hinaus.






