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Zionismus und Antisemitismus in einer rechtsextremen Hochburg Deutschlands

Zionismus als nationale Selbstbestimmung: Kurdische und israelische Fahnen bei Demonstration in Berlin
Zionismus als nationale Selbstbestimmung: Kurdische und israelische Fahnen bei Demonstration in Berlin (© Imago Images / Sabine Gudath)

Ausgerechnet in der sächsischen Kleinstadt Meißen, die als eine Hochburg der AfD gilt, fand ein Seminar zu Antisemitismus, Zionismus und den politischen Beziehungen zwischen Kurden und Juden statt.

Neli Shoifer

Die sächsische Kleinstadt Meißen wirkt wie eine Ansicht aus der Zeit des Mittelalters: Eine Burg, die über der Elbe thront, eine gotische Kirche, enge Gassen und Kopfsteinpflaster, das nahezu unverändert aus dem Mittelalter erhalten geblieben ist. Hinter dieser idyllischen Kulisse verbirgt sich jedoch eine politische Realität, die weit weniger romantisch ist: Meißen gehört zu den Regionen mit den höchsten Wahlergebnissen für die rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland (AfD). Bei den letzten Bundestagswahlen stimmten hier über vierzig Prozent der Wähler für die Partei.

Gerade hier, im Zentrum eines neuen ostdeutschen Nationalismus, fand Mitte Dezember ein Seminar zu Antisemitismus, Zionismus und den politischen Beziehungen zwischen Kurden und Juden statt. Der Veranstaltungsort war ein Augustinerkloster aus dem 13. Jahrhundert, das heute als Tagungsstätte dient. »Ich fühle mich wie ein Mönch«, sagte deshalb auch lachend der Hauptreferent der Konferenz Pêrşew Muhammed, ein kurdischer Philosoph, Schriftsteller und Intellektueller im Exil.

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Kurdisch-jüdische Minderheitenkoalition

Unter den Teilnehmern befanden sich kurdische Aktivisten, Studenten, Kulturschaffende und Akademiker. Viele von ihnen sind Geflüchtete oder Kinder von Geflüchteten aus verschiedenen Teilen Kurdistans. Ein erheblicher Teil stammt aus Afrin in Nordsyrien, einer Region, die über Jahre hinweg vom türkischen Militär bombardiert wurde. Für viele ist die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus daher keine rein akademische Frage, sondern eine Form politischer Selbstverortung.

Bereits in den einleitenden Vorträgen, welche die lange Geschichte des Antisemitismus weit über den Holocaust hinaus nachzeichneten, wurden strukturelle Parallelen sichtbar. »Je mehr ich höre«, bekannte Siwar, ein Softwareentwickler aus Afrin, »desto stärker erkenne ich die Ähnlichkeit zwischen der historischen Wahrnehmung der Juden und der heutigen Wahrnehmung der Kurden: Beide werden nicht als Individuen betrachtet, sondern als negativ konnotierte kollektive Idee.« So würden zum Beispiel Kurden in muslimischen Schulen in Syrien häufig als »Kinder des Teufels« bezeichnet: »Man sagte mir, ich würde allein wegen meiner Herkunft in die Hölle kommen.«

Die Konferenz richtete ihren Blick jedoch nicht nur auf die Vergangenheit, sondern ausdrücklich auf die gegenwärtige politische Lage in Deutschland. Mehmet Tanriverdi, Vizepräsident des Dachverbands der kurdischen Gemeinden in Deutschland, betonte in seiner Rede die Bedeutung eines vertieften Verständnisses von Antisemitismus als Grundlage für den Ausbau der Beziehungen zwischen Kurden und Juden. »Wir müssen aktiv am Kampf gegen Antisemitismus teilnehmen, insbesondere hier in Deutschland«, forderte er das Publikum auf.

Politische Bedrohungen

Vor diesem Hintergrund wurde auch die Notwendigkeit einer stabilen kurdisch-jüdischen Minderheitenkoalition in Deutschland deutlich. Beide Gemeinschaften sehen sich Angriffen aus zwei Richtungen ausgesetzt: Einerseits von einem rechtsextremen Milieu, das sie als Fremde und Bedrohung einer imaginierten nationalen Identität markiert, andererseits vom politischen Islamismus, der Antisemitismus und religiösen Fundamentalismus nach Europa trägt und zugleich jede nichtarabisch-muslimische nationale Selbstbestimmung ablehnt.

