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ZDF erklärt Israel für friedensunfähig

Welterklärung à la Mainzelmännchen-Sender: Israel ist an allem schuld, die Palästinenser an gar nichts
Welterklärung à la Mainzelmännchen-Sender: Israel ist an allem schuld, die Palästinenser an gar nichts (© Imago Images / Sven Simon)

In deutschen Rundfunkanstalten wird das klassisch antisemitische Klischee der jüdischen Kriegstreiber bemüht und die palästinensische Politik ignoriert, die internationale Hilfsgelder dazu verwendet, Juden zu ermorden.

Warum wird der jüdische Staat in aller Welt gehasst? Weil er »friedensunfähig« sei. Das schreibt der Tel-Aviv-Korrespondent des ZDF, Michael Bewerunge, in einem Leitartikel auf zdf.de und stellt sich damit in die Tradition des klassischen Antisemitismus: Die Juden zetteln angeblich Kriege an und seien selbst schuld daran, dass sie gehasst werden.

Bewerunge beginnt seinen Beitrag mit gespielter Empathie: »Israels Gesellschaft ist tief verwundet, in Trauer um die Opfer des Hamas-Terrors, in Sorge um die noch immer verschleppten Geiseln und im Gedenken an gefallene Soldaten. Hunderttausende würdigten vergangene Woche die Toten.« Die Rede ist vom 13. Mai, dem Tag des Yom HaZikaron, an dem Israel seiner gefallenen Soldaten gedenkt.

Der Autor weiter: »Am Grab von Ilay Levy trauert die Familie um ihren Sohn, der mit 24 Jahren beim Häuserkampf in Chan Yunis, im Süden des Gazastreifens, getötet wurde. Sein Vater Raanan Levy findet nur schwer Worte. ›Aber wir sind stolz darauf, dass er sich für den Staat Israel geopfert hat‹, sagt er. Raanan Levy will, dass Israel den Kampf gegen die Terrororganisation fortsetzt. So ein Ereignis dürfe sich nicht wiederholen. Doch längst nicht alle Israelis denken so. Als Verteidigungsminister Galant einen Kranz niederlegt, halten Angehörige Schilder in die Höhe. ›Ihr Blut klebt an Deinen Händen‹, steht darauf. Auch Premierminister Benjamin Netanjahu wird an diesem Tag hart angegangen. ›Er hat meine Kinder getötet‹, rufen ihm aufgebrachte Angehörige entgegen.«

Der deutsche Journalist unterstellt der israelischen Gesellschaft Uneinigkeit, ob man die Hamas bekämpfen solle oder nicht. Diejenigen, die gegen die Regierung demonstrieren, weil sie sie dafür verantwortlich machen, dass der Süden Israels am 7. Oktober 2023 auf den Angriff Gazas nicht vorbereitet war und diesen damit erst ermöglicht habe, werden in einen von Bewerunge konstruierten Gegensatz gestellt zu jenen, die den »Kampf gegen die Terrororganisation« fortsetzen wollen. So, als würde die eine Position die andere ausschließen.

Angebliche gespaltene israelische Gesellschaft

Die »gespaltene« oder »zerrissene« israelische Gesellschaft ist einer der liebsten Topoi westlicher Kommentare, da man die Israelis von dort aus leicht in »gute« und »böse« teilen kann. Israelis, die die Regierung kritisieren, werden vereinnahmt. »Der Richtungsstreit um die Kriegsführung in Gaza zerreißt das Land«, behauptet Bewerunge. Er suggeriert, das Kabinett sei von blinder Wut getrieben: »Die Regierung schäumt.« Ein Bild, das ihm so gut gefällt, dass er es schon zwei Tage vorher in einem gesprochenen Kommentar in den Nachrichten  von ZDFheute benutzt hatte (im Internet unter der Überschrift »Israels Regierung schäumt«), als es darum ging, dass einige europäische Länder einen »Staat Palästina« anerkennen wollten.

Israel, das weiß man, wird keinen von der Hamas beherrschten Staat an seiner Seite akzeptieren. Bewerunge resümiert, Außenminister Israel Katz habe verkündet, die Anerkennung eines palästinensischen Staats käme einer Belohnung für den Terror der Hamas gleich; zudem werde ein palästinensischer Staat in kürzester Zeit zu einem Terrorstaat unter iranischer Führung heranwachsen. Diese Wiedergabe der Argumente der israelischen Regierung dient dem Autor allein dazu, sie anschließend paternalistisch zurückzuweisen: »Das mag zum Teil so stimmen, doch wird dabei Israels eigene Friedensunfähigkeitausgeblendet.«

Die Juden, soll das heißen, sehen nicht einmal, wie friedensunfähig sie sind. Sie brauchen dringend Friedenserziehung und Aufklärung vom Mainzelmännchen-Sender.

Klischee vom jüdischen Kriegstreiber

Das Klischee von den jüdischen Kriegstreibern ist eines der klassischen Motive des Antisemitismus. Die nationalsozialistische Wochenzeitung Der Stürmer hatte seinerzeit in jeder Ausgabe mehrere Seiten mit antisemitischen Karikaturen, unter denen holprige Reime standen. Ein Dauerthema war der den Juden unterstellte Drang, den Frieden zu unterminieren: »Schluss mit der Pazifisterei/Laut tönet unser Kriegsgeschrei« oder »Weil es im jüdischen Interesse liegt/Daß sich auf’s Neu die Welt bekriegt«.

