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Soll in Yad Vashem an den Mufti von Jerusalem erinnert werden?

Der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, bei der Inspektion einer muslimischen SS-Einheit. (© imago images/AGB Photo)
Der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, bei der Inspektion einer muslimischen SS-Einheit. (© imago images/AGB Photo)

Auch heute noch, mehr als siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, ist die historische Bedeutung des Großmuftis von Jerusalem umstritten. Von Lyn Julius.

Lyn Julius

Welchen Einfluss hatte der Großmufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, auf die Vorhaben der Nationalsozialisten? Laut Dani Dayan, dem Vorsitzenden von Yad Vashem, war die Rolle des Muftis begrenzt – genau genommen so gering, dass Dayan sich weigerte, ein großes Foto des Muftis, das ihn im November 1941 gemeinsam mit Adolf Hitler zeigt, wieder in Yad Vashem aufzustellen.

Das raumhohe Foto war früher im Museum zu sehen, bevor dieses in den 1990er Jahren umgestaltet wurde. Dayan leugnete zunächst, dass sich das Foto jemals in Yad Vashem befunden habe. Gegenüber der Zeitung Haaretz sagte er: »Diejenigen, die wollen, dass ich es aufhänge, sind nicht wirklich an der Rolle des Muftis im Holocaust interessiert, die ohnehin begrenzt war, sondern sie wollen dem Image der Palästinenser heute schaden. Der Mufti war ein Antisemit. Aber auch wenn ich ihn verabscheue, werde ich Yad Vashem nicht zu einem Werkzeug machen, das Zwecken dient, die nicht direkt mit der Erforschung des und dem Gedenken an den Holocaust zu tun haben. Hasbara [erklärende Diplomatie] … ist ein völlig irrelevanter Gesichtspunkt, der bei uns keinen Platz hat.«

Es ist sicherlich richtig, dass der Mufti bei der »Endlösung« eine untergeordnete Rolle spielte. Der frühere israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hatte Unrecht, als er 2018 sagte, der Mufti habe Hitler »überzeugt«, die Juden zu vernichten.

Allerdings gab es Situationen, in denen sich der Mufti, der bekanntlich Nazi-Konzentrationslager besichtigt und mit Heinrich Himmler und Joachim von Ribbentrop verkehrt hat, als noch extremer erwies als die Nazis. 1942 wurde ein Plan, 10.000 jüdische Kinder aus Polen nach Theresienstadt zu bringen und sie gegen deutsche Zivilgefangene auszutauschen, nach heftigen Protesten des Muftis fallen gelassen. Die Kinder wurden stattdessen in den Tod geschickt.

Die muslimischen SS-Einheiten des Muftis im ehemaligen Jugoslawien haben Zehntausende ermordet. Den Erinnerungen des Muftis zufolge hatte Hitler ihm bei ihrem berühmten Treffen im November 1941 ausdrücklich zugesagt, dass er das Judenproblem [im arabischen Raum] lösen dürfe. »Die Juden gehören Ihnen«, soll Hitler gesagt haben. Zu seinem Leidwesen blieb dem Mufti die Genugtuung verwehrt, die Juden in seinem Einflussbereich auszurotten. (…)

Das Problem mit Dayans Sichtweise ist nicht, dass in Yad Vashem die Wirkung des Muftis auf die Nazis nicht thematisiert würde, sondern dass seine Wirkung auf die Araber ausgeblendet wird. Und auf sie hatte er einen massiven Einfluss, den er vielen Beobachtern zufolge bis heute nicht verloren hat. Wo immer er in der arabischen Welt auftauchte, schürte der Mufti Unruhe gegen die dortigen Juden. Er war die treibende Kraft hinter dem pro-nazistischen Putsch im Irak, der im Juni 1941 zu dem Farhud genannten Massaker an Hunderten von Juden führte – ein Beweis dafür, dass der Antizionismus in offenen Antisemitismus umgeschlagen war.

Der Mufti, der danach nach Berlin floh, wo er Hitlers großzügig finanzierter Kriegsgast war, verbreitete mit einer Gruppe arabischer Exilanten mithilfe des Kurzwellensenders in Zeesen giftige Propaganda, wobei er antijüdische Verse aus dem Koran mit modernen antijüdischen Verschwörungstheorien vermischte. Nur bestimmten realpolitischen Gründen hatte er es zu verdanken, nicht als Angeklagter vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zu landen. Dies trug allerdings dazu bei, dass der von den Nazis inspirierte Antisemitismus in der arabischen und muslimischen Welt – anders als in Europa – nie diskreditiert wurde.