Unter diesen Bedingungen ist eine kurdisch-jüdische Partnerschaft nicht nur Ausdruck moralischer Solidarität, sondern ein strategisches Erfordernis im Kampf um Sicherheit, Freiheit und Selbstbestimmung im Europa des 21. Jahrhunderts.

Die politischen Bedrohungen blieben auch während des Seminars selbst nicht abstrakt. Während eines Spaziergangs durch die Stadt äußerte eine ältere Anwohnerin: »Igitt, hier sind lauter stinkende Ausländer.« Peshraw Mohammed, der seit über zehn Jahren in Deutschland lebt, reagierte sichtlich erschüttert. »Es ist das erste Mal, dass mir so etwas offen ins Gesicht gesagt wurde. Es war ein ernüchternder Moment.«

Ostdeutschland, das im Unterschied zum Westen kaum eine längere Geschichte pluralistischer Einwanderung kennt, hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Resonanzraum für rechtsextreme Ideologien entwickelt. Antisemitismus ist auch hier nicht bloß ein historisches Erbe, sondern Teil eines aktuellen, migrationsfeindlichen Diskurses.

Vor diesem Hintergrund erhielt auch der Vortrag über den Zionismus eine besondere Bedeutung, auf dem dieser nicht als Modell nationaler Selbstbefreiung vorgestellt wurde: der Wiederbelebung einer Sprache, der Schaffung politischer Souveränität und des Überlebens gegen anhaltende regionale und internationale Feindseligkeit. Für viele der kurdischen Teilnehmer ist Israel ein politischer Referenzpunkt.

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Von der Linken enttäuscht

Kurden und Juden teilen zentrale ideologische Gegner: Panarabismus, politischen Islamismus und imperiale Konzepte, die jede nicht-arabische, nicht-muslimische nationale Identität als Bedrohung begreifen. Jüdische – ebenso wie potenziell kurdische – Staatlichkeit durchbricht die Vorstellung eines homogenen arabischen oder islamischen Raums im Nahen Osten.

Peshraw Mohammed sprach offen über seine Enttäuschung gegenüber der europäischen Linken: »Ich war früher Marxist und sah die globale Linke als natürliche Verbündete. In Deutschland habe ich jedoch eine enge Verbindung zwischen Teilen der Linken und dem politischen Islam erlebt sowie eine weitgehende Ignoranz gegenüber dem kurdischen Leid.« Viele europäische Linke, so Mohammed, lehnten Imperialismus nur dann ab, wenn er westlich sei. »Arabischer oder türkischer Imperialismus wird hingegen häufig relativiert oder offen unterstützt.«

In weiteren Vorträgen wurde auch die historische Beziehung zwischen Israel und den Kurden thematisiert: Geheimdienstliche Warnungen während der Anfal-Kampagne Saddam Husseins, diplomatische Bemühungen Israels zur Öffnung von Fluchtkorridoren sowie die öffentliche und  einzigartige Unterstützung Israels für das kurdische Unabhängigkeitsreferendum im Jahr 2017. Als einzige jüdische und israelische Teilnehmerin wurde die Autorin dieses Artikels wiederholt mit ehrlichem Interesse nach der israelischen Gesellschaft, den inneren Spannungen, nach Religion und Säkularismus befragt. Der Ton blieb sachlich und respektvoll.

Am Abend auf dem lokalen Weihnachtsmarkt blieben die kühlen Blicke einiger Anwohner nicht unbemerkt. Dennoch überwog das Gefühl von Gemeinschaft. Bei einem nächtlichen Spaziergang entlang der Elbe, vor der beleuchteten Burg, erzählte Siwar von seinem Vater, der in Afrin geblieben ist. »Sie wollen, dass wir alle verschwinden. Also ist mein Vater geblieben, damit wir einen Ort haben, zu dem wir zurückkehren können.«

Dieses Seminar, ausgerechnet im Herzen einer Region, die mit rechtsextremer Politik assoziiert wird, machte eine zentrale Wahrheit sichtbar: Der Kampf gegen Antisemitismus ist kein Kampf um die Vergangenheit. Er ist ein Kampf um politische Allianzen, um Solidarität zwischen bedrohten Minderheiten und um das Recht auf nationale Selbstbestimmung.

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