Nur Israel ist »friedensunfähig«; bei wohl keinem anderen Staat der Welt stellt das ZDF diese Diagnose. Um zu diesem Befund zu kommen, muss Bewerunge die Tatsachen gründlich verbiegen: »Seit gut einem Jahrzehnt vermeidet Premierminister Netanjahu Kontakte zur palästinensischen Seite. In den vergangenen Jahren hat er jegliches Gespräch, zu welchem Zweck auch immer, verweigert.«

Das ist falsch. Im Jahr 2016 etwa lud Benjamin Netanjahu dem Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas öffentlich zu einem Treffen ein: Er werde sofort seinen Terminkalender frei machen, falls Abbas sich zu Gesprächen bereit erkläre, so Netanjahu.

Seither hat Abbas eine Show daraus gemacht, seine Ablehnung von Verhandlungen immer wieder öffentlich unter Beweis zu stellen. Viele Male bezeichnete er die Beziehungen zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und Israel für beendet und alle mit Israel unterzeichneten Verträge für null und nichtig. Die USA erkenne er als Vermittler nicht an, sagt er. Stattdessen stellt er sich auf die Seite Wladimir Putins. »Russland steht zur Gerechtigkeit und zum internationalen Recht«, so Abbas im Oktober 2022.

Jegliches Friedensangebot, das ihm präsentiert wurde, hat Abbas zurückgewiesen – selbst, als ihm Ehud Olmert 2008 mehr als hundert Prozent des Westjordanlands anbot. Abbas bestreitet jegliche Beziehung der Juden zum Land Israel, zu Jerusalem, zum Tempelberg und zur Klagemauer und vergleicht die israelischen Bürger mit den ehemaligen Nationalsozialisten: Israel habe »Fünfzig Holocauste« verübt, weswegen er keine Veranlassung sehe, sich für das Olympiamassaker von 1972 zu entschuldigen. Abbas ruft zum Blutvergießen für al-Aqsa auf, denn »jeder Märtyrer« werde »das Paradies erreichen«. Solange er noch einen Penny habe, werde er das Geld der Palästinensischen Autonomiebehörde dazu verwenden, Terrorrenten an die »Familien der Märtyrer und die Gefangenen« zu zahlen, hat er gelobt.

Nur Israel ist schuld

Die Terrorrenten, also die Auszahlung von Kopfgeldern für die Ermordung von Juden, auch an inhaftierte Mörder des 7. Oktober 2023, sind ein Themenkomplex, über den sich die staatlichen deutschen TV-Sender ARD und ZDF seit Jahren eisern ausschweigen, als sollte die Öffentlichkeit darüber nichts erfahren.

Was, würden ZDF-Reporter wie Michael Bewerunge zugeben, dass der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde den Mördern jüdischer Kinder und Babys lebenslange Renten zahlt, darunter den Cousins Hakim und Amjad Awad, die im Jahr 2011 in Itamar die Familie Fogel in ihrer Wohnung im Schlaf ermordeten? Die Palästinensische Autonomiebehörde unter ihrem Präsidenten Mahmud Abbas preist auch diese beiden Mörder als »Helden«.

Würde Bewerunge darüber berichten, würde auch dem letzten Zuseher und Leser klar werden, wer tatsächlich »friedensunfähig« ist. Darum ist diese Problematik beim ZDF kein Thema, denn das eigentliche Thema ist die angebliche »israelische Verweigerungspolitik« – noch ein Zitat aus dem aktuellen Artikel, mit dem Bewerunge Täter und Opfer vertauscht. Nicht die palästinensische Mordmaschinerie, die internationale Hilfsgelder dazu verwendet, jüdisches Leben auszulöschen, ist das Problem; nein, die Juden sollen selbst schuld sein. Israel habe »Sympathien verspielt«, nehme eine »Blockade-Haltung« ein und habe »jahrelang die Augen vor den Konsequenzen des eigenen Handels verschlossen«. Dies »fällt Israel nun vor die Füße«, schreibt Bewerunge im Stil des Besserwissers.

Im Augenblick der größten Bedrohung des jüdischen Volks seit dem Holocaust weiß ein Autor des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens nichts zu sagen, als dass die Juden es sich selbst zuzuschreiben hätten, in der jetzigen Lage zu sein. Irgendetwas, das Mahmud Abbas, der seit neunzehn Jahren regierende PA-Präsident (davon fünfzehn Jahre ohne demokratisches Mandat) falsch gemacht haben könnte, hat Bewerunge nicht zu berichten.

Es sind immer Israelis, die »Sympathien verspielen«, den Frieden »blockieren«, die »Lösung des Konflikts« in »weite Ferne« rücken lassen und am 7. Oktober 2023 zusehen mussten, wie ihnen das Massaker »vor die Füße« fiel. Die eine Seite – Mahmud Abbas – ist laut Bewerunge offenbar für nichts verantwortlich. Wenn herauskommt, dass die Juden an allem schuld sind, dann nennt man das beim ZDF eine »Analyse«.

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