Ein Nebenprodukt des Krieges war die massenhafte ethnische Säuberung von fast einer Million Juden in den arabischen Ländern: Die Staaten der Arabischen Liga erließen antisemitische Dekrete, die auf unheimliche Weise an die Nürnberger Gesetze erinnerten und die Juden ihrer Rechte  und ihres Eigentums beraubten. Die Wirkung der nationalsozialistischen Hetze auf die ungebildete und leicht beeinflussbare arabische Bevölkerung ist nicht zu unterschätzen. Im Jahr 1945 brachen in Ägypten Pogrome aus, in Libyen wurden bei Unruhen 130 Juden ermordet.

Die Behauptung, die Nazis und ihre arabischen Sympathisanten hätten nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun, ist Ausdruck historischer Unbedarftheit. Der Mufti war, so der Wissenschafter Matthias Küntzel, das Verbindungsglied zwischen dem großen Krieg der Nazis gegen die Juden und dem kleinen Krieg der Araber gegen Israel.

Der Nationalsozialismus inspirierte paramilitärische Gruppen wie die Jungägypter und arabisch-nationalistische Parteien wie die Baath- und die Syrische Soziale Nationalistische Partei (SSNP), die beide heute noch existieren. Nassers Regime engagierte neben anderen Nazi-Kriegsverbrechern auch flüchtige Mitarbeiter des Goebbels’schen Propagandaapparats, darunter Leopold von Mildenstein und Johann van Leers, um in Ägypten bösartigen Antisemitismus zu verbreiten. In einem CIA-Bericht von 1956 hieß es, durch deren Bemühungen seien die Araber »hypnotisiert« worden.

Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Stalinismus schürten den antisemitischen Antizionismus. Arabische Intellektuelle wie Fayaz Sayegh, der einst Mitglied der von den Nazis inspirierten SSNP war, exportierten ihre antisemitischen Ideologien in den Westen. Sayegh verknüpfte den palästinensischen Kampf mit der internationalen Linken, indem er die Idee verbreitete, der Zionismus sei ein »Siedlerkolonialismus«. Er war der Architekt der berüchtigten »Zionismus-ist-Rassismus«-Resolution der Vereinten Nationen von 1975.

Der Mufti war, anders als manchmal dargestellt, bei Weitem nicht der einzige Nazi-Befürworter in der arabischen Welt, vielmehr waren die Nazis bei den Arabern sehr beliebt. Sie nannten Hitler »Muallem« oder »Hadschi Hitler«. Ein wichtiges Rädchen in der arabischsprachigen Propagandamaschine war Yunis Bahri, dessen »Stimme der Araber« so populär wurde, dass die britische Rundfunkanstalt BBC nach dem Krieg verzweifelt versuchte, mit seinen Radiosendungen zu konkurrieren.

Die vom Mufti geförderte Form des islamisierten Antisemitismus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg immer einflussreicher. Er war das zentrale Element der Philosophie der Muslimbruderschaft und ihrer Ableger wie etwa der Hamas. Hätten sich während des Siegeszuges des Islamischen Staates 2014 noch Juden in Syrien und im Nordirak aufgehalten, wären sie sicherlich ermordet worden.

Die Abraham-Abkommen haben entscheidend dazu beigetragen, die Feindseligkeit gegenüber Juden und Israelis abzubauen, aber in der arabischen Welt gibt es immer noch einen tiefsitzenden Antisemitismus. Um die Gegenwart zu begreifen, muss man die Vergangenheit verstehen. Aber Geschichte, daran sei Dani Dayan erinnert, ist nicht Hasbara – und mit verkürzten und eurozentrischen Darstellungen wird man ihr nicht gerecht.

(Lyn Julius ist die Autorin des Buches Uprooted: How 3000 Years of Jewish Civilization in the Arab World Vanished Overnight. Der Text ist auf Englisch vom Jewish News Syndicate veröffentlicht worden. Übersetzung von Florian Markl.)

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