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Zensur und Krise ersticken Ägyptens Filmindustrie

Die ägyptische Filmindustrie steckt in der Krise
Die ägyptische Filmindustrie steckt in der Krise (© Imago Images / Depositphotos)

Die ägyptische Filmindustrie steht vor erheblichen Herausforderungen. Staatliche Zensur und Wirtschaftskrise prägen die Branche stärker denn je.

Zensur im Film ist in Ägypten nichts Neues. Die gab es auch unter Präsident Hosni Mubarak, der das Land von 1981 bis 2011 regierte. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen den Jahren vor der Revolution und danach. Unter Mubarak war es den Autoren und Regisseuren möglich, ihr Publikum zu unterhalten und gleichzeitig subtile soziale und politische Botschaften in die Handlung zu verweben.

So etwa der Film Terrorismus und Kebap (1992). Die Handlung spielt in der berüchtigten Mogamma, einem riesigen Verwaltungsgebäude im Sowjet-Stil im Zentrum Kairos. Ahmed, ein Familienvater, versucht dort tagelang vergebens eine Genehmigung zu erhalten, damit seine Kinder die Schule wechseln dürfen. Sein Frust steigert sich, bis es zu einem Handgemenge zwischen einem Beamten und Ahmed kommt, der von einem Wachmann mit dem Gewehr bedroht wird. Es folgen Schüsse, Chaos, eine spontane Massenevakuierung des Gebäudes und am Ende wird Ahmed für einen Terroristen gehalten, der eine Handvoll Menschen als (vermeintliche) Geiseln hält.

Der Film kommt zwar als Komödie daher, kritisiert aber das ägyptische Bürokratie-Monster Mogamma und zeigt das Drama einer unzufriedenen, aber desillusionierten Bevölkerung, die ihre (bescheidenen) politischen Forderungen für unerfüllbar hält und in ihren Verhandlungen mit der Staatsmacht nichts anderes zu verlangen weiß als Kebab für alle.

Unter dem Regime von Präsident Abd al-Fattah al-Sisi sind solche Zwischentöne kaum mehr möglich. Die Regierung glaubt, dass der geringe demokratische Spielraum, den Mubarak zuließ, der Hauptauslöser für die Revolution von 2011 war. Dementsprechend verschärfte al-Sisi die Kontrolle über den öffentlichen Bereich, einschließlich der Filmproduktion.

Der Staat erwarb eine Mehrheitsbeteiligung an den meisten privaten Produktionsfirmen und führte diese in der United Media Services Company zusammen. Damit änderte sich die Rolle des Staates erheblich: Er legt nicht mehr nur eine allgemeine politische Richtlinie fest, sondern greift aktiv in die Details der Filmproduktion ein. Die Behörden diktieren Drehbücher, wählen Schauspieler und Regisseure persönlich aus und manipulieren das Verständnis der Zuschauer für TV-Serien durch sorgfältig konstruierte Erzählungen.

Hollywood am Nil

Das erste Kino Ägyptens eröffnete 1897 in Alexandria. 1917 gab bereits es achtzig Kinos im Land. Die meisten der gezeigten Filme waren aber europäische oder US-Produktionen. Die ersten ägyptischen Filme orientierten sich an diesen ausländischen Vorbildern und kopierten deren Aufbau und Geschichten. Sie hatten daher keinen Bezug zum Alltag und den Traditionen der einfachen Ägypter. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg: 1925 gründete der Bankier Talat Harb die Ägyptische Schauspiel- und Filmgesellschaft – der Grundstein für eine eigenständige ägyptische Filmindustrie. Die Zahl der im Land produzierten Filme wuchs rasant.

Mitte des 20. Jahrhunderts waren die goldenen Jahre für Ägyptens Kino. In den 1950ern produzierte Ägypten rund fünfzig Filme pro Jahr. Seine Filmindustrie zählte nach den Vereinigten Staaten und Indien zur drittgrößten der Welt. Sie war nicht nur wirtschaftlich bedeutsam, sondern eine wichtige Soft Power für den Staat.

Der Film vermarktete die ägyptische Kultur und verbreitete den ägyptischen Dialekt. Der Staat verstand, dass qualitativ hochwertige Filme mit gutem Inhalt Prestigeobjekte für das Land sind und förderte daher die Filmindustrie in großem Umfang. Auf diese Weise war Ägypten einer der größten Exporteure von Filmen in die Region – man sprach vom Hollywood am Nil – und wurde zu einer wichtigen Quelle der Populärkultur in der arabischen Welt.

Nach der Revolution von 1952 wurde der ägyptische Film zusehends politisch. Nationalismus und Antikolonialismus waren die großen Themen. Eine Verstaatlichungswelle in den 60ern führte zu Ineffizienzen und einem Rückgang der Produktion. In den 80ern und 90ern war die Filmindustrie immer noch aktiv genug, um Klassiker wie Der Unschuldige (1986) oder die erwähnte schwarze Komödie Terrorismus und Kebap (1992) zu produzieren. Anfang der 2000er Jahre thematisierten Filme wie Freizeit die ägyptische Jugend und sparten auch Themen wie Sex und Drogen nicht aus.

Sargnägel der Filmindustrie

Dass die großen Zeiten des ägyptischen Kinos heute vorbei sind, hat mehrere Gründe. Zunächst mangelt es an Geld, es gibt keine direkten Subventionen vom Staat und kaum private Förderer. Während der Revolutionsjahre zwischen 2011 und 2013 kam vieles ganz zum Stillstand. Die schlechte Wirtschaftslage führte dazu, dass immer weniger Menschen sich die teurer gewordenen Kinotickets leisten können.

Noch einmal schwieriger ist die Lage für unabhängige Kleinproduktionen, die wegen nicht vorhandener Förderungen gezwungen sind, Gelder im Ausland zu beantragen. Doch das führe zu einer Art Umkehrproblem der Zensur, zitiert die NZZ den Filmkritiker Adham Youssef: Filmemacher wüssten, dass ein eingereichtes Skript bei den europäischen Institutionen bessere Chancen hat, je mehr es deren Erwartungen entspricht; LGBT-Themen und soziale Diskriminierung etwa kämen gut an. So entstehe ein einseitig verzerrtes Bild Ägyptens, basierend auf einem Außenblick, meint Youssef.

Eine weitere Herausforderung sind die hohen bürokratischen Hürden, um Drehgenehmigungen zu bekommen, etwa an historisch bedeutsamen Orten. Viele Filmemacher drehen daher ihre Werke außerhalb Ägyptens. Hinzu kommen Zensur und Selbstzensur. Riskieren will kaum jemand mehr etwas, Regisseure und Autoren setzen daher auf Actionfilme oder Komödien nach bekannten Mustern. Fünfzig Prozent des Profits an den Kinokassen rührten 2018 von ausländischen, vor allem amerikanischen Filmen her. Noch vor fünfzehn Jahren betrug das Verhältnis achtzig zu zwanzig für den ägyptischen Film.

Ägyptens Filmindustrie ist nicht tot, aber sie hängt in den Seilen, angeschlagen durch mangelnde Förderung, Zensur und daraus resultierender Selbstzensur. Die systematische Unterdrückung und finanzielle Austrocknung schaden langfristig nicht nur der Filmindustrie, sondern dem gesamten Land. Ägyptens Platz als kulturelles Epizentrum der arabischen Welt ist gefährdet.